Zukunftsgespräche #6 — Eva Ladipo: Ein Schrei nach
Liebe
Eva Ladipo ist Journalistin und Autorin. Sie hat für die
Frankfurter Allgemeine, die Financial Times und die Welt
geschrieben, Anfang der 2000er Vanity Fair in Deutschland
aufgebaut und zwei Romane veröffentlicht. In diesem Jahr ist bei
Reclam ihr Essay „Not am Mann. Die Erfindung toxischer
Männlichkeit" erschienen.
Ihre These erklärt den Rechtsruck nicht mit Ideologie, sondern
mit einem Gefühl: mit Wut. Sie hält es dabei mit Karl Marx — das
Sein bestimmt das Bewusstsein. Wer wissen will, woher die Wut
kommt, muss die materiellen Umstände ansehen.
„Wir bekommen die Wut nicht in den Griff, wenn wir sie für eine
reine toxische Emotion halten und den Wütenden vorwerfen, sie
seien toxisch", sagt Ladipo. Genau das schüre sie weiter.
Was hat sich seit den siebziger Jahren verändert? Damals konnte
ein Mann Anfang zwanzig mit einem handwerklichen Beruf eine
Familie gründen und für sie Wohnraum finanzieren. Diese Tür ist
zu. Die Einkommen sind gesunken, die Arbeitsplätze ausgelagert,
die Gewerkschaften nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Gleichzeitig — und Ladipo begrüßt das ausdrücklich — sind Frauen
nicht mehr auf Männer angewiesen. Beides zusammen ergibt eine
Gruppe, die sie Double Losers nennt: Männer, die Einkommen,
Ansehen und Partnerschaft verloren haben. Ungewollt einsam,
ungewollt kinderlos. Soziale Unfruchtbarkeit.
Dazu kommen die Stubenhocker. Die Zahl der jungen Leute, die in
den Zwanzigern noch bei den Eltern wohnen, wächst stetig —
gewollt ist das von niemandem.
Ungewöhnlich ist, dass Ladipo von links argumentiert — und die
Linke hart angeht. Ob der Abstieg der Arbeiterschaft der
Sündenfall der Sozialdemokratie war, beantwortet sie mit einem
"emphatischen Ja". New Labour, Clinton, Schröder: eine
Generation, die auf das neoliberale Modell aufsprang und ihre
Klientel aus dem Blick verlor. Ein zweiter Sündenfall folgte nach
der Finanzkrise, als die Linke auf Identitätspolitik auswich —
weil sie auf die Forderungen ihrer Kernklientel keine Antworten
mehr hatte.
Auch die Frauen der Rechten kommen vor. Meloni, Le Pen, Weidel
nennt Ladipo "das Backpulver": Man braucht wenig davon, aber ohne
geht der Kuchen nicht auf. Ohne sie wären extreme Positionen nie
salonfähig geworden. Zugleich ziehen sich Frauen aus der Politik
zurück, weil sie härter angegangen werden — nach Jahrzehnten des
Anstiegs sinkt ihre Beteiligung in den Parlamenten der westlichen
Welt wieder.
Aus einem Artikel im Feuilleton der FAZ ist das Buch überhaupt
erst entstanden: „Sag mir, wo die Kerle sind." Wo sind die
Beatles, Johnny Cash, Sean Connery, Götz George? Selbst Rocky
gilt heute als problematisch, und Ken muss im Barbie-Film für
seine Männlichkeit büßen. Wenn die Kultur keine Helden mehr
anbietet, wandern die Jungs ab — in die Manosphäre, wo
Anleitungen warten, die tausendmal toxischer sind als alles, was
man Rocky je vorwerfen konnte.
Bemerkenswert ist die Geschichte des Begriffs selbst. Toxische
Männlichkeit stammt aus der mythopoetischen Bewegung der
achtziger Jahre, aus Selbsthilfegruppen traumatisierter Veteranen
— gedacht als medizinischer Begriff, denn mit einer Diagnose
kommt die Hoffnung auf Heilung. Dann verschwand er, bis MeToo ihn
2016 zurückholte.
Dazu: was künstliche Intelligenz mit dieser Diagnose macht, wenn
erstmals auch die Kopfarbeit wegfällt. Warum Umverteilung für
Ladipo zu den dringendsten Fragen gehört. Und warum sie am Ende
ihres Essays „mehr Testosteron wagen" fordert — was sie damit
meint, und was nicht.
Einig geworden sind wir uns nicht in allem. Bei der Frage, ob die
Zukunft weiblich ist, gehen unsere Auffassungen auseinander.
Ihr Fazit ist bescheiden und groß zugleich: „Wir übersehen da
was. Guckt da mal genauer hin."
Ihr Essay „Not am Mann" ist bei Reclam erschienen.
—
Mehr davon lesen: bn – The Human Future Magazine, Ausgabe #2.
Bestellungen und Abos über bn@beyondnew.org
Unser Crowdfunding läuft auf Startnext —
https://www.startnext.com/beyond-climate-change-lab
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