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  4. "Das stille Sterben" – Eckard Christiani im Gespräch mit Matthias Glaubrecht
Zukunftsgespräche #5 — Matthias Glaubrecht: Das stille
Sterben

Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe, Professor für
Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg und
wissenschaftlicher Leiter des Evolutioneums, des künftigen
Naturkundemuseums in Hamburg. Aufgenommen haben wir das Gespräch
dort, wo das Museum entstehen soll.

Sein letztes Buch beginnt am Fuß des Vesuvs. Millionen Menschen
leben dort am Rand eines Supervulkans — und wenn zur
Evakuierungsübung gerufen wird, fahren sie lieber ans Meer. Genau
das, sagt Glaubrecht, tun wir alle gerade.

Über den Klimawandel spricht inzwischen die halbe Welt. Über das
Artensterben kaum jemand, obwohl es unsere Lebensgrundlagen
unmittelbarer bedroht: Böden, Wasser, die Flächen, von denen wir
uns ernähren. Der Grund ist das Vorsorge-Paradoxon. Solange man
morgens gesund aufwacht, denkt man schließlich auch nicht über
Gesundheit nach.

Dazu kommt: Wir schauen auf die falschen Tiere. Sein Bild ist
eine Hängebrücke — jede Art ein Drahtseil, aus Drahtseilen werden
Taue, aus Tauen Trossen, an den Trossen hängt die Brücke. Keinen
Ingenieur würde man fragen, wie viele Seile er entbehren kann.
Entscheidend sind nicht die charismatischen Großtiere, sondern
die Organismen im Boden und in den Gewässern. Zwei Drittel bis
drei Viertel der Biomasse haben wir verloren. "Wenn Ihnen jemand
vorrechnet, dass siebzig Prozent Ihres Kapitals verschwunden
sind, jagen Sie den Bankberater in die Wüste. Wir tun nichts",
sagt Glaubrecht.

Ungewöhnlich ist, wo Glaubrecht widerspricht. Von Kipppunkten
hält er wenig. Sie erzeugen die falsche Vorstellung, lange
passiere nichts und dann komme die Katastrophe. In der Biologie
kippt nichts. Ein gefällter Wald wächst wieder. Das Problem ist
der schleichende Schwund. Ein Arzt beschäftigt sich schließlich
auch nicht mit dem Tod, sondern mit der Krankheit.

Dann geht es um Flächen: um das 30-mal-30-Ziel von
Kunming-Montreal, um E. O. Wilsons Half Earth, um die Erkenntnis,
dass zehn Prozent geschützte Restfläche nichts wert sind, wenn
sie zerstückelt sind. Und um Orte, an denen es gelingt —
Galapagos, wo jeder Besucher zum Finanzier des Schutzes wird. Die
Döberitzer Heide, wo eine Stiftung Wisente zurückgeholt hat.

Am konkretesten wird es bei den Giften. Gebeiztes Saatgut ist
eine "geniale Idee" — aber es bleiben nur fünf Prozent des
Wirkstoffs in der Pflanze. Fünfundneunzig Prozent werden
ausgewaschen, in Böden und Gewässer, genau dorthin, wo die Larven
jener Insekten heranwachsen, die wir als Bestäuber brauchen. "Wir
sind eine Tierart, die die Nahrung, die sie isst, vorher
vergiftet", urteilt Glaubrecht. Dass es anders geht, zeigen
Studien: Blühstreifen locken räuberische Insekten an, die
Blattläuse so wirksam bekämpfen wie jedes Nervengift. Es kostet
Fläche. Also müssen Landwirte kompensiert werden, und wir müssen
lernen, dass unsere Nahrung wieder etwas wert ist.

Dazu: warum wir Bionauten brauchen statt Astronauten. Warum
Milliarden in Teleskope fließen, aber nicht einmal eine
Doktorandenstelle in die Biodiversitätsforschung.

Das Ermutigende kommt zum Schluss. Anders als beim CO₂ ist
Biodiversität lokal. Wir müssen nicht warten, bis in China der
Panda geschützt wird. Es geht um die Wildkatze, den Wolf, den
eigenen Garten, die eigene Gemeinde.

Am Ende blickt Glaubrecht aus dem Jahr 2062 zurück — zwei
Szenarien, die er formulierte, als er Vater wurde. Der Untergang:
Wir machen weiter wie bisher. Die Rettung: Wir lernen anders zu
wirtschaften, so wie wir schon einmal gelernt haben, dass
Sklaverei kein Geschäftsmodell ist. Er hält die Rettung für
möglich.

Sein Buch „Das stille Sterben der Natur" ist bei C. Bertelsmann
erschienen.



Mehr davon lesen: bn – The Human Future Magazine, Ausgabe #2
erscheint im August. Bestellungen und Abos über bn@beyondnew.org

Unser Crowdfunding läuft auf Startnext —
https://www.startnext.com/beyond-climate-change-lab
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Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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