Sie war 16, als sie in eine DDR-Wochenkrippe kam – nicht als Kind, sondern als Auszubildende. Ruth, Jahrgang 1953, erzählt in dieser Folge, was sie dort erlebt hat: Säuglinge, die zu zehnt in einem Zimmer lagen, Bett an Bett, mit einem Laufgitter in der Mitte. Ruth beschreibt die sterile Übergabesituation an einer großen Glastür: Eltern klingelten, das Personal nahm die Kinder entgegen und schloss die Tür wieder – die Eltern mussten draußen warten, bis ihnen am Ende die Kleidung der Kinder übergeben wurde. Die Räume selbst durften sie nie betreten.
Ruth beschreibt den durchgetakteten Alltag zwischen festen Wickelzeiten, Einheitskleidung und minutiös geführten Entwicklungsbögen, in denen jede Fähigkeit der Kinder farblich bewertet wurde. Ein striktes Verbot, sich zu sehr an ein einzelnes Kind zu binden, prägte den Umgang – zu viel Nähe war nicht erwünscht. Als sie sich einmal über die Essensqualität beschwerte, wurde sie zur Strafe in die Windelküche geschickt.
Sie erzählt, wie sie sich selbst in dieser Zeit nicht wiedererkannt hat – eigentlich immer angepasst und brav – und wie sie schließlich gegen den erklärten Willen ihrer Mutter und gegen den Druck des Systems, das ihr „asoziales Verhalten" vorwarf, ihre Ausbildung nach nur neun Monaten abbrach. Vor der versammelten Klasse musste sie sich öffentlich rechtfertigen.
Bis heute erinnert sich Ruth an Namen und Gesichter einzelner Kinder und fragt sich, was aus ihnen geworden ist. Eine ehemalige Erzieherin blickt zurück auf ein System, das Distanz zur Methode erhob. Erstmals in „Ungehalten": die Perspektive von der anderen Seite der Glastür.
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