Beim ersten Hahnenschrei Archiv
419 Episoden
5 Minuten
Wenn der Weizen in die Furche gefallen ist, so regt er sich und strebt im Stillen aufwärts, ohne einer Belehrung oder Anleitung zu bedürfen. Zunächst pflanzt er sich ein im Staube auf der unter ihm liegenden Scholle, befestigt sich vermittelst seiner Wurzelfasern, verschafft sich an seinem Fundamente einen sicheren Halt und baut sich alsdann auf. Er wendet Steine um ohne Hebel, bewegt sich und wandelt ohne Füße. Seine Säume treibt er gleich Fingern in die Risse und prägt sein Gefaser gleich Nägeln tief in den Erdboden ein. Das Haar seines Hauptes befestigt er in die Erde, um sich daran zu halten. Erst bereitet er sich eine feste Stütze auf seiner Grundlage, dann erst traut er seinem Wachstum nach oben Sicherheit zu, damit er nicht etwa, nachdem er gewaltig in die Höhe aufgeschossen ist, vom Sturme gebrochen werde. In der Tiefe bindet er seine Wurzeln fest, um oben mit den Winden kämpfen zu können. Er bereitet sich unten ein Weberschiffchen und beginnt alsdann, sein Gewebe aufwärts zu führen. Sein unterstes Gewebe befestigt er am Webstuhle der Erde, damit es nicht zerstört werde, durchbricht alsdann den Staub und blickt hervor, um die klare Luft zu erreichen.
7 Minuten
Folgerichtig behauptet man, dass Derjenige nicht zum Höherem vorschreiten könne, welcher das mehr in der Ebene Liegende nicht überwunden hat: und viel weniger wird Einer Das, was außer ihm ist, ergreifen, wenn er nicht verstehen konnte, was ihm eingeboren ist. Man muss aber wissen, dass wir in doppelter Richtung der Arbeit uns abmühen müssen, sowohl bei der Austreibung der Laster als bei der Erwerbung der Tugenden. Das nehmen wir nicht aus eigener Erschließung ab, sondern werden darüber belehrt durch den Ausspruch Desjenigen, der allein die Kräfte und die Art seines Wirkens erkennt und sagt: „Siehe, ich setze dich heute über Völler und Reiche, dass du ausreißest und zerstörest, vernichtest und zerstreuest, aufbauest und pflanzest.“ Er bezeichnet also in der Ausrottung schädlicher Dinge ein Vierfaches als nötig, nämlich ausreißen und zerstören, vernichten und zerstreuen; in der Vollendung der Tugenden aber und in der Erwerbung dessen, was zur Gerechtigkeit gehört, nur das Aufbauen und Pflanzen. Daraus erhellt klar, dass viel schwerer die veralteten Leidenschaften des Leibes und der Seele vernichtet und entwurzelt werden, als die geistlichen Tugenden sich aufbauen und anpflanzen lassen.
4 Minuten
Unser Herr, das Wort Gottes, hat zuerst die Knechte zu Gott hingezogen. Danach hat er alle befreit, die sich ihm unterwarfen, wie er selbst zu seinen Jüngern sagt: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe." Die Freundschaft Gottes ist es, die uns Unsterblichkeit schenkt, wenn wir uns um sie bemühen. Am Anfang hat Gott den Adam erschaffen, nicht etwa, weil er den Menschen brauchte. Er tat es, um jemand zu haben, den er mit seinen Wohltaten überhäufen konnte.
4 Minuten
Das höchste Gut ist Gebet und Gespräch mit Gott: denn das ist Gemeinschaft und Vereinigung mit ihm. Wie die Augen des Leibes erleuchtet werden, wenn sie Licht sehen, so wird der Geist erleuchtet, wenn er sich auf Gott richtet, angestrahlt von seinem unsagbar hellen Licht. Ich meine aber ein Beten, das nicht nur gewohnheitsmäßig ist und eingeschränkt wird auf bestimmte Zeiten und Stunden, sondern ein Beten, das Tag und Nacht immer währt. Es genügt nicht, dass wir die Gedanken schnell auf Gott richten, wenn wir uns dem Gebet zuwenden. Auch wenn jemand mit gewissen Pflichten befasst ist oder mit der Sorge für die Armen und anderen Sorgen oder mit nützlichen Werken der Wohltätigkeit, immer soll er damit das Denken an Gott und das Verlangen nach ihm verbinden, damit sein Tun durch die Gottesliebe gleichsam wie mit Salz gewürzt und so für den Herrn aller Dinge eine angenehme Speise wird. Durch das Gebet hoch in den Himmel erhoben, umarmt die Seele den Herrn mit unsagbar inniger Hingabe. Wie das Kind unter Tränen nach der Mutter ruft, verlangt die Seele nach der geistigen Milch. Sie trägt ihre eigenen Bitten vor und erhält Gaben, die größer sind als alle sichtbare Schöpfung.
5 Minuten
Der Schatzmeister der Königin der Äthiopier, jener Barbar, der vor der Welt in hohem Ruhme stand, vernachlässigte die Schriftlesung nicht einmal während seiner Reise auf dem Wagen, sondern er hatte die Schrift des Propheten Jesaja in den Händen und verwandte großen Fleiß auf seine Lesung, obgleich er nicht verstand, was darin enthalten war. […] Betrachte mit mir, was das Großes war, selsbt unterwegs und sogar auf dem Wagen sitzend, die Schriftlesung nicht zu vernachlässigen. Das sollen jene hören, die sich nicht einmal zu Hause dazu herbeilassen, sondern sich einbilden, die Schriftlesung sei etwas Überflüssiges. Weil sei mit einer Frau zusammenleben, für Kinder sorgen, Dienern vorstehen und sich um anderes kümmern müssen, glauben sie, es gezieme sich nihct für sie, sich mit der Lesung der göttlichen Schriften zu befassen. [… Der Kämmerer] hat sich auf die Lesung verlegt und nicht gesagt, was jetzt viele sagen: „Ich verstehe nicht, was in der Schrift steht. Ich kann die Tiefe des Geschriebenen nicht begreifen. Warum soll ich umsonst und vergeblich die Mühe auf mich nehmen, wenn ich beim Lesen niemand habe, der mich leiten kann?“ Nichts von all dem dachte der Mann. […] Dieser Barbar ist imstande, uns allen ein Lehrmeister zu werden: denen, die ein Privatleben führen, und denen, die sich in höherer Stellung befinden, mit einem Worte allen Männern und Frauen; um so mehr, je mehr sie in der Häuslichkeit leben. Sie alle sollen lernen, dass keine Zeit ein Hindernis für die Lesung der göttlichen Worte ist; dass es möglich ist, darauf Sorgfalt zu verwenden, nicht nur zu Hause, sondern auch, wenn man über den Markt schreitet, auf Reisen ist, sich in Gesellschaft vieler befindet oder in Geschäfte verstrickt ist.
4 Minuten
Den Reichen gereichte das Verbleiben (in der Stadt) ebenfalls zum Verderben. Mancher von ihnen wurde, weil er Besitz hatte, unter dem Vorwande, er wäre ein Verräter, ermordet. Mit der Hungersnot wuchs auch die Wut der Aufständischen. Beide Übel entbrannten von Tag zu Tag mehr und mehr. Nirgends mehr war Getreide zu finden. Da drangen sie in die Häuser ein, um sie zu durchsuchen. Fanden sie bei jemandem etwas, dann misshandelten sie ihn, weil er geheuchelt hätte; fanden sie aber bei jemandem nichts, dann schlugen sie ihn in der Meinung, er habe seine Sache zu gut versteckt. Aus dem körperlichen Aussehen der Bedauernswerten schloss man darauf, ob jemand etwas hatte oder nicht. Von denen, die noch gut aussahen, glaubte man, sie hätten noch Überfluss an Speise und Trank. Die aber, welche bereits dahinsiechten, ließ man ihre Wege gehen; denn man hielt es für unvernünftig, die zu töten welche vor Hunger schon dem Tode nahe waren.
4 Minuten
Unsere Versammlung ist heute recht ansehnlich und außergewöhnlich zahlreich. Was ist der Grund? Den Fasten gebührt dieses Verdienst, obgleich die Fastenzeit — ich weiß es wohl — noch nicht da ist, sondern erst zu erwarten steht. Die Fasten haben uns hierhergeführt, haben uns hier im Vaterhause versammelt; sie haben auch diejenigen Christen, die vorher etwas gleichgiltig waren, heute an die Hand der Mutter, [d. i. der Kirche] zurückgeführt. Wenn nun schon die Nähe der Fasten uns mit einem solchen heiligen Eifer erfüllt hat, wie sehr wird euch erst ihre Ankunft, ihr wirklicher Eintritt in der Frömmigkeit fördern! So pflegt auch eine Stadt, wenn ein gefürchteter König einziehen will, alle Ungebundenheit abzulegen und einen größeren Eifer, eine regere Tätigkeit an den Tag zu legen.
3 Minuten
Wir wünschten, es möchte diese Mauer unseres Hauses, des geistigen Hauses in uns, unversehrt bleiben. Denn nicht von Menschenhand lässt sie sich erbauen, sondern nur vom lebendigen Gotte, der da spricht: „Und eine Mauer habe ich ringsum aufgeführt‟. Der Untergang der Mauer bedeutet darum den Untergang des Heiles. Fortbestehen soll demnach die Mauer, fortbestehen dieser Zaun! Willst du dich von der Nützlichkeit des Zaunes überzeugen? „Umzäune deine Ohren mit Dornen und Hecken, und höre nicht auf eine boshafte Zunge!‟ Dieser Zaun schützt dich nämlich vor Schuld.
5 Minuten
Da wir im Leben wie in tiefer Finsternis umherirren, haben wir einen nicht strauchelnden und zuverlässigen Führer nötig. Der beste Führer ist aber nicht der Blinde, der, wie die Schrift sagt, Blinde in den Abgrund führt, sondern der scharf sehende und die Herzen durchschauende Logos. Wie es nun kein Licht gibt, das nicht leuchtet, und nichts Bewegendes, das nicht bewegt, und nichts Liebendes, das nicht liebt, so gibt es auch nichts Gutes, das nicht heilsam ist und den Weg zur Rettung weist.
6 Minuten
Nach dem Hinscheiden des heil. Zosimus, des Papstes der katholischen Kirche der Stadt Rom, traten nach hergebrachter Sitte und dem Gesetze der kirchlichen Disziplin selbst gemäß wir Priester in größerer Anzahl zusammen, um über die Aufstellung eines Nachfolgers gemeinschaftlich zu verhandeln. Da jedoch die lateranensische Kirche, deren Eingänge fast gänzlich verrammelt waren, der Archidiakon Eulalius, nachdem er das Leichenbegängnis des höchsten Priesters freventlich hintangesetzt hatte, mit Diakonen, sehr wenigen Priestern und einer aufgeregten Volksmasse besetzt hielt, so gingen wir am nächsten Tage in dieselbe Kirche, wo früher Alle versammelt waren, nachdem wir Alle berufen hatten, und wählten hier im Einvernehmen mit dem christlichen Volke den, welchen Gott wollte. Denn wir haben den ehrwürdigen Bonifacius, der ein alter Priester, im Gesetz sehr kundig, in guten Sitten erprobt ist und, was ihn besonders zierte, die Wahl ungern annahm, unter dem Beifall des ganzen Volkes und mit Zustimmung der Bessergesinnten der Stadt zum Empfange der göttlichen Weihe berufen. Denn es ist erwiesen, dass die Weihe unter Zustimmung von ungefähr siebzig Priestern, in Gegenwart der Bischöfe von neun verschiedenen Provinzen zu gehöriger Zeit vorgenommen wurde. Vorher auch wurden alle vorgeschriebenen Förmlichkeiten eingehalten.
4 Minuten
Habe acht auf den Bau des Körpers und bewundere ihn als würdige Wohnung, die der beste Werkmeister für die vernünftige Seele geschaffen hat. Aufrecht hat er von den lebenden Wesen nur den Menschen gestaltet, damit du schon aus der Gestalt erkennest, dass dein Leben eine überirdische Herkunft hat. Denn alle Vierfüßler blicken zur Erde und neigen sich zum Bauche hin; nur dem Menschen ist der Aufblick zum Himmel vorbehalten, damit er nicht dem Bauche diene und den Gelüsten des Bauches, sondern sein ganzes Streben auf den Weg nach oben richte. Zuoberst hat er das Haupt aufgesetzt und in ihm den wichtigsten Sinnen ihren Platz angewiesen. Hier sind alle nahe beieinander: Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch. Und so eng die Sinne auch beieinander sitzen: keiner hemmt die Betätigung des Nachbarn.
4 Minuten
Was sind überhaupt Reiche, wenn die Gerechtigkeit fehlt, anderes als große Räuberbanden? Sind doch auch Räuberbanden nichts anderes als kleine Reiche. Sie sind eine Schar von Menschen, werden geleitet durch das Regiment eines Anführers, zusammengehalten durch Gesellschaftsvertrag und teilen ihre Beute nach Maßgabe ihrer Übereinkunft. Wenn eine solche schlimme Gesellschaft durch den Beitritt verworfener Menschen so ins große wächst, dass sie Gebiete besetzt, Niederlassungen gründet, Staaten erobert und Völker unterwirft, so kann sie mit Fug und Recht den Namen „Reich“ annehmen, den ihr nunmehr die Öffentlichkeit beilegt, nicht als wäre die Habgier erloschen, sondern weil Straflosigkeit dafür eingetreten ist. Hübsch und wahr ist der Ausspruch den ein ertappter Seeräuber Alexander dem Großen gegenüber getan hat. Auf die Frage des Königs, was ihm denn einfalle, dass er das Meer unsicher mache, erwiderte er mit freimütigem Trotz: „Und was fällt dir ein, dass du den Erdkreis unsicher machst? aber freilich, weil ich es mit einem armseligen Fahrzeug tue, nennt man mich einen Räuber, und dich nennt man Gebieter, weil du es mit einer großen Flotte tust.“
5 Minuten
Aus einer Predigt des Johannes Chrysostomus
Da nun auch wir Gold kochen, das wir aus dem apostolischen Bergwerk entnehmen, aber es nicht in einen Schmelzofen werfen, sondern in das Verständnis eurer Seele hineinlegen, und nicht eine (irdische) Flamme entzünden, sondern das Feuer des Geistes anfachen: so lasst uns mit großer Sorgfalt auch die kleinen Körnchen sammeln. Denn obschon der Spruch kurz ist, so hat er doch eine gewaltige Kraft. Es besteht ja auch der den Perlen eigene Werth nicht in der Masse des Stoffes, sondern im Wesen ihrer Schönheit. So verhält es sich auch mit der Lesung der göttlichen Schriften. Denn die Unterweisung der Welt macht sich zwar oft mit eitlen Possen zu schaffen und schickt die Zuhörer mit reichlichem Wortschwall übergossen, und ohne sie mit irgendetwas Gutem, sei es groß oder klein, befruchtet zu haben, mit leeren Händen von dannen; aber die Gnade des Geistes nicht also; sondern ganz im Gegenteil bietet sie durch geringe Worte Allen, die darauf Acht haben, Weisheit, und oft reicht es hin, nur einen Spruch von hier mitzunehmen, um daran eine Zehrung für das ganze Leben zu haben.
Da nun auch wir Gold kochen, das wir aus dem apostolischen Bergwerk entnehmen, aber es nicht in einen Schmelzofen werfen, sondern in das Verständnis eurer Seele hineinlegen, und nicht eine (irdische) Flamme entzünden, sondern das Feuer des Geistes anfachen: so lasst uns mit großer Sorgfalt auch die kleinen Körnchen sammeln. Denn obschon der Spruch kurz ist, so hat er doch eine gewaltige Kraft. Es besteht ja auch der den Perlen eigene Werth nicht in der Masse des Stoffes, sondern im Wesen ihrer Schönheit. So verhält es sich auch mit der Lesung der göttlichen Schriften. Denn die Unterweisung der Welt macht sich zwar oft mit eitlen Possen zu schaffen und schickt die Zuhörer mit reichlichem Wortschwall übergossen, und ohne sie mit irgendetwas Gutem, sei es groß oder klein, befruchtet zu haben, mit leeren Händen von dannen; aber die Gnade des Geistes nicht also; sondern ganz im Gegenteil bietet sie durch geringe Worte Allen, die darauf Acht haben, Weisheit, und oft reicht es hin, nur einen Spruch von hier mitzunehmen, um daran eine Zehrung für das ganze Leben zu haben.
5 Minuten
Als Basilius, der unter den Heiligen einen hervorragenden Platz einnimmt, aus dem menschlichen Leben zu Gott hinübergegangen war und die Kirchen in gleicher Weise um ihn trauerten, unsere Schwester und Lehrerin Makrina aber noch am Leben war, beeilte ich mich, zu ihr zu kommen, um ihr das Unglück des Bruders mitzuteilen. Tiefbetrübt war meine Seele, da sie einen so großen Verlust überaus schmerzlich empfand. Und ich suchte jemand, der, die Größe des Leides gleich mir fühlend, mit mir weinen würde. Als wir uns nun einander ins Auge sehen konnten, erwachte der Schmerz beim Anblicke der Lehrerin doppelt; denn auch sie war bereits von tödlicher Schwäche befallen. Sie aber ließ nach Art geschickter Pferdelenker der Heftigkeit meines Schmerzes eine kleine Weile die Zügel schießen; dann jedoch suchte sie durch ihren Zuspruch mich zu beruhigen, indem sie durch ihre Trostgründe wie mit einem Zügel dem Ungestüm meiner Seele Halt gebot.
4 Minuten
Sieh', ich bin bedrängt, verleumdet und doch fröhlich. Voll sind meine Ohren voll Schmähung und Spott; allein gering scheint mir, wie viel ich auch immer leiden muss: denn ein Trost von dir kann Myriaden von Leiden vertreiben. Weil ich von dir, o mein Sohn, nicht verachtet bin, heg' ich volles Vertrauen. Wenn ich auch verleumdet werde, dass ich empfangen habe, ich habe aber die Wahrheit geboren, die siegreich meine Unschuld verteidigt.