Beim ersten Hahnenschrei Archiv
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Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch immer neu, spät habe ich dich geliebt. Und siehe, du warst in meinem Innern und ich draußen; und draußen suchte ich dich und stürzte mich in meiner Häßlichkeit auf die schönen Gebilde, die du geschaffen. Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Weit weg von dir zog mich, was doch keinen Bestand hätte, wenn es nicht in dir wäre. Du hast mich laut gerufen und meine Taubheit zerrissen; du hast geblitzt und geleuchtet und meine Blindheit verscheucht. Du hast mir süßen Duft zugeweht; ich habe ihn eingesogen, und nun seufze ich nach dir. Ich habe dich geschmeckt, und nun hungere und dürste ich nach dir. Du hast mich berührt, und ich bin entbrannt in deinem Frieden.
6 Minuten
Und da schämst du dich nicht, du Erdenkloß, der bald wieder in Staub zurücksinkt, der du, einer Wasserblase gleich, schnell zerstiebende Luft in dir birgst, ― da schämst du dich nicht, mit Hochmut dich zu füllen, vor Eigendünkel aufzuschwellen und deinen Geist in törichter Einbildung emporzurecken? Offensichtlich vergissest du ganz auf die beiden Pole des Menschenlebens, wie es nämlich anfängt und wie es aufhört, sondern bist stolz auf deine Jugend, schaust auf dein blühendes Alter und gefällst dir in deiner Lebensfrische, weil deine Arme voll strotzender Kraft sich bewegen, deine Füße behend im Springen sich zeigen, deine Locken in den Lüften wehen, der Flaum deine Lippen untermalt und weil dir dein Kleid in Purpurfarbe leuchtet und deine seidenen Gewebe dir bunt geschmückt sind mit Bildern von Schlachten und Jagden und ähnlichen Darstellungen! Oder du siehst vielleicht mit Stolz auf deine Fußkleidung, die in tadellosem Schwarz funkelt und in überkünstlicher Weise noch durch ihre eingesteppten Zieraten ergötzen soll! Auf solche Sachen fällt dein Blick, und auf dich selbst schaust du nicht? Ich will dir wie in einem Spiegel zeigen, wer du bist und welches deine Beschaffenheit ist. Hast du noch auf keinem Beerdigungsplatz die Geheimnisse unserer Natur beobachtet? Hast du nicht die aufeinandergehäuften Knochen gesehen, die von Fleisch entblößten Schädel, wie sie furchtbar und gräßlich mit den leeren Augenhöhlen uns anstieren? Hast du den zähnefletschenden Mund gesehen und die übrigen Gliedmaßen, wie sie umherliegen, aufs Geratewohl hingestreut? Hast du dies gesehen, so hast du darin ― dich selbst gesehen. Wo sind die Zeichen deiner gegenwärtigen Blüte? wo die schöne Farbe deiner Wange? wo deine reizenden Lippen? wo die kecke Schönheit deiner Augen, die unter geschwungenen Brauen hervorleuchtet? wo die geradlinige Nase im feinen Antlitz? wo die um den Nacken wallenden Haare und die Locken um die Schläfe? Wo sind die Hände, die den Pfeil vom Bogen schnellen, die Füße, die das Pferd spornen? Wo ist der Purpur, wo das feine Linnenkleid aus Byssos, wo der Mantel, der Gürtel, die Schuhe? Wo ist das Pferd und sein Lauf, sein Übermut? Wohin ist alles, was jetzt deinen Hochmut nährt? Sag an, wo ist hier das zu finden, weshalb du dich überhebst und dich groß dünkst? Wo ist hier noch ein so eitler Traum? wo noch solche Wahnvorstellungen eines Schlafenden, wo ein so schwaches, ungreifbares Schattenbild wie das der Jugend? Alles erscheint wie ein Traum, der kaum gekommen, sogleich vorüberhuscht!
5 Minuten
Elend aber und unglückselig ist Derjenige, welcher sich völlig der Lüge ergeben hat; denn „der Teufel ist ein Lügner von Anbeginn.“ Wer dem Lügen ergeben ist, kann kein Vertrauen genießen; denn er ist bei Gott sowohl als auch bei den Menschen verhaßt. Wer sollte den, welcher in der Lüge dahinlebt, nicht bejammern? Denn ein Solcher ist unzuverlässig bei jeder Angelegenheit, und man kann ihm bei seinen Antworten nicht trauen. Ein Solcher erregt im Kloster Unfrieden und Streitigkeiten und ist für das Gemeinwohl der Brüderschaft wie Rost am Eisen. Er hat nämlich ein dreistes Herz und verbirgt dies auch nicht. Gern hört er Geheimnisse und entdeckt sie leichtsinnig. So weiß er durch seine Zunge die Einträchtigen in Uneinigkeit zu bringen. Er fängt irgend einen Handel an und stellt sich dann als unschuldig. Alles beteuert er mit einem Schwure und glaubt durch Geschwätz zu überreden. Der Lügner ist reich an Kunstgriffen und verschlagen. Es gibt kein größer Übel als die Lügenhaftigkeit, aber auch nichts Schändlicheres; denn ein Lügner ist bei Allen verabscheut und dient Allen zum Gelächter. Hütet euch also, o Brüder, euch an das Lügen zu gewöhnen!
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Ist dir das Streben nach Weisheit ein echtes Bedürfnis, so stelle dich von vornherein darauf ein, dass man dich auslachen wird und dass dich viele verspotten und sagen werden: „Der da ist uns plötzlich als ein Philosoph heimgekommen“, und: „Wie kommt es, dass er die Augenbrauen so hoch zieht?“ Lass du nur das Stirnrunzeln. An dem aber, was dir als das Beste erscheint, halte so fest, als wärest du von Gott auf diesen Posten gestellt. Bedenke: Wenn du treu bei deinen Grundsätzen bleibst, dann werden dich alle, die dich vorher immer auslachten, nachher bewundern. Gibst du aber ihrem Druck nach, wirst du doppelten Spott ernten.
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Und ich wandte meinen Blick auf die Dinge, die unter dir stehen, und ich erkannte, daß sie weder absolut sind noch absolut nicht sind; sie existieren zwar, weil sie von dir geschaffen sind, sie existieren nicht, weil sie nicht sind, was du bist. Denn das ist in Wahrheit, was ohne Wechsel bleibt. „Für mich aber ist’s gut, Gott anzuhangen“; denn wenn ich nicht in dir bleibe, kann ich auch nicht in mir bleiben.
4 Minuten
Zwar wird uns von denen, die wir lieben, auch in ihrer Abwesenheit Freude zuteil, allerdings (nur) eine flüchtige und vorübergehende: der Anblick aber und die Anwesenheit und das Beisammensein haben etwas von lebendiger Herzenslust an sich, besonders wenn man nicht nur sieht, wen man will, sondern wie man ihn will. Überreiche mir also dich, ein großartiges Geschenk, und damit du noch eifriger bei der Sache bleibt, bedenke, dass du sterblich bist und ich ein Greis. Eile zu mir, aber vorerst zu dir! Schreite voran und sorge vor allem dafür, dir treu zu bleiben!
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Was ist dem Bauche zuträglicher, nach mäßiger Speisung die Nacht zuzubringen oder mit Speisen überladen dazuliegen — nein, nicht zu liegen, sondern sich ächzend und stöhnend hin und her zu wälzen? Du müßtest nur einwenden, daß Seeleute ein mit Gütern beladenes Schiff leichter retten als ein weniger beschwertes und leichtes. Das schwer beladene sinkt bei mäßigem Wogenanprall, während das Schiff mit mäßiger Ladung leicht über die Wogen dahingleitet, da es ohne Schwierigkeiten höher gehen kann. So wird auch der Körper des Menschen, der ständig sich sättigt und mit Speisen beschwert, leicht ein Opfer der Krankheiten; wer aber mit mäßiger und leichter Kost vorlieb nimmt, entgeht nicht bloß dem gefürchteten Übel der Krankheit wie einem drohenden Sturm, sondern überwindet auch bereits eingetretene Unpäßlichkeit wie einen Anprall gegen eine Klippe. Oder ist wohl nach deiner Ansicht Ruhen mühsamer als Laufen, und Nichtstun beschwerlicher als Ringen?
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„Werdet gerecht, spricht der Herr. Ihr, die ihr dürstet, kommet zum Wasser; und ihr alle, die ihr kein Geld habt, kommet und kauft und trinket ohne Geld!“ Zum Bade, zur Erlösung, zur Erleuchtung lädt er ein, indem er beinahe ausdrücklich ruft und sagt: Die Erde gebe ich dir und das Meer, mein Sohn, und den Himmel und alles, was in ihnen lebt, schenke ich dir; nur dürste, mein Sohn, nach dem Vater! Ohne Entgelt wird dir Gott geoffenbart werden; die Wahrheit wird nicht verschachert; er gibt dir auch, was fliegt und was schwimmt und was auf der Erde ist. All dies hat der Vater zu deinem erwünschten Genusse geschaffen.
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Doch wie soll ich meinen Gott anrufen, meinen Gott und meinen Herrn? Sicherlich werde ich ihn in mich rufen, wenn ich ihn anrufe. Und wo gibt es eine Stätte in mir, wohin mein Gott zu mir kommen soll? Wohin Gott kommen soll, Gott, der geschaffen hat Himmel und Erde? So gibt es denn wirklich, Herr mein Gott, etwas in mir, was dich fassen könnte? Aber fassen dich denn Himmel und Erde, die du zusammen mit mir geschaffen hast? Oder muß, weil nichts Bestehendes, ohne dich gedacht werden kann, dieses notwendigerweise dich fassen? Weil nun auch ich dazu gehöre, warum bitte ich dich, zu mir zu kommen, da ich doch nicht bestände, wenn du nicht in mir wärest? Denn noch bin ich nicht in der Unterwelt, und doch bist du ja auch dort! „Stiege ich auch hinab zur Unterwelt, so bist du dort“. So wäre ich also nicht, mein Gott, ich wäre überhaupt nicht, wärest du nicht in mir. Oder richtiger: ich wäre nicht, wäre ich nicht in dir, „aus dem, durch den, in dem alles ist“. Gewiss, auch so, o Herr! Wohin aber soll ich dich rufen, da ich in dir bin?
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Fasten kennt das Unwesen des Wuchers nicht; des Fastenden Tisch riecht nicht nach Zinsen. Das verwaiste Kind eines fastenden Vaters ängstigen keine väterlichen Schulden, die wie Schlangen umstricken. Übrigens gibt das Fasten auch Veranlassung zu Frohsinn. Wie der Durst den Trunk angenehm und ein vorausgehender Hunger das Mahl wohlschmeckend macht, so würzt auch das Fasten den Genuß der Speisen. Denn es tritt zwischenherein und unterbricht den anhaltenden Genuß köstlicher Speisen und läßt dir deren Genuß, der unterbrochen worden, um von neuem begehrenswert zu erscheinen. Willst du dir also einen wohlschmeckenden Tisch bereiten, so versteh dich zu einer Abwechslung mit Fasten! Du aber, zu sehr in der Genußsucht gefangen, verdirbst dir, ohne es zu wissen, den Appetit für die Leckerbissen und bringst dich mit deiner Genußsucht um den Genuß. Denn nichts ist so begehrenswert, daß es nicht durch steten Genuß zum Ekel würde. Was man aber selten hat, dessen Genuß ist sehr erwünscht. So hat auch unser Schöpfer es so gefügt, daß uns der Genuß an seinen Gaben dank ihrer Abwechslung im Leben verbleibt.
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„Groß bist du, o Herr, und überaus preiswürdig; groß ist deine Stärke, und deiner Weisheit ist kein Ziel gesetzt“. Und dich will loben ein Mensch, ein winziger Teil deiner Schöpfung, ein Mensch, der schwer trägt an der Bürde seiner Sterblichkeit, schwer trägt auch am Zeugnis seiner Sünde und am Zeugnis, daß „du den Stolzen widerstehest“. Und dennoch will dich loben der Mensch, selbst ein Teil deiner Schöpfung. Du selbst veranlaßt ihn, in deinem Preis eine Wonne zu suchen, denn geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.
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Was heißt nun ‚Gott schauen‛? Frag nicht mich! Frag das Evangelium, frag den Herrn selbst! Vielmehr vernimm gleich seine Antwort: „Philippus, wer mich geschaut, hat auch den Vater geschaut, der mich gesendet hat. Wie kannst du sprechen: zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist?‟ Kein Körper kann doch in einem anderen, kein Geist in einem anderen geschaut werden: indes jener Vater allein wird im Sohn geschaut, bezw. dieser Sohn im Vater geschaut; denn Unähnliches läßt sich nicht in Unähnlichem schauen, vielmehr kann nur unter der Voraussetzung der Einheit des Wirkens und der Kraft der Sohn im Vater und der Vater im Sohne geschaut werden. „Die Werke, die ich vollbringe, versichert er, vollbringt auch jener‟. In den Werken wird Jesus geschaut, in den Werken des Sohnes auch der Vater wahrnehmbar. Der schaute Jesus, der jenes Geheimnis in Galiläa schaute, weil ja niemand außer dem Herrn der Welt Elemente verwandeln konnte. Ich schaue Jesus, wenn ich lese, wie er einen Blinden die Augen mit Erde bestrich und das Augenlicht zurückgab; denn ich erkenne den wieder, der den Menschen aus Erde bildete und ihm den Geist des Lebens, das Licht der Augen eingoß. Ich schaue Jesus, da er Sünden vergibt; denn niemand kann Sünden nachlassen als Gott allein. Ich schaue Jesus, da er den Lazarus auferweckt, während ihn die Augenzeugen (des Vorganges) nicht schauten. Ich schaue Jesus, schaue desgleichen den Vater, da ich die Augen zum Himmel erhebe, nach den Meeren wende, zur Erde zurücklenke; „denn was an ihm unsichtbar ist, wird in den geschaffenen Dingen geistig wahrgenommen‟.
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Es gibt auch einen Rost der Seele, wenn der scharfe Stahl des religiösen Eifers von der Kruste weltlicher Begierden belegt oder des Glaubens Reinheit von der Dunstschicht des Unglaubens getrübt wird. Ein Rost des Geistes ist die Begierde nach Hab und Gut; ein Rost des Geistes ist die Lauheit; ein Rost des Geistes ist ein Streben nach Würden, wenn man hierin das höchste Hoffnungsideal des gegenwärtigen Lebens setzt. Darum laßt uns, dem Göttlichen zugewendet, den Geist schärfen, die Begeisterung entflammen, daß wir jenes Schwert, das der Herr um den Erlös des Rockes zu kaufen heißt, stets bereit und blank gleichsam in der Scheide des Geistes verwahrt zu halten vermögen!
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Ein Zweifaches erheischt die Tugend im Vollkommenen: Intention und Handlung. Beide Funktionen nun legt der heilige Evangelist den Aposteln bei; denn sie waren, wie er hervorhebt, nicht bloß Schauer, sondern auch Diener des Wortes. Das Schauen intendierte den im Handeln bestehenden Dienst. Zweck der Intention aber ist die Handlung, das Erste in der Handlung die Intention. Und um uns speziell des Beispieles der Apostel zu bedienen: Die Intention besteht darin, daß Petrus und Andreas, sobald sie die Stimme des Herrn: „Ich will euch zu Menschenfischern machen‟ hatten rufen hören, ohne Verzug den Ruderpflock verließen, dem Worte folgten. Doch in der Intention ist nicht ohne weiteres auch die Handlung eingeschlossen. Nicht einmal dort ist noch von einer Handlung, sondern erst von der Intention die Rede, wo Petrus klagt: „Herr, warum sollte ich Dir jetzt nicht folgen können? Mein Leben will ich für Dich einsetzen‟. Das war nämlich erst die Intention, war aber noch nicht die Leidenstat, mochte auch im Fasten, mochte im Wachen, mochte im Verzicht auf sinnliche Genüsse immerhin bereits ein Handeln liegen; es ist dies ja das Handeln eines Christen. Nicht in allem Tun liegt nämlich Intention und Handlung zugleich, sondern während bei dem einen ein Handeln vorliegt, ist bei einem anderen erst die Intention gegeben.