Beim ersten Hahnenschrei Archiv
419 Episoden
5 Minuten
Ruhe ist daher für die Seele Anfang der Reinigung: nicht redet die Zunge von menschlichen Dingen, nicht sieht sich das Auge um nach gefälligen Körperfarben und -formen, nicht lähmt das Ohr die Spannkraft der Seele im Aufhorchen auf Lieder, die auf die Lust gestimmt sind, oder auf Gespräche von oberflächlichen Menschen und Witzbolden. Gerade das letztere ist dazu angetan, der Seele die Spannkraft zu nehmen. Denn ein Geist, der nicht nach außen hin sich zerstreut, der nicht durch die Sinnesorgane in die Welt sich ergießt, kehrt in sich selbst zurück und erhebt sich von selbst zum Gedanken an Gott. Im Lichte dieser Schönheit kommt er bis zum Vergessen seiner Natur: er läßt sich nicht niederziehen von den Sorgen um Nahrung und Kleidung, sondern frei von irdischen Sorgen stellt er sein ganzes Streben ein auf den Besitz der ewigen Güter; er sucht Mittel und Wege, Mäßigung und Starkmut, Gerechtigkeit und Klugheit sich anzueignen und die übrigen Tugenden, die als Unterabteilungen dieser Klasse dem Eifrigen es ermöglichen, in allweg den Forderungen des Lebens entsprechend nachzukommen.
2 Minuten
Wenn du etwas Bestimmtest tust in der Überzeugung, dass es getan werden muss, so scheue dich niemals, dabei gesehen zu werden, auch wenn die große Masse wahrscheinlich darüber die Nase rümpft. Denn wenn das, was du vorhast, Unrecht ist, so lass es überhaupt sein. Handelst du aber recht, was fürchtest du dann die Leute, die dich zu Unrecht tadeln werden?
4 Minuten
Vor allem ist eine freimüthige Rede der Aufmerksamkeit eines Königs werth. Das bei jeder Gelegenheit gespendete Lob aber, welches entzückt und schadet, scheint mir den Giften zu gleichen, die man mit Honig vermischt denen reicht, die man dem Tode bestimmt. Weißt du nicht, daß die Kochkunst, welche die Speisen auf das leckerhafteste bereitet und falsche Begierden erweckt, dem Körper schadet; die Gymnastik und Heilkunde aber, welche augenblicklichen Schmerz verursachen, ihn retten? Du nun sollst mir den Geretteten angehören, wenn es dir auch schwer fallen soll, gerettet zu werden; denn die zusammenziehende Kraft des Salzes läßt das Fleisch nicht zerfließen, und eines jungen Königs Geist, der unumschränkt, wohin ihn der Zufall führt, schweifen will, bindet die Wahrheit der Reden. So möget ihr die ungewohnte Art der Rede aufnehmen! Möchte sie von euch nicht überlästig befunden; möchte ihr nicht Schweigen geboten werden, ehe sie etwas fortgeschritten, weil sie nicht der Suada fröhnt, für Jünglinge süß und spielend, sondern unterweisend, wahrhaft züchtigend und beschwerlich anzuhören ist!
5 Minuten
Es gibt also auch außerhalb des Körpers ein Fasten und eine Mäßigkeit, die nicht mit dem Materiellen zusammenhängt, eine Enthaltsamkeit vom Bösen, die in der Seele sich zeigt, und wegen dieser ist uns auch diese Enthaltsamkeit im Genuss der Speisen vorgeschrieben. Fastet also in der Schlechtigkeit, mäßigt euch in der Begierde nach dem fremden Eigentum, enthaltet euch von ungerechtem Gewinn, hungert die Geldgier des Mammons aus. Kein Besitztum komme durch Gewalt oder Raub in dein Haus. Denn was nützt es, wenn dein Mund kein Fleisch berührt und du durch deine Schlechtigkeit gegen den Mitbruder dich bissig zeigst? Oder was ist es für ein Gewinn, wenn du dein Eigentum nicht verzehrst, aber das Eigentum des Armen in ungerechter Weise an dich ziehst? Oder was ist das für eine Frömmigkeit, wenn du, während du Wasser trinkst, eine Hinterlist aussinnest und aus Schlechtigkeit nach Blut dürstest?
4 Minuten
Wir haben eben unser Herz nicht ganz in unserer Gewalt. Unsere Gedanken, die unversehens in die Seele einströmen, den Geist überschütten und uns nach einer ganz anderen Richtung ziehen, als wir selbst ursprünglich wollten: diese Gedanken rufen uns zu irdischem, weltlichem Begehren, werfen Lüsternheit und Begierlichkeit in unsere Seele hinein; ja selbst in den Augenblicken, wo wir unser Herz im Gebete zu Gott erheben wollen, werden wir oft genug zur Erde wieder herabgezogen.
5 Minuten
Für all jene, die auf welche Weise auch immer in die Region des glücklichen Lebens gelangen, steht ein riesiger Berg unmittelbar vor dem Hafen, der selbst für die Eintretenden große Enge erzeugt und äußerst gefürchtet sowie äußerst vorsichtig vermieden werden muss. Denn er glänzt so sehr und ist von einem trügerischen Licht umgeben, dass er sich nicht nur den Ankommenden und noch nicht Eingetretenen als bewohnbar anbietet und verspricht, ihren Wünschen anstelle des glücklichen Landes gerecht zu werden, sondern oft auch Menschen direkt aus dem Hafen zu sich einlädt und sie manchmal durch die Höhe selbst, von der aus sie auf die anderen herabsehen möchten, festhält. Dennoch warnen sie oft die Ankommenden, nicht von verborgenen Felsen unter Wasser getäuscht zu werden oder zu glauben, dass der Aufstieg zu ihnen leicht sei; und sie zeigen großzügig, wie man ohne Gefahr aufgrund der Nähe zu jenem Land eintritt. So zeigen sie ihnen, während sie ihnen ihre eitle Pracht neiden, den Ort der Sicherheit.
5 Minuten
Ich bin einzig und allein darauf bedacht, sagt Paulus, nach dem, was vor mir liegt, mich anzustrengen. „Eines aber (tue ich),“ heißt es: „was hinter mir liegt vergessend, dagegen nach dem, was vor mir liegt, mich anstrengend, strebe ich nach dem Ziele zu dem Kampfpreise der von oben erhaltenen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ Das Vergessen dessen, was hinter ihm lag, war es, was ihn nach dem, was vor ihm lag, sich anstrengen ließ. Wer sich nun schon für vollkommen hält und in dem Wahne lebt, daß ihm nichts mehr zur vollendeten Tugendhaftigkeit fehle, wird auch zu laufen aufhören, als habe er bereits alles erreicht; wer dagegen vom Ziele noch weit entfernt zu sein glaubt, der wird nie aufhören zu laufen. Diesen Glauben nun müssen wir immerfort hegen, sollten wir auch schon unzählig viel Gutes vollbracht haben.
4 Minuten
Welchen Nutzen oder Vorteil sollte es uns bringen, wenn wir unablässig unsere Gedanken auf solche Dinge richten, die wir verlassen müssen. Es ist weit vernünftiger, unsere Liebe den Dingen zuzuwenden, die ewig währen.
3 Minuten
Nach dem Herrengebet heißt es: Der Friede sei mit Euch: und es küssen sich die Christen mit heiligem Kuß. (Der Kuß) ist das Zeichen des Friedens: Was die Lippen andeuten, möge sich im Bewußtsein vollziehen. Das heißt, wie deine Lippen sich zu den Lippen deines Bruders hin bewegen, so möge dein Herz sich von seinem Herzen nicht zurückziehen.
3 Minuten
Was wunderst du dich, dass wertvolle Menschen sich vom Schicksal durchschütteln lassen, um zu erstarken? Nur der Baum ist fest und stark, gegen den häufig der Wind anstürmt; gerade nämlich durch die heftige Erschütterung gewinnt er Standfestigkeit und heftet seine Wurzeln fester in den Boden. Zerbrechlich sind Bäume, die in einem sonnigen Tal gewachsen sind. Es ist also gerade für wertvolle Menschen vorteilhaft, dass sie sich, um unerschrocken sein zu können, viel in furchterregenden Lagen befunden und mit Gleichmut ertragen, was nur schlecht ist für einen, der es schlecht aushält.
4 Minuten
So hören wir denn auf den Lehrer der Behutsamkeit! „Ich habe es gesagt: ich will achthaben auf meine Wege“; d. i. ich habe es mir gesagt, im stillen Denken habe ich mir das Gebot auferlegt, achtzuhaben auf meine Wege. Manche Wege gibt es, denen wir folgen, andere, auf welche wir achthaben sollen: folgen sollen wir den Wegen des Herrn, achthaben auf die unsrigen, daß sie nicht zur Sünde führen. Man kann sich aber in acht nehmen, wenn man nicht voreilig spricht. Das Gesetz sagt: „Höre, Israel, den Herrn deinen Gott!“ Es heißt nicht ‚rede‘, sondern ‚höre‘. Deshalb fiel Eva, weil sie zu ihrem Manne etwas redete, was sie vom Herrn ihrem Gott nicht gehört hatte. Das erste Wort aus Gottes Mund mahnt dich: „höre!“ Hörst du, so hast du acht auf deine Wege und machst es rasch wieder gut, wenn du gefallen. „Wodurch macht denn ein Jüngling seinen Wandel gut? Dadurch, daß er auf die Worte des Herrn acht hat“. So schweig erst und höre, um nicht mit der Zunge zu sündigen!
6 Minuten
Alle Künste und Wissenschaften, sagte Abt Moyses, haben einen σκοπός, das ist eine Bestimmung, und ein τέλος, das ist ein eigenes Ziel; darauf hinblickend erträgt Jeder, der eine Kunst eifrig anstrebt, gleichmüthig und gerne alle Mühen und Gefahren und allen Aufwand. Denn auch der Landmann scheut weder die sengenden Strahlen der Sonne noch Reif und Eis und durchfurcht unermüdlich die Erde und zwingt die unbewältigten Schollen wieder und wieder unter die Pflugschar, indem er seine Absicht festhält, die von allen Dornen gereinigte und allem Unkraut befreite Erde durch diese Bearbeitung wie zerreiblichen Sand zu verkleinern. Er glaubt sicher, daß er nur durch seine Mühe und seinen Schweiß den Endzweck erreichen könne, nemlich die Ernte reicher Früchte und voller Ähren, wodurch er fürderhin sorglos zu leben oder sein Vermögen zu vermehren im Stande sei. Ebenso nimmt er, wenn die Scheune von Früchten voll ist, gerne davon und vertraut sie den lockern Furchen an mit eiliger Mühe, ohne Betrübniß über die gegenwärtige Verminderung wegen der Aussicht auf zukünftige Ernte. Auch Die, welche Handel treiben, fürchten nicht die unsichern Zufälle der Meerfahrt und scheuen keine Gefahr, da sie die Hoffnung auf Lohn und der Endzweck des Erwerbes reizt. Ferner Jene, welche von weltlichem militärischem Ehrgeiz brennen, haben kein Gefühl für die todbringenden Gefahren der Märsche, da sie auf den Endzweck der Ehre und Macht schauen, und sie werden nicht gebeugt durch die gegenwärtigen Mühen und Kämpfe, da sie das vorgesteckte Ziel hoher Würden zu erreichen streben. Es hat also auch unser Stand eine eigene Bestimmung und seinen Endzweck, in Rücksicht auf welchen wir alle Anstrengungen nicht nur unermüdet, sondern auch gerne aufwenden, so daß uns der Hunger des Fastens nicht ermattet, die Müdigkeit des Nachtwachens uns ergötzt, die beständige Lesung und Betrachtung der hl. Schriften uns nicht sättigt, auch die unaufhörliche Arbeit, die Blöße und der Mangel an Allem, ja selbst diese schaurige, ödeste Wüsteneinsamkeit uns nicht abschreckt.
6 Minuten
Schon lange fürwahr denke ich im stillen darüber nach, womit ich deinen Zustand vergleichen könne; und ich wüsste kein passenderes Gleichnis als das eines Menschen, der, von einer langen und schweren Krankheit genesen, noch zuweilen von einzelnen Störungen und leichten Anfällen ergriffen und, wenn er auch schon über diese Resterscheinungen hinweg ist, doch noch von Besorgnissen beunruhigt wird, schon genesen, doch noch dem Arzte den Puls darreicht und jede Wärme des Körpers verdächtig findet. Bei solchen ist der Leib nicht etwa noch nicht gesund, sondern er ist an die Gesundheit noch nicht völlig gewohnt. So die das Meer oder ein See immer noch bewegt ist, wenn auch der Sturm schon schweigt. Du bedarfst darum nicht jener stärkeren Mittel, die ich auch übergehen will, dass du dir selbst Gewalt antust, über dich in Zorn gerätst, strenger gegen dich bist. Du darfst dir nur selber vertrauen und glauben, dass du auf dem rechten Weg bist, unbeirrt durch die Fußtapfen anderer, die da und dort herumlaufen und den rechten Weg gerade verfehlen.
6 Minuten
Einmal kamen Brüder zum Altvater Pambo, und einer fragte ihn: „Ich faste jeweils zwei Tage und esse zwei Zwiebacke. Rette ich so meine Seele, oder bin ich im Irrtum?“ Und ein anderer sagte so: „Ich verdiene mir mit meiner Handarbeit täglich zwei Johannisbrotschoten, davon verwende ich ein wenig zu meiner Nahrung, das übrige gebe ich als Almosen. Werde ich da gerettet, oder gehe ich zugrunde?“ So stellten sie ihm noch viele Fragen, aber er gab keine Antwort. Nach vier Tagen waren sie daran wegzugehen, und die Kleriker ermunterten sie: „Macht euch keine Sorgen, Brüder: Gott gibt euch den Lohn! So ist es halt die Gewohnheit des Greises: er redet nicht leicht, wenn Gott es ihm nicht deutlich zu erkennen gibt.“ Sie gingen also zum Greis hinein und sagten zu ihm: „Vater, bete für uns!“ Er sagte zu ihnen: „Wollt ihr denn weggehen?“ Sie sagten: „Ja!“ Da übertrug er ihre Übungen auf sich selber und schrieb sie auf die Erde, indem er sprach: Pambo fastet zwei Tage lang und isst nur zwei Brote – aber wird er dadurch zum Mönch? Nein! Und Pambo erarbeitet zwei Schoten und gibt sie als Almosen – wird er dadurch zum Mönch? Noch nicht! Dann belehrte er sie: „Eure Übungen sind gut, aber wenn ihr euer Gewissen vor Fehlern gegen den Nächsten bewahrt, dann werdet ihr gerettet werden.“ Zu klarer Erkenntnis gelangt, gingen sie mit Freuden davon.
5 Minuten
Mancher fürchtet sich vor der Verwandlung. Was kann denn ohne Verwandlung werden? Was ist demnach der Allnatur lieber oder angemessener? Kannst du selbst auch nur ein Bad gebrauchen, ohne dass das Holz sich verändere, oder Nahrung genießen, ohne dass die Speisen sich verwandeln? Oder kann sonst etwas Nützliches ohne Verwandlung zur Vollkommenheit gebracht werden? Siehst du es also nicht ein, dass es mit deiner eigenen Verwandlung die gleiche Bewandtnis habe und dass sie für die Allnatur gleichfalls notwendig sei?