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Beim ersten Hahnenschrei Archiv

419 Episoden
6 Minuten
Wenn dir ein Hain auffällt mit einem dichten Bestand von alten, über die normale Höhe hinausgewachsenen Bäumen, der durch die Dichte einander überdeckender Äste den Himmel dem Blick entzieht, so wird jene Erhabenheit des Waldes und die geheimnisvolle Abgeschiedenheit des Ortes und das Staunen über dieses im Freien so undurchdringliche und andauernde Dunkel in dir den Glauben an ein göttliches Tun aufkommen lassen. Wenn eine Höhle, die sich tief in die Felsen hineingefressen hat, den Berg scheinbar frei schweben lässt, nicht künstlich von Menschenhand geschaffen, sondern durch natürliche Ursachen zu solcher Geräumigkeit ausgehöhlt, wird sie dein Herz mit einer Art religiöser Scheu erfassen. Wir beten die Quellen großer Flüsse an; wo plötzlich ein reißender Strom aus verborgener Tiefe hervorkommt, stehen Altäre; man verehrte Warmwasserquellen… Wenn du einen Menschen erblickst, unerschrocken in Gefahren, unberührt in Leidenschaften, im Unglück glücklich, mitten in den Stürmen gelassen, von einer höheren Ebene die Menschen betrachtend, auf gleicher die Götter, wird dich nicht ehrfürchtige Scheu vor ihm überkommen? Eine göttliche Kraft hat sich da hineingesenkt. Ein so großes Ding kann nicht ohne Stütze der Gottheit bestehen.
5 Minuten
Wahrhaft selig ist jeder Mensch, der die Langmuth sich erworben hat; denn einen Solchen lobt auch die hl. Schrift, indem sie sagt: „Ein langmüthiger Mann ist reich an Einsicht.“1 Was ist mehr als Dieß? Der Langmüthige ist nämlich allzeit in freudiger, heiterer und sehr fröhlicher Gemüthsstimmung; denn er setzt seine Hoffnung auf den Herrn. Der Langmüthige ist frei von allem Zorne; denn er hält Alles aus. Darum entbrennt er nicht sogleich in Grimm, läßt sich nicht zur Beleidigung verleiten und durch leere Worte nicht leicht aufregen. Wird ihm ein Unrecht zugefügt, so betrübt er sich nicht darüber. Den Widersachern widersetzt er sich nicht; in allen Umständen bleibt er standhaft sich gleich. Er läßt sich nicht leicht durch Täuschungen fangen, ist nicht leicht reizbar zur Erbitterung. Bei Bedrängnissen erfreut er sich, nimmt an jedem guten Werke thätigen Antheil. Er verträgt sich in Allem gern mit den Mißgünstigen; widerspricht nicht, wenn er einen Auftrag erhält; wenn man ihm Vorwürfe macht, wird er darüber nicht mürrisch. Durch die Langmuth weiß er allzeit sich in Ruhe zu erhalten.
4 Minuten
Befiehlt uns also der Herr etwas, was außerhalb unserer Natur ist, oder überschritt er mit seinem großartigen Gebot die Grenzen der menschlichen Kraft? Keineswegs! Weder befiehlt er denen, welchen er keine Flügel anerschuf, sie sollten sich in die Lüfte erheben, noch verlangt er, daß die Landtiere unter dem Wasser leben. Wenn nun auf allen übrigen Gebieten das Gesetz vollständig der Kraft derjenigen Rechnung trägt, für die es gegeben wird, und nirgend der Natur Gewalt geschieht, so müssen wir folgerichtig auch in unserem Fall annehmen, daß die in der Seligpreisung enthaltene Verheißung nicht außerhalb des Bereiches unserer Hoffnung liegt, daß vielmehr auch Johannes und Paulus wie auch Moses und andere ihnen ähnliche Lehrer der Seligkeit nicht verlustig gingen, welche aus der Anschauung Gottes erwächst, weder jener, der da sagen durfte: „Aufbewahrt ist mir die Krone der Gerechtigkeit, die mir der gerechte Richter übergeben wird“, noch der Jünger, der an Jesu Brust gelegen hatte, noch derjenige, der die Stimme Gottes vernahm: „Vor allen habe ich dich erkannt“.
5 Minuten
Wiederum sprach sie: "Es ist gefahrvoll, wenn einer lehren will, der nicht durch das tätige Leben hindurchgegangen ist. Wie wenn einer, der ein baufälliges Haus hat, Gäste aufnimmt und sie durch den Einsturz des Hauses beschädigt, so richten auch diejenigen, die sich nicht selbst zuerst auferbaut haben, jene zugrunde, die sich ihnen anschließen. Mit den Worten rufen sie zum Heile, durch die Schlechtigkeit des Wandels fügen sie den Kämpfern Unrecht zu."
6 Minuten
In dieser Weise erscheint uns Gott selbst vor Allen als der Urheber der guten und milden Werke. Denn die Erschaffung der Erde, den Schmuck des Himmels, den geordneten Wechsel der Jahreszeiten, die Wärme der Sonne, die abkühlende Bildung des Eises und alles Übrige bewirkt Gott ohne Unterbrechung nicht für sich selbst, (denn er bedarf hievon Nichts,) sondern für uns. Denn unsichtbar erzeugt er aus der Erde die Nahrung der Menschen, säet zur rechten Zeit und besorgt weise die Bewässerung. Denn er gibt, wie Isaias sagt, Samen dem Sämann,und das Wasser aus den Wolken läßt er jetzt ruhig auf die Erde niederträufeln und dann wieder mit Ungestüm sich in den Furchen ergießen. Wenn aber die Saat emporwächst und die grüne Farbe verschwindet, so verscheucht er die Wolken vom ganzen Himmel und bietet ihr dann die Sonne frei von jeder Umhüllung dar, die ihren warmen und feurigen Strahl aussendet, damit die Ähren zum Schnitte reif werden. Er nährt auch den Weinstock und bereitet dem Durstigen den Trank zur rechten Zeit und nährt uns verschiedenartige Herden, damit die Menschen Überfluß an Lebensmitteln haben und die Felle der einen, indem sie Wolle hervorbringen, uns Kleidung gewähren, die der andern aber uns Schuhe verschaffen. Du siehst, daß der Erste, der die Wohlthätigkeit gerne ausübt. Gott ist, der in dieser Weise den Hungrigen nährt, den Durstigen tränkt und den Nackten bekleidet, wie wir im Vorhergehenden gesagt haben.
3 Minuten
Da war einer, der in der Wüste nach wilden Tieren Jagd machte. Er sah, wie Altvater Antonios mit den Brüdern Kurzweil trieb, und er nahm Ärgernis daran. Da nun der Greis ihm klarmachen wollte, dass man sich zuweilen zu den Brüdern herablassen müsse, sprach er zu ihm: "Lege deinen Pfaeil auf den Bogen und spanne!" Er machte es so. Da sagte er zu ihm: "Spanne noch mehr!", und er spannte. Abermals forderte er ihn auf: "Spanne!" Da antwortete ihm der Jäger: "Wenn ich über das Maß spanne, bricht der Bogen." Da belehrte ihn der Greis: "So ist es auch mit dem Werk Gottes. Wenn wir die Brüder übers Maß anstrengen, versagen sie schnell. Man muss also den Brüdern ab und zu entgegenkommen." Als der Jäger das hörte, ging er mit großem Gewinn von dannen.
5 Minuten
Von uns wird sich niemand aus irgendwelcher Lebenslage dem Danke verschließen, wenn er alles vernünftig überlegen will. Das Leben eines jeden aus uns bietet ja zahlreiche erfreuliche Betrachtungsmöglichkeiten, sofern wir nur auf die unter uns Stehenden schauen wollten und so aus einer Vergleichung unserer guten Lage mit einer weniger guten ermessen möchten, wie gut wir es haben. Du bist Knecht? Du hast dann doch einen, der tiefer als du stehst. Danke, daß du über dem einen stehst, daß du nicht zur Mühle verdammt bist, daß du keine Schläge erhältst! Doch auch diesem verbleibt noch mancher Anlaß zum Danke. Er trägt keine Fesseln, ist an kein Holz gebunden. Der Gefesselte aber hat mit dem Leben Anlaß genug zum Danke: Er sieht die Sonne, atmet die Luft; dafür weiß er Dank. Du wirst ungerecht gestraft? Freue dich der Hoffnung auf die künftigen Güter! Du wardst mit Recht verurteilt? Auch dann danke, daß du hier für deinen Übermut büßen kannst und nicht wegen ungebüßter Sünden ewiger Strafe überantwortet wirst. In diesem Sinne kann ein verständiger Mensch für sein ganzes Leben und in allen Lebenslagen dem Wohltäter für gewährte Güter innig danken. — Nun aber sind die meisten Menschen mißvergnügt, weil sie ihr gegenwärtiges Glück nicht schätzen und nach Gütern verlangen, die nicht zur Verfügung stehen. Sie zählen nicht die, welche dürftiger als sie sind, um so dem gütigen Geber ihrer Gaben zu danken, sondern sie vergleichen sich mit den reicheren und denken an ihr Defizit, jammern und klagen über die Glücksgüter der andern, als wären sie der eigenen beraubt worden.
4 Minuten
Was ist törichter, als an einem Menschen, was nicht ihm gehört, zu rühmen? Was alberner als jener, der das bestaunt, was unverzüglich auf einen anderen übertragen werden kann? Goldene Zügel machen ein Pferd nicht besser. Niemand darf sich dessen rühmen, was nicht sein eigen ist. Wir loben den Weinstock, wenn seine Ranken schwer von Früchten sind, wenn er sogar die Stützen durch das Gewicht des Ertrages auf den Boden drückt: Würde irgendwer desem einen solchen vorziehen, von dem goldene Trauben, goldene Blätter herabhängen? Der wesensgemäße Wert im Weinstock ist seine Ergiebigkeit; auch am Menschen muss man das loben, was ihm eigen ist. Er hat eine ansehnliche Dienerschaft und ein schönes Haus, er baut viel an, verleiht viel Geld und verdient am Zins; nichts davon ist in ihm selbst, sondern um ihn herum. Preise an ihm, was weder genommen noch gegeben werden kann, was das spezifische Merkmal des Menschen ist. Du fragst, was das ist? Der Geist und die im Geist vollkommene Vernunft.
5 Minuten
Was also liebe ich, wenn ich Gott liebe? Wer ist der, der noch über das Haupt meiner Seele erhaben ist? Durch meine Seele selbst will ich zu ihm hinaufsteigen. Ich will hinausgehen über jene Kraft in mir, mit der mein Ich am Körper haftet und sein Gefüge belebt und erfüllt.

In dieser Kraft finde ich meinen Gott nicht, denn sonst fänden ihn „Roß und Maultier, die keinen Verstand haben“; ihre Körper belebt ja die nämliche Kraft. In mir lebt noch eine weitere Kraft. Durch sie stattet mein Ich den Leib, den mir der Herr gebildet hat, nicht nur mit Leben, sondern auch mit Empfindung aus: sie befiehlt dem Auge, nicht zu hören, sondern zu sehen, und dem Ohre, nicht zu sehen, sondern zu hören, und weist ebenso auch jedem einzelnen der übrigen Sinne seinen Sitz und seine Verrichtung an; und wenn ich auch noch so Verschiedenes durch sie verrichte, so ist es doch ein und dieselbe Seele.

Aber auch über diese Kraft in mir muß ich hinausgehen; diese besitzen auch Roß und Maultier, denn auch ihr Körper hat Sinne.
4 Minuten
Folgende Schlüsse sind falsch: „Ich bin reicher als du – also bin ich dir überlegen.“ – „Ich kann besser reden als du – also bin ich dir überlegen.“ Folgerichtiger sind die Sätze: „Ich bin reicher als du – also ist mein Besitz dem deinen überlegen.“ Und: „Ich kann besser reden als du – also ist meine Redekunst deiner überlegen.“ Du bist doch selbst nicht dein Besitz und auch nicht deine Redekunst.
5 Minuten
„Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden,“ die, welche mitwirken mit dem Sohne Gottes, welcher Friede gemacht und versöhnt hat den Vater mit den Geschöpfen. Denn wer entsagt hat dem schlechten Aufruhr und der Unruhe und dem Zorne und der schlechten Begierlichkeit und beruhigt ist in der Liebe, ein Solcher hat den Grund der Ruhe der vernünftigen Seele in Christo. Wie der Sohn Gottes, welcher die Unruhe aufhob, welche wegen der Schulden der Sünden unter den Menschen war und den Frieden verkündigte, ebenso, sagt er, sollen wir friedfertig sein, damit wir seine Brüder werden, gleichend dem Friedfertigen. Denn wenn der Mensch, ob in großen Dingen oder in kleinen, friedfertig ist, wegen Gott und wegen der Erlösung der Menschen, so hebt er die schädliche Feindschaft der Seele und des Leibes auf und besitzt den Namen und den Ruhm des Sohnes Gottes im Schmucke der Tugend, rein und unbefleckt und makellos friedfertig in Christo, und er wird hienieden ausgezeichnet und geehrt und wird dort erhoben und verherrlicht durch die friedeschaffende Seligkeit in Christo.
4 Minuten
Ihr lebt, als würdet ihr immer leben. Nie kommt euch in den Sinn, wie karg ihr bedacht seid. Ihr beobachtet nicht, wie viel Zeit schon vorübergegangen ist; ihr geht mit ihr um, als ob ihr die Hülle und Fülle hättet, da inzwischen vielleicht gerade der Tag, den ihr einem Menschen oder einer Sache opfert, der letzte ist. Alles fürchtet ihr als die Sterblichen. Als wärt ihr unsterblich, begehrt ihr alles. Du kannst manche sagen hören: mit dem fünfzigsten Geburtstag will ich mich vom Kriegsdienst in die Ruhe begeben. Das sechzigste Jahr soll mich von den Staatsämtern frei machen. Und wen bekomst du dann zum Bürgen für dein längeres Leben? Wie soll das gerade so kommen, wie du es ausmachst? Schämst du dich nicht, die Hefe des Lebens für dich zu behalten, und für den edlen Geist nur die Zeit zu bestimmen, die zu nichts mehr verwendet werden kann?
6 Minuten
Verleihe mir, o Herr, die rechte Erkenntnis und Einsicht, ob man dich erst anrufen oder preisen, erst dich erkennen oder anrufen muß! Aber wer ruft dich an, ohne dich zu kennen? Könnte er doch leicht in seiner Unwissenheit einen anderen für dich anrufen! Oder wirst du etwa angerufen, um erkannt zu werden? „Wie aber soll man den anrufen, an den man nicht geglaubt? Wie aber wird man glauben ohne Prediger“? „Loben werden den Herrn, die ihn suchen“. Denn wer sucht, der findet ihn, und wer ihn findet, wird ihn preisen. So will ich dich denn suchen, o Herr, indem ich dich anrufe, und dich anrufen, da ich an dich glaube; denn du bist uns verkündet worden. Dich, o Herr, ruft an mein Glaube, den du mir gegeben, den du mir eingehaucht hast durch die Menschwerdung deines Sohnes, durch das Amt deines Predigers.
4 Minuten
Sooft du herausfinden willst, ob etwas zustande gebracht worden ist, achte darauf, ob du heute dasselbe willst wie gestern: Eine Willensänderung zeigt an, dass der Geist sich treiben lässt, dass er bald hier, bald dort erscheint, wie gerade der Wind weht. Nicht irrt umher, was festgemacht und gut verankert ist; dies trifft auf den vollkommenen Weisen zu, bis zu einem gewissen Grad auch auf einen Fortschreitenden und Vorangekommenen. Worin liegt der Unterschied? Dieser wird zwar erschüttert, geht jedoch nicht in die Irre, sondern wankt an Ort und Stelle; der Weise lässt sich nicht einmal erschüttern.
5 Minuten
Gebet ist die Bitte um eine Gabe, die der Gläubige an Gott richtet. Diese Bitte äußert sich aber durchaus nicht bloß in Worten. Wir nehmen ja nicht an, daß Gott mit Worten (an etwas) erinnert werden muß, daß er vielmehr, auch ohne daß wir bitten, weiß, was uns frommt. Was wollen wir damit sagen? Daß unser Gebet nicht in Silben aufgehen darf, sondern daß die Kraft des Gebetes mehr in der Gesinnung der Seele und in tugendhaften Handlungen, die auf das ganze Leben sich erstrecken, ruht. „Denn mögt ihr essen“, sagt Paulus, „oder trinken oder etwas anderes tun, tut alles zur Ehre Gottes!“ Setzest du dich zu Tisch, so bete! Nimmst du Brot, so dank’ dem Geber! Stärkst du den schwachen Leib mit Wein, so denk’ an den, der dir die Gabe zur Freude deines Herzens und zur Behebung deiner Schwächen reicht! Ist die Einnahme der Mahlzeit vorüber, so soll damit die Erinnerung an den Wohltäter nicht vorübergehen. Ziehst du das Kleid an, so dank’ dem, der es dir gegeben! Wirfst du den Mantel um, so wachse in der Liebe zu Gott, der uns für Winter und Sommer mit passenden Kleidern versehen hat, mit Kleidern, die unser Leben schützen und unsere Scham decken. Ist der Tag vorüber, so danke dem, der uns die Sonne für das Tagewerk gegeben und das Feuer zur Erhellung der Nacht und zur Befriedigung der übrigen Lebensbedürfnisse verliehen hat! Die Nacht biete weitere Anlässe zum Gebet! Schaust du zum Himmel empor und betrachtest die Schönheit der Sterne, so bete zum Herrn der sichtbaren Welten, bete an den großen Meister des Weltalls, der alles in Weisheit gemacht hat! Siehst du die ganze lebende Kreatur in Schlaf versenkt, so bete wieder den an, der auch wider unseren Willen durch den Schlaf unsere Arbeiten unterbricht und durch kurze Ruhe uns wieder zur vollen Kraft kommen läßt.