Beim ersten Hahnenschrei Archiv
419 Episoden
5 Minuten
Uns hat Christus in kurzen, aber treffenden Worten gelehrt, was recht, geziemend und nützlich ist, kurz, was nur irgendwie zum Begriff der Tugend gehört. Das eine Mal hat er gesagt: „In zwei Geboten sind Gesetz und Propheten enthalten, in der Liebe zu Gott und in der Liebe zum Nächsten“; und ein anderes Mal sagte er: „Was immer ihr wünschet, daß euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen. Denn darin liegen das Gesetz und die Propheten beschlossen“. Ja, das kann auch ein Bauer, ein Knecht oder eine Witwe, selbst ein Kind und sogar ein offenbar ganz einfältiger Mensch mit Leichtigkeit erfassen und verstehen. So ist es ja immer mit der Wahrheit, und auch die Tatsachen bestätigen dies. Denn alle erfuhren da, was sie zu tun hätten; und sie erfuhren es nicht bloß, sondern bemühten sich auch, darnach zu leben; und das nicht bloß in den Städten und in der großen Öffentlichkeit, nein, selbst auf den einsamen Höhen der Berge. Denn auch dort kannst du gar viele Lebensweisheit finden, Engelchöre in Menschengestaltleuchten und das Leben im Himmel auf Erden verwirklicht sehen. Ja diese Fischer haben uns eine Lebensnorm hinterlassen und nicht wie die Philosophen eigens befohlen, daß man sie schon von Jugend an beobachten müsse, auch nicht für den, der nach Tugend streben wollte, ein bestimmtes Alter vorgeschrieben, sondern sich unterschiedslos an jedes Alter gewandt.
5 Minuten
Mancher, der jemandem eine Gefälligkeit erwiesen hat, ist sogleich bei der Hand, sie ihm in Rechnung zu stellen. Ein anderer ist zwar dazu nicht sogleich bereit, denkt sich aber doch denselben in anderer Hinsicht als seinen Schuldner und hat den geleisteten Dienst immer in Gedanken. Ein dritter hingegen weiß gewissermaßen nicht einmal, was er geleistet hat; er ist dem Weinstocke gleich, der Trauben trägt und nicht weiter will, zufrieden, dass er seine Frucht gegeben hat. Wie ein Pferd, das dahin rennt, ein Hund nach der Jagd und eine Biene, die ihren Honig bereitet. So der Mensch, der Gutes getan hat. Er posaunt es nicht aus, sondern schreitet zu einem anderen guten Werke, wie der Weinstock sich berankt, um zu seiner Zeit wieder Trauben zu tragen. Man soll also denjenigen sich anschließen, die hierin gewissermaßen ohne Überlegung handeln? Allerdings! Aber, sprichst du, man muss doch wissen, was man tut, und einem geselligen Weisen ist es, wie’s heißt, eigentümlich zu wissen, dass es zum Nutzen der Gesellschaft wirkt, und bei Gott! Auch zu wollen, dass sein Mitgenosse das empfinde. Wohl wahr, was du da sagst; aber du verstehst den Sinn meiner Worte nicht recht und wirst deshalb zur Klasse derjenigen gehören, deren ich zuvor gedacht habe. Denn sie lassen sich durch einen gewissen Schein von Vernunftmäßigkeit irreführen. Willst du hingegen des wahren Sinn meiner Äußerung erfassen, so fürchte nicht, darüber irgendeine gemeinnützige Handlung zu unterlassen.
4 Minuten
Ein Weltweiser fragte den heiligen Antonios: „Wie kannst du zufrieden sein, Vater, der du des Trostes der Bücher beraubt bist?“ Jener antwortete: „Mein Buch, o Weltweiser, ist die Natur der geschaffenen Dinge, die mir, so oft ich die Worte Gottes zu lesen mich sehne, jederzeit offen vor Augen liegt.“
5 Minuten
Was sollten wir vor allem anderen lernen als schweigen, um reden zu können, auf daß nicht mein Wort mich verurteilt, bevor ein fremdes mich losspricht? Denn es steht geschrieben: „Aus deinen eigenen Worten wirst du verurteilt werden“. Wozu mit Reden die Gefahr der Verurteilung gewärtigen, wenn mit Schweigen sich sicherer leben läßt? Gar viele sah ich mit Reden in Sünde geraten, kaum einen mit Schweigen. Zu schweigen wissen, ist nun schwieriger als zu reden. So mancher, wie ich weiß, redet, da er nicht zu schweigen versteht. Nur selten kommt es vor, daß einer schweigt, da ihm reden frommen würde. Weise ist sonach, wer zu schweigen versteht. So sprach denn auch die Weisheit Gottes: „Der Herr gab mir eine kundige Zunge, wenn es nötig wäre zu sprechen“. Mit Recht also ist weise, wer vom Herrn es empfängt, wann er sprechen soll. Daher das treffliche Schriftwort: „Der Weise schweigt bis zu seiner Zeit“.
6 Minuten
Groß, o mein Gott, ist die Macht des Gedächtnisses, überaus groß; ein weites, unermeßliches, inneres Heiligtum. Wer hat es je gegründet? Und das ist eine Kraft meines Geistes und gehört zu meiner Natur; aber dennoch fasse ich nicht ganz das, was ich bin. Also ist der Geist zu enge, um sich selbst zu fassen? Wo mag das sein, was er von sich nicht faßt? Etwa außer ihm und nicht in ihm selbst? Warum also faßt er es dann nicht? Gewaltige Verwunderung erfaßt mich, und Staunen ergreift mich deshalb. Und die Menschen gehen und bewundern die Höhen der Gebirge, die gewaltigen Wogen des Meeres, den breiten Fluß der Ströme, den Umfang des Ozeans und den Umlauf der Gestirne, auf sich selbst aber achten sie nicht, sie wundern sich nicht, daß ich dies alles, während ich davon sprach, nicht mit Augen sah,und doch würde ich nicht davon sprechen, wenn ich nicht Berge und Fluten und Ströme und Gestirne, die ich gesehen, und den Ozean, von dessen Vorhandensein ich nur gehört habe, innen in meinem Gedächtnisse in eben so gewaltiger Ausdehnung wie draußen in der Wirklichkeit erblickte. Und doch habe ich diese Gegenstände nicht etwa, als ich sie mit Augen sah, in mich aufgenommen; auch sind sie gar nicht selbst bei mir, sondern nur ihre Bilder, und ich weiß nur, welcher Sinn meines Körpers mir ihre äußere Form vermittelt hat.
5 Minuten
Wenn du die göttliche Natur ergründen willst, wenn du zu wissen wünschest, was Gott sei, dann merke, daß du es nicht weißt. Darüber brauchst du dich jedoch nicht zu betrüben; denn selbst die Engel wissen es nicht, und auch kein anderes Geschöpf weiß es. Doch bin ich auf den Einwand gefaßt: „Warum glaube ich denn, was ich nicht begreife?“ Ja, warum bin ich denn ein Christ, da ich doch nicht weiß, wie ich ein Christ geworden bin? Ich will ganz einfach sprechen, ehe ich die Heilige Schrift anführe. Mein Christ, warum kommst du dir so unwissend vor? Wenn du weißt, daß du nichts weißt, wirst du dir dann im Gegenteil nicht vorkommen als einer, der ein größeres Wissen sein eigen nennt? Der Heide sieht einen Stein und hält ihn für Gott, der Philosoph betrachtet das Firmament und nimmt in ihm seinen Gott wahr. Andere erblicken die Sonne, und sie scheint ihnen Gott zu sein. Du aber bedenke, wie weit du diese Leute an Wissen überragst, wenn du sagst: „Ein Stein kann nicht Gott sein; die Sonne, die auf Geheiß eines anderen ihre Bahnen wandelt, kann nicht Gott sein“. Unter dem Bekenntnis deiner Unwissenheit verbirgt sich ein größeres Wissen.
5 Minuten
Mit einem treuen Freunde ist nichts zu vergleichen, und nichts wägt seine Güte auf“ „Ein treuer Freund ist ein starker Schutz“ und eine feste Burg. Ein treuer Freund ist ein lebender Schatz. Ein treuer Freund ist „mehr als Gold und viele Edelsteine“. Ein treuer Freund ist „ein geschlossener Garten, eine versiegelte Quelle“, welche zur rechten Zeit dem Zutritt geöffnet wird. Ein treuer Freund ist ein Hafen der Erholung. Zeichnet sich der Freund auch durch Klugheit aus, wie groß ist dann sein Wert! Und steht er auch noch hoch an Weisheit, an Kenntnissen aller Art ― ich denke an unser Wissen, auch an das, welches ich einst besessen hatte ―, wieviel herrlicher ist sein Glanz! Wenn er auch noch „Sohn des Lichtes“, „Mann Gottes“, „Wanderer zu Gott“ oder „Mann des besonderen Verlangens“ genannt zu werden verdient, mit welchen Bezeichnungen die Schrift jene Idealisten beehrt, welche in Gott wohnen, und deren Anteil der Himmel ist, so offenbart sich hierin bereits Gottes Gnade und ein deutliches Wirken über unsere Verdienste hinaus. Wenn aber auch noch diese Gnade von dem Freunde auf uns übergeht, so bereitet uns diese noch mehr Freude und Wonne als der Freund, mag dieser auch durch seine Tugenden und durch seine Liebe zu uns so wertvoll sein wie unsere eigene Person, und noch mehr Wohlgeruch als das Salböl, welches den Bart des Priesters und die Borden seines Gewandes auszeichnete.
4 Minuten
Einen Gefallen erblickte Theodosius glorreichen Andenkens darin, wenn man ihn um Verzeihung bat; und desto näher stand er der Nachsicht, je mehr die Zorneswallung ihn anwandelte. Ein günstiges Vorzeichen der Vergebung war es, wenn er entrüstet war; und man wünschte an ihm, was man an anderen fürchtete, den Zorn. Das war das Heil der Angeklagten: obschon er über alle Gewalt hatte, wollte er lieber wie ein Vater rügen, denn als Richter strafen. Oft sahen wir Schuldige, die er strenge tadelte, zittern — und sie wurden, ihrer Missetat überführt, von der Schuld freigesprochen, nachdem sie bereits die Hoffnung aufgegeben hatten. Zur Einsicht wollte er sie bringen, nicht sie büßen lassen, ein Richter mit gerechter Wage, doch kein Strafrichter, da er keinem Geständigen die Verzeihung verweigerte.
5 Minuten
Wir sollen nämlich unserer eigenen Natur entsprechend von den heiligsten Gebilden aus zu den einfachen und bildlosen Aufschwüngen und Verähnlichungen erhoben werden. Denn es ist unserm Geiste gar nicht möglich, zu jener immateriellen Nachahmung und Beschauung der himmlischen Hierarchien sich zu erheben, wofern er sich nicht der ihm entsprechenden handgreiflichen Führung bedienen wollte. Und diese findet er darin, daß er die in die äußere Sichtbarkeit tretenden Schönheiten als Abbilder der unsichtbaren Herrlichkeit studiert, darin daß er die sinnlich wahrnehmbaren Wohlgerüche als Typen der geistigen Ausstrahlung und die materiellen Lichter als ein Sinnbild der immateriellen Lichtergießung betrachtet; darin daß er die ausführlichen heiligen Lehrvorträge als einen Widerhall der geistigen, in Beschauung gewonnenen Befriedigung, die Rangstufen der irdischen (kirchlichen) Ordnungen als einen Abglanz des harmonischen und wohlgeordneten Verhältnisses zum Göttlichen, die Teilnahme an der göttlichen Eucharistie als eine Darstellung der Gemeinschaft mit Jesus erkennt. Und das Gleiche gilt von allen übrigen Dingen, welche den himmlischen Naturen auf eine überweltliche, uns aber auf eine symbolische Weise gewährt sind.
5 Minuten
Wir alle wirken zusammen auf ein Ziel hin, die einen mit Bewusstsein und Einsicht, die anderen unbewussterweise. Ja sogar diejenigen, die schlafen, sind, wie, wie ich meine Heraklit gesagt hat, Arbeiter und Mitarbeiter an dem, was in der Welt geschieht. Jeder aber arbeitet auf andere Art mit, selbst der Tadler wirkt viel, der dem, was geschieht, entgegenzutreten und es, wenn möglich, zu beseitigen sucht. Denn auch eines solchen Menschen bedurfte die Welt. Siehe du nun übrigens zu, welchen du dich anschließen willst. Zwar wird der Beherrscher des Alls dich auf jeden Fall dem jeweiligen Zweck entsprechend zu verwenden wissen und dich als ein Glied unter die Zahl der Mitarbeiter und Gehilfen aufnehmen. Du aber hüte dich, dass du kein solches Glied wirst wie jener bedeutungslose und lächerliche Vers in der Komödie, von dem Chrysipp gesprochen hat.
4 Minuten
Man hüte sich vor Zorn! Oder kann man ihm nicht vorbeugen, dämpfe man ihn! Denn die Erbitterung ist eine schlimme Verführerin zur Sünde. Sie verwirrt die Seele, so daß sie vernünftiger Überlegung nicht mehr fähig ist. Das erste nun ist, daß einem womöglich durch eine Art Gewöhnung, durch Herzensbildung und Vorsatz die Ruhe im Verhalten zur zweiten Natur werde. Weil sodann die Zornesregung zumeist so tief dem natürlichen Charakter anhaftet, daß sie sich nicht (von vornherein) ausrotten oder verhüten läßt, unterdrücke man sie durch die Vernunft, wenn man sie voraussehen kann. Oder aber man überlege, wenn die Seele von Erbitterung erfaßt wurde, bevor sich durch Überlegung dagegen vorbauen und vorsehen ließ, wie man die seelische Erregung überwinden, den Jähzorn dämpfen könne. Widersteh dem Zorn, wenn du es kannst; weich ihm, wenn du es nicht kannst!
3 Minuten
Abbas Poimen sprach: Da ist ein Mensch, der scheint zu schweigen, aber sein Herz verurteilt andere. Ein solcher redet in Wirklichkeit ununterbrochen. Und da ist ein anderer, der redet von der Frühe bis zum Abend, und doch bewahrt er das Schweigen, das heißt, er redet nichts Nutzloses.
4 Minuten
Wenn ihr nun meine Worte freudig aufnehmt, so werdet ihr zur zweiten Klasse der bei Hesiod Belobten gehören; wenn aber nicht, so möchte ich euch nichts Unangenehmes sagen, wohl aber sollt ihr selbst euch der bekannten Verse erinnern, in denen er sagt: „Der Beste ist der, der von sich aus weiß, was er zu tun hat; trefflich auch der der von andern sich belehren läßt; wer aber zum einen nicht taugt und nicht zum andern, der ist unnütz zu allem.“ Wundert euch nicht, wenn ich behaupte, ich hätte für euch, die ihr doch täglich eure Lehrer besucht und mit den berühmtesten Männern des Altertums durch deren literarische Hinterlassenschaft in Fühlung steht, noch etwas Eigenes und besonders Wertvolles zu sagen. Eben das, was ich euch jetzt anraten will, ist [der Rat], ihr mögt doch nicht diesen Männern ein für allemal gleichsam Steuer und Segel eures Geistes anheimgeben und ihnen dahin folgen, wohin sie euch führen, vielmehr euch darüber klar werden, was neben dem Nützlichen, das ihr aus ihnen schöpft, bei ihnen auch zu übergehen, habt.
5 Minuten
Ist es euch klar, dass wir aus Seele und Körper zusammengesetzt sind? Als alle zustimmten, antwortete Navigius, dass er es nicht wisse. Darauf sagte ich: Weißt du gar nichts, oder ist dies unter den Dingen, die du nicht weißt, auch zu zählen? Ich glaube nicht, sagte er, dass ich alles nicht weiß. Kannst du uns etwas von dem sagen, was du weißt? Das kann ich, sagte er. Wenn es dir keine Umstände macht, sagte ich, dann sag etwas. Und während er zögerte, fragte ich: Weißt du zumindest, dass du lebst? Ja, sagte er. Du weißt also, dass du Leben hast, denn niemand kann ohne Leben leben. Das weiß ich auch, sagte er. Weißt du auch, dass du einen Körper hast? Er stimmte zu. Also weißt du jetzt, dass du aus Körper und Leben bestehst. Das weiß ich vorerst; aber ob dies die einzigen Dinge sind, bin ich unsicher. Also, sagte ich, zweifelst du nicht daran, dass es diese beiden Dinge gibt, Körper und Seele; aber du bist unsicher, ob es noch etwas anderes gibt, das dazu beiträgt, den Menschen zu vervollständigen und zu perfektionieren. So ist es, sagte er. Was das sein mag, werden wir ein anderes Mal untersuchen, wenn wir können, sagte ich. Jetzt frage ich alle, da wir alle zugeben, dass ein Mensch weder ohne Körper noch ohne Seele existieren kann, warum wir Nahrung für eines von beiden suchen. „Für den Körper“, sagte Licentius. Die anderen zögerten jedoch und diskutierten untereinander, wie Nahrung als notwendig für den Körper erscheinen könnte, wenn sie für das Leben gesucht würde und das Leben nur auf die Seele bezogen wäre. Dann sagte ich: Scheint es euch, dass die Nahrung zu dem Teil gehört, den wir durch Nahrung wachsen und kräftiger werden sehen?
6 Minuten
Seid nie untereinander zerstritten. Sollte es doch einmal zum Streit kommen. dann macht so schnell wie möglich Schluß damit. Sonst wächst der Zorn zum Haß. Dann wird ein Splitter zum Balken und macht aus eurem Herzen eine Mördergrube. Denn es steht geschrieben: jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Mörder. Wenn du einen Bruder verletzt hast, indem du ihn ausgeschimpft, verwünscht oder zu Unrecht schwer beschuldigt hast, dann denk daran, das Unheil, das du angerichtet hast, so schnell wie möglich durch deine Entschuldigung wiedergutzumachen; und der Bruder, der verletzt wurde, soll dir seinerseits ohne große Umstände verzeihen. Wenn sich zwei aber gegenseitig beleidigt haben, dann müssen sie sich auch gegenseitig ihre Schuld vergeben, andernfalls wird euer "Vater unser"-Beten zur Lüge.