Beim ersten Hahnenschrei Archiv
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6 Minuten
„Im Anfang“ so beginnt Moses. Eine treffliche Anordnung! Erst betont er, was man zu leugnen pflegt; erst sollte der Mensch erkennen, daß die Welt einen Anfang hatte, damit er die Welt nicht für anfangslos halte. Darum hebt auch David, da er vom Himmel und der Erde und dem Meere redete, hervor: „Alles hast du mit Weisheit gemacht“. Er Moses sprach sonach der Welt einen Anfang, sprach desgleichen der Schöpfung Unzulänglichkeit zu, daß wir sie nicht für ἄναρχος [anarchos] (anfangslos), nicht für ungeschaffen und göttlicher Wesenheit teilhaftig hielten. Und dazu das treffliche „hat geschaffen“, womit der Annahme eines zeitlichen Verlaufes des Schöpfungsaktes vorgebeugt werden sollte. So doch wenigstens sollten die Menschen einsehen, wie unvergleichlich der Schöpfer ist, der ein so gewaltiges Werk in einem so winzig kurzen Augenblick seines Wirkens vollführte, daß die Ausführung seiner Willenstat jedem merklichen Zeitverlauf vorausging. Niemand sah ihn schaffen, er sah vielmehr nur das geschaffene Werk vor sich. Wo könnte auch von einer Zeitfrist die Rede sein, wenn man liest: „Er sprach und es ward, er befahl und es war erschaffen“? Nicht also eines Kunst-, nicht eines Kraftaufwandes bedurfte es für den, der im Nu mit seinem Willensakte die majestätische Pracht eines so gewaltigen Werkes vollendete, so daß er das Nichtseiende plötzlich so ins Dasein setzte, daß weder die Schöpfung dem Willensakte noch der Willensakt der Schöpfung vorausging.
7 Minuten
Wann lernt einer Sparsamkeit der sich an reichbesetzte Tafeln und üppige Schmausereien gewöhnt hat? Und wer durch seine kostbaren Kleider Aufsehen erregte und in Gold und Purpur strahlte, wann steigt der wieder zu gewöhnlicher und einfacher Kleidung herab? Der andere dort, der an Faszen und Ehrenstellen seine Freude hatte, vermag nicht mehr als Bürger ohne Amt und Würde zu leben; der hier, der immer von den dichten Haufen seiner Klienten umringt war und durch die zahlreiche Begleitung einer dienstbeflissenen Schar sich ausgezeichnet fühlte, hält es für eine Strafe, wenn er sich allein sieht. Mit ihren stets bestrickenden Lockungen muß ihn doch immer, wie bisher, die Völlerei verführen, der Hochmut aufblasen, der Zorn entflammen, die Raubgier beunruhigen, die Grausamkeit anstacheln, der Ehrgeiz ergötzen, die Wollust mit sich fortreißen.So dachte ich oft bei mir. Denn auch ich war durch ziemlich viele Irrtümer in meinem früheren Leben in Banden gehalten und hätte nicht geglaubt, daß ich davon loskommen könnte. So völlig war ich den mir anhaftenden Lastern ergeben, und in der Verzweiflung an einer Besserung hielt ich es mit meinen Übeln wie mit unbedingt zugehörigen Hausgenossen, Nachdem aber mit Hilfe des lebenspendenden Wassers der Taufe der Schmutz der früheren Jahre abgewaschen war und sich in die nun entsühnte und reine Brust von oben her das Licht ergossen hatte, nachdem ich den himmlischen Geist eingesogen hatte und durch die zweite Geburt in einen neuen Menschen umgewandelt war, da wurde mir plötzlich auf ganz wunderbare Weise das Zweifelhafte zur Gewißheit, das Verschlossene lag offen, das Dunkel lichtete sich, als leicht stellte sich dar, was früher schwierig erschien, und ausführbar wurde das, was zuvor als unmöglich galt.
6 Minuten
Der Zaun ist’s ja, mit dem man einen Fruchtacker umfriedet, diebischem Einbruche wehrt, der das bebaute Land einschließt, Ödland hiervon absondert. Eine Mauer umschließt auch das Haus. Solange sie fortbesteht, ist das Haus sicher; darum denn auch das Wort: „Wegnehmen will ich (des Weinbergs) Mauer, und er wird zur Verheerung sein‟. Wir wünschten, es möchte diese Mauer unseres Hauses, des geistigen Hauses in uns, unversehrt bleiben. Denn nicht von Menschenhand lässt sie sich erbauen, sondern nur vom lebendigen Gotte, der da spricht: „Und eine Mauer habe ich ringsum aufgeführt‟. Der Untergang der Mauer bedeutet darum den Untergang des Heiles. Fortbestehen soll demnach die Mauer, fortbestehen dieser Zaun! Willst du dich von der Nützlichkeit des Zaunes überzeugen? „Umzäune deine Ohren mit Dornen und Hecken, und höre nicht auf eine boshafte Zunge!‟ Dieser Zaun schützt dich nämlich vor Schuld.
4 Minuten
Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen. So ist der Tod an und für sich nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so vorgekommen; vielmehr ist die vorgefaßte Meinung von ihm, daß er etwas Schreckliches sei, das Schreckhafte. Wir wollen daher, wenn wir von etwas gehindert, beunruhigt oder betrübt werden, niemals andere anklagen, sondern uns selber, nämlich unsere Meinung davon. Seines Unglücks wegen andere anklagen, ist die Art der Ungebildeten, sich selbst, die der Anfänger, doch sich, die der gebildeten und vollständig erzogenen.
4 Minuten
Wenn nach der Verschleuderung in tausenderlei Dinge immer noch Reichtum im Überfluß vorhanden ist, wird er in der Erde vergraben und in Geheimfächern aufbewahrt. Denn die Zukunft ist ungewiss [so räsoniert man], und es kann sein, dass uns irgendwelche unerwartete Bedürfnisse erwachsen. Ungewiss ist in der Tat, ob du je dazu kommen wirst, das vergrabene Gold zu gebrauchen. Nicht ungewiss aber der Schaden, der aus solch unmenschlichem Verhalten folgt. Da du den Reichtum trotz Tausender von Einfällen nicht aufzubrauchen vermochtest, vergrubst du ihn in der Erde – welch gewaltiger Unsinn! Solange das Gold in der Erde war, durchwühltest du sie, um es herauszuholen, und jetzt, nachdem du es herausgeholt hast, läßt du es wieder in der Erde verschwinden! Es widerfährt dir, so glaube ich, was der Herr sagt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6,21), und zusammen mit dem Reichtum hast du auch dein Herz vergraben.
5 Minuten
Und zum Beispiel jene, die die Bauten bauen, schämen sich niemals, wenn sie jemand sieht, daß sie Rohr zusammenlesen und Holz schlagen und Felsen wälzen und Steine tragen, und es ist gar nicht möglich, ihre Tätigkeit zu verbergen, wie auch niemand von uns sich schämen muß über diese gute und schöne Frucht, die wir bauen; und es ist für uns nicht möglich, um verborgen zu bleiben, die Pforten der Kirche zu betreten, wenn wir die Kranken besuchen, Almosen geben, im Gebete verharren und das Fasten beobachten. Und wenn sich jemand hierbei schämt, so kann er nicht ein Element des Gebäudes der Gottheit sein. Aber diejenigen, die ihre Bauten bauen, obwohl das Bauen selbst nicht verborgen ist, handeln beim Tragen gleichwohlnicht und bringen herbei, was etwa nötig ist zum Material des Baues, damit ihre Genossen sie sehen und loben sollen, sondern ihrer selbst wegen strengen sie sich an und arbeiten sie; anderseits sehen auch Außenstehende, daß jene nicht, um von den Menschen gelobt zu werden, sich anstrengen. So auch wir: nicht ist’s recht, sich zu verbergen, und anderseits dürfen wir nicht handeln, damit uns die Menschen sehen und loben, und nicht wegen anderer Lob wollen wir uns beeilen, sondern damit einige [sehen], daß wir unserer selbst wegen Almosen geben, und andere, die uns begegnen werden, an uns sehen, daß wir nicht ihretwegen uns anstrengen.
5 Minuten
Ach, fände ich doch einen hohen und einsamen Berg, sagst du. Denn ich glaube, dass Gott in der Höhe ist, er erhört mich eher von der Höhe aus. Weil du auf dem Berg bist, glaubst du, du seist Gott nahe und würdest schnell erhört, weil du geradezu aus nächster Nähe rufst? Er wohnt in der Höhe, aber er schaut auf das Niedrige. Nahe ist der Herr! Wem ist er nahe? Vielleicht den Hohen? „Er ist denen nahe, die ein zerknirschtes Herz haben.“ Das ist doch merkwürdig! Er wohnt in der Höhe und ist den Niedrigen nahe. „Er schaut auf das Niedrige, das Hohe kennt er von fern.“ Die Stolzen sieht er von fern, er nähert sich ihnen um so weniger, je höher sie sich dünken. Du suchst also einen Berg? Steig herab, um ihn zu erreichen!
4 Minuten
Wir sehen Ringkämpfer, denen am Training ihrer Kräfte liegt, gerade mit den Stärksten zu kämpfen und von denen, mit deren Hilfe sie sich für den Wettkampf vorbereiten, fordern, ihre ganze Kraft gegen sie zu gebrauchen. Sie lassen sich schlagen und quälen, und wenn sie nicht ebenbürtige einzelne Partner finden, werfen sie sich gleich mehreren zugleich entgegen. Ohne Gegner erschlafft die Taperfkeit; erst dann wird deutlich, wie viel sie vermag, wenn sie durch Ausdauer zeigt, was sie vermag. Du magst wissen: Gute Menschen müssen sich genau so verhalten, dass sie vor Härten und Schwierigkeiten nicht zurückschrecken noch sich über das Schicksal beklagen, dass sie, was immer geschieht, für gut befinden und es zum Guten wenden: nicht was, sondern wie du es erträgst, ist wichtig.
4 Minuten
Ein Bruder, der in einem Kloster lebte und häufig zornig wurde, sprach zu sich selbst: Ich will in die Einsamkeit gehen, denn wenn ich niemanden mehr habe, mit dem ich streiten kann, wird sich vielleicht meine Leidenschaft legen. Als er aber in die Einöde gezogen war und allein in einer Höhle wohnte, geschah es, dass er eines Tages, als er seinen Wasserkrug gefüllt und auf den Boden gestellt hatte, zufällig etwas Wasser verschüttete. Als er den Krug ein zweites und drittes Mal wieder gefüllt hatte, nachdem ihm das Missgeschick immer wieder passierte, packte er den Krug und zerschlug ihn in Stücke. Nachdem er sich wieder gefasst hatte, sah er erst ein, dass ihn der Geist des Zornes verblendet hatte, und er sprach zu sich: Sieh, nun bin ich zwar allein, aber der Geist des Zornes hat mich auch hier erfasst. Ich will daher wieder in mein Kloster zurückkehren, denn überall muss ich kämpfen und ertragen und bin auf Gottes Beistand angewiesen. Damit machte er sich auf und kehrte an seinen vorigen Platz zurück.
6 Minuten
Was ist Verleumdung?
Antwort. Zwei Verhältnisse gibt es meines Erachtens, in denen es gestattet ist, über Jemanden etwas Böses zu sagen: wenn Jemand genötigt ist, sich mit anderen hierfür Bestimmten zu beraten, wie Der, welcher gesündigt hat, zu bessern ist, und wenn es ferner nothwendig ist, Einige zu warnen, die sich aus Unwissenheit an einen Bösen anschließen möchten, weil sie ihn für gut halten, da der Apostel gebietet, mit Solchen nicht umzugehen, damit seine Seele nicht in Fallstricke gerate. Dasselbe hat, wie wir finden, der Apostel getan, indem er an Timotheus schreibt: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses erzeigt, vor ihm hüte auch du dich, denn er hat sich unsern Reden sehr widersetzt.“ Wer aber ohne eine solche Dringlichkeit wider Jemanden Etwas sagt, um ihn dadurch zu verkleinern oder durchzuziehen, der ist ein Verleumder, auch wenn Das, was er sagt, wahr ist.
Antwort. Zwei Verhältnisse gibt es meines Erachtens, in denen es gestattet ist, über Jemanden etwas Böses zu sagen: wenn Jemand genötigt ist, sich mit anderen hierfür Bestimmten zu beraten, wie Der, welcher gesündigt hat, zu bessern ist, und wenn es ferner nothwendig ist, Einige zu warnen, die sich aus Unwissenheit an einen Bösen anschließen möchten, weil sie ihn für gut halten, da der Apostel gebietet, mit Solchen nicht umzugehen, damit seine Seele nicht in Fallstricke gerate. Dasselbe hat, wie wir finden, der Apostel getan, indem er an Timotheus schreibt: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses erzeigt, vor ihm hüte auch du dich, denn er hat sich unsern Reden sehr widersetzt.“ Wer aber ohne eine solche Dringlichkeit wider Jemanden Etwas sagt, um ihn dadurch zu verkleinern oder durchzuziehen, der ist ein Verleumder, auch wenn Das, was er sagt, wahr ist.
5 Minuten
Da nun aber der Anfang des Gütergenusses die Hoffnung ist und da die tugendhafte Seele, die das wahrhaft Schöne zu erlangen bestrebt ist, die Hoffnung wie eine Verkehrsstrasse bahnt und öffnet, so nannte er den ersten Liebhaber der Hoffnung „Mensch" und gab ihm in besonderer Bevorzugung den gemeinsamen Namen des Geschlechts — die Chaldäer nämlich nennen den Menschen Enos —, weil nur der in Wahrheit Mensch sei, der das Gute erwartet und auf gute Hoffnungen sich stützt. Hieraus folgt, dass er den Hoffnungslosen nicht für einen Menschen, sondern für ein menschenähnliches Tier hält, dem die beste Eigenschaft der menschlichen Seele, die Hoffnung, genommen ist.
9 Minuten
Denken wir uns zwei Tische: der eine sei ganz mit solchen Gästen besetzt und weise nur Blinde, Bresthafte, Lahme, an Hand und Fuß Verkrüppelte auf, barfüßig, nur mit einem einzigen, noch dazu sehr abgenützten Rock bekleidet; an der anderen Tafel dagegen sitzen lauter große Herren, Generäle, Statthalter, hohe Beamte, angetan mit kostbaren Gewändern und feinster Leibwäsche, umgürtet mit goldenen Gürteln. Ferner sei dort am Tische der Armen weder Silbergerät noch Wein in Hülle und Fülle, sondern nur so viel, als hinreicht, um eine fröhliche Stimmung hervorzurufen; die Becher aber sowie die übrigen Geschirre seien nur von Glas. Hier dagegen an der Tafel der Reichen seien alle Gefäße von Silber und Gold; und einer allein sei nicht imstande, den Tisch zu heben, sondern zwei Bediente könnten ihn kaum von der Stelle rücken; und die Henkelkrüge stünden der Reihe nach da, mit ihrem Gold das Silberzeug noch weit überstrahlend; auch sei der schwellende Diwan ganz mit weichen Decken belegt. Weiters warte hier eine zahlreiche Dienerschaft auf, nicht weniger als die Tischgesellschaft schmuckvoll gekleidet und glänzend ausstaffiert, in langen, weiten Beinkleidern, schön gewachsene Gestalten, in der Blüte der Jugend, strotzend von Leben und Gesundheit; dort hingegen seien nur zwei Aufwärter, die all diesem Prunk mit Verachtung begegnen. Den einen werden teure Gerichte in Menge vorgesetzt; den andern nur so viele Speisen, daß sie ihren Hunger stillen und sich vollkommen behaglich fühlen können. […] Wohlan also, nachdem so gut als möglich jeder Tisch für uns seine entsprechende Ausstattung erhalten hat, wollen wir sehen, wo ihr Platz nehmen werdet. Ich für meine Person nämlich werde mich an den der Blinden und Lahmen begeben; von euch aber werden vielleicht die meisten den anderen vorziehen, den der Vornehmen, an dem Glanz und Prunk herrscht. — Laßt uns nun sehen, welcher von beiden größeres Vergnügen gewährt! Die Zukunft wollen wir noch gar nicht in Betracht ziehen; denn da behauptet der von mir gewählte (unbestritten) den Vorrang. Warum? Weil hier Christus zu Gaste ist, dort hingegen bloß Menschen; hier der Herr, dort die Knechte. Doch davon noch nichts; laßt uns vielmehr sehen, welcher von beiden in der Gegenwart größeres Vergnügen bietet! Auch in dieser Beziehung nun ist hier das Vergnügen größer. Denn größeres Vergnügen bereitet es, mit dem König an einer Tafel zu sitzen als mit seinen Dienern. Indes auch davon wollen wir absehen und die Sache an und für sich untersuchen! Ich also und wer mit mir diesen Tisch gewählt hat, wir können ganz ungezwungen und nach Herzenslust der Unterhaltung pflegen, während ihr mit Zittern und Zagen dasitzt und aus lauter Respekt vor den Gästen euch nicht einmal die Hand auszustrecken getraut, gleich als wäret ihr in die Schule gekommen und nicht zu einem Gastmahl, gleich als müßtet ihr sie wie strenge Gebieter fürchten. Ganz anders dagegen jene. — Aber, wirft man ein, die große Ehre! — Jedenfalls bin ich höher geehrt; denn eure Unbedeutendheit tritt umso greller zutage, wenn ihr, obschon am nämlichen Tische sitzend, die Sprache unterwürfiger Sklaven führen müßt. Fällt ja auch der Sklave dann am meisten in die Augen, wenn er mit seinem Herrn am gleichen Tische sitzt. Er befindet sich eben an einem Platze, der ihm nicht gebührt; darum erwächst ihm aus der Tischgemeinschaft nicht so fast Auszeichnung als vielmehr Erniedrigung. Denn gerade dann muß er sich seiner ganzen Niedrigkeit bewußt werden...
6 Minuten
Es scheint aber, ihr Athener, in der Tat der Gott weise zu sein, und mit diesem Orakel dies zu sagen, dass die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und offenbar nicht dies von Sokrates zu sagen, sondern nur mich zum Beispiel erwählend sich meines Namens zu bedienen, wie wenn er sagte: Unter euch ihr Menschen ist der der weiseste, der wie Sokrates einsieht, dass er in der Tat nichts wert ist was die Weisheit anbelangt. Dieses nun gehe ich auch jetzt noch umher nach des Gottes Anweisung zu untersuchen und zu erforschen, wo ich nur einen für weise halte von Bürgern und Fremden, und wenn er es mir nicht zu sein scheint, so helfe ich dem Gotte und zeige ihm, dass er nicht weise ist. Und über diesem Geschäft habe ich nicht Muße gehabt weder in den Angelegenheiten der Stadt etwas der Rede wertes zu leisten, noch auch in meinen häuslichen, sondern in tausendfältiger Armut lebe ich wegen dieses dem Gotte geleisteten Dienstes. Über dieses aber folgen mir die Jünglinge, welche die meiste Muße haben, der reichsten Bürger Söhne also, freiwillig, und freuen sich zu hören wie die Menschen untersucht werden, oft auch tun sie es mir nach und versuchen selbst andere zu untersuchen, und finden dann, glaube ich, eine große Menge solcher Menschen, welche zwar glauben etwas zu wissen, wissen aber wenig oder nichts. Deshalb nun zürnen die von ihnen untersuchten mir und nicht ihnen und sagen, Sokrates ist doch ein ganz ruchloser Mensch und verderbt die Jünglinge.
6 Minuten
Nun aber wird das Wort des Menschen mit dem nämlichen Ausdruck bezeichnet; wer sich nun entschließt, sich das Wort Gottes ähnlich vorzustellen wie das unsere, kann auf diese Weise zur richtigen Auffassung des Höheren geführt werden. Nur muß er beachten, daß das Wort Gottes, wie alles andere an Gott, seiner Natur entspreche. Denn man sieht an der menschlichen Natur auch Kraft, Weisheit und Leben; aber niemand wird sich durch die Gleichheit der Worte zur Annahme verleiten lassen, die Kraft oder die Weisheit oder das Leben Gottes wären ganz gleicher Art; sondern die Bedeutung solcher Begriffe erniedrigt sich in Beziehung auf uns nach dem Maße unserer Natur: weil vergänglich und schwach unsere Natur, darum ist kurz unser Leben, vergänglich unsere Kraft, flüchtig unser Wort. Dagegen die Bedeutung aller Aussagen, die wir von Gott machen, steigt hoch empor, gemäß der Erhabenheit dessen, auf den sie sich beziehen. Darum darf man, wenn man vom Worte Gottes spricht, keineswegs meinen, dasselbe habe nur in der Anstrengung des Sprechenden seinen Bestand und trete, wie unser menschliches Wort, alsbald wieder in das Nichtsein zurück; sondern wie unsere Natur, weil hinfällig, auch ein hinfälliges Wort hat, so hat die unvergängliche und immer bestehende Natur auch ein ewiges und festbleibendes Wort.
5 Minuten
Wenn jemand schlecht an dir handelt oder schlecht über dich redet, denke daran, dass er dies tut oder sagt, weil er glaubt, er müsse es tun. Er kann also unmöglich deiner Sicht der Dinge folgen, sondern nur der eigenen. Deshalb hat er den Schaden, wenn er die Dinge falsch sieht. Denn er ist es, der sich im Irrtum befindet. Denn auch wenn jemand eine logische Verknüpfung von Urteilen für falsch hält, so schadet das der Verknüpfung nicht, sondern nur dem, der sich geirrt hat. Gehst du von dieser Einsicht aus, wirst du deinem Beleidiger gelassen begegnen. Sag dir nämlich jedes Mal: „Es erschien im so richtig.“