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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
15 Minuten
Mit „Der letzte Mann“ gelang dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, dem Autor Carl Mayer und dem Kameramann Karl Freund ein besonderer Stummfilm, der bis heute als Meisterwerk gilt. Das Skript und damit der Film kamen gänzlich ohne Zwischentitel aus, so dass sich die gesamte Geschichte rein über das Schauspiel und die Bildebene erzählt. Die „entfesselte Kamera“ des Films war für die damalige Zeit experimentell und muss die Zuschauer*innen schwer beeindruckt haben. Sie fährt nicht nur durch die Lobby eines Hotels, sondern folgt auch einem Trompetenton über einen Innenhof bis zum Ohr einer Hörenden. In den Zwanzigern kämpfte die verhältnismäßig junge Filmkunst noch um Anerkennung und so stürzten sich sie Filmkritiker auf den Film und erhoben ihn zum Beispiel dessen, was der Film als eigenständige Kunstform erreichen kann. Das äußert sich auch in der Filmkritik anlässlich der Premiere in Hamburg, die ca. zwei Monate nach der deutschen Premiere vom 23. Dezember 1924 in Berlin stattfand, aus dem Hamburgischen Correspondenten vom 21. Februar 1925. Lediglich das durch den einzigen Zwischentitel herbeigeführte Happy-Ende des Films erregte Kritik. In der Tat hatten es weder Murnau noch Mayer gewollt, sie wurden aber von der UFA gezwungen es anzufügen, und taten dies, indem sie sich ironisch davon distanzierten. Der Star-Kult der Zeit lässt sich daran ablesen, dass in der ganzen Kritik die Namen des Autors und des Regisseurs nicht vorkommen, lediglich der Hauptdarsteller Emil Jannings wird genannt. Wir nennen Rosa Leu als diejenige, die für uns heute liest.

Hering

7 Minuten
Seit August 2024 ist Auf den Tag genau bekanntlich nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg beheimatet; allerdings umfasst unser Portfolio seither auch Zeitungen aus Orten, die damals noch nicht gehörten bzw. heute nicht mehr zu Hamburg gehören. Die Hansestadt Lübeck tat dies bekanntlich noch nie, dennoch schauen wir heute, wie bereits vor vier Tagen, ein weiteres Mal über den Tellerrand hinaus und in den Lübecker Volksboten, der – um die Verwirrung komplett zu machen – am 20. Februar 1925 freilich eher in hamburgischen Gewässern fischte. Die großen Heringsbänke, in die uns Rosa Leu gleich entführt, lagen und liegen nämlich vor allem in Nordseegewässern. In diesem Sinne: Ahoi und gute Fahrt!
10 Minuten
Die Brüder Julius und Harry Barmat waren Ostjuden, Sozialdemokraten und erfolgreiche Geschäftsleute, bis ihr hauptsächlich auf Lebensmittelimporte spezialisierter Konzern „Amexima“ 1924 überschuldet zusammenbrach. Ein gefundenes Fressen war dies für alle Feinde der Republik schon deshalb, weil verschiedene führende Politiker von SPD und Zentrum mit den Barmats verbandelt waren. Antisemitische Hetze und – wie sich herausstellte: völlig gegenstandslose – Korruptionsvorwürfe u.a. gegen Reichspräsident Ebert in Teilen der extremen rechten und linken Presse waren die Folge, gegen die sich republikanische Stimmen wiederum erbittert zur Wehr setzten. Eine solche Stimme war Paul Levi, einst Anwalt und kurzzeitig Lebensgefährte von Rosa Luxemburg sowie Mitgründer KPD, mittlerweile aber in die SPD zurückgekehrt. Seine heftige Polemik wider die Korruption der Bourgeoisie fanden wir in der Cuxhavener Alten Liebe vom 19. Februar 1925. Es liest Frank Riede.
11 Minuten
Die älteste bestehende Partei Deutschlands, die, wenn man die Vorgängerorganisationen nicht berücksichtigt, 1890 begründete SPD hat in ihrer wechselvollen Geschichte öfters einen krisenhaften Zustand attestiert bekommen oder sich selber attestiert. Verbunden mit einem Rückblick auf die Krisen der Partei im 19 Jahrhundert tut dies auch der Publizist Richard Bahr im Hamburger Anzeiger vom 18. Februar 1925. Der 1867 im lettischen Kurland als Sohn eines Schuldirektors geborene Bahr studierte und promovierte in Kiel, Breslau und Heidelberg. Ab 1904 war er für verschiedene Zeitungen tätig, so auch für die Deutsche Allgemeine Zeitung, und gab zeitweise die „Nationalliberalen Beiträge“ heraus, aber auch 1925 bis 1929 die 14tägig erscheinenden Großdeutschen Beiträge. Letztere verweisen auf sein publizistisches Werben für einen Zusammenschluss Deutschlands mit Österreich, den er auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 propagierte, aber nicht mehr erlebte, da er 1936 verstarb. Heute liest für uns Frank Riede, welche Krisen der Sozialdemokratie er identifizierte.
5 Minuten
Wie so viele andere Unterhaltungsphänomene, erfahren wir aus den Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 17. Februar 1925, stammt auch das Kreuzworträtsel ursprünglich aus den USA. Von der allerersten Veröffentlichung eines solchen in der Weihnachtsausgabe der New York World von 1913 erzählt der Artikel nichts, dafür umso mehr von den Blüten, welche der dadurch ausgelöste Kreuzworträtsel-Boom gut ein Jahrzehnt später trieb. Kreuzworträtselweltmeisterschaften gibt es vermutlich auch noch heute (Landesmeisterschaften auf jeden Fall); dass seinerzeit indes auch große Ivy-League-Universitäten ihre Kräfte in dieser Disziplin maßen und Kreuzworträtsel Eingang in Gottesdienste fanden, überrascht vielleicht doch. Noch mehr von der Kreuzworträtsel-Manie weiß Rosa Leu.
11 Minuten
Wie wichtig es ist, die Meinungen von Wähler*innen über Medien – vorsichtig gesagt – zu prägen, ist wahrscheinlich eine ganz alte Einsicht. Während heutzutage die Fernsehsender und Sozialen Medien umkämpft sind oder gezielt eingesetzt werden, waren es in den 20er Jahren der Weimarer Republik die Zeitungen, deren Einflussnahme auf die Wähler*innen entscheidend war. Die Großunternehmer und Politiker Alfred Hugenberg und Hugo Stinnes bauten daher ein politisch rechtsstehendes Presseimperium auf, das durchgehend kritisch von der sozialdemokratischen Presse betrachtet wurde. Auch der Lübecker Volksbote ist da keine Ausnahme. Am 16. Februar wettert er daher gegen „deutschnationale Meinungsfabriken“. Es liest Frank Riede.
14 Minuten
Der Circus Sarrasani aus Dresden galt Anfang des 20. Jahrhunderts weit und breit als spektakulärster und erfolgreichster seiner Art. In schwere Gewässer geriet das Unternehmen jedoch durch den Ersten Weltkrieg und die anschließende Wirtschaftskrise, weshalb man zum Zwecke der Sanierung sich in den Jahren 1924/25 auf eine ausgedehnte Südamerika-Tournee begab. Wie die Vorstellungen des Circus dort angenommen wurden, erfahren wir im Bericht des Hamburgischen Correspondenten aus dem argentinischen Cordoba vom 15. Februar 1925 leider nicht. Dafür liefert uns sein Korrespondent aber einen ausführlichen Reisebericht und vermittelt immerhin einige Eindrücke davon, wie Sarrasani durch den fernen Kontinent reiste und wie Direktor Stosch-Sarrasani dort seine Freizeit verbrachte. Es liest Rosa Leu.
8 Minuten
Als Deutsche Tscheka bezeichneten Justiz und Presse in der Weimarer Republik eine kommunistische Untergrundorganisation, die nach dem Scheitern des Hamburger Aufstandes Ende 1923 gegründet worden war und terroristische Anschläge gegen politische Gegner wie den Reichswehrgeneral Hans von Seeckt geplant haben soll. Mehreren vermeintlichen Mitgliedern wurde deswegen seit 1924 am Reichsgericht in Leipzig der Prozess gemacht, welcher gewaltige deutschlandweite Beachtung und auch in den Hamburger Zeitungen regelmäßigen Niederschlag fand. Auch das sozialdemokratische Hamburger Echo berichtete beinahe täglich und hielt mit seiner politischen Meinung gegenüber den Angeklagten und ihren angeblichen Hintermännern nicht hinter dem Berg. Der Gerichtsreport vom 14. Februar 1925 ist einmal mehr ein eindrückliches Beispiel für die Härte, mit der der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Flügeln der Arbeiterbewegung in den 1920er Jahren ausgefochten wurde und überrascht nicht nur ob der Schärfe des Tonfalles, sondern auch wegen einiger äußerst diskriminierender Formulierungen. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
In der nach dem preußischen Minister und Reformator Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein benannten Dortmunder Zeche kam es am 11. Februar 1925 zu einem der schwersten Bergbauunglücke der 1920er Jahre. Bei einer Schlagwetterexplosion in einer noch nicht ganz fertig eingerichteten und gestützten neuen Abteilung kamen im gesamten Bergwerk 136 Bergleute um. Aufgrund unglücklicher Fügungen und Provisorien weiteten die Explosionen sich von der Unglücksstelle aus. Viele Wettertüren standen offen, es waren weniger als die Hälfte der vorgesehen Gesteinsstaubsperren eingerichtet und der Kohlestaub wirbelte immer wieder auf und verursachte neue Explosionen. Doch diese Versäumnisse wurden erst im Nachgang bekannt und von einem Untersuchungsausschuss begutachtet. Die Bergedorfer Zeitung berichtete, wie alle anderen Zeitungen an diesen Tagen auch, am 13. Februar von den zu dem Zeitpunkt bekannten Umständen und Folgen des Unglücks und den Opfern. Für uns liest Rosa Leu die traurigen Nachrichten.
9 Minuten
Seitdem Auf den Tag genau vor einem guten halben Jahr aus Berlin nach Hamburg gezogen ist, weißt die Kompassnadel unserer Auslandsartikel eindeutig vermehrt nach Norden; denn wenig überraschend bildet sich die Nähe der Hansestadt zu den skandinavischen Ländern auch nachhaltigen Verbindungen der hiesigen Tageszeitungen ab. Nachdem wir uns mit einem solchen Korrespondentenartikel erst jüngst in Island umgesehen haben, gerät heute, mit dem Hamburgischen Correspondenten des 12. Februar 1925, eine andere alte dänische Kolonie in den Blick, die Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls im Begriff war, die Bande gegenüber Kopenhagen langsam zu lösen: die Färöer. Wie es um dieses Verhältnis seinerzeit, zumindest aus Hamburger Perspektive, bestellt war, verrät uns Frank Riede.
6 Minuten
Seit dem 20. Januar 1925 hatte Deutschland wieder eine handlungsfähige Reichsregierung, im größten Land des Reiches, dem Freistaat Preußen, auf den ca. 60 Prozent der Gesamtbevölkerung entfielen und in dem am 7. Dezember 1924 ebenfalls Parlamentswahlen stattgefunden hatten, war man hingegen auch im Februar immer noch auf der Suche nach stabilen Mehrheiten. In Ermangelung dessen hatte der bisherige Ministerpräsident Otto Braun von der SPD seine Wiederwahl durch den Preußischen Landtag nicht angenommen, daraufhin stellte sich der Ex-Reichskanzler Wilhelm Marx vom Zentrum zur Wahl, der sogar noch 2 Stimmen weniger als Braun erhielt, aber dennoch mit einfacher Mehrheit gewählt wurde. Dass auch er keine neue Regierung zustande bekommen und am Ende doch wieder Braun in sein Amt zurückkehren sollte, konnten die Harburger Anzeigen und Nachrichten vom 11. Februar 1925 noch nicht wissen. Es liest Rosa Leu.
8 Minuten
René Descartes gilt als Begründer der neuzeitlich-modernen Philosophie. Am 11. Februar 1925 jährte sich sein Todestag im Jahr 1650 zum 275. Mal. Grund genug für den Hamburgischen Correspondenten, bereits am Vortag dieses Ereignisses zu gedenken. Der Autor Walter Resch hält dies eher populär. Statt sich in die Tiefen der cartesischen Erkenntnistheorie zu stürzen oder deren Bedeutung für die Gegenwart ausführlicher zu erläutern, flaniert er lieber durch dessen durchaus bewegtes Leben, das ihn aus dem ländlichen Frankreich der Touraine schließlich an den Hof der Königin von Schweden führte. Worüber der Text nichts erzählt, sind interessanterweise die Wander-und Soldatenjahre, die Descartes während des 30jährigen Krieges vor allem in deutschen Landen verlebte. Rosa Leu erinnert für Auf den Tag genau an René Descartes zu seinem 375. Todestag.
10 Minuten
„Thomas Mann liest aus dem Zauberberg“ heißt eine der beliebtesten Folgen von Auf den Tag genau, und sie stammt bereits aus dem Februar des Jahres 2021. Einhundert Jahre zuvor hatte der spätere Literaturnobelpreisträger tatsächlich an einem Berliner Gymnasium Auszüge aus seinem neben den Buddenbrooks wohl berühmtesten Roman präsentiert und dabei auch neugierige Vertreter der Berliner Presse angezogen – zur Veröffentlichung kam Der Zauberberg indes erst beinahe vier Jahre später im November 1924, und mit den Rezensionen zog es sich dann zum Teil, möglicherweise der Länge des Werkes geschuldet, nochmal ein paar Monate hin. Im Hamburger Anzeiger vom 9. Februar 1925 bekennt Kritikus Erich Lüth relativ freimütig, sich durch die „dickleibigen“ zwölfhundert Seiten eher durchgequält zu haben. Zu einer Hymne auf Thomas Manns großes neues Opus gerät seine Rezension denn auch nicht. Wieso, weiß Frank Riede.
5 Minuten
Erst vor wenigen Wochen sorgte die Ankündigung von Elon Musk für Schlagzeilen, krankgeschriebene Arbeiter*innen des Tesla-Werkes in Grünheide, zuhause aufzusuchen, um zu überprüfen, ob sie wirklich krank seien. Und tatsächlich gibt es Detekteien, die geneau darauf spezialisiert sind. Vor 100 Jahren sorgte der erfolgreichste Autounternehmer und einer der reichsten Menschen der damaligen Welt Henry Ford zumindest für eine Schlagzeile im Hamburgischen Correspondenten vom 8. Februar 1925, als er einen krankgeschriebenen Mitarbeiter von einem Kamerateam beobachten ließ. Ein Beleg dafür, dass der Filmapparat nicht nur zur faszinierenden Illusionsmaschine taugt, sondern auch als Überwaschungsinstrument geeignet ist. Gänzlich ohne unsere Überwachung haben wir Rosa Leu den Text anvertraut.
13 Minuten
Seit über fünf Jahren leben wir in diesem Podcast davon, was Zeitungen vor einhundert Jahren respektive ihre Macherinnen und Macher Tag für Tag ihren Leserinnen und Lesern – und damit uns und Euch – an Stoff zur Verfügung gestellt haben. Da erscheint es nur recht und billig, dass in den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 7. Februar 1925 endlich auch einmal diese Blattmacher – von Macherinnen ist nicht die Rede – Gegenstand eines Artikels sind, der ausführlich beschreibt, wie eine Zeitung seinerzeit organisiert war und der Alltag eines Redakteurs vermutlich nicht nur in Altona aussah. Gemeinhin heißt es, es sei nie gut für eine Zeitung, wenn sie in der Zeitung steht. Wir haben uns über diesen Umstand in diesem Fall aber sehr gefreut und Frank Riede den Artikel zur Lesung überantwortet.
Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren