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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
4 Minuten
Vor hundert Jahren galt in Berlin ein vom Polizeipräsidenten verordnetes Versammlungsverbot. Keine Pandemie war die Ursache, wohl eher die politisch brisante Lage mit den Besetzungen der Alliierten und den kommunistischen Aufständen im Land. Blöd nur, dass es am 1. April für bestimmte bürgerliche Milieus Bismarcks Geburtstag zu feiern galt. Und so versammelte sich eine Reichsflaggen schwenkende Menge auf dem Königsplatz vor dem Reichstagsgebäude, heute Platz der Republik, um das Bismarck-Denkmal herum, welches erst 18 Jahre später zusammen mit der Siegessäule an den heutigen Standort am Großen Stern versetzt wurde. Bei seinem Spaziergang stieß ein Reporter der Freiheit auf diese Szene und beschrieb sie in der Ausgabe vom 3. April. Wie würde die Sicherheitspolizei wohl auf die Versammlung reagieren? Sollte es etwa eine Komplizenschaft der Polizei mit den quer zur republikanisch demokratischen Grundordnung Denkenden geben? Paula Leu kennt die wenig verblüffenden Antworten.
5 Minuten
Imperialistische Gräueltaten gab und gibt es immer wieder. Auf sie hinzuweisen und zu kritisieren war für die sozialdemokratische Parteizeitung „Vorwärts“ natürlich auch die Möglichkeit, eine politische Botschaft zu senden. Anlässlich der Veröffentlichung des dritten Bandes von Felix von Luschans aufwendig gestaltetem „Die Altertümer von Benin“ wird so am 2. April 1921 auf die brutale und überhebliche Art aufmerksam gemacht, mit der sich Großbritannien – ähnlich den Spaniern knapp 4 Jahrhunderte früher in Peru – der Hauptstadt des westafrikanischen, im heutigen Niger gelegenen Reiches Benin bemächtigte. Brisant wird die Kritik zudem dadurch, dass auch das deutsche Kaiserreich und insbesondere seine Museen von den englischen Raubzügen ordentlich profitierten. Wie bei diesem Thema zu erwarten, muss auch hier die für heutige Ohren an manchen Stellen rassistische Wortwahl aus der Zeit heraus gehört werden. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Nein, das ist kein Aprilscherz! Am 1.4. 1921 machte sich der Vorwärts auf zu einer Landpartie in die frühlingshafte Pfalz und startete seine Reise bzw. seinen Reisebericht dabei doch tatsächlich ausgerechnet in dem verwunschenen kleinen Städtchen Oggersheim bei Ludwigshafen. Von dessen späterer Berühmtheit und seinem sie es verdankenden Bewohner Dr. Helmut Kohl konnte die SPD-Parteizeitung seinerzeit natürlich genauso wenig ahnen wie von den zahllosen eigenen Kanzlerkandidaten, die sie selbst bis zum Sturz des ‘Dicken‘ verschleißen sollte. Schließlich war der ‘Kanzler der Einheit‘, dieser ‘Kanzler der Einheit‘ vor einhundert Jahren noch nicht einmal geboren. Von vielen buchstäblich blühenden Landschaften weiß die Autorin Rosa Kaulitz-Niedeck aber trotzdem schon zu berichten. Für uns tut dies Paula Leu.
5 Minuten
Stadtwachstum bedeutet immer auch Gefahr für die die Stadt umgebenden Wälder. Das ist heute so und war vor hundert Jahren nicht anders. Die Bedrohung des nördlich von Berlin gelegenen Bucher Forst durch auch mit dem Bevölkerungswachstum der Kapitale nötig gewordene, neue Rieselfelder veranlasst die Freiheit vom 31.3. zu einem Aufruf. Alle Wald– und Naturfreunde sollten sich für den Erhalt der einzigartigen Mischwaldbestände stark machen. Genauso wie die erholungsuchenden Städter selbst. Es liest, soeben zurückgekehrt von einer Fahrradtour aus den Bucher Wäldern, Frank Riede.
4 Minuten
Kaiser Karl von Habsburg glaubte auch nach dem Zerfall der k.u.k. Monarchie an seinen gottgegebenen Anspruch auf die Herrschaft in Österreich und Ungarn und begann sofort nach dem Ersten Weltkrieg konspirativ tätig zu werden und die Fühler nach der Entente auszustrecken, ob nicht was mit einer Rückkehr an die Macht ginge. Am 24. März versuchte er einen ersten Putschversuch in Ungarn, das ja nach dem Bürgerkrieg vom konservativen Monarchisten Horthy autokratisch verwaltet wurde. Zunächst ging Karl zu Fuß von seinem Westschweizer Wohnort Prangins über die Grenze nach Frankreich, von wo er per Zug über Strassburg nach Wien und weiter nach Ungarn fuhr. Da Karl keinen Reisepass besaß, erfolgte die Einreise illegal unter falschem Namen. Was nach einem Masterplan klingt, entpuppte sich doch rasch als dilettantischer Versuch, der scheiterte. Daher schrammt der Bericht im Vorwärts vom 30. März auch nur knapp an einer Humoreske vorbei. Paula Leu liest.
7 Minuten
Von den Arbeiteraufständen in den Werften Hamburgs haben wir vor wenigen Tagen berichtet. Die blutigen Proteste waren aus Solidarität für die Arbeiterrevolte in der Industrieregion um Halle, Leuna, Merseburg und im Mansfelder Land lanciert worden, die von der radikalen Linken entfesselten, heute sogenannten Märzkämpfe in Mitteldeutschland. Obwohl die Märzkämpfe nicht zuletzt aus Richtungsauseinandersetzungen innerhalb der kommunistischen Linken entstanden waren, sah sich am 29.3. auch die Parteizeitung der USPD, die „Freiheit“, dazu veranlasst, sich dezidiert gegen die ‚Schauergeschichten‘ der bürgerlichen Presse, die hier versuche, die Situation durch gezielte Falschinformationen zu einer Verunglimpfung der Arbeiterklasse zu nutzen, Position zu beziehen. Gelesen von Frank Riede.
5 Minuten
Letztes Jahr im Dezember erschien hier im Podcast ein Artikel aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung, der auf die eminent heidnischen Komponenten des Weihnachtsfestes abhob und diese These an zahlreichen Bräuchen, vornehmlich aus dem alpinen Raum, veranschaulichte. Dass gleichermaßen selbstredend auch Ostern keineswegs nur über christliche Wurzeln verfügt, sondern als Frühlingsfest des erwachenden Lebens ganz analog in einer weit mehr als zweitausendjährigen Tradition steht, konnte, wer es noch nichts wusste, am 28. März 1921 am anderen Ende des demokratischen Spektrums, nämlich in der sozialistischen Freiheit in Erfahrung bringen. Ohne den Begriff damals schon im Munde zu führen, lässt diese das Bild eines geradezu beispielhaft synkretistischen Festes entstehen. Und erlaubt sich abschließend auch noch eine ganz vorsichtig politische Anverwandlung. Es liest – heute wie damals – Paula Leu.
7 Minuten
Auch heute noch ist Heinrich Mann häufig vor allem der ‚andere‘ der Mann-Brüder. Tatsächlich waren die Unterschiede im Auftreten der beiden großen Dichter dezidiert gegensätzlich. Pflegte Thomas – wie vor kurzem auch in diesem Podcast zu hören – das bürgerliche Image, so suchte Heinrich die Nähe zum Proletariat. Galt ersterer als Ästhet und Décadent, so letzterer als scharfer Kritiker des Wilhelminismus und des antirepublikanischen Untertanengeistes. Kein Wunder also, dass sich auch die „Freiheit“ die Gelegenheit nicht entgehen lässt, dem ‘Demokraten, Republikaner, Freiheitskämpfer’ zu seinem 50. Geburtstag herzlichst zu gratulieren. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Auch in der Corona-Pandemie sind unzählige Wundermittel gegen dieses Virus wie Pilze aus dem Boden geschossen und ein amerikanischer Präsident riet sogar auf einer Pressekonferenz dazu, Bleichmittel zu trinken – als “todsichere” Therapie. Generell halten sich und entstehen neue von der sog. Schulmedizin abweichende medizinische Heilmethoden – und zwar querbeet durch die Gesellschaft. Schon vor 100 Jahren berichtet in der Freiheit ein Sanitätsrat Dr. Essler über den Kampf der Behörden gegen Aberglauben, mystische Vorstellungen und Impfskepsis – damals freilich mit einem speziellen Fokus auf die Landbevölkerung. Aufklärung und Bildung etablieren, so seine Hoffnung, eine fortschrittliche hygienische Kultur, die etwa durch richtige Wundbehandlung Leben retten kann – und, nur implizit im Text zu greifen, Deutschlands Bevölkerung für die nächste Epidemie wappnet.
7 Minuten
Podcasts gelten gemeinhin als relativ pandemieresistentes Medium. Gleichwohl unterliegt auch ‘Auf den Tag genau‘ seit geraumer Zeit einigen Einschränkungen in der Produktion, die daraus resultieren, dass Archive nicht geöffnet sind und wir auf etliche nicht digitalisierte Zeitungen in unserer Auswahl bis auf weiteres verzichten müssen. Umso schwerer wiegt vor diesem Hintergrund, dass Ende Februar nun auch unsere wichtigste digitale Datenbank Zefys gehackt wurde und über einen längeren Zeitraum nicht zugänglich war. Bis kurz nach Ostern beschränkt sich unser Angebot deshalb notgedrungen auf die beiden sozialistischen Parteizeitungen Vorwärts und Freiheit. Standesgemäß beginnen möchten wir diese unsere sozialdemokratische Passionszeit mit einem Artikel des Ersteren vom 25. März, dem Karfreitag des Jahres 1921, zum Thema: sozialdemokratische Passionszeit. Wie im Folgenden zu hören, waren solche Analysen über die aktuelle Misere der SPD damals noch mit der Erwartung aufgeladen, dass nach den Entbehrungen irgendwann das goldene Zeitalter der Sozialdemokratie anbrechen würde. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Die politische Lage in Deutschland war im März 1921 höchst instabil. Der Streit um die Reparationsleistungen zwischen Deutschland und den Alliierten eskalierte, weshalb Teile des Rheinlandes besetzt wurden - wir haben berichtet. Im Innern belastete die prekäre wirtschaftliche Lage den Frieden und die Preußenwahl hatte zu keinen klaren Mehrheiten geführt - wir haben berichtet. Allerdings hatte die Wahl der Vereinigung aus KPD und dem linken Flügel der USPD im mitteldeutschen Industriegebiet 30 Prozent der Stimmen gebracht. Die Führung der KPD unter agitierender Mithilfe von Bela Kuhn - von seiner Flucht aus Ungarn haben wir berichtet -, nutzte die Gelegenheit und rief die Arbeiterschaft zwischen Halle, Leuna, Merseburg und dem Mansfelder Land zu bewaffneten Protesten auf. Das Ziel dieser blutigen Kämpfe und Besetzungen waren wohl die Schwächung und der Sturz der damaligen Weimarer “Mitte-Rechts” Regierung. Tatsächlich wurde das mitteldeutsche „Chemie-Dreieck“ in blutiges Chaos gestürzt und ausgerechnet in Hamburg, von dessen Austernstuben wir kürzlich berichtet haben, kam es in den Werften zu solidarischen Arbeiteraufständen, die rasch zu zahlreichen Todesopfern führten. Aus Hamburg berichtet die Vossische in ihrer Ausgabe vom 24. März. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
In der Medizin wird seit ca. 30 Jahren eine Herzkrankheit mit infarkt-ähnlichen Symptomen beschrieben als Stress-Kardiomyopathie, oder Gebrochenes-Herz-Syndrom. Diese Fehlfunktion des Herzens tritt meist nach einer außerordentlichen emotionalen oder körperlichen Belastung auf. Schon vor 100 Jahren war ein englischer Arzt auf der Suche nach dem medizinischen Befund hinter der romantischen Vorstellung vom Gebrochenen Herzen und glaubte eine Erklärung gefunden zu haben, die, zumindest aus der Sicht eines Laien, durchaus in die Richtung des Broken-Heart-Syndome geht. Der Vorwärts vom 23. März berichtet, Paula Leu liest.
7 Minuten
Auch am 22. März 1921, zwei Tage nach dem Urnengang, beherrschte noch immer das überraschend starke Votum für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland die Schlagzeilen in der Presse, die ihre Genugtuung über diesen Ausgang der Volksabstimmung bis weit ins linke politische Spektrum hinein nicht verbergen mochte. Eine seltene Ausnahme bildete in diesem Reigen ein Kommentar aus der Freiheit, der sich dem nationalen Überschwang mit zwei wesentlichen Argumenten entzog. Zum einen betrachtete er die Resultate etwas differenzierter und kam dabei zu dem Ergebnis, dass es ausgerechnet in den industriell bedeutsamsten Wahlkreisen mit der deutschen Mehrheit doch nicht so weit her war. Zum anderen wies er darauf hin, wie wenig die chauvinistischen Kampagnen von beiden Seiten eigentlich einer Region gerecht würden, in der die Menschen meist beide Sprachen beherrschten und auf die Frage nach ihrer Herkunft traditionell – und teilweise bis heute – weder ‘deutsch‘, noch ‘polnisch‘, sondern ‘schlesisch‘ antworteten. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Kaum eine politische Frage hatte die deutsche Öffentlichkeit in den zurückliegenden Monaten so umgetrieben wie die nach der Zukunft Oberschlesiens und der zu deren Klärung für den 20. März 1921 vor Ort angesetzten Volksabstimmung. Die Region zwischen Oppeln und Kattowitz galt neben dem Ruhrgebiet als die industrielle Herzkammer Deutschlands und ihr Verbleib beim unter den alliierten Reparationsforderungen ächzenden ‘Reich‘ deshalb als von existenzieller Bedeutung. Entsprechend groß fielen anderntags die Erleichterung und zum Teil auch das Triumphgeheul aus, als sich ein überraschend deutliches Votum pro Deutschland abzeichnete, das sich selbst auf einige mehrheitlich polnischsprachige Wahlkreise erstreckte. Selbst im liberalen Berliner Tageblatt mischten sich da deutlich anti-polnische und anti-französische Ressentiments und Vorwürfe unter die Wahlberichterstattung. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
War es alte deutsch-türkische Verbundenheit aus Weltkriegstagen? Oder hat man es als schlichtes ‘De Mortuis nihil nisi bene‘ zu werten? In ihrem Bericht von der Trauerfeier für den unlängst in Berlin ermordeten ehemaligen türkischen Innenminister Talât Pascha enthielt sich die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 20. März 1921 auf jeden Fall aller weiterreichenden Erläuterungen zu dessen Rolle beim Völkermord an den Armeniern. Stattdessen galt ihr Hauptaugenmerk dem Zeremoniell, das für mitteleuropäische Augen seinerzeit offensichtlich überaus exotisch anmutete – und dessen Beschreibung hier doch in all ihrer Schwäche für Karl-May-artige Orientklischees zugleich auf faszinierende Weise andeutet, wie international, wie kosmopolit, wie multiethnisch Berlin auch schon Anfang der 1920er Jahre geprägt war. Es liest Frank Riede.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren