Auf den Tag genau Archiv
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9 Minuten
Stadtfeindschaft? Sehnsucht nach dem Land? Wieder nimmt einer der von uns gesendeten Artikel Schlagworte und Themen vorweg, die auch heute die Runde machen. Ist das Stadtleben noch zeitgemäß? Oder ist Urbanität nicht eher ein Konstrukt, inauthentisch und überbewertet? Das sogenannte Neue Bauen der 1920er versuchte sich zumindest sehr daran, die alten Mietskasernen durch naturnahe Gartenstädte und ähnliche Siedlungen zu ersetzen. Einer seiner wichtigsten Protagonisten, der Berliner Architekt Bruno Taut, veröffentlichte 1921 nicht zufällig ein Skizzenbuch mit dem programmatischen Titel: „Die Auflösung der Städte“. Die Freiheit zeigt sich in ihrem Artikel vom 19.3. durchaus angetan. Gelesen von Frank Riede.
4 Minuten
Für heutige Verhältnisse unvorstellbar, war es gemäß der Richtlinien der Postbeamtinnen-Organisation 1921 möglich, uneheliche Mütter - wegen dieser in Anführungsstrichen „moralischen“ Verfehlung – zu entlassen. Dass zumindest einige Parteien eine solche Regelung des Beamtinnen-Rechts auch schon in den 20er Jahren für skandalös hielten, zeigt sich an dem Bericht von einer Reichstagsdebatte zu diesem Thema aus dem Vorwärts vom 18. März. Der zuständige Postminister Johannes Giesberts von der katholischen Zentrumspartei sah, wie man sich denken kann, keinen Handlungsbedarf, weshalb ihm auch entsprechende Bibelzitate aus dem Munde von SPD-Abgeordneten um die Ohren flogen. Für uns liest Paula Leu.
6 Minuten
Die Eisenbahn ist nicht nur eine Ikone der Industrialisierung, sie steht auch für Grenzüberschreitung, Internationalität und Weltläufigkeit. Die prächtigen Bahnhofsbauten waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine einfachen Verkehrsknotenpunkte. In ihrer rastlosen Betriebsamkeit wurden sie Zeichen der Mondänität ihrer Stadt, ihres Landes. Kein Wunder, dass der erste Expresszug der Nachkriegsjahre von Paris über Berlin nach Warschau gerade für Deutschland ein großes Ereignis war. Dem Bericht des Berliner Tageblatts vom 17. März 1921 zumindest merkt man die Genugtuung darüber an, wieder irgendwie, mindestens ein wenig dazuzugehören. Gelesen von Paula Leu.
9 Minuten
Der türkische Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs zählt zu den dunkelsten Kapiteln des an Gräueln wahrlich nicht armen 20. Jahrhunderts, und, zumindest in einer Nebenrolle, ist auch an diesem von Deutschland aus mitgeschrieben worden. Nicht nur, dass die kaiserliche Regierung ihren Verbündeten am Bosporus deckte und sich trotz belastbarer Informationen über die Planungen eines Genozids jeglicher Intervention enthielt. Nach dem Ende von Krieg und Waffenbrüderschaft wurde Berlin überdies zu einem bevorzugten Zufluchtsort der Haupttäter. So hielt sich seit 1918 u.a. der federführend verantwortliche ehemalige Innenminister Talât Pascha in der Stadt auf, wovon nicht nur zuständige deutsche Stellen wussten, sondern auch das geheime armenische Rachekommando Operation Nemesis Wind bekommen hatten. Dessen Mitglied, der Student Soghomon Tehlirian, mietete sich daraufhin in unmittelbarer Nähe von Talâts Bleibe in der Charlottenburger Hardenbergstraße ein, beobachtete dessen Tagesabläufe – und schlug am 15. März 1921 auf offener Straße erfolgreich zu. Die lokalen Tageszeitungen waren anderntags voll von Meldungen über dieses spektakuläre Attentat. Das Berliner Tageblatt vom 16.3. rekonstruierte sowohl Talâts Leben unter falscher Identität in Berlin, als es auch von der Vernehmung des Attentäters berichtete und dessen Motive erläuterte. Für uns liest Frank Riede.
6 Minuten
Das Spaß- und Erlebnisbad „Tropical Islands“ gute 50 Kilometer südlich von Berlin ist eine aufwendig inszenierte Tropenlandschaft mitten in Brandenburg. Ort des Zaubers ist das Überbleibsel eines einst prestigeträchtigen Großprojekts der Luftfahrtindustrie: der riesige Zeppelinhangar der 2002 insolvent gegangenen Cargolifter AG. In der als größtes freitragendes Gebäude geltenden Struktur sollte ein Lastenluftschiff für bis zu 160 Tonnen schwere Fracht entwickelt werden. Zwei Jahre nach dem Börsengang war der Traum ausgeträumt. Tatsächlich aber hat die Luftschiffahrt zwischen Spreewald und Fläming durchaus Tradition. Während des 1. Weltkrieges war bei Jüterbog ein Luftschiffhafen mit zwei Hallen eingerichtet worden. Auch diesen beiden Hallen war keine lange Nutzung vergönnt: Als Kriegsbeute sollten sie 1921 demontiert und ins Ausland verbracht werden. Beim Abbau der kleineren Halle kam es allerdings zu einem dramatischen Unglück: sie stürzte ein und begrub 12 Arbeiter unter ihren Trümmern. Die Vossische Zeitung vom 15.3. berichtet, Paula Leu liest.
7 Minuten
In der Nordamerikanischen Eishockey-Liga, der NHL, gibt es den mindestens seit den 1980er Jahren wirkmächtigen Aberglauben, dass die Spieler sich während der Playoffs nicht rasieren dürfen, um weiter zu gewinnen. Wer rasiert – verliert. Spätestens im Finale stehen sich nun regelmäßig zottelige und zugewachsene Hockey-Millionäre auf dem Eis gegenüber. Die Verbindung von männlicher Kraft und Haar- und Bartwuchs lässt sich freilich bereits in archaischen Geschichten fassen, man denke etwa an den biblischen Samson. Eine Spielart, in der der Bart aus Trotz so lange wuchern darf, bis man seinen Willen durchsetzt, beschreibt der Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung Raoul Hausmann in seiner köstlichen Satire, die am 14. März 1921 in der Freiheit abgedruckt wurde und aus Hausmanns erster, frisch erschienener Buchpublikation „Hurra! Hurra! Hurra! – Zwölf Satiren“ stammt. Hindenburg bekommt stellvertretend für alle Monarchie-Nostalgiker sein Fett weg. Dafür sorgt Frank Riede.
5 Minuten
Was wiegt das Universum? Und welchen Durchmesser hat es? Eine absurde Frage, könnte man meinen. Nicht für den markantesten Kopf der Physik im 20. Jahrhundert. Albert Einstein war in seinen Berliner Jahren zwischen 1914 und 1932 Teil der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Professor der Universität und – wie auch schon in diesem Podcast zu hören war – mit seinen Theorien Gegenstand heftiger Debatten. In einem Gesprächsband mit dem Satiriker und Sachbuchautor Alexander Moszkowski erläutert Einstein seine Überzeugung von der Endlichkeit des Universums und der Möglichkeit, dessen Maße mathematisch zu bestimmen. Für Normalsterbliche fassbarer wird es dank der errechneten Riesenzahlen allerdings kaum. Die Freiheit vom 13.3.1921 müht sich trotzdem redlich, Frank Riede liest.
6 Minuten
„Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten“, befand dereinst Elias Canetti. Was also wird aus diesem absolutistischen Amt, zu dem man in Deutschland von je besonders ehrfürchtig und mythisierungswillig aufsah, unter den neuen Bedingungen einer Republik? Die Voss, die neugegründete Auslandsbeilage der Vossischen Zeitung, stellte sich in ihrer Ausgabe vom 12. März 1921 dieser Frage und beantwortete sie mit einer Rundschau über deutsche Konzertpodien, die sich auch für den Nachgeborenen noch sehr interessant liest. Tummeln sich in ihrem Bericht doch etliche Namen, die heute als Ikonen der Konzertgeschichte gelten, damals aber zum Teil fast noch unter dem Label ‘Nachwuchskünstler‘ liefen. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Wer eine Ahnung davon erhalten möchte, wie tief unsere Kultur in rassistischen Weltanschauungen und weißem Überlegenheitsdenken wurzelt, muss nur einen Blick in deutsche Tageszeitungen von vor einhundert Jahren werfen. Kaum ein Aspekt der Weltkriegsniederlage stieß seinerzeit auf so einhellige, milieuübergreifende Empörung wie die so bezeichnete „schwarze Schmach“: der Umstand, dass an der französischen Besetzung westdeutscher Landesteile auch afrikanische Kolonialsoldaten beteiligt waren. Der Aufschrei über diese vermeintliche ‘Demütigung einer Kulturnation‘ hallte dabei mitnichten nur durch das völkisch-nationale Spektrum, sondern so schrill auch bis weit ins linke Lager hinein wider, dass uns das entsprechende Material im Format unseres Podcasts, ohne größeren begleitenden Kommentar, bislang nicht präsentierbar erschien. Der erste Zeitungstext zu diesem Thema, den wir für sendefähig erachten, ist bezeichnenderweise eine kurze Leserzuschrift eines alten Genossen in der USPD-Parteizeitung Freiheit vom 11. März 1921. Auch in diesem Beitrag findet zwar keine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem vorausgehenden rassistischen Narrativ statt. Immerhin erlaubt sich der Autor aber, deutlich darauf hinzuweisen, dass der Erste Weltkrieg unzweideutig als Geschichte ‘weißer‘ Verbrechen zu begreifen sei. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Obwohl die Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP ihre Parlamentsmehrheit auch nach den ersten regulären Landtagswahlen am 20. Februar 1921 halten konnte, führten die hohen Verluste vor allem der SPD und der DDP zu einer komplizierten Regierungsbildung. Zentrum und DDP wollten die in der Wahl erstarkte Deutsche Volkspartei (DVP) an der neuen Regierung beteiligen. Die SPD lehnte das ab. Vom schwierigen Hin und Her zwischen den Parteien berichtet am 10.3. auch die Berliner Börsen Zeitung und spricht von einem ‚Provisorium in Preußen‘. Gelesen von Frank Riede.
9 Minuten
Nachdem wir gestern die Reaktion des Vorwärts auf die Besetzung der Rheinstädte gesendet haben, antwortet am 9. März 1921 deutlich gelassener und zur Ruhe mahnend die Vossische Zeitung in ihrer „Was nun?“ überschriebenen Analyse der Situation. Sie zeigt sich überrascht davon, dass der Vorwärts sich dasselbe Narrativ des „Vertragsbruchs“ zu eigen macht, das sonst vor allem von den Rechts-Parteien propagiert wurde. Weniger Eskalation, fordert die Vossische, mehr konkrete Strategien und Reparationsangebote, um vielleicht doch noch eine beidseitige Einigung in der Reparationsfrage zu finden. Was tun? Paula Leu liest.
9 Minuten
Nach der deutschen Ablehnung der Reparationsforderungen auf der Londoner Konferenz, machten die Alliierten ihre Drohung wahr. Es marschierten französische und belgische Truppen in die entmilitarisierte Rheinzone und besetzten die Städte Duisburg und Düsseldorf. Zum einen, um damit eine Basis zu haben, um das gesamte Ruhrgebiet besetzen zu können, zum anderen, um in den Rheinhäfen den Export Deutschlands kontrollieren zu können. Die Besetzung war natürlich das beherrschende Thema der Presse und die Reaktionen fielen durchaus heftig aus. Die Abendausgabe des sozialdemokratischen Vorwärts vom 8. März befand, dass sich Deutschland mit der Entente formell wieder im Kriegszustand befände, da der Einmarsch den Friedensvertrag von Versailles nichtig machen würde. Frank Riede liest.
5 Minuten
Auch gut drei Jahre nach der Oktoberrevolution war die politische Lage in der Sowjetunion noch immer äußerst volatil und die Frage ihrer Außengrenzen ungeklärt. Während die Rote Armee im fernen Süden und noch ferneren Osten von Sieg zu Sieg eilte und die meisten abtrünnigen Randprovinzen des alten Zarenreiches wieder unter das Moskauer Joch zwang, regte sich ausgerechnet dort, wo dereinst alles anfing, gleichsam in Sichtweite des Winterpalais Widerstand gegen die Sowjetmacht: In Kronstadt auf der Insel Kotlin, direkt in der Bucht von St. Petersburg, rebellierten Matrosen gegen die bolschewistische Herrschaft und die von ihr ungelösten Versorgungsprobleme. Am 7. März 1921, knapp zwei Wochen vor der blutigen Niederschlagung des Aufstandes, stellt sich die Situation sehr unübersichtlich dar, erst recht für die mit Informationen wenig gut versorgten ‘westlichen‘ Beobachter. Der Bericht im Vorwärts handelt deshalb im wesentlichen denn auch von Gerüchten. Es liest Paula Leu.
4 Minuten
Das Stadtbad Oderberger Straße ist seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2016 ein angesagter Bäderbetrieb mit angeschlossenem SPA- und Restaurantangebot, das sich in seiner Umgebung im gentrifizierten Szenekiez Prenzlauer Berg großer Beliebtheit erfreut. Zum Zeitpunkt seiner Errichtung um die vorletzte Jahrhundertwende erfüllte es deutlich grundlegendere soziale Funktionen: Der Prenzlauer Berg war damals noch ein dicht besiedeltes Berliner Arbeiterquartier, dessen Bewohner in den berüchtigten Mietskasernen weder über Badewannen, noch gar über fließend Warmwasser verfügten und zur Sicherung der Körperhygiene entsprechend sogenannte Volksbadeanstalten aufsuchen mussten. Dass jene in der Oderberger Straße in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der allgemeinen Kohlennot zeitweise ihren Betrieb einstellen musste, barg insofern eine ernsthafte Bedrohung für die Volksgesundheit und veranlasste den Vorwärts vom 6. März 1921 zu einem strengen Appell zur Sparsamkeit. Ihn verliest Frank Riede.
5 Minuten
Als der Republikaner Warren G. Harding am 4. März 1921 zum 29. Präsidenten der USA vereidigt wurde, bedeutete das auch eine klare Abkehr von der Politik seines demokratischen Vorgängers Woodrow Wilson. Nicht zuletzt dessen Engagement in Europa erteilte Harding eine deutliche Absage. Statt sich in militärischen Allianzen zu verpflichten und im Völkerbund zu verausgaben, sollten sich die USA mehr auf sich selbst konzentrieren. „America first“ hieß diese Haltung knapp hundert Jahre später. Und doch: der Ton macht die Musik. Wie anders – verglichen mit dem Auftreten eines Donald Trump – der Amtsantritt Hardings war, macht schon der kurze Bericht aus der Freiheit vom 5.3. deutlich. Es liest Paula Leu.