Auf den Tag genau Archiv
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5 Minuten
Dass das Berlin der späten 1920er nicht nur ein Ort der wilden Parties und des exzessiven Lebens, sondern auch der Trickbetrüger, Gauner und Ganoven war, gehört heute fest zum Cliché der roaring twenties. Dass es aber auch schon zu Beginn dieser Dekade auf den ersten Blick unverdächtige Individuen mit erstaunlicher krimineller Energie gab, beweist der Artikel aus dem Vorwärts vom 18.4.1921. Der Postbote Alfred Schreiber wollte sich durch gefälschte Postanweisungen ein Vermögen erschleichen und landete nach einer wilden Verfolgungsjagd letztlich vor Gericht. Gelesen von Paula Leu.
5 Minuten
Als Berliner Zeitungsleser war es im Jahr 1920 gar nicht so einfach, an Colin Roß vorbeizukommen. Der umtriebige Reisejournalist war vor den Wirren der Nachkriegszeit nach Südamerika entflohen und versorgte die heimische Presse von hier aus mit zahlreichen Berichten über Land und Leute, Kultur und Gesellschaft vor allem aus Chile – nachzuhören u.a. in unserer Podcastfolge vom 16. Juli 2020. Jetzt, im Frühjahr 1921, war Roß wieder zurück in Berlin und refinanzierte seinen Trip ein weiteres Mal, diesmal in Form von öffentlichen Lichtbildvorträgen, die sich vor allem an potentiell Auswanderungswillige richteten und offensichtlich auf große Nachfrage stießen. Wer kein Billet ergattert hatte, dem blieb wiederum nur die auch hiervon berichtende Tagespresse, etwa am 17. April die Berliner Börsen-Zeitung. Für uns liest aus dieser Frank Riede.
11 Minuten
Im Monat Mai 2019 verzeichnete die Staatsbibliothek zu Berlin ca. 60.000 Besuche, wobei durchaus einzelne Besucher*innen mehrfach gezählt wurden, und durchschnittlich ca. 3200 Ausleihen und Verlängerungen täglich. Wie diese Zahlen 1921 aussahen, dem ging Joseph Roth in der Ausgabe vom 16. April des Berliner Tageblatts nach. Wir erleben ihn in diesem Artikel, Statistiken wälzend, von seiner journalistischen Seite. Wie viele Bücher werden von wem in Berlin ausgeliehen? Darauf gibt er Antworten und stellt fest, dass die Nachfrage gegenüber der Vorkriegszeit erfreulicher Weise angestiegen ist. Und was sind in der von Krisen gebeutelten Weimarer Republik die Trends bei den ausgeliehenen Büchern? Fernöstliche Philosophie und leider auch völkisch antisemitische Literatur. Für uns liest Paula Leu.
5 Minuten
Josef Luitpold Stern galt in seiner Heimat Österreich als so etwas wie der ‘Hausdichter‘ der Sozialdemokratie. Einer assimilierten jüdischen Familie in Wien entstammend, war er regelmäßiger Autor vor allem der Arbeiter-Zeitung, überdies Mitbegründer der Büchergilde Gutenberg sowie ein vielbeschäftigter Redner und Rezitator eigener Texte auf gewerkschaftlichen Festveranstaltungen. Ständestaat und Nazi-Diktatur entkam er durch Emigration in die Tschechoslowakei, nach Frankreich, Spanien und in die USA, um anschließend bis zu seinem Tod 1966 erneut im Bildungswesen der österreichischen Arbeiterbewegung zu wirken. Dass er in linken Kreisen auch in Deutschland zur Kenntnis genommen wurde, belegt das folgende winzige, nur unter seinen beiden Vornamen veröffentlichte Dramolett aus der Freiheit vom 15. April 1921. Gelesen für uns, in beiden Rollen, von Frank Riede.
8 Minuten
Von der Raumnot in den Städten zu Beginn der 1920er haben wir in diesem Podcast schon hier und da gehört. Dass die Kosten einer immer größer werdenden Verwaltung Steuerzahler und diesen verpflichtete Politiker damals schon zum Nachdenken brachte, ist ebenfalls nicht weiter überraschend. Und tatsächlich klingt auch die Lösung beider Probleme altvertraut: räumliche Optimierung oder Verdichtung, würde man heute sagen. Statt die Reichsministerien mit ihren Behörden an verschiedensten, für diese Aufgaben völlig ungeeignet gebauten Standorten zu belassen, sollten sie in einem zentralen Hochhausbau zusammengeführt werden. Das zumindest der Vorschlag von Regierungsbaumeister Seeger in der Vossischen vom 14. April 1921. Gelesen von Paula Leu.
6 Minuten
Internationale Sportwettkämpfe kamen in den Berliner Tageszeitungen der frühen 1920er Jahre kaum vor, denn von solchen waren deutsche Athleten auch im dritten Jahr des Friedens immer noch weitgehend ausgeschlossen. Eine seltene Ausnahme bildete die Schach-Weltmeisterschaft 1921, und das hatte einen einfachen Grund: Emanuel Lasker aus Berlinchen in der Neumark amtierte seit 1894 als zweiter offizieller Weltmeister der Schachgeschichte; eine etwaige Neuvergabe dieses Titels verlief statutengemäß nur über seine persönliche Entthronung. Als erster Anwärter dafür galt bereits seit einigen Jahren der Kubaner José Raúl Capablanca. Nachdem ein WM-Kampf zwischen ihm und Lasker vor und dann durch den Weltkrieg mehrfach gescheitert war, kam ein solcher nun endlich im Frühjahr 1921 in Havanna zustande. Vielleicht war es auch der Heimvorteil, der ihn beflügelte – auf jeden Fall weiß die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 13. April in ihrem Zwischenbericht nach zehn Partien schon von einem deutlichen Vorsprung des Prätendenten zu rapportieren. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Im dritten Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bereiste der Pariser Korrespondent des Berliner Tageblatts die Frontlinie des Stellungskrieges um Verdun und berichtete in einer mehrteiligen Serie über seine Reiseeindrücke. Den Anfang der Reihe fiel für uns in die Zeit der gehackten digitalen Zeitungsdatenbank, weshalb sie uns entgangen ist. Daher begleiten wir Paul Block ein Stück des Weges, nämlich auf seinen Stationen durch den Argonner Wald. Überall zerstörte französische Dörfer, Überbleibsel der Wehranlagen, Unterstände, Gräben, Beobachtungsposten und Soldatenfriedhöfe. Es muss eine apokalyptische Landschaft gewesen sein, woran auch die ersten raschen Wiederaufbaumaßnahmen nichts änderten. Wir erfahren aber auch, dass der Korrespondent nicht der einzige war, der die kriegsversehrten Landstriche bereiste, es scheint bereits einen regelrechten Verdun-Tourismus gegeben zu haben. Den Artikelausschnitt aus dem Berliner Tageblatt vom 12. April liest Frank Riede.
6 Minuten
Die Kaiserin ist tot, es lebe die … - nein! Auguste Viktoria war in Deutschland die letzte ihrer Art. Zwar sollte ihr Gemahl Wilhelm der vormals Zweite in seinem niederländischen Exil nur anderthalb Jahre später eine zweite Ehe eingehen. Seine neue Angetraute blieb in Ermangelung eines Throns unter seinem Hintern jedoch formal eine schnöde Prinzessin von Schönaich-Carolath. Anhänger der Monarchie gab es in Deutschland freilich noch einige, und so war die Nachricht vom Ableben der vormaligen ‘First Lady‘ am 11. April 1921 in Haus Doorn genauso ein Politikum, wie es ihre Beisetzung ein paar Tage später in Potsdam werden sollte. Die Vossische Zeitung bemüht sich in ihrer ersten Meldung noch am Todestag erkennbar um Pietät und Neutralität. Wie ihr das gelang, weiß Frank Riede.
7 Minuten
Wie sich die Zeiten ändern: Vor einhundert Jahren dachte kein Mensch an Osterferien auf Mallorca; dafür war ein Kurzurlaub im eigenen Land seinerzeit flächendeckend erlaubt. Den Vorwärts verschlug es in diesem Zusammenhang am 10. April nach Thüringen, wo die Autorin auf Schusters Rappen beträchtliche Strecken kreuz und quer durch das Land zurücklegte. Von Naumburg zog es sie über Jena, Rudolstadt und Ilmenau bis nach Weimar – immer wieder, man kann es sich denken, auf Goethes Spuren. Die Zeit, bis solche Reisen auch im 21. Jahrhundert wieder möglich sind, überbrückt für uns Frank Riede.
4 Minuten
Am 20. Februar 1921 hatte Preußen seinen Landtag gewählt, eine tragfähige Regierung gab es aber auch Anfang April noch nicht. Die bürgerlichen Parteien der sogenannten Weimarer Koalition, Zentrum und DDP, wollten zwecks Verbreiterung der Regierungsmehrheit gerne die rechtsliberale DVP mit ins Boot nehmen. Die SPD jedoch sperrte sich, weil sie der Partei Gustav Stresemanns antirepublikanische Gesinnung unterstellte. Würden sich die Sozialdemokraten damit durchsetzen oder aber die Mitte-rechts-Parteien sich an einem Minderheitenkabinett versuchen? Immerhin gab es am 9.4. schon einmal einen Ministerpräsidenten: den vormaligen preußischen Wohlfahrtsminister Adam Stegerwald vom Zentrum. Die USPD-Parteizeitung Freiheit nahm es durchaus etwas überrascht zur Kenntnis. Paula Leu weiß, wieso.
5 Minuten
Sonnenfinsternisse sind nicht allein spektakuläre Naturereignisse; sie sind auch seltene Gelegenheiten für die Wissenschaft. Während der totalen Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1919 war Albert Einsteins Vorhersage der gravitativen Ablenkung des Lichts und damit eine der Grundannahmen seiner Allgemeinen Relativitätstheorie bestätigt worden. So ist die Frustration darüber, dass das finanziell arg eingeschränkte Nachkriegsdeutschland die Kosten für eine intensive und gründliche Beobachtung und Auswertung des ‚Sonnenwunders’ vom 8. April 1921 nicht stemmen konnte, durchaus verständlich. Das trübe Wetter tat ein Übriges, so dass dieses Ereignis heute mit nur schwacher Bedeutung in den Annalen verzeichnet ist. Der “Vorwärts” berichtet trotzdem. Und für uns liest Frank Riede.
7 Minuten
Zur sozialdemokratischen Zeitung Vorwärts erschienen regelmäßig mehrere Beilagen. So auch wöchentlich die Unterhaltungsbeilage „Heimwelt“, in der wir am 7. April den Artikel „Sprachgeschichtliches vom Streik“ finden. Noch bevor die Begriffsgeschichte zu einem wichtigen Zweig der Geschichts- und Kulturwissenschaften wurde, war das Erkenntnispotential einer historisch semantischen Untersuchung von Begriffen wohlbekannt. Hier wird in einer genauen Betrachtung der Okkurenzen des Begriffes die Übernahme des Wortes „Streik“ aus dem angelsächsischen Sprachraum geschildert. Dabei spielt, verständlicher Weise, das Zusammenspiel zwischen der Sprache und den Entwicklungen der arbeitsrechtlichen Bedingungen im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Das Sein bestimmt die Sprache. Für uns liest Frank Riede.
4 Minuten
Das höchste Gebirge Norddeutschlands, der Harz, war auch für die Berliner von vor hundert Jahren ein wichtiges Reiseziel. So konnte man im letzten Sommer bei uns bereits hörend diese Region bereisen. Am 6.4.1921 aber berichtet der „Vorwärts“ von einer neuen Attraktion, der sogenannten Heimkehle am Kyffhäuser. Die enorme Wohnhöhle aus vorgeschichtlicher Zeit war aufwendig begehbar gemacht worden und sollte ab dem 1. Mai Höhlenwanderern offen stehen. Mehr als 20 Jahre später machten die Nationalsozialisten die Heimkehle zu einer unterirdischen Waffen-Produktionsstätte. Insbesondere für den Ausbau der Stollen wurden auch KZ-Häftlinge eingesetzt. Viele von ihnen starben infolge der erschöpfenden Arbeitsbedingungen. Gelesen von Paula Leu.
6 Minuten
Der kommunistische Putsch in Mitteldeutschland waberte Anfang April noch fort, es war aber deutlich abzusehen, dass es bei einem lokalen und nicht nachhaltigen Phänomen bleiben würde, da sich den kommunistischen Arbeitern keine weiteren politischen Gruppierungen anschlossen. Die Freiheit bietet in ihrer Ausgabe vom 5. April in einer kleinen Presseschau nicht nur die Analysen ausländischer Zeitungen zu den Geschehnissen, sondern verteidigt sich auch gegen Falschmeldungen, die im Ausland etwa zur Positionierung der USPD verbreitet werden. Und ein Kuriosum findet sich in diesem Artikel. Die Freiheit zitiert den Bericht der ”Avanti”, also der Zeitung der Sozialistischen Partei Italiens, und in diesem kurzen Zitat zitiert die „Avanti“ wiederum die Freiheit. Die Freiheit zitiert also indirekt sich selbst. Für uns zitiert Paula Leu.
7 Minuten
Als der norwegische Maler Edvard Munch auf Einladung des Berliner Kunstvereins 1892 erstmals Gemälde in Deutschland präsentierte, geriet diese Ausstellung zum wohl größten Kunstskandal der Kaiserzeit. Konservative Vereinsmitglieder und Kritiker meuterten gegen die als ‘anarchisch‘ diffamierten Exponate und setzten einen Abbruch der Schau nach nur wenigen Tagen durch. Knapp dreißig Jahre und viele Umdrehungen der Moderne später sah die Kunstwelt trivialerweise völlig anders aus. Munch war längst auf dem Weg zu einem Klassiker der Moderne, und seine Rückkehr nach Berlin, diesmal in der Galerie des Kunsthändlers Paul Cassirer, wurde entsprechend zu einem großen Erfolg bei Publikum und Kritik, dem sich auch der Vorwärts vom 4. April 1921 nicht in den Weg stellen wollte. Wobei dessen Kritiker John Schikowski durchaus nicht verhehlen mochte, dass ihm die alten, seinerzeit für anstößig befundenen Werke besser gefielen als der für ihn neue ‘spätere‘ Munch. Es liest Frank Riede.