„Unser Leben hat fragmentarischen Charakter“, schreibt Dietrich
Bonhoeffer am 23. Februar 1944 aus dem
Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin-Tegel an seinen Freund
Eberhard Bethge. Der hat diesen Brief und viele andere Zeugnisse
aus der zweijährigen Gefängniszeit von Bonhoeffer in „Widerstand
und Ergebung“ festgehalten.
Ich bin dabei, Dietrich Bonhoeffer neu zu entdecken. Was hat er
uns zu sagen in einer Zeit der Gottvergessenheit, der
Maßlosigkeit autokratischer Führer in aller Welt, den Abbrüchen
in unserer Gesellschaft und in unseren Kirchen?
Peter Zimmerling schreibt dazu in seiner Einführung zu
Bonhoeffers Buch „Nachfolge“:
„Bonhoeffers Theologie ist fragmentarisch geblieben… Gerade das
Fragmentarische jedoch macht seine Gedanken heute so anregend: Es
eröffnet die Chance zum eigenen Weiterdenken und erlaubt eigenes
Experimentieren…“
In seinem Brief an Eberhard Bethge schreibt Dietrich Bonhoeffer:
„Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens
noch ansieht, wie das Ganze wohl angelegt und gedacht war und aus
welchem Material es besteht. Es gibt schließlich Fragmente, die
nur noch auf den Kehrrichthaufen gehören, und solche, die
bedeutsam sind auf Jahrhunderte hinaus, weil ihre Vollendung nur
eine göttliche Sache sein kann, also Fragmente, die Fragmente
sein müssen. Wenn unser Leben auch nur ein entferntester Abglanz
eines solchen Fragmentes ist, … dann wollen wir uns über unser
fragmentarisches Leben nicht beklagen, sondern daran sogar froh
werden.“
Mein Leben ein Fragment. Das wird mir immer wichtiger. Ich habe
mein Leben nicht im Griff. Ich weiß nicht, wie lange ich noch da
sein darf, was ich noch einbringen kann. Aber ich vertraue
darauf, dass Gott mein Leben in seiner Hand hat, dass es stimmt,
was Jesus den Seinen versprochen hat: „Ich bin bei euch alle Tage
bis an das Ende der Welt“. Ich blicke dankbar zurück, was ich
empfangen habe, was ich geben durfte und wo ich dazugehören darf.
Ich lasse vieles los. Ich verlangsame mein Lebenstempo.
Gleichzeitig vertiefe und verdichte ich mir Wesentliches. Dazu
gehört ein Studieren von Bonhoeffers Werken, vor allem seiner
Ethik und den Zeugnissen aus seiner zweijährigen Gefangenschaft,
bevor er hingerichtet wurde.
Da möchte ich Orientierung finden für mein Leben in der Nachfolge
Jesu. Da möchte ich mich auch noch einige Zeit engagieren bei
Stufen des Lebens. Da werde ich selbst beschenkt und darf mit
anderen Gott auf die Spur kommen. Und fröhlich fragmentarisch
leben.
Schalom und liebe Grüße
Hans-Martin Steffe, Linkenheim-Hochstetten
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