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  4. FG076 - Fritz Bauer: Ihr hättet Nein sagen müssen!
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„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und
kann wieder Zukunft werden.“ Mit diesem Satz von Fritz Bauer
steigen wir ein und fragen uns, wie Auschwitz in der jungen
Bundesrepublik überhaupt vor Gericht kam – und gegen wie viel
Widerstand. Wir starten im Dezember 1963 in Frankfurt und gehen
dann zurück zu dem hessischen Generalstaatsanwalt, der diesen
Prozess möglich gemacht hat. Unterwegs begegnen uns ein Eid auf
Hitler persönlich, ein Einbruch in ein Frankfurter Büro und
Briefe voller Hass. Und am Ende die Frage, was von einer
Aufarbeitung bleibt, wenn der eine Mensch fehlt, der sie
vorantreibt. 

Herkunft, Studium und eine Beleidigung

Fritz Bauer wird 1903 in eine liberale, assimilierte jüdische
Familie geboren (in Stuttgart! nicht in Tübingen, wie Solveig in
der Folge sagt), die sich als deutsch und national-konservativ
versteht. Der Vater meldet sich im Ersten Weltkrieg freiwillig,
auch ein Onkel zieht an die Front – ein Detail, das wichtig ist,
weil später das Gerücht die Runde macht, Juden hätten sich
gedrückt. 1921 beginnt Bauer sein Jurastudium in Heidelberg,
später wechselt er nach Tübingen. An den Universitäten wächst der
Antisemitismus, befeuert von der Dolchstoßlegende;
Studentenverbindungen nehmen keine Juden auf, was gerade im
Jurastudium auch die Karriere bedroht. 1927 promoviert Bauer im
Wirtschaftsrecht und wird Richter in Stuttgart.

1931 greift ihn die NS-Zeitung „NS-Kurier“ persönlich an und
unterstellt ihm, vertrauliches Aktenmaterial an die SPD-Zeitung
„Schwäbische Tagwacht“ weiterzugeben. Bauer stellt Strafantrag
und bekommt in Teilen recht, wird aber trotzdem vom Strafrecht
ins Zivilrecht versetzt. Wir fragen uns, ob das eine Maßnahme
war, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen.

Verfolgung, Haft und Exil

Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums beendet
1933 seine Richterlaufbahn, wenig später verliert er auch die
Anwaltszulassung. Schon am 23. März 1933 wird Bauer, der der SPD
nahesteht und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold aktiv war, ins KZ
Heuberg gebracht. Dort begegnet er Kurt Schumacher, den er sein
Leben lang bewundert. Im November 1933 kommt Bauer frei; ob er
dafür eine Unterwerfungserklärung unterschrieben hat, lässt sich
nicht belegen. Über seine Haft hat er sonst nie gesprochen.

1934 emigriert seine Schwester Margot mit ihrem Mann nach
Kopenhagen, 1936 folgt Bauer. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht
1940 wird er drei Monate interniert, im Oktober 1943 gelingt der
Familie die Flucht nach Schweden. Dort gibt er mit Willy Brandt
die „Sozialistische Tribüne“ heraus. Margot kehrt nie nach
Deutschland zurück.

Der Remer-Prozess

Schon im Mai 1945 will Bauer zurück und schreibt im Dezember an
die Amerikaner; es dauert bis 1949. Ronen Steinke, auf dessen
Biografie wir uns stützen, erklärt die Verzögerung auch mit
Misstrauen gegenüber jüdischen Beamten, von amerikanischer wie
von deutscher Seite. Wer jüdisch war, gab damals oft
„glaubenslos“ an; auch Bauer tut das. Deshalb fragen wir uns, ob
er wirklich ein überzeugter Atheist war oder gelernt hatte zu
schweigen – eindeutig lässt sich das aus unserer Sicht nicht
sagen.

1950 wird Bauer Generalstaatsanwalt in Braunschweig. 1952 klagt
er Otto Ernst Remer an, der 1944 an der Niederschlagung des
Umsturzversuchs beteiligt war, die Sozialistische Reichspartei
mitgegründet hatte und die Attentäter des 20. Juli als
„Landesverräter“ bezeichnete. Im Remer-Prozess argumentiert
Bauer, ein Eid auf einen einzelnen Menschen sei der deutschen
Rechtsgeschichte vor Hitler unbekannt, das Dritte Reich ein
Unrechtsstaat. Das Gericht verurteilt Remer nur wegen
Beleidigung, nicht wegen übler Nachrede, folgt Bauer aber in der
Einordnung des NS-Staates. Wir lesen darin eine erste juristische
Anerkennung dieses Unrechts – und zugleich ein Opfer-Narrativ,
das nach 1945 schnell Konjunktur hatte.

Der Hinweis auf Eichmann

Seit 1956 arbeitet Bauer in Frankfurt. 1957 erreicht ihn ein
Brief von Lothar Hermann, der als Jude nach Argentinien geflohen
war und wusste, wo sich Adolf Eichmann aufhielt. Bauer gibt die
Information an den israelischen Diplomaten Felix Shinnar weiter;
der Mossad ist zunächst skeptisch, Bauer hakt mehrfach nach. Den
deutschen Geheimdienst umgeht er, weil er fürchtet, dass Eichmann
gewarnt würde und verschwände. Wenige Wochen vor der Festnahme am
11. Mai 1960 bricht ein Mossad-Mitarbeiter in Bauers Büro ein und
fotografiert die Akte. Dass Bauer beteiligt war, wird erst 1968
durch einen Nachruf in der israelischen Presse bekannt. Der Film
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) widmet sich vor allem dieser
Episode.

Der Frankfurter Auschwitz-Prozess

1959 leitet der Journalist Thomas Gnielka Unterlagen von Emil
Wulkan an Bauer weiter, die dieser aus dem brennenden SS- und
Polizeigericht in Breslau gerettet hatte: vorgedruckte
Ermittlungsschreiben zu „auf der Flucht erschossenen“ Häftlingen,
unterzeichnet unter anderem von Rudolf Höß und seinem Adjutanten
Robert Mulka. Der Bundesgerichtshof beauftragt Bauer mit dem
Ermittlungsverfahren. Er überträgt die Arbeit an seine „junge
Riege“, vor allem Joachim Kügler und Georg Friedrich Vogel,
später kommt Gerhard Wiese dazu – Angehörige der
Flakhelfer-Generation, von der Bauer hofft, dass sie nicht im
NS-System ausgebildet wurde.

Wahlplakat der FDP, 1949

Die Staatsanwälte nehmen rund 1500 Zeugenaussagen auf, 211 Zeugen
werden im Prozess vernommen, und sie recherchieren 599 mögliche
Täter, von denen nur 23 angeklagt werden können. Am 16. April
1963 wird Anklage erhoben; der vorgesehene Hauptangeklagte
Richard Baer stirbt im Juni 1963 in Untersuchungshaft, sodass 22
Angeklagte bleiben. Der Prozess beginnt am 20. Dezember 1963, die
Urteile fallen am 19. und 20. August 1965. Dass wir so viel über
ihn wissen, liegt an den Tonbändern, die „zur Stütze des
Gedächtnisses“ mitliefen und heute auf auschwitz-prozess.de zu
hören sind.

Befehlsnotstand, Schlussstrich und
Nachwirkung

Die Angeklagten berufen sich auf Soldateneid und Befehlsnotstand.
Das Gericht folgt dem nicht: Man habe nein sagen können. „Ihr
hättet Nein sagen müssen“, sagt Bauer in einem Radiointerview;
wir denken dabei auch an die Antigone, die wir in diesem Jahr
schon besprochen haben.

Die Mehrheit der Gesellschaft sieht das anders. Umfragen aus
dieser Zeit zeigen, dass 63 Prozent der Männer und 76 Prozent der
Frauen einen Schlussstrich wollen, und Bauer erhält Briefe voller
Hass, in denen ihm Rachsucht unterstellt wird. In einer
Fernsehdiskussion mit Studierenden im „Kellerclub“ 1964 erleben
wir ihn dagegen versöhnlich und bedacht. Im eigentlichen Prozess
hält er sich zurück; die Verhandlung führen Kügler, Vogel und
Wiese, Kügler fällt dabei durch seine Schärfe auf. Beruflich
macht von den dreien später niemand wirklich Karriere; Kügler
eröffnet kurz nach dem Prozess eine Kanzlei und verteidigt laut
Steinke später auch NS-Täter.

Nach Bauers Tod 1968 geraten die Verfahren wieder ins Stocken,
ein von ihm angestrebter Prozess zu den Euthanasie-Verbrechen
findet nicht statt. Solveig schließt mit einem persönlichen
Gedanken: Wer aus der Mehrheitsgesellschaft kommt, kann sich
irgendwann zurückziehen – für Bauer ging es um das eigene
Leben. 

Fritz Bauer | Jurist, 1950 Generalstaatsanwalt in Braunschweig,
ab 1956 in Frankfurt; treibende Kraft hinter dem
Auschwitz-Prozess

Auschwitz-Prozess | Frankfurter Prozess 1963–1965 gegen Robert
Mulka und 21 weitere Angeklagte

Robert Mulka | Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß,
Hauptangeklagter im Frankfurter Prozess

Remer-Prozess | Braunschweiger Prozess 1952, in dem Bauer das
NS-Regime als Unrechtsstaat einordnete

Otto Ernst Remer | Mitgründer der Sozialistischen Reichspartei,
bezeichnete die Attentäter des 20. Juli als Landesverräter

Kurt Schumacher | SPD-Politiker, mit Bauer im KZ Heuberg; für ihn
ein Vorbild

Adolf Eichmann | Organisator der Deportationen; 1960 in Buenos
Aires festgenommen, auch auf Hinweis Bauers

Joachim Kügler | Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess; wechselte
später in die Strafverteidigung

Ronen Steinke | Autor der Bauer-Biografie, auf der ein großer
Teil der Folge beruht

Befehlsnotstand | Rechtfertigungsversuch der Angeklagten, vom
Gericht zurückgewiesen

Verwandte Folgen

Die vergebliche Hoffnung der Haskala (Nachlapp): was
„assimiliert“ im 19. und frühen 20. Jahrhundert bedeutet,
Hintergrund für Bauers Familie.

Literatur etc.

Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht.
München: Piper 2013.

Der Staat gegen Fritz Bauer. Spielfilm, Deutschland 2015.

Tonbandmitschnitte des Auschwitz-Prozesses, online unter
auschwitz-prozess.de (Fritz Bauer Institut; Teil des
UNESCO-Weltdokumentenerbes).

Fernsehdiskussion mit Fritz Bauer im „Kellerclub“, 1964.

Musik

Béla Bartók: Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und
Celesta (Sz 106), Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Ferenc
Fricsay, Aufnahme von 1954. Quelle: oer-musik.de (CC0),
archiviert durch die Bayerische Staatsbibliothek.

Erik Satie: Gnossienne, Edward Rosser. Quelle: Musopen (CC
PD)

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