Ein Kaiser kniet vor seinem Vasallen, fleht ihn an – und wird
trotzdem abgewiesen. Diese Szene aus dem Jahr 1176 gilt
spätestens seit dem 19. Jahrhundert als eine der großen
Demütigungen der deutschen Geschichte. Guido Knopp nannte sie
2008 „eines der spektakulärsten Ereignisse der Weltgeschichte".
Doch genau diese Wahrnehmung – wer sich hier eigentlich blamiert
hat – ist der Ausgangspunkt der Folge: Solveig nimmt den
sogenannten Kniefall von Chiavenna zum Anlass, ganz grundsätzlich
zu fragen, was im Hochmittelalter überhaupt als männlich,
ehrenhaft und herrschertauglich galt. Ihre These: Nicht
Barbarossas Kniefall war die eigentliche Schande, sondern dass
sein Cousin Heinrich der Löwe sich weigerte, Erbarmen zu zeigen.
Wer hier also wirklich gedemütigt wurde, hängt ganz davon ab, mit
welchem Männlichkeitsbild man an die Quelle herangeht – und das
des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich fundamental von dem des
zwölften.
Der Kniefall von Chiavenna
1176 bittet Friedrich I. Barbarossa seinen Cousin Heinrich den
Löwen in Chiavenna um Waffenhilfe gegen den Lombardischen
Städtebund – und Heinrich sagt Nein. Wir vergleichen zwei
Chroniken aus etwa derselben Zeit: Otto von St. Blasien erzählt
nur von einem Streit und Heinrichs Abreise, kein Kniefall. Erst
Arnold von Lübeck, rund 30 Jahre nach dem Ereignis, liefert die
dramatische Eskalationsstufen-Erzählung: erst Schmeichelei, dann
die Erinnerung an geschworene Eide, dann die Bitte als Freund,
als Verwandter, als König – und am Ende der Fußfall des Kaisers,
den Heinrich unbeeindruckt lässt. Solveig liest das nicht als
verlässlichen Tatsachenbericht, sondern als literarisch
komponierte Fallgeschichte über Heinrichs Hochmut, geschrieben
mit dem Wissen, wie dessen Karriere endet.
Zwei Cousins, ein Doppelherzogtum
Um zu verstehen, worum es in Chiavenna wirklich ging, blicken wir
zurück auf die verwickelten Familienverhältnisse der Staufer und
Welfen: Barbarossas Mutter Judith und Heinrichs Vater Heinrich
der Stolze sind Geschwister, und der Streit ums Doppelherzogtum
Sachsen-Bayern zieht sich durch eine ganze Generation, bis
Barbarossa 1152 seine Wahl mit dem Versprechen absichert,
Heinrich beide Herzogtümer zu geben. Wir folgen den beiden
Cousins durch Jahrzehnte gemeinsamer Italienpolitik, durch das
Kirchenschisma zwischen Alexander III. und Viktor IV., die
verheerende Seuchen-Katastrophe vor Rom 1167 und schließlich zur
Schlacht bei Legnano 1176, in der das kaiserliche Heer ohne
Heinrichs Unterstützung vernichtend geschlagen wird.
Der Sturz Heinrichs des Löwen
Was danach kommt, erzählen wir chronologisch nach: Heinrichs
wiederholtes Fernbleiben vom Hoftag, seine Ächtung 1180, das Exil
bei seinem Schwager Heinrich II. von England und sein Feilschen
mit Barbarossa um eine mögliche Rückkehr – lieber ein Teil der
Herrschaft sofort oder alles später, wenn er mit auf Kreuzzug
zieht? Heinrich entscheidet sich für Nein und England, bis hin
zum Tod beider Männer und dem Streit um Philipp von Schwaben und
Otto IV., der die nächste Generation prägt.
Der vermeintliche staufisch-welfische
Gegensatz
Ein eigenes Kapitel widmen wir der Frage, wie aus dieser sehr
persönlichen Fehde zweier Cousins im 19. Jahrhundert der große
„staufisch-welfische Gegensatz" wurde – eine nationalistische
Projektion, die mit dem tatsächlichen
Guelfen-und-Ghibellinen-Konflikt in Italien nicht das Geringste
zu tun hat, aber bis in die Selbstinszenierung des Kaiserreichs
als Gegensatz zwischen Preußen (den „neuen Staufern") und dem
Haus Hannover (den Welfen) fortwirkt. Daniel erinnert dabei an
die Kaiserdeputation von 1849, die in Braunschweig Abbitte für
Heinrichs „Verrat" leistete.
Der maskuline Mann des Mittelalters
Den größten Teil der Folge verwendet Solveig darauf, ihre
eingangs aufgeworfene These zu belegen: Das mittelalterliche
Männlichkeitsideal des Hochadels war nicht Härte und
Unnachgiebigkeit, sondern Demut, Güte, Mäßigung und Milde. Mit
Belegen aus dem Nibelungenlied (die Szene um Rüdiger von
Bechelaren), einer Ritterschlag-Beschreibung voller Seide und
Freigiebigkeit und einem herrlich schlecht gelaunten Text von
Bernhard von Clairvaux über eitle, hübsch gemachte Ritter
zeichnet sie nach, wie unser heutiges Bild vom „harten"
mittelalterlichen Mann eher eine Erfindung der Aufklärung und des
19. Jahrhunderts ist – bei Historiker Knut Görich widerspricht
sie dabei in einem Punkt ausdrücklich. Daniel bleibt trotz aller
Argumente treu auf der Seite von Heinrich dem Löwen.
Friedrich I. Barbarossa | Römisch-deutscher Kaiser ab 1155,
Protagonist der Kniefall-Episode
Heinrich der Löwe | Cousin Barbarossas, Herzog von Sachsen und
Bayern
Arnold von Lübeck | Chronist, einzige Quelle für den Kniefall (um
1210)
Lombardischer Städtebund | Bündnis norditalienischer Städte gegen
Barbarossas Herrschaftsanspruch
Schlacht bei Legnano | Vernichtende Niederlage des Kaiserheeres
1176
Guelfen und Ghibellinen | Italienischer Parteienkonflikt, oft
fälschlich mit Staufern/Welfen gleichgesetzt
Bernhard von Clairvaux | Zisterzienser-Abt, Kritiker höfischer
Ritterschaft
Knut Görich | Mediävist, führender Barbarossa-Forscher
Verwandte Folgen
FG011 – Oh, wie schön ist Goslar: Erster
Auftritt Barbarossas bei uns, samt Streit um die Bergstadt
Goslar
FG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier!
und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch
gut!: Mehr zu Bernard Gui und Innozenz III., für alle,
die nach der Post-Erwähnung neugierig geworden sind
FG025 – Sizilien | Herrschaft des Antichrist
und FG026 – Sizilien | Das staufische
Natterngeschlecht: Der tatsächliche
Guelfen-Ghibellinen-Konflikt in Italien
FG028 – Nibelungen | Das Kriemhild-Lied und
FG029 – Nibelungen | Treu in den Untergang:
Rüdiger von Bechelaren und die Frage, wann ein Kniefall
verpflichtet
FG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger
Geist: Mehr zum Papstwahldekret und schismatischen
Wahlen
Literatur (in der Folge genannt)
Alice Hesselmeier: Hilfsbuch für den Geschichtsunterricht an
den unteren und mittleren Klassen der Gelehrten- und Realschulen
und verwandten Lehranstalten Württembergs, 1897
Otto von St. Blasien: Chronik
Arnold von Lübeck: Chronik (entstanden um 1210)
Albert von Stade: Chronik
Burchard von Ursberg: Chronik
Das Nibelungenlied, 37. Aventiure
Lambert von Ardres: Historia comitum Ghisnensium (Geschichte
der Grafen von Guînes)
Jean de Marmoutier: Historia Gaufredi ducis Normannorum et
comitis Andegavorum (Geschichte Gottfrieds, Herzog der Normannen
und Graf von Anjou)
Bernhard von Clairvaux: De laude novae militiae (Lob der
neuen Ritterschaft)
Knut Görich: Jäger des Löwen oder Getriebener des Fürsten?
Friedrich Barbarossa und die Entmachtung Heinrichs des Löwen, in:
Staufer & Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im
Hochmittelalter, hg. v. Werner Hechberger und Florian Schuller,
Regensburg 2009, S. 98–117; sowie Tagungsband 2024 zu Herrschaft
und Nichtentscheiden bei Barbarossa
Gerd Althoff: Spielregeln der Politik im Mittelalter, 1997
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