Am 10. September 1898 sticht ein junger italienischer
Wanderarbeiter am Genfer Seeufer auf die österreichische Kaiserin
Elisabeth ein – und ruft, als er von ihrem Tod erfährt, jubelnd:
„Es lebe die Anarchie!“ Wir kümmern uns dieses Mal um Luigi
Lucheni, und zwar mit Verstärkung: Johannes vom Podcast Alle Zeit
der Welt bringt uns die großen Denker des Anarchismus näher –
Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin –,
während wir uns fragen, wie viel von Luchenis eigener Erzählung
überhaupt stimmt. Er selbst hat immer beteuert, ganz allein und
aus reiner Überzeugung gehandelt zu haben. Doch schon sein
Verhörprotokoll steckt voller kleiner Widersprüche: Woher wusste
ein Tagelöhner, der die Kaiserin nie mit eigenen Augen gesehen
haben will, eigentlich, wie sie aussieht? Und was hat es mit dem
Telegramm auf sich, das ganz andere Hintermänner vermuten lässt?
Wir gehen der Frage nach, ob Lucheni wirklich der einsame
Einzeltäter war, als der er in die Geschichte eingegangen ist –
oder ob da noch mehr dahintersteckt.
Das Attentat am Genfer Seeufer
Kaiserin Elisabeth reist im September 1898 unter dem Titel Gräfin
von Hohenems inkognito zur Kur an den Genfersee, begleitet nur
von ihrer Hofdame Irma Staray. Am 10. September wollen die beiden
mit dem Dampfer nach Territet übersetzen, als ein Mann auf sie
zustürzt. Elisabeth geht zu Boden, erhebt sich aber scheinbar
unverletzt wieder und besteigt noch das Schiff – erst dort bricht
sie endgültig zusammen. Wir lesen aus dem Bericht der Irma Staray
vor, wie sie erst auf dem Deck die kleine, kaum blutende
Stichwunde entdeckt und begreift, dass die Kaiserin erstochen
wurde. Der Täter, sofort von Passanten gestellt, ist zu diesem
Zeitpunkt bereits verhaftet: Luigi Lucheni. Ihm wird zunächst nur
versuchte Körperverletzung vorgeworfen, da niemand ahnt, wie
schwer die Verletzung tatsächlich ist – bis die Meldung vom Tod
der Kaiserin eintrifft und Lucheni seinen Erfolg bejubelt.
Vom Waisenkind zum Wanderarbeiter
Wer war dieser Mann? Lucheni wird 1873 unehelich in Paris geboren
und von seiner Mutter zur Adoption freigegeben. Er wächst bei
wechselnden Pflegefamilien in der Gegend um Parma auf, arbeitet
schon als Kind, unter anderem als Gärtner, Steinmetzgehilfe und
beim Eisenbahnbau. Seine Jugend fällt in die Zeit der großen
italienischen Arbeitsmigration in die Schweiz: Nach dem
Risorgimento bleibt Süditalien wirtschaftlich weit hinter dem
Norden zurück, während in der Schweiz durch den Ausbau der
Eisenbahn – etwa die Gotthardbahn – Arbeit für italienische
Wanderarbeiter entsteht. Im Tessin trifft Lucheni auf eine große
italienischsprachige Community, zu der auch politische Emigranten
gehören: Republikaner, die der Königsherrschaft in Italien
entkommen wollten, und eben auch Anhänger des Anarchismus. Diese
Kreise sind es, auf die sich Lucheni später im Verhör beruft –
auch wenn er betont, allein gehandelt zu haben.
Drei Denker, eine Idee: Proudhon, Bakunin und
Kropotkin
Bevor es an die Auswertung des Verhörs geht, ordnet Johannes ein,
wovon Lucheni eigentlich spricht, wenn er sich Anarchist nennt.
Er stellt drei zentrale Theoretiker des 19. Jahrhunderts vor:
Proudhon, Sohn eines Küfers aus Besançon, ist
der Erste, der sich selbst als Anarchist bezeichnet, und prägt
mit „Qu'est-ce que la propriété?“ den Satz „Eigentum ist
Diebstahl“ – wobei er zwischen legitimem Besitz (was man selbst
nutzt) und illegitimem Eigentum (was man andere für die Nutzung
bezahlen lässt) unterscheidet. Seine Fehde mit Marx, der ihn
öffentlich abkanzelt, beendet eine zunächst freundschaftliche
Beziehung.
Bakunin, russischer Landadliger, kämpft auf
den Barrikaden von 1848/49, wird nach Sibirien verbannt, flieht
über Japan und die USA nach London und liefert sich Zeit seines
Lebens einen Machtkampf mit Marx um die Ausrichtung der Ersten
Internationalen – den er beim Haager Kongress 1872 verliert.
Sein Name ist untrennbar mit der zwielichtigen Nechayev-Affäre
verbunden, bei der ein junger Anhänger im Namen der Sache einen
Mord begeht.
Kropotkin, Fürst aus dem Geschlecht der
Rurikiden, entwickelt mit „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und
Menschenwelt“ eine wissenschaftliche Gegenposition zum
Sozialdarwinismus: Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation sei
der entscheidende evolutionäre Faktor – und entsprechend sei
eine herrschaftsfreie Gesellschaft keine Utopie gegen die
menschliche Natur, sondern ihre Entfaltung.
Alle drei, das wird deutlich, haben sich nie zu Attentaten wie
dem auf Kaiserin Elisabeth bekannt – die „Propaganda der Tat“
entwickelt sich eher am Rand der Bewegung, getragen von den
eigenen frustrierten Anhängern.
War Lucheni ein Einzeltäter?
Der Kern der Folge ist die Frage, ob Lucheni tatsächlich allein
gehandelt hat, wie es die gängige Erzählung will. Anhaltspunkte,
die daran zweifeln lassen, liefert unter anderem die Historikerin
Anna Maria Sigmund: Luchenis Aussagen zur Tatwaffe ändern sich
zwischen den Verhören mehrfach, ebenso seine Angaben dazu, wann
und wo er sie gekauft hat. Er behauptet, die Kaiserin habe er
vier Jahre zuvor in Budapest gesehen – nachweislich zu einem
Zeitpunkt, an dem er selbst seinen Militärdienst ableistete und
die Kaiserin gar nicht in Budapest war. Und obwohl Elisabeth
streng inkognito reist, weiß Lucheni ganz genau, wie sie
aussieht, obwohl seine eigenen Quellen dafür nicht ausreichen.
Die österreichische Gesandtschaft in Bern telegrafiert im
September 1898 nach Wien, man sei einem Komplott auf der Spur,
das in London angezettelt und über Zürich nach Genf getragen
worden sei – mit dem anarchistischen Publizisten Giuseppe
Ciancabilla als möglichem Drahtzieher. Vieles spricht dafür, dass
Lucheni mit seiner Version vor allem Mitwisser wie seinen
Bekannten Martinelli schützen wollte.
Die anarchistische Bewegung positioniert
sich
Wie reagiert die anarchistische Szene selbst auf die Tat?
Giuseppe Ciancabilla, Herausgeber der italienischsprachigen
Zeitung „L'Agitatore“, verteidigt Lucheni schon eine Woche nach
dem Attentat öffentlich: Es gehe nicht um die Kaiserin als
Individuum, sondern als Vertreterin einer herrschenden Klasse,
die für Massaker wie die brutale Niederschlagung der Mailänder
Brotproteste durch General Bava Beccaris mitverantwortlich sei.
Wenige Monate später, aus dem US-amerikanischen Exil, äußert sich
Ciancabilla differenzierter: Persönlich habe ihm die Tat nicht
gefallen, weil sie der anarchistischen Bewegung in der Schweiz
massive Repression eingebracht habe – ihre Berechtigung als
Ausdruck kollektiver Rebellion spricht er ihr trotzdem nicht ab.
Die Debatte erinnert nicht zufällig an spätere Diskussionen über
politische Gewalt, etwa um die RAF in den 1970er-Jahren.
Verurteilung, Tod und Nachleben
Da in Genf die Todesstrafe abgeschafft ist, bekommt Lucheni nicht
die Hinrichtung, die er sich gewünscht hatte, sondern lebenslange
Haft in strenger Einzelhaft. Zwölf Jahre später, 1910, erhängt er
sich in seiner Zelle. Sein Kopf wird zunächst „zur
wissenschaftlichen Untersuchung“ aufbewahrt – man erhofft sich
phrenologische Beweise für seine vermeintlich kriminelle
Veranlagung, findet aber nichts. Das Gehirn wandert noch
Jahrzehnte später zwischen Genf und Wien hin und her, bevor es im
Jahr 2000 endlich auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wird.
Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf die Rezeption der
Tat in Film und Musical – vom Kinofilm „Sisi & Ich“ bis zum
Musical „Elisabeth“ –, wo Lucheni oft zum bloßen Werkzeug einer
Erlösungsgeschichte der Kaiserin verkleinert wird, was wir mit
Blick auf seine tatsächlichen politischen Beweggründe für
verkürzt halten.
Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi) | Opfer des
Attentats
Luigi Lucheni | Attentäter
Irma Sztáray | Hofdame und Augenzeugin des Attentats
Pierre-Joseph Proudhon | Erster selbsternannter Anarchist,
„Eigentum ist Diebstahl“
Michail Bakunin | Anarchistischer Theoretiker, Rivale von
Marx
Pjotr Kropotkin | Anarchistischer Theoretiker, „Gegenseitige
Hilfe“
Giuseppe Ciancabilla | Anarchistischer Publizist, kommentierte
die Tat
Anna Maria Sigmund | Historikerin, zweifelt an der
Einzeltäter-These
Anarchismus | Politische Theorie, zentrales Thema der Folge
Risorgimento | Italienische Einigungsbewegung, Hintergrund von
Luchenis Migration
Verwandte Folgen
FG009 – Sisi: misslungene Jahre einer Kaiserin und FG016 –
Sisi: Die untote Kaiserin: Wer mehr über Elisabeths Leben vor
Genf erfahren möchte, findet hier die Vorgeschichte – wir selbst
hatten das Thema Sisi eigentlich schon abgehakt und kommen in
dieser Folge nur noch einmal darauf zurück, weil es hier um ihren
Tod geht.
Unser Gastauftritt bei Johannes im Podcast Alle Zeit der Welt
über Hexen und antike Magie und Hexenprozesse und die Rolle der
Inquisition.
Literatur
Anna Maria Sigmund: Tatort Genfer See. Kaiserin Elisabeth im
Fadenkreuz der Anarchisten. Molden Verlag, Wien 2020, ISBN
978-3-222-15053-1.
Ob mit Dolch, Feile. Textsammlung zur Ermordung der Kaiserin
Sissi durch den Anarchisten Luigi Lucheni. roofdruk edities &
unruhen publikationen, Amsterdam 2013 – deutsche Übersetzung der
Verhörprotokolle Luchenis, ursprünglich erschienen als Come e
perché ho ucciso la principessa Sissi, Edizioni Anarchismo Nr.
20, 2009.
Pierre-Joseph Proudhon: Qu'est-ce que la propriété? Paris
1840.
Pierre-Joseph Proudhon: Système des contradictions
économiques, ou Philosophie de la misère. Paris 1846.
Karl Marx: Misère de la philosophie. Réponse à la Philosophie
de la misère de M. Proudhon. Paris/Brüssel 1847.
Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie. 1873.
Michail Bakunin: Gott und der Staat. Postum veröffentlicht
1882.
Pjotr Kropotkin: Die Eroberung des Brotes. London 1892.
Pjotr Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und
Menschenwelt. London 1902.
Sisi und der Anarchist – Das Attentat auf die Kaiserin.
Dokumentation, Spiegel Geschichte, 2018 (Regie/Recherche: Anna
Maria Sigmund).
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