Am 1. Juli 2026 weihte die Piusbruderschaft in Écône vier neue
Bischöfe – gegen den ausdrücklichen Wunsch von Papst Leo XIV.
Einen Tag später erklärte der Vatikan alle Geistlichen der
Bruderschaft für exkommuniziert. Für uns der Anlass zu fragen:
Wer war eigentlich der Mann, dessen Name diese Gemeinschaft bis
heute trägt, und wieso hält eine Gruppe von Katholiken es für
ihre Pflicht, sich gegen den eigenen Papst zu stellen? Wir
schauen uns an, was ein Schisma im Kirchenrecht überhaupt
bedeutet, blicken zurück auf frühere Kirchenspaltungen von
Chalcedon bis Avignon – und erzählen die Geschichte von Marcel
Lefebvre, der als angesehener Konzilsvater begann und als
Anführer der wohl bekanntesten traditionalistischen Abspaltung
der katholischen Kirche endete. Geht es dabei wirklich nur um die
lateinische Messe? Und was verbindet die Ereignisse von 1988 mit
dem, was gerade erst wieder passiert ist?
Was ist ein Schisma? Von Chalcedon bis
Avignon
Bevor es um Lefebvre geht, klären wir den Begriff: Ein Schisma
(griech. „Spaltung") tritt automatisch ein, sobald jemand ohne
päpstliche Erlaubnis Bischöfe weiht – die sogenannte Tatstrafe
(ipso facto) der Exkommunikation, die das kanonische Recht
vorsieht. Wir blicken zurück auf frühere große Spaltungen: das
Konzil von Chalcedon (451), das morgenländische Schisma von 1054
zwischen Rom und Konstantinopel (formal erst 1965 durch Papst
Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. beigelegt, eine gemeinsame
Eucharistiefeier gibt es bis heute nicht) sowie das
abendländische Schisma (1378–1417) mit zeitweise drei
rivalisierenden Päpsten in Rom, Avignon und Pisa, beendet durch
das Konzil von Konstanz. Die Reformation selbst nennt man aus
katholischer Sicht meist nicht „Schisma", sondern spricht von
Konfessionalisierung – Antwort darauf ist das Konzil von Trient,
das nicht nur die protestantische Lehre verurteilt, sondern 1570
unter Pius V. auch den einheitlichen römischen Messritus
festlegt, der später zum Zankapfel wird.
Kulturkampf, Laizismus und die Wurzeln des katholischen
Traditionalismus
Die Französische Revolution und die Säkularisierung prägen im 19.
Jahrhundert eine katholische „Selbstvergewisserungsphase" –
Marien-Dogmen, Kulturkampf, Prozessionen, das Verhältnis Pius'
IX. zum italienischen Risorgimento. In Frankreich verschärft sich
der Konflikt: Die Dreyfus-Affäre (1894) entzweit das Land, 1905
wird mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat die
Trennung von Kirche und Staat radikal vollzogen – Kirchenbesitz
wird enteignet, Orden aufgelöst, Religionsunterricht verboten.
Pius X. verurteilt das in seiner Enzyklika Vehementer Nos. In
diesem Klima entsteht die Action Française um den agnostischen
Schriftsteller Charles Maurras: eine monarchistische,
integralistische und explizit antisemitische Bewegung, die die
gesamte Gesellschaft der kirchlichen Autorität unterstellen
will.
Marcel Lefebvre: Herkunft und früher Werdegang
Marcel Lefebvre wird am 29. November 1905 in Tourcoing geboren,
als eines von acht Kindern einer frommen, großbürgerlichen
Textilfabrikantenfamilie. Sein Vater René engagiert sich im
Zweiten Weltkrieg in der Résistance, verhilft Juden zur Flucht,
wird 1941 verhaftet und stirbt 1944 im KZ Sonnenburg – in seinem
letzten Brief bekennt er sich als „französischer Katholik und
Monarchist", der nur in christlichen Monarchien Frieden für
möglich hält. Lefebvre selbst studiert 1923–1930 am französischen
Priesterseminar in Rom, geprägt von einem Rektor aus der
antiliberalen, antimodernistischen und antikommunistischen
Tradition der Action Française. Er tritt den Spiritanern
(Kongregation vom Heiligen Geist) bei, ist Missionar in Gabun,
wird Erzbischof von Dakar (1955–1962) und schließlich
Generaloberer der Spiritaner (1962–1968).
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965)
Nach dem Tod Pius' XII. 1958 wählt das Konklave den greisen
Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, als
vermeintlichen Übergangspapst Johannes XXIII. – Namensgeber des
Zirkus Roncalli. Überraschend kündigt er ein Konzil an; in seiner
Eröffnungsrede Gaudet Mater Ecclesia setzt er auf das „Heilmittel
der Barmherzigkeit" statt auf Verurteilung. Lefebvre sitzt in der
Vorbereitungskommission und erwartet ein zügiges Abnicken der
vorbereiteten Texte – doch gleich am ersten Sitzungstag
durchkreuzen Kardinal Achille Liénart (Lille) und Kardinal Josef
Frings (Köln, mit seinem jungen theologischen Berater Josef
Ratzinger) diesen Plan, indem sie mehr Bedenkzeit bei der
Kommissionsbesetzung verlangen. Für Lefebvre ist das eine
„bestürzende Verschwörung". Zentrale Streitpunkte werden später
die Kollegialität der Bischöfe in Lumen Gentium und vor allem
Nostra Aetate, das den Dialog mit Judentum und Islam sucht und
die ältere Formel extra ecclesiam nulla salus relativiert. Trotz
aller Kritik unterschreibt Lefebvre am Ende sämtliche
Konzilsdokumente.
Bruch mit Rom: Das Schisma von 1988
1968 verlässt Lefebvre die Spiritaner, die die Konzilsreformen
umsetzen wollen, und geht in die Schweiz nach Fribourg. 1970
gründet er dort mit bischöflicher Erlaubnis die
Priesterbruderschaft St. Pius X., das Seminar zieht bald ins
größere Écône im Wallis um (später kommen weitere Standorte
hinzu, darunter Zaitzkofen in Bayern). 1974 veröffentlicht
Lefebvre eine „Erklärung", in der er sich zum „ewigen Rom"
bekennt, die nachkonziliaren Reformen aber als „vergiftet" und
„häretisch" verwirft. Rom reagiert: 1975 wird ihm die Anerkennung
entzogen, 1976 wird er suspendiert. Kardinal Ratzinger sucht als
Präfekt der Glaubenskongregation die Versöhnung, 1987 findet eine
Apostolische Visitation in Écône statt. Ein Protokoll vom 5. Mai
1988 soll die Rückkehr regeln – Lefebvre zieht seine Zustimmung
aber zurück. Am 30. Juni 1988 weiht er ohne päpstliche Erlaubnis
vier Bischöfe: Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais,
Alfonso de Galarreta und Richard Williamson. Johannes Paul II.
bestätigt die automatische Exkommunikation im Motu proprio
Ecclesia Dei – mit dem zugleich die Päpstliche Kommission
Ecclesia Dei für versöhnungswillige Traditionalisten entsteht.
Solche sammeln sich in der Priesterbruderschaft St. Petrus
(FSSP).
Benedikt XVI. und der Fall Williamson
Als Papst Benedikt XVI. sucht Ratzinger 2007 mit Summorum
Pontificum einen Ausgleich: Der alte Ritus wird als
„außerordentliche Form" desselben römischen Ritus neben dem Novus
Ordo wieder erlaubt. Daran entzündet sich eine Debatte um die
Karfreitagsfürbitte für die Juden. 2009 hebt Benedikt die
Exkommunikation der vier 1988 geweihten Bischöfe auf – zeitgleich
wird ein Interview publik, in dem Richard Williamson den
Holocaust leugnet. Williamson eckt auch innerhalb der
Piusbruderschaft an, wird 2012 wegen Ungehorsams ausgeschlossen
und gründet eine eigene, noch radikalere Abspaltung.
Ein neues Schisma
Und dann wiederholt sich die Geschichte: Am 1. Juli 2026 weiht
die Piusbruderschaft erneut ohne Mandat vier Bischöfe in Écône –
trotz eines persönlichen Appells von Papst Leo XIV. Am 2. Juli
erklärt das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre unter
Kardinal Víctor Manuel Fernández alle Kleriker der Bruderschaft
für exkommuniziert, diesmal ausdrücklich auch Laien, die sich
formell der Gemeinschaft zugehörig fühlen – eine Verschärfung
gegenüber 1988.
Marcel Lefebvre | Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X.,
zentrale Figur der Folge
Charles Maurras / Action Française | Ideelle Prägung Lefebvres:
monarchistisch-integralistische Bewegung
Johannes XXIII. | Einberufer des Zweiten Vatikanischen
Konzils
Josef Ratzinger / Benedikt XVI. | Konzilsberater, später
Glaubenspräfekt, sucht Versöhnung mit der Piusbruderschaft
Johannes Paul II. | Bestätigt 1988 die Exkommunikation Lefebvres
(Ecclesia Dei)
Franz Schmidberger | Lefebvres Nachfolger als Generaloberer,
Autor der „Zeitbomben des Konzils"
Richard Williamson | 1988 mitgeweihter Bischof, später wegen
Holocaustleugnung und Ungehorsams im Zentrum weiterer
Skandale/Spaltungen
Davide Pagliarani | Aktueller Generaloberer der
Piusbruderschaft
Priesterbruderschaft St. Pius X. (SSPX) | Von Lefebvre 1970
gegründete traditionalistische Gemeinschaft
Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) | 1988 gegründete
Abspaltung, die in Gemeinschaft mit Rom blieb
Écône | Priesterseminar der Piusbruderschaft im Wallis
Zweites Vatikanisches Konzil | Zentraler Streitpunkt der gesamten
Folge
Nostra Aetate | Konzilserklärung zum Verhältnis zu anderen
Religionen
Summorum Pontificum | Benedikts XVI. Motu proprio zur Zulassung
des alten Ritus (2007)
Verwandte Folgen
FG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier!
und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch
gut!: Referenzpunkt für den Vergleich, wie die Kirche
früher „wahren Glauben" geprüft hat.
FG037 – Der Nonnen-Fähnrich: Hintergrund zu
Papst Urban VIII., der in dieser Folge kurz aufgegriffen wird.
FG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger
Geist: Für alle, die nach dieser Folge verstehen
wollen, wie eigentlich ein Papst gewählt wird.
FG062 – Kulturkampf um den Heiligen Rock: Der
frühe Kulturkampf des 19. Jahrhunderts als Vorgeschichte des
katholischen Selbstverständnisses, das später bei Lefebvre eine
Rolle spielt.
FG068 – Von Gottes Gnaden: Friedrich Wilhelm
IV.: Die religiöse Romantik-Bewegung und der Kölner
Dom.
Literatur
Zweites Vatikanisches Konzil: Lumen Gentium, Nostra Aetate
(Konzilsdokumente, 1964/1965)
Johannes XXIII.: Eröffnungsansprache Gaudet Mater Ecclesia
(11. Oktober 1962)
Marcel Lefebvre: Erklärung vom 21. November 1974
(Glaubensbekenntnis/„Declaration")
Marcel Lefebvre: Ich klage das Konzil an (frz. J'accuse le
Concile, 1976)
Marcel Lefebvre: Offener Brief an die ratlosen Katholiken
(frz. Lettre ouverte aux catholiques perplexes; dt. Ausgabe
Mediatrix-Verlag, Wien 1986)
Franz Schmidberger: Vortrag „Die Zeitbomben des Konzils"
(1989)
Alois Schifferle: Die Pius-Bruderschaft (Butzon &
Bercker)
Jan-Heiner Tück: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die
Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte (Herder)
Kontakt und Unterstützung
Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette
Bewertung oder eine Nachricht von dir.
Du kannst uns über ko-fi unterstützen:
https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte
Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf
Steady:
https://steady.page/de/flurfunk-geschichte
Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer
Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen
Folge.
Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an
kontakt@flurfunk-geschichte.de
Flurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei
Facebook, Instagram und threads.
Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem
YouTube-Kanal.
Weiterer Podcast
Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und
Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei
Flurfunk Paulskirche:
https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.