Ein prägendes Schlagwort unserer Zeit ist der omnipräsente Wunsch
nach Selbstoptimierung. Aus sich selbst, dem eigenen Körper und
allem, was einen umgibt, soll stets das absolute Maximum
herausgeholt werden. Doch woher rührt dieser permanente Druck zur
Steigerung? Ist das rastlose Streben nach dem „Besten“ Ausdruck
einer zutiefst kapitalistischen Verwertungslogik oder zeigt es
vielmehr das Überhandnehmen einer egozentrischen Haltung, in der
das Individuum nur noch um sich selbst kreist? Impliziert der
Begriff der Selbstoptimierung nicht von vornherein ein fatales
Urteil: dass der Status quo des Menschen unzureichend sei und einer
ständigen Nachbesserung bedürfe? Erinnert diese Haltung nicht an
tradierte religiöse Schuld- und Bußmuster, wonach man sich ein
Leben lang unerbittlich anstrengen muss und niemals mit sich im
Reinen sein darf? Besonders augenscheinlich wird diese Dynamik im
modernen Körper- und Fitnesskult. Von ästhetischen Eingriffen über
Diäten bis hin zu unzähligen Nahrungsergänzungsmitteln wird der
Körper zur ewigen Baustelle deklariert – finanziert von einem
Markt, der an der menschlichen Verunsicherung bestens verdient.
Geht es dabei wirklich noch um Gesundheit, Wohlbefinden und die
Entwicklung des eigenen Potenzials? Oder unterwerfen wir uns einer
subtilen, gnadenlosen Normierung, die Vielfalt erstickt und die
Tore zu Manipulation, Fremdbestimmung und Selbstentfremdung weit
aufstößt? Wer sagt jungen Menschen heute noch, dass sie gut und
wertvoll sind, so wie sie sind – mit all ihren Stärken, Ecken und
Schwächen? Welche Verantwortung tragen Bildungseinrichtungen,
Eltern und Pädagog:innen in einer Gesellschaft, die Funktionieren
über Sein stellt? Wie kann Schule Räume eröffnen, in denen Kinder
und Jugendliche lernen, falschen Perfektionsidealen zu widerstehen,
ein stabiles Selbstwertgefühl jenseits von Vergleichsdruck zu
entwickeln und Mündigkeit statt Anpassung zu leben? - - - - -
Elsbeth Kossmeier und Benedikt Weingartner bewegt das Thema Lernen.
Sie setzen sich damit auseinander, was man für das Leben lernt,
lernen soll, freiwillig und unfreiwillig, bewusst und unbewusst.
Mit ihren unterschiedlichen Zugängen führen sie kritisch und mit
utopischen Gedanken im Hinterkopf einen Dialog. Beide sind viel
beschäftigt mit jungen Menschen, deren Reaktionen auf Schule, den
unterschiedlichen Motivationen, Neues zu entdecken und ins eigene
Leben hereinzunehmen, der Fähigkeit zur konstruktiven
Auseinandersetzung mit Leben und Welt, ihrer Haltung zum Lernen
generell. Elsbeth Kossmeier ist Gestaltpädagogin, war 40 Jahre lang
Lehrerin für Deutsch und Musik an einem Gymnasium sowie
Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Nach
wie vor ist sie Referentin für Lehrende für einen Unterricht, der
die Persönlichkeit der einzelnen Lernenden stärkt sowie deren
Lernmotivation und Lernerfolg zu steigern vermag.
Veröffentlichungen: Einzelnen gerecht werden. Chancen und
Herausforderungen eines Unterrichts in heterogenen Klassen, Linz
2013. | „Im Unterricht geht es um mich!“ Die Lernseitige
Orientierung von Unterricht, Klagenfurt 2019. Benedikt Weingartner
war 10 Jahre Benediktinermönch, Religionslehrer und später
internationaler Künstlermanager im Bereich der klassischen Musik.
Seit 2014 ist er Journalist und vor allem auf Außen- sowie
Europapolitik spezialisiert. Er moderiert EU-Bürger:innendialoge
und EU-Jugenddialoge. Darüber hinaus ist er Moderator und
Redaktionsleiter des TV-Jugendtalkmagazins #Europa4me
(https://www.okto.tv/europa4me)) sowie der Sendereihe „Europa :
DIALOG“ (https://www.okto.tv/europadialog). Kontakt:
leben-lernen@outlook.com
Kommentare (0)
Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben.