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  4. 160 — Inseln der Ordnung im Meer des Chaos
Ich beschäftige mich gerade intensiver mit einer Frage, die im
Kern unserer Gesellschaft liegt: was sind Prinzipien des
Engineerings von komplexen Systemen, also, was sind elementare
und wiederkehrende Aspekte, Prozesse, Verhaltensweisen, denen man
begegnet, wenn man versucht komplexe technische Systeme zu bauen,
zu warten oder abzulösen und durch neue zu ersetzen.

Die Frage nach dem Begriff der Ordnung ist darin eine
fundamentale, wenn man komplexe Systeme in einem bestimmten
definierten — also ordentlichen — Zustand halten möchte — etwa
durch Wartungsmaßnahmen — oder verändern möchte, das heißt von
einem Zustand der Ordnung in einen anderen Zustand der Ordnung
bringen.

Zu verstehen, was Ordnung ist, ist eine Grundlage jedes
Engineering und jedes Managementprozesses. Auch jede politische
Transformation ist davon abhängig diese Prinzipien im Blick zu
haben. Und daher besprechen wir heute sozusagen die Grundlagen
dieser Prozesse, die darauf aufbauen.

Die Auseinandersetzung mit der Frage, was Ordnung ist, hat aber
auch zwei weitere Aspekte

Es handelt sich um einen der Begriffe, den wir sofort für
offensichtlich halten — you know it, when you see it, aber sobald
man beginnt zu versuchen, Ordnung zu definieren, merkt man, wie
schwierig das ist. Experiment: drücken Sie den Pause-Knopf und
überlegen Sie für sich selbst, wie Sie Ordnung definieren würden.

Damit wird diese Auseinandersetzung mit der »Ordnung« einerseits
ein Thema, das in sich selbst hochinteressant ist, weil wir ihm
ständig ausgesetzt sind aber andererseits auch eine Fallstudie,
wenn Sie so wollen, für ein größeres Thema, das ich in einer
späteren Episode noch aufgreifen werde.

Ich beginne mit der Frage nach den Regimen oder Arten der
Ordnung. Dabei ist für unseren Zweck natürlich die
selbsterhaltende, dynamische Ordnung komplexer Systeme am
interessantesten:

»Einfache Ordnung lässt sich definieren, komplexe Ordnung muss
erzählt werden.«

Aber auch ein vermeintlich banales Beispiel, nämlich, wie die
Zahl Pi zu verorten ist, stellt sich als deutlich interessanter
und herausfordernder dar, als man erwarten könnte.

Auch sehe ich zahlreiche Parallelen zwischen biologischer, also
evolutionär getriebener Ordnung und dem Engineering in modernen
Techno-sozialen Systemen.

»Evolution kann somit als Prozess gesehen werden, durch den ein
äußeres Kriterium zu innerer Form wird.«

Dann gehe ich kurz auf die Idee der Redundanz als Definition von
Ordnung ein, wie von Rupert Riedl vorgeschlagen, sowie auf
vergleichbare Ideen der algorithmischen Informationstheorie.

Ordnung = Regel × Anwendung

Was sind Vorteile und Grenzen dieser Art der Definition?

Dann weise ich darauf hin, dass Information und Ordnung
keinesfalls miteinander verwechselt werden dürfen, dass es aber
wesentliche Abhängigkeiten voneinander gibt und zitiere dazu
Michael Polanyi.

»DNA configuration, [it] can function as a code only if its order
is not due to the forces of potential energy. It must be as
physically indeterminate as the sequence of words is on a printed
page.«, Michael Polanyi (1968) 

Dann betrachte ich den Begriff der Ordnung aus einem anderen
Blickwinkel und frage, welche Schichten der Ordnung man
identifizieren kann und wie das mit dem bisher gesagten in
Einklang zu bringen ist:

Redundanz — Regel mal Anwendung Constraint — eliminierte
Freiheitsgrade Interdependenz — nichts lässt sich verschieben, ohne
dass das Ganze verliert.  Passung — Passung ist der Anteil der
Einschränkungen eines Systems, zu denen sich eine Unterscheidung in
seiner Umwelt benennen lässt.

Passung ist dabei ein ganz wesentliches Prinzip, wenn es um das
Verständnis komplexer Systeme geht.

Dann versuche ich die Folgen dieser Prinzipien am Beispiel
komplexer technischer Systeme, wie Software, darzulegen. Welche
wesentlichen Einschränkungen gibt es bei solchen Systemen:

Problemgetragene Einschränkungen Geschichtsgetragene
Einschränkungen

Was bedeutet dies konkret und wie ist dies in der Praxis zu
bewerten und damit umzugehen?

Wenn es Ordnung gibt, dann muss es auch Unordnung,
beziehungsweise Kräfte und Pfade der Unordnung geben. Welche sind
die?

»Conservatism starts from a sentiment that all mature people can
readily share: the sentiment that good things are easily
destroyed, but not easily created.«, Roger Scruton

Dann »zeichne« ich ein Bild der Inseln der Ordnung im Meer des
Chaos um greifbarer zu machen, was es bedeutet, wenn man Systeme
nicht mehr evolutionär weiterentwickeln kann, sondern von eine
komplexen und dynamisch stabilisierten Zustand der Ordnung in
einen anderen wechseln möchte.

Zuletzt mache ich noch auf ein Konzept von Stuart Kauffman
aufmerksam: Die »Grenze des Chaos« (edge of chaos) beschreibt
einen kritischen Bereich zwischen starrer Ordnung und völligem
Chaos. Seine These lautet nicht, dass dynamisch stabilisierte
Ordnung, wie Leben, im Chaos gedeiht, sondern dass
anpassungsfähige und evolvierende Systeme nahe dieser Grenze
besonders leistungsfähig sind. Was geschieht, wenn es zu viel
Ordnung in Systemen gibt? Zu viel Chaos? Was bedeutet dies für
Engineering, Innovation und Politik?

Haben wir nun eine präzise Definition von Ordnung?

Ehrlich gesagt, bezweifle ich das. Ich denke, ich konnte einige
relevante Faktoren — Rahmenbedingungen vielleicht — darlegen und
wir haben damit das Problem der Ordnung umkreist. Der Versuch zur
Definition erweist sich als Weg, der in immer neue Verstrickungen
führt.

Ich glaube, wir haben ein besseres Verständnis des Problems,
wenngleich, oder gerade auch weil wir es nicht präzise definieren
konnten.

Aber das ist exakt der Meta-Punkt auf den ich kommen wollte und
den ich zu Beginn angesprochen habe. Ich lasse das als
Cliffhanger stehen und werde in einer zukünftigen Episode darauf
zurückkommen.

Andere Episoden

Episode 156: Neues liegt in der Luft?

Episode 154: Software: Von der Maschine zum Ökosystem?

Episode 137: Alles Leben ist Problemlösen

Episode 136: Future Brunels? Learning from the Generation
that Transformed the World. A Conversation with Dr. Helen Doe

Episode 129: Rules, A Conversation with Prof. Lorraine Daston

Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger
über Generationen

Episode 123: Die Natur kennt feine Grade, Ein Gespräch mit
Prof. Frank Zachos

Episode 109: Was ist Komplexität? Ein Gespräch mit Dr. Marco
Wehr

Episode 107: How to Organise Complex Societies? A
Conversation with Johan Norberg

Episode 99: Entkopplung, Kopplung, Rückkopplung

Episode 71: Stagnation oder Fortschritt — eine Reflexion an
der Geschichte eines Lebens

Episode 57: Konservativ UND Progressiv

Episode 55: Strukturen der Welt

Episode 37: Probleme und Lösungen

Referenzen

Rupert Riedl: Die Ordnung des Lebendigen. Systembedingungen
der Evolution. Parey, Hamburg/Berlin 1975.

Rupert Riedl: Biologie der Erkenntnis. Die
stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft. Parey, Berlin
1979.

Rupert Riedl, Strukturen der Komplexität

Konrad Lorenz: Die Rückseite des Spiegels. Piper, München
1973.

Erwin Schrödinger: What is Life? Cambridge University Press,
1944 — aperiodischer Kristall.

Franz M. Wuketits: Evolutionstheorien. WBG, Darmstadt
(mehrere Auflagen) — zur systemtheoretischen Schule.

Michael Polanyi: "Life's Irreducible Structure." Science 160
(1968), S. 1308–1312.

Ilya Prigogine, Isabelle Stengers: Dialog mit der Natur.
Piper, München 1981 (engl. Order out of Chaos, 1984).

Stuart Kauffman, At Home in the Universe: The Search for the
Laws of Self-Organization and Complexity, Oxford University Press
(1996)

Stuart Kauffman, Reinventing the Sacred: A New View of
Science, Reason, and Religion, Basic Books (2010)

Humberto Maturana, Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis.
Scherz, Bern 1987.

Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft, 1790, §§ 64–65
(Naturzweck).

Kevin Kelly, What Technology Wants, Penguin (2011)

Kevin Kelly, The Inevitable, Penguin (2017)

Melvin E. Conway, How do Committees Invent? Harvard Business
Review (1976)

Roger Scruton, How to be a Conservative, Bloomsbury (2014)

 

 
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„160 — Inseln der Ordnung im Meer des Chaos“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

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