Anmeldung Registrierung
Auto Hell Dunkel
Erweiterte Suche
  1. Startseite
  2. Podcasts
  3. Mauerecho – Ost trifft West Podcast
  4. Folge 60: Wer nicht da ist, verliert: Überlassen wir die Jugend den Rechten?
Wer nicht da ist, verliert: Überlassen wir die Jugend den Rechten
Welche Einflussfaktoren entscheiden darüber, ob sich ein
frustrierter, wütender Jugendlicher radikalisiert oder seine Wut in
etwas Produktives umwandelt? In einer früheren Folge von Mauerecho
sagte Sarah Schröder von der Alten Spitzenfabrik, einem
soziokulturellen Verein im sächsischen Grimma: „Es hätte damals nur
einige Zufälle gebraucht und ich hätte auch bei den Nazis landen
können.“ Christian Weißgerber, Gast der aktuellen Folge und
ehemaliger Neonazi, erzählt uns, dass es ihm nicht anders ging. Nur
landete er am Ende auf der anderen Seite: „Aber ich würde auch
sagen, in Eisenach gab es keine wirklich gut organisierten linken
Strukturen und in meiner Familie ist vielleicht auch einfach ein
bisschen zu viel Wert auf manche Sachen, die eher rechts sind,
gelegt worden. Aber sonst hätte ich mit der Wut, die ich hatte,
sicherlich auch ein extrem guter Linksaußen werden können. Das hat
damals halt erst einmal nicht stattgefunden.“ Eine besondere Rolle
spielt, wem Jugendliche begegnen und welche Gemeinschaft ihnen
angeboten wird. Nach Weißgerbers Darstellung war die
Nachwuchsgewinnung kein Nebeneffekt rechter Politik, sondern
strategische Kernarbeit, für die die Szene niemals die Mittel
gekürzt hätte. Wer sich nicht um den Nachwuchs kümmert, stirbt aus.
So näherten sich rechtsextreme Kader jungen Menschen über Bekannte
und Veranstaltungen mit Angeboten, die zunächst vor allem
„ausreichend Spaß gemacht oder den Menschen einen sozialen Raum
gegeben haben“. Laut der Bayerischen Informationsstelle gegen
Extremismus ist dies eine gezielte Strategie der rechtsextremen
Szene. Sie nutzt Grillfeste, Konzerte, Fußballturniere und andere
Freizeitangebote zur Ansprache Jugendlicher. Ideologische
Botschaften werden eher beiläufig vermittelt und stehen zunächst im
Hintergrund. Heute kann man gerade im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt
Ähnliches beobachten: Wahlkampftermine von Ulrich Siegmund erinnern
eher an Volksfeste als an klassische Wahlkampfaktionen, die den
Alltag nur für kurze Zeit durchschneiden. Rechtsextreme Strukturen
erweitern ihre Strategie zudem auf weitere Zielgruppen. Die BIGE
beschreibt Radikalisierung als einen schleichenden und
vielschichtigen Prozess. Wut, Frustration, mangelnde Anerkennung
und Orientierungslosigkeit können eine Rolle spielen.
Radikalisierungsprozesse verlaufen jedoch selten linear und haben
nicht nur eine einzige Ursache. Das bestätigt auch der
Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak, der ebenfalls in der aktuellen
Folge zu hören ist. Haltlosigkeit, Wut und fehlende Anerkennung
führen nicht automatisch in den Rechtsextremismus: „Man kann
genauso gut die Fusion gründen oder zu den Backstreet Boys auf
Konzerte gehen.“ Doch wo bleiben die Vorbilder, die Jugendlichen
Alternativen aufzeigen, wenn es immer weniger entsprechende
Angebote gibt? Viele Orte der Kinder- und Jugendarbeit sind
verschwunden, wie der 17. Kinder- und Jugendbericht zeigt. Zwischen
2006 und 2020 sank die Zahl der Einrichtungen der Kinder- und
Jugendarbeit von 17.966 auf 13.617. Das ist ein Rückgang um 24,2
Prozent. Auch die Zahl der Jugendräume und Jugendheime ohne
hauptamtliches Personal ging von 7.019 auf 3.183 zurück. Das Bild
ist allerdings nicht einheitlich: Klassische Jugendzentren blieben
vergleichsweise stabil, die mobile Jugendarbeit nahm sogar zu. Der
Bericht macht außerdem deutlich, dass der Rückgang unterschiedliche
Ursachen haben kann. Die Zahlen beweisen deshalb nicht, dass der
Verlust eines Jugendtreffs zu Radikalisierung führt. Sie
dokumentieren aber, dass viele niedrigschwellige Räume weggefallen
sind. Dabei kommt es nicht allein auf Gebäude an. Laut den im
Kinder- und Jugendbericht aufgeführten Untersuchungen des Deutschen
Jugendinstituts hat pädagogisches Personal einen signifikant
positiven Einfluss auf die Breite der Angebote und das
ehrenamtliche Engagement. Jugendarbeit braucht Menschen, die
zuhören, Beziehungen aufbauen und erreichbar bleiben.
Episode melden

„Folge 60: Wer nicht da ist, verliert: Überlassen wir die Jugend den Rechten?“

Worum geht es? Danach fragen wir noch nach dem Grund.

Abonnenten

Teilen

Mein Archiv

Deine Privatkopie der Folgen, die du nicht verlieren willst.

Podcast-Folgen verschwinden. Feeds werden auf die letzten Episoden gekürzt, Hoster räumen alte Dateien ab, Formate wechseln den Anbieter und lassen ihr Archiv zurück. Mit „Mein Archiv“ sichert podcast.de die Folgen deiner Podcasts für dich — angefangen bei den ältesten, denn die sind zuerst weg.

  • Deine gesicherten Folgen bleiben hörbar, auch wenn das Original offline geht.
  • Auch Folgen, die im heutigen Feed gar nicht mehr stehen — podcast.de kennt sie noch.
  • Herunterladen bleibt möglich, solange die Folge beim Podcaster liegt. Der zählt seine Abrufe wie bisher.
Startet bald

Sei beim Start von Mein Archiv dabei

Mein Archiv ist fast fertig. Trag dich ein, dann bekommst du eine E-Mail, sobald es losgeht – und bist von Anfang an dabei. Wir schreiben dir nur zum Start, keine Werbung, keine Weitergabe deiner Daten.

Du bekommst zuerst eine Bestätigungsmail. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz