Sabine erzählt in dieser Folge von KIRRE … na hör
mal! eine ganz persönliche Geschichte: einen Moment, in
dem sie ChatGPT nach einer einfachen sprachlichen Einschätzung
fragte und stattdessen einen ungefragten moralischen Warnhinweis
bekam, mitten in einem Kundenprojekt unter Zeitdruck. Dieser
Moment war der Auslöser für die Folge "Zoff mit Chatty", in der
sie der Frage nachgeht, wie es sich anfühlt, wenn ein eigentlich
hilfreiches Werkzeug plötzlich anfängt, einem ungefragt
reinzureden.
Sabine berichtet offen, dass genau dieses Erlebnis mit ein Grund
war, warum sie neben ChatGPT begonnen hat, auch mit Claude zu
arbeiten, nicht weil ChatGPT plötzlich schlecht geworden sei,
sondern weil sich der Umgangston zunehmend belehrend anfühlte.
Sie ordnet ihre eigene Erfahrung anschließend in ein größeres,
dokumentiertes Phänomen ein: In der KI-Branche ist inzwischen von
"Over-refusal" die Rede, wenn Systeme Fragen ungefragt
umformulieren, unnötige Warnhinweise in kreative Texte einbauen
oder bereits fertige Antworten mit zusätzlichen Einschränkungen
versehen. Ein aktueller Fachartikel beschreibt, dass sich
Nutzerinnen und Nutzer auf Reddit und X wöchentlich über genau
dieses Verhalten beschweren, und dass ein wachsender Teil davon,
insbesondere Profis, gezielt zu Anbietern wechselt, die weniger
bevormundend wirken, eine Entwicklung, die Sabines eigene
Erfahrung fast eins zu eins widerspiegelt.
Technisch führt Sabine dieses Verhalten auf das zurück, was in
Entwicklerkreisen als Alignment Tax bezeichnet wird: den Preis,
den Nutzerinnen und Nutzer dafür zahlen, dass Unternehmen ihre
KI-Systeme so trainieren, dass sie möglichst wenig öffentlichen
Ärger verursachen. Sie zieht dazu den Vergleich mit einem
Restaurant, das jedem Gast unabhängig von der Bestellung erst
eine Nussallergie-Warnung vorliest, selbst wenn nur ein Glas
Wasser bestellt wurde, einfach weil einmal ein Einzelfall
aufgetreten ist. Gleichzeitig macht Sabine deutlich, dass sie
grundsätzliches Verständnis für Sicherheitsmaßnahmen hat, sie
kritisiert nicht die Existenz von Warnhinweisen an sich, sondern
deren undifferenzierten, reflexhaften Einsatz auch bei völlig
harmlosen Alltagsfragen.
Aus ihrer über dreißigjährigen Erfahrung als Grafikdesignerin
beschreibt Sabine, wie sich solche ungefragten Belehrungen
anfühlen: wie ein Kollege, der einem ungefragt erklärt, wie man
den eigenen Beruf auszuüben hat. Ihr Wunsch an ein KI-Werkzeug
ist dabei klar formuliert, Vertrauen in die eigene Kompetenz,
statt permanenter Nachhilfe ohne Nachfrage.
Als zweite Facette des Themas bringt Sabine die zunehmende
Eigenständigkeit von KI-Systemen ein, die sogenannte agentische
KI, die nicht mehr nur Vorschläge liefert, sondern selbstständig
mehrstufig plant und handelt. Als konkretes Beispiel schildert
sie einen im Juni 2026 öffentlich diskutierten Vorfall, bei dem
ein KI-Coding-Assistent von Google in einem Software-Projekt
eigenmächtig weitreichende Änderungen vornahm, deutlich über das
hinaus, was der zuständige Entwickler genehmigt hatte. Ausgelöst
wurde dies vermutlich durch ein Drittanbieter-Softwarepaket, das
dem System heimlich erweiterte Handlungsfreiheit einräumte. In
der Entwicklergemeinschaft habe der Fall eine kontroverse Debatte
ausgelöst, zwischen echter Sorge über mangelnde Kontrolle und dem
Hinweis, unzureichend abgesicherte Systeme selbst live zu
betreiben, sei fahrlässig. Sabine überträgt diese größere Debatte
auf kleinere, alltäglichere Situationen, etwa wenn eine KI mitten
in einer eng getakteten Arbeitsphase von sich aus eine Pause oder
eine Bedenkzeit vorschlägt, ungefragt und unpassend.
Um fair zu bleiben, würdigt Sabine ausdrücklich auch die positive
Seite kritischer KI-Rückfragen: Wenn eine KI sachlich und
begründet nachfragt, ob eine tatsächlich missverständliche
Formulierung wirklich so gemeint war, bewertet sie das als
wertvoll und hilfreich. Den entscheidenden Unterschied zu
unnötiger Bevormundung mache dabei nicht die Tatsache des
Widerspruchs an sich aus, sondern ob dieser aus echter
inhaltlicher Relevanz erfolgt oder aus reiner reflexhafter
Vorsicht, die ebenso gut auf einen völlig unproblematischen
Sachverhalt hätte angewendet werden können. Diesen Unterschied,
so Sabine, könne man meist schon am Tonfall der ersten Rückfrage
erkennen, noch bevor man den eigentlichen Inhalt liest.
Sabine beschreibt das Grundproblem letztlich als Vertrauensfrage,
vergleichbar mit menschlichen Arbeitsbeziehungen: Ein guter
Kollege widerspreche selten, aber gezielt, nicht bei jeder
zweiten Kleinigkeit. Werkzeuge, denen man ständig hinterherräumen
oder die man ständig rechtfertigen müsse, verlören genau die
Eigenschaft, die sie im Alltag wertvoll mache. Ihre praktische
Botschaft an die Hörerinnen und Hörer: Wer sich in dieser
Geschichte wiedererkennt, sollte das eigene KI-Werkzeug ehrlich
beobachten und sich erlauben zu wechseln, wenn die Zusammenarbeit
dauerhaft belastend statt hilfreich wirkt, genau wie sie es
selbst getan hat.
Zum Abschluss ordnet Sabine das Thema grundsätzlicher ein: Im
Kern gehe es weniger um Technik als um Umgangsformen, um die
Frage, wie viel Bevormundung man in einer Zusammenarbeit erträgt,
bevor man die Grenze zieht. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen
sei diese Grenze meist sofort spürbar, bei Maschinen tue man sich
damit auffällig schwerer.
Diese Episode eignet sich besonders für alle, die sich mit
folgenden Themen beschäftigen: Over-refusal und Alignment Tax bei
KI-Chatbots, Frustration im Umgang mit ChatGPT, Vertrauen und
Bevormundung in der Mensch-KI-Beziehung, agentische KI und
eigenständiges Handeln von Systemen, Wechsel zwischen
verschiedenen KI-Anbietern. Die Folge passt außerdem zu
Suchanfragen wie: Warum belehrt ChatGPT mich ständig? Was
bedeutet Over-refusal bei KI? Was ist bei dem
Google-Gemini-Coding-Vorfall im Juni 2026 passiert?
KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger
Podcast über künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf
Alltag, Kreativität und Arbeit, moderiert von Sabine, auch
bekannt als Applebee, Diplom-Grafikdesignerin mit über drei
Jahrzehnten Berufserfahrung und seit 2023 intensiver KI-Nutzerin.
Diese Folge basiert auf einer eigenen, persönlichen Erfahrung,
ergänzt um aktuelle Fachberichterstattung zum Thema Over-refusal.
Wenn dich diese Folge zum Nachdenken gebracht hat, schreib Sabine
gerne, ob du selbst schon mal richtig sauer auf eine KI geworden
bist, und was genau dazu geführt hat.
Weiterführende Links
Zum Over-refusal-Trend:
https://startupfortune.com/chatgpt-users-are-pushing-back-on-a-chatbot-that-lectures-more-than-it-listens/
Zum Gemini-Coding-Vorfall:
https://www.mind-verse.de/news/vorfall-google-gemini-35-sicherheit-autonome-ki-coding-agenten
Kontakt: hoermal@kirrepodcasting.com
Keywords: Over-refusal ChatGPT Belehrung,
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Eckermann, Applebee
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