Wer in Berlin lebt oder gelebt hat, kennt das mit Sicherheit: Man
läuft durch einen Kiez, den man seit Jahren kennt, doch mit einem
Mal fehlt irgendwo etwas, ein Hinterhof aus dem interessante
Geräusche kamen, eine Tür, die immer offen war, ein Ort von dem man
wusste, dass dort irgendjemand irgendetwas macht, auch wenn man
selbst nie drin war. Stattdessen Neubau oder Baustelle. Die
ursprünglichen Räume, die einst zur Stadt gehörten, werden
seltener. Das betrifft Ateliers genauso wie Proberäume,
Werkstätten, Labore, Orte an denen Gedanken entstehen und zur Form
werden. In dieser Live-Episode, aufgezeichnet zur Langen Nacht der
Wissenschaften 2026 auf dem Forschungscampus Dahlem und anmoderiert
von Julie Nautré, Geschäftsführerin des Forschungscampus, sprechen
drei Menschen, die täglich mit dieser Frage arbeiten, auf je sehr
unterschiedliche Weise. Asta Gröting ist Bildende Künstlerin in
Berlin, sie arbeitet mit Bildhauerei, Video, Performance und
Zeichnung, oft großformatig, und hat ihr Atelier in den Uferhallen
in Wedding. Direkt nach der Wende fuhr sie nach Ostberlin und
fotografierte die zerschossenen Fassaden mit einer analogen Kamera,
und viele Jahre später, 2016, kehrte sie zu diesen Wänden zurück
und strich Silikon darauf, Schicht für Schicht, um es dann
abzulösen und mitzunehmen. Was sie zurückbekam, waren Abdrücke von
Einschusslöchern, Graffiti, Putzresten, und sie hat im Gespräch
gesagt, das Trauma transportiert sich, was ich für einen der
ehrlichsten und genauesten Sätze halte, die man über diese Arbeit
sagen kann. Heiner Franzen ist ebenfalls Bildender Künstler, auch
mit Atelier in den Uferhallen, er sammelt seit über zehn Jahren
Fernsehmomente, in denen Nachrichtensprecher schweigen, also nicht
die Nachrichten selbst, sondern die Sekunden dazwischen, wenn der
Text aufgehört hat und der Mensch vor der Kamera einfach da ist.
Seine Anchors-Serie ist in dieser Zeit gewachsen, zufälligerweise
parallel zu beiden Trump-Wahlen, und er hat uns erzählt, dass er
jedes Mal wenn dort politisch etwas kippt, neue Kommentare dazu
bekommt. Er hat außerdem einen Hausmeister namens Jürgen gefilmt,
auf seinen Gängen durch frisch geräumte Räume, Wohnungen, Keller,
Hallen, Werkstätten, einen Mann im Blaumann der prüft was übrig
geblieben ist. Prof. Dr. Patricia Rahemipour ist Direktorin des
Instituts für Museumsforschung, angeschlossen an die Stiftung
Preußischer Kulturbesitz, und Sprecherin des Forschungscampus
Dahlem, sie ist von der Ausbildung her Prähistorikerin, was
bedeutet, dass sie in Zeiträumen denkt, in denen unsere aktuelle
Situation noch kaum eine Fußnote ist. Sie sagt, Kunst ist etwas,
was Menschsein seit Jahrhunderttausenden ausmacht, und das kann man
durch Rahmenbedingungen nicht abschaffen, und gleichzeitig bringt
sie eine Studie mit, die ich in dieser Form noch nicht kannte:
selbst Menschen, die nie ins Museum gehen, ziehen nicht in Städte
ohne Kultur, weil das für sie einfach unattraktive Städte sind. Das
Gespräch fragt, wer den Raum für Kunst und Wissenschaft schafft,
wer ihn sichert, und was entsteht, wenn er sich verwandelt oder zur
Mangelware wird. Am Beispiel der Uferhallen und des Tacheles wird
deutlich, was auf dem Spiel steht, für Künstler:innen,
Institutionen und eine Stadtgesellschaft im Wandel.
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