Wir alle werden älter – und damit wächst auch die Zahl der
Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Ohne Pflege wird
das nicht funktionieren. Darüber spricht Dr. Laura Dalhaus in
dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das
Klassenziel“ mit Christine Vogler, Vorsitzende des Deutschen
Pflegerats.
In Deutschland kommen 1,7 Millionen Pflegende auf 6 Millionen
Pflegebedürftige allein in der ambulanten Versorgung. Aufgrund
der demographischen Entwicklung wird der Bedarf in den kommenden
fünf bis zehn Jahren massiv steigen.
Damit nähert sich das System einem Kipppunkt: Wie lange können
wir die notwendige Versorgung unter den aktuellen Bedingungen
überhaupt noch finanzieren und sicherstellen?
Ein großer Teil des Problems ist die Bürokratie. Zwischen 20 und
30 Prozent der Arbeitszeit entfallen auf Dokumentation.
Gleichzeitig sorgen zahlreiche Prüfmechanismen dafür, dass nahezu
jeder Schritt nachgewiesen werden muss.
Der Deutsche Pflegerat setzt sich deshalb dafür ein, die
Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern, statt die
Belastungen weiter zu erhöhen.
Laura erlebt die Auswirkungen der Bürokratie regelmäßig im
Altenheim. Besonders der Medizinische Dienst bringt sie auf die
Palme, wenn für jede mögliche Eventualität eine zusätzliche
schriftliche Anordnung verlangt wird.
Für Christine beginnt der Irrsinn bereits bei den
unterschiedlichen Zuständigkeiten und Finanzierungssystemen. Ein
Toilettenstuhl wird beispielsweise mal von der Pflegekasse und
mal von der Krankenkasse bezahlt – abhängig von der jeweiligen
Situation der pflegebedürftigen Person.
Durch das neue GKV-Stabilisierungsgesetz wurde zudem ein großer
Teil dessen zunichte gemacht, was zuvor auf politischer Ebene
durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und verdi erarbeitet
worden war.
Laura sieht noch ein weiteres strukturelles Problem: Health Care
Professionals bringen häufig ein besonders ausgeprägtes
Verantwortungsgefühl mit. Die Kolleg:innen im Stich zu lassen,
kommt für viele schlicht nicht infrage – selbst wenn die eigene
Belastungsgrenze längst erreicht ist.
Gleichzeitig unterscheidet sich die Pflege in Deutschland
deutlich von anderen Ländern, in denen sie als Studium
organisiert ist. Die Pflegeausbildung ist hochkomplex und umfasst
zahlreiche Bereiche – von Gyn über Kinder und Psychiatrie bis hin
zur Altenpflege.
Für Laura ist deshalb völlig unverständlich, warum diese gut
ausgebildeten Fachkräfte nicht deutlich mehr Verantwortung
übernehmen dürfen. Eine Pflegeverordnung kann eine erfahrene
Pflegekraft in vielen Fällen besser beurteilen als ein:e Ärzt:in.
Auch Christine sieht großes Potenzial in der interprofessionellen
Zusammenarbeit: Jeder Beruf sollte seine tatsächlichen
Kompetenzbereiche auch ausleben dürfen.
Die beiden sprechen außerdem darüber, dass identische oder
vergleichbare Leistungen unterschiedlich vergütet werden –
abhängig davon, wer sie erbringt. Ein Beispiel ist das Impfen,
das in der Hausarztpraxis budgetiert ist. Gleichzeitig macht
Laura die Vorstellung wütend, dass das Gesundheitssystem auch
noch Verantwortung für den Pharmastandort Deutschland übernehmen
soll. Währenddessen müssen Pflegekräfte dokumentieren, ob sie
einer pflegebedürftigen Person die Haare gekämmt haben. Wie soll
das zusammenpassen?
Auch bei medizinischen Tätigkeiten gibt es Grenzen, die Laura und
Christine hinterfragen. Aufgaben wie Drainagen, Blut abnehmen
oder Zugänge legen könnten teilweise von Pflegekräften übernommen
werden, dürfen aber nur von Ärzt:innen durchgeführt werden. Statt
Versorgung zu erleichtern, stehen solche Strukturen einer guten
Patientenversorgung mitunter sogar im Weg.
Doch wie sieht es auf politischer Ebene aus?
Christine arbeitet als Präsidentin des Deutschen Pflegerats
ehrenamtlich. In Deutschland gibt es lediglich zwei Kammern, auf
Bundesebene fehlt es jedoch an einer klaren Aufgabenübertragung
an die Pflege. Auch zentrale Stellen oder eine
Pflegeberichterstattung existieren nicht. Für eine vernünftige
Planung der Gesundheitsversorgung ist das aus ihrer Sicht eine
Katastrophe.
Hinzu kommt die aktuelle Diskussion um Kürzungen bei den
Pflegegraden. Auch soziale Ungerechtigkeiten werden dadurch
verschärft, dass keine Rentenpunkte mehr gesammelt werden sollen,
wenn Menschen ihre Angehörigen pflegen.
Laura würde sich stattdessen ein deutlich einfacheres Prinzip
wünschen: Behandelt werden sollte das, was tatsächlich behandelt
werden muss.
Ein Kernproblem bleibt für sie der Medizinische Dienst und die
damit verbundene Bürokratie. Das Misstrauen gegenüber Health Care
Professionals ist enorm, während bestehende Verwaltungsstrukturen
behandelt werden, als wären sie „gottgegeben“. Ähnliches erlebt
sie bei den Krankenkassen: Statt Versorgung einfacher zu machen,
wird nach Fehlern bei Ärzt:innen gesucht, um Leistungen am Ende
nicht bezahlen zu müssen.
Zur Website vom Deutschen Pflegerat:
https://deutscher-pflegerat.de/
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Mehr über Laura: https://linktr.ee/lauradalhaus
Zum Shop von Laura: https://lauradalhaus-shop.de/
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