Was das GKV-Spargesetz mit der Orthopädie macht | Mario Werner

Was das GKV-Spargesetz mit der Orthopädie macht | Mario Werner

vor 2 Tagen
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Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel

Beschreibung

vor 2 Tagen

Dr. Laura Dalhaus wird häufig vorgeworfen, Fachärzt:innen zu hart
zu kritisieren. Genau deshalb hat sie sich für diese Folge
Unterstützung aus der Orthopädie geholt: Mario Werner. Die
Aufnahme findet an einem Tag statt, an dem gleich zwei
gesundheitspolitische Entscheidungen für Diskussionen sorgen –
die Abschaffung der telefonischen AU und die Ankündigung einer
Termingarantie für Fachärzt:innen durch den Bundeskanzler.


Für Mario steht fest: Das GKV-Spargesetz wird die ambulante
Versorgung massiv belasten. Schon heute sei es für viele Praxen
kaum noch möglich, wirtschaftlich zu arbeiten. Dabei beschäftigt
der ambulante Sektor mehr Menschen als die Pharmaindustrie – ein
Umstand, der in der politischen Debatte aus seiner Sicht viel zu
wenig Beachtung findet.


In der Orthopädie beträgt die Grundpauschale rund 25 Euro. Dafür
sollen eine qualifizierte Beratung, Untersuchung und Behandlung
innerhalb eines Unternehmens mit Mitarbeitenden erbracht werden.
Unter diesen Bedingungen lässt sich wirtschaftlich nur ein sehr
begrenztes Zeitfenster pro Patient:in darstellen. Mehrere
Beschwerden in einer Sprechstunde zu behandeln, scheitert häufig
schon an den Vorgaben des WANZ-Prinzips.





Mario sieht darin vor allem ein Informationsproblem. Vielen
Entscheidungsträgern sei nicht bewusst, unter welchen
Rahmenbedingungen ambulante Medizin tatsächlich stattfindet.





Laura beobachtet außerdem, dass die konservative Orthopädie immer
weiter an Bedeutung verliert. Gemeinsam nehmen die beiden dafür
die Versorgung einer Handgelenksfraktur als Beispiel. Für ein
Röntgenbild erhalten Orthopäd:innen lediglich etwa 12 Euro –
unabhängig davon, dass vor einer Operation, danach und während
der Heilungsphase mehrfach geröntgt werden muss. Zusätzliche
extrabudgetäre Vergütungen über den Hausarztvermittlungsfall
fallen mit dem GKV-Spargesetz ebenfalls weg.





Auch notwendige Investitionen lassen sich kaum finanzieren. Ein
hochwertiges Ultraschallgerät kostet rund 40.000 Euro und kann
über die Vergütung der gesetzlichen Krankenversicherung praktisch
nicht refinanziert werden.





Für Laura und Mario ist das Ausdruck einer strukturellen
Unterfinanzierung. Gleichzeitig fordert die Politik immer mehr
Ambulantisierung. Aus ihrer Sicht passt das schlicht nicht
zusammen und ist das Ergebnis jahrelanger gesundheitspolitischer
Fehlentscheidungen.





Mario hat sich bewusst für seinen Beruf entschieden und
zusätzlich die Fortbildung Chirotherapie absolviert. Vergütet
wird diese Leistung jedoch lediglich mit fünf bis sechs Euro –
deutlich zu wenig, um den Aufwand der Weiterbildung oder die
notwendige Behandlungszeit abzubilden. Vor allem fehlt ihm die
Möglichkeit, Patient:innen die Aufmerksamkeit zu schenken, die
sie eigentlich benötigen.





Laura macht deutlich, welche Folgen dieser Zeitdruck hat. Sie
befürchtet, dass sich gesundheitliche Versorgung künftig immer
stärker am Geldbeutel orientiert. Für sie bestätigt sich damit
erneut: Armut macht krank – und Krankheit macht arm.





Mit gesetzlich versicherten Patient:innen lassen sich häufig
gerade einmal die laufenden Kosten einer Praxis decken. Das
Einkommen der Praxisinhaber:innen wird vielfach erst durch
Privatpatient:innen erwirtschaftet. Gleichzeitig tragen
Selbstständige sämtliche wirtschaftlichen Risiken – von Krankheit
bis zum Praxisausfall – selbst.





Für beide ist klar: Eine stabile Gesundheitsversorgung ist eine
Grundvoraussetzung für das Funktionieren eines Landes.





Ein weiterer Dauerbrenner ist die Bürokratie. Sie bindet
inzwischen so viele Ressourcen, dass in Lauras Praxis regelmäßig
eine ärztliche Kraft einen kompletten Tag ausschließlich für
Formulare, Anträge und Dokumentation einplant.





Laura ist überzeugt, dass die Stimmung in der Ärzteschaft
deutlich besser wäre, wenn die Politik medizinische Expertise
ernster nehmen würde. Schließlich investieren viele Ärzt:innen
rund zwölf Jahre in ihre Aus- und Weiterbildung, bevor sie als
Fachärzt:innen tätig sein können.





Auch Mario sieht Herausforderungen außerhalb der Politik. Viele
Patient:innen unterschätzen, wie eng der Handlungsspielraum von
Ärzt:innen inzwischen durch gesetzliche und wirtschaftliche
Vorgaben geworden ist.





Besonders kritisch bewertet Laura die angekündigte
Termingarantie. Für sie gehört die Gestaltung des Terminkalenders
zur unternehmerischen Freiheit und damit zur ärztlichen
Selbstständigkeit. Gleichzeitig entsteht bei ihr der Eindruck,
dass die Interessen großer Lobbys – etwa der
Lebensmittelindustrie oder der Pharmaindustrie – politisch
deutlich stärker berücksichtigt werden als die derjenigen, die
täglich die medizinische Versorgung sicherstellen.








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