Die neue Büchersaison verspricht ein fulminantes Comeback des
großen politischen Epochenromans in der deutschen Literatur. Wir
sind begeistert von Valeria Gordeev und ihrem aufsehenerregenden
ersten Roman Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, der
zwischen Moskau, Kyjiw und Berlin ein atemberaubend komisches
Gegenwartspanorama entfaltet. Im Mittelpunkt stehen zwei
Geschwister und ein geheimnisvoller russischer Oligarch, der seine
teuflischen Intrigen spinnt. Lenins Leiche spielt dabei eine
herausragende Rolle, die Forschungen zur endgültigen Abschaffung
des Todes, aber auch Putin, der durch einen zwölfjährigen
Varietékünstler ersetzt wird. Virtuos setzt die Autorin die
russische Literaturgeschichte des Absurden auf ihre besondere Weise
fort und parodiert dabei mit schwarzem Humor den
transhumanistischen Machbarkeitswahn unserer Gegenwart. Außerdem
sprechen wir über den neuen Roman von Shida Bazyar Die Lücken. Der
Romanheld ist ein fiktives Dorf im Hunsrück – Heimesbach. Die
Autorin lässt ihre migrantische Erzählerin tief in die Köpfe der
noch lebenden und schon verstorbenen Heimesbacher Bürgerinnen und
Bürger hineinsehen. So ergibt sich ebenfalls ein großes
Zeitpanorama, das fast hundert Jahre deutscher Geschichte umfasst
und fragt: Was haben sich die Heimesbacher dabei gedacht, als sie
ihre jüdischen Mitbürger verfolgten, Steine in ihre Häuser warfen
und sie aus Heimesbach vertrieben? Und wie gehen Migranten in
Deutschland heute mit dieser viel zu lange verdrängten
Vergangenheit ihrer neuen Heimat um? Unser Klassiker ist die
Erzählung Ein schlichtes Herz von Gustave Flaubert, deren
unsentimentale Zärtlichkeit für die ungebildete, arme Dienstmagd
Félicité noch immer ergreifend ist. Das Team von Was liest du
gerade? erreichen Sie unter buecher@zeit.de. Literaturangaben:
Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden
Hülle, S. Fischer Verlag, 640 Seiten, 26,- Euro, erscheint am 26.
August Shida Bazyar: Die Lücken, Verlag Kiepenheuer & Witsch,
512 Seiten, 25,- Euro, erscheint am 3. September Gustave
Flaubert: Ein schlichtes Herz, in: Drei Erzählungen, übersetzt
von Elisabeth Edl, Hanser Verlag, 320 Seiten, 28,- Euro [ANZEIGE]
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