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KIRRE … na hör mal!
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Beschreibung
vor 2 Tagen
"Unalive" statt Suizid, "Seggs" statt Sex, "le dollar bean" statt
lesbian: Auf TikTok hat sich eine ganze Geheimsprache entwickelt,
nur damit Beiträge nicht von der automatischen Moderation
blockiert werden. In dieser Folge von KIRRE … na hör
mal! nimmt Sabine dieses Phänomen zum Ausgangspunkt
einer größeren Frage: Wer erzieht hier eigentlich wen, der Mensch
die KI oder die KI den Menschen?
Den Begriff Algospeak hat die amerikanische Journalistin Taylor
Lorenz geprägt. Gemeint ist eine Art Codesprache, mit der
Nutzerinnen und Nutzer die automatische Content-Moderation von
TikTok und Instagram umgehen, ohne dabei gegen echte Regeln zu
verstoßen. Statt sensibler Begriffe zu Themen wie Suizid, Sex
oder Drogen werden verfremdete Wörter, Emojis oder bewusste
Verballhornungen verwendet: "unalive" statt Suizid, "Seggs" statt
Sex, "le dollar bean" statt lesbian, "Leg Booty" statt LGBTQ,
"spicy eggplant" statt Vibrator, ein Maiskolben-Emoji statt jeder
direkten Anspielung auf Pornografie, weil das englische Wort für
Mais zufällig ähnlich klingt wie der entsprechende Ausdruck.
Diese Codes entstehen dezentral, oft aus einem einzigen
zufälligen Video heraus, verbreiten sich innerhalb weniger Tage
über Millionen Videos und werden danach selbst wieder zum Ziel
neuer Moderationsanpassungen.
Sabine zitiert dazu den deutschen Medienwissenschaftler Frank
Bösch, der das Phänomen als ständiges Wettrennen zwischen Mensch
und Maschine beschreibt: Die Moderation lernt neue Codewörter und
sperrt sie, Menschen erfinden die nächsten, ein Kreislauf ohne
Ziellinie. Bösch findet dabei vor allem die menschliche
Kreativität bemerkenswert, auch wenn der Anlass dafür, Zensur und
Überwachung umgehen zu müssen, alles andere als schön ist.
Eine wissenschaftliche Studie, die zwölf TikTok-Erstellerinnen
und -Ersteller zu ihren Motiven befragte, fand heraus, dass
Algospeak vor allem aus Vorsicht entsteht, nicht aus Trotz.
Niemand will riskieren, dass ein harmloser Beitrag fälschlich als
Regelverstoß eingestuft wird und unsichtbar bleibt. Die
Forschenden prägten dafür den Begriff algorithmische Kompetenz,
ein selbst angeeignetes Wissen darüber, wie ein System vermutlich
reagiert, obwohl die genaue Funktionsweise der Moderation als
Geschäftsgeheimnis der Plattformen gilt. Dieses Wissen entsteht
durch Ausprobieren und gegenseitigen Austausch in
Kommentarspalten, ein kollektives, informelles Verständnis eines
Systems, das niemand von innen kennt.
Besonders eindrücklich macht Sabine das an einem konkreten
Beispiel aus dem Gesundheitsbereich: Eine Ärztin, die junge
Menschen über Warnzeichen einer Suizidgefährdung aufklären will,
muss zunächst lernen, in welchem Code sie das formulieren darf,
bevor sie überhaupt zum eigentlichen, potenziell lebensrettenden
Inhalt kommt. Verschärft wird das dadurch, dass
Moderationssysteme nicht zwischen schädlicher und hilfreicher
Nutzung eines Wortes unterscheiden können, wodurch das Wort
selbst zum Risiko wird, unabhängig von der tatsächlichen Absicht
dahinter, ein Umstand, den Sabine als eine der bittersten
Konsequenzen des ganzen Phänomens einordnet, weil ausgerechnet
Aufklärung darunter leidet.
Ein weiterer Gedanke der Folge betrifft junge Menschen, die mit
TikTok aufwachsen: Für sie ist Algospeak möglicherweise gar keine
bewusste Umgehungssprache mehr, sondern schlicht die erste,
selbstverständliche Art, über bestimmte Themen zu sprechen.
Sabine spekuliert, ob künftige Generationen die ursprünglichen,
unverschlüsselten Wörter überhaupt noch kennen werden, oder ob
sie irgendwann erklärt werden müssen wie veraltete Begriffe.
Als Diplom-Grafikdesignerin bringt Sabine noch eine berufliche
Perspektive ein: Ihre eigene Arbeit dreht sich seit Jahrzehnten
darum, Botschaften möglichst klar und eindeutig zu gestalten.
Algospeak tut das genaue Gegenteil, es verschleiert absichtlich,
was eigentlich klar sein sollte, eine Beobachtung, die sie aus
gestalterischer Sicht bemerkenswert findet, unabhängig von der
Bewertung des Phänomens selbst.
Sabine ordnet außerdem ein, dass sich Sprache historisch immer
schon verändert hat, durch Handel, Migration oder neue Technik
wie den Buchdruck, allerdings über Generationen hinweg, langsam
und kaum spürbar. Algospeak dagegen verändert sich im Wochentakt,
gesteuert nicht von einer gemeinsamen Kultur, sondern von den
wirtschaftlichen Interessen eines einzelnen Unternehmens, das
seine genauen Regeln nicht offenlegt.
Die Folge bleibt dabei bewusst nicht bei reiner Kritik stehen.
Sabine erkennt den echten sprachlichen Erfindungsreichtum hinter
vielen dieser Wortschöpfungen ausdrücklich an und weist darauf
hin, dass manche Begriffe inzwischen sogar liebevoll und
losgelöst vom ursprünglichen Zensur-Kontext als eigene
Community-Sprache verwendet werden, ein Zeichen von Zugehörigkeit
statt reiner Umgehungstaktik. Gleichzeitig wirft sie die Frage
auf, was es mit der gesellschaftlichen Fähigkeit zu direkter,
klarer Kommunikation macht, wenn eine ganze Generation lernt,
dass Verschlüsselung sicherer ist als Klartext, und ob sich
dadurch langfristig verschiebt, was überhaupt noch als mutige,
direkte Aussage gilt und was als bloße Vorsicht im Netz.
Sabine verbindet das Thema außerdem mit einer grundsätzlicheren
Beobachtung, die sie im Podcast wiederholt aufgreift: der Wert
von klarer, direkter Sprache in einer zunehmend unübersichtlichen
digitalen Welt. Algospeak zeigt aus ihrer Sicht besonders
drastisch, wie stark äußere Zwänge die Art verändern können, wie
Menschen sich ausdrücken, selbst bei den persönlichsten und
wichtigsten Themen ihres Lebens.
Diese Episode eignet sich besonders für alle, die sich mit
folgenden Themen beschäftigen: Algospeak auf TikTok und
Instagram, Content-Moderation und Zensur-Umgehung, algorithmische
Kompetenz bei Social-Media-Erstellern, Sprache und künstliche
Intelligenz, Suizidprävention und Aufklärung in sozialen Medien,
Sprachwandel durch Technologie. Die Folge passt außerdem zu
Suchanfragen wie: Was bedeutet 'unalive' auf TikTok? Was ist
Algospeak? Warum verwenden TikTok-Nutzer Codewörter? Wie
beeinflussen Algorithmen unsere Sprache? Wer ist Frank Bösch
Medienwissenschaftler?
KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger
Podcast über künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf
Alltag, Kreativität und Arbeit, moderiert von Sabine, auch
bekannt als Applebee, Diplom-Grafikdesignerin mit über drei
Jahrzehnten Berufserfahrung und seit 2023 intensiver KI-Nutzerin.
Sabine ergänzt in dieser Folge die überwiegend englischsprachige
und amerikanische Ausgangslage bewusst um eine deutsche
Fachperspektive, um das Phänomen auch im hiesigen Sprachraum
einzuordnen und nicht nur aus US-Quellen zu berichten. Wenn dich
diese Folge zum Nachdenken gebracht hat, schreib Sabine gerne, ob
dir selbst schon mal ein Algospeak-Wort begegnet ist, ohne dass
du wusstest, was dahintersteckt, oder ob du es vielleicht sogar
selbst schon benutzt hast, ohne dir über den Ursprung Gedanken zu
machen.
Weiterführende Links
Zu Algospeak (taz.de):
https://taz.de/Algospeak-auf-TikTok-und-Instagram/!5911034/
Zur Studie zu algorithmischer Kompetenz (NSF/PAR):
https://par.nsf.gov/biblio/10480449
Kontakt für Rückmeldungen:
hoermal@kirrepodcasting.com
Keywords: Algospeak TikTok Instagram,
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