EGL108 Empfindungsfähigkeit oder die Entwicklung des Bewusstseins (Bewusstsein 3)

EGL108 Empfindungsfähigkeit oder die Entwicklung des Bewusstseins (Bewusstsein 3)

vor 4 Tagen
"A creature is sentient if but only if it consciously experiences qualia, by virtue of which it becomes like something to be itself." — Nicholas Humphrey, Sentience (2023)
1 Stunde 27 Minuten
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Podcast
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Reden beim Laufen und laufend Reden - über Film, Technik und Psychotherapie

Beschreibung

vor 4 Tagen
In dieser Folge spazieren wir während der Aufnahme durch das
periphere Lichtenberg und erkunden dabei die Tiefen des
evolutionären Bewusstseins. Flo stellt Micz das Buch „Sentience –
The Invention of Consciousness" von Nicholas Humphrey vor, einem
britischen Neurophysiologen, Psychologen und Philosophen, der auf
50 Jahre Forschung zurückblickt und dabei eine ziemlich umfassende
These aufstellt: Bewusstsein, so Humphrey, ist eine biologische
Erfindung der Evolution, und echtes, gefühltes „phänomenales
Bewusstsein" haben nur Säugetiere und Vögel. Fische, Reptilien,
Insekten und auch Oktopusse fallen da raus. Das zeigt auch das
Arche-Noah-Gemälde von Bruegel dem Älteren: Darauf abgebildet sind
lauter Tiere aus dem Zoo, wie Micz bemerkt, also Tiere, die nach
Humphrey eine echte Empfindungsfähigkeit entwickelt haben. Bevor
Flo die Kernthesen von Nicholas Humphrey ausführlicher vorstellt,
machen wir einen Ausflug in die Verhaltensforschung, in dem es sehr
anekdotisch zugeht: der blinde Affe Helen, der trotz
herausoperiertem visuellen Kortex „wie ein Frosch" sehen kann
(Blindsight); die tragische Geschichte der iranischen Frau HD, die
nach einer Augen-OP zwar sehen könnte, sich aber als Blinde wohler
fühlt; Affen, die bei Rot schneller reagieren als bei Blau - und
das nicht, wie ursprünglich angenommen, aus einem
Ästhetik-Empfinden, sondern aus dem puren Überlebenswillen; sowie
die Sinnessuche bei Säugetieren und Vögeln, die sich auch in
Masturbation ausdrücken kann. Warum können wir empfinden? Was ist
der evolutionäre Vorteil? Kommen wir zum theoretischen Kern:
Humphrey baut die Entwicklung von Bewusstsein wie ein Ingenieur auf
dem Reißbrett in drei Stufen. Stufe 1 beschreibt die „Sentition" –
eine der Wortschöpfungen von Humphrey, die sich aus Sensation und
Action zusammensetzt: Reiz trifft auf Zelle, sichtbare Reaktion
folgt, noch ganz ohne Gefühl. In der 2. Stufe ist schon ein
Proto-Selbst entstanden, durch abgespeicherte Reiz-Reaktions-Kopien
– d. h. das Tier verfügt über eine mentale Map, auf der Reiz und
Reaktion im Inneren ablaufen können, ohne dass es zu einer äußeren
Reaktion kommt. Und in Stufe 3 macht es schlagartig „Whoosh" (auch
eine gern rezitierte Wortschöpfung): Durch Rückkopplungsschleifen
im Gehirn entsteht das phänomenale Selbst. Voraussetzung dafür ist
die Warmblütigkeit. Damit erhöhen sich die
Reaktionsgeschwindigkeiten in den Leiterbahnen der Nervenzellen,
und es entstehen bestimmte Zelltypen für die Rückkopplungseffekte,
die die Grundlage für das phänomenale Bewusstsein sind. Deshalb
fühlt der Hund mit seinem wertenden Selbst aber nicht der Oktopus.
Micz ist recht angetan vom „Roh-Material" von Flos Erzählung, aber
so recht „Whoosh" hat es bei ihm nicht gemacht: Dieser Sprung von
mehreren Hundert Millionen Jahren aus dem Nichts zum phänomenalen
Bewusstsein will nicht so recht zünden. Wir diskutieren zum
Abschluss über Gradienten, Panpsychismus und die Frage, ob ein
Tyrannosaurus Rex vielleicht doch masturbieren konnte. Am Ende
bleibt die zentrale, starke Idee: Es gibt keine Stelle im Gehirn,
die Rot sieht – es gibt nur das Erleben von „Redness". Qualia als
Erlebnisfähigkeit. Und die Erkenntnis, dass jedes Tier auf der
Arche sein eigenes kleines Fotoalbum der Empfindungen mit sich
trägt...
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