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Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki Archiv

71 Episoden
3 Minuten
Ich hatt‘ ihn lang nicht mehr gesehen – Und mich beinahe todt gesehnt; Ich kam zurück zu ihm – Und habe mich glücklich gewähnt. Drei Stunden stand ich vor dem Thor Im Regen pudelnaß Und holte mir einen Schnupfen Und Husten so zum Spaß. In später Nacht kam er nach Haus Und lud`mich mit Müh`nur ein; Erzählte, er habe Kopfweh Von schlechtem Ofnerwein. Dann sprach er von seinem Windspiel, Daß es kein schön’res gibt; Und dann von einer Todten, Die er vor Zeiten geliebt. – Wir gingen plaudernd zu Bette Er schlief sehr bald auch ein; Ich aber mußte noch lange, Sehr lange wach noch sein. Der Mond schien still durch’s Fenster, Goß über den Schläfer sein Licht Und sah, wie ich weinend küßte Des blassen Mannes Gesicht. Klavier: Ulrike Theusner
3 Minuten
Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – aber abends zum Kino hast dus nicht weit. Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit: Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn! Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn, Radio, Zentralheizung, Vakuum, eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm, eine süße Frau voller Rasse und Verve – (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) – eine Bibliothek und drumherum Einsamkeit und Hummelgesumm. Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste, acht Autos, Motorrad – alles lenkste natürlich selber – das wär ja gelacht! Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd. Ja, und das hab ich ganz vergessen: Prima Küche – erstes Essen – alte Weine aus schönem Pokal – und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal. Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion. Und noch ne Million und noch ne Million. Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit. Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit. Ja, das möchste! Aber, wie das so ist hienieden: manchmal scheints so, als sei es beschieden nur pöapö, das irdische Glück. Immer fehlt dir irgendein Stück. Hast du Geld, dann hast du nicht Käten; hast du die Frau, dann fehln dir Moneten – hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer: bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher. Etwas ist immer. Tröste dich. Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Dass einer alles hat: das ist selten. Foto: Ulrike Theusner
3 Minuten
Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut! Denn das allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen, Die wir kennen. Heil den unbekannten Höhern Wesen, Die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch; Sein Beispiel lehr uns Jene glauben. Denn unfühlend Ist die Natur: Es leuchtet die Sonne Über Bös‘ und Gute, Und dem Verbrecher Glänzen wie dem Besten, Der Mond und die Sterne. Wind und Ströme, Donner und Hagel Rauschen ihren Weg Und ergreifen, Vorüber eilend, Einen um den andern. Auch so das Glück Tappt unter die Menge, Faßt bald des Knaben Lockige Unschuld, Bald auch den kahlen Schuldigen Scheitel. Nach ewigen, ehrnen, Großen Gesetzen Müssen wir alle Unseres Daseins Kreise vollenden. Nur allein der Mensch Vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, Wählet und richtet; Er kann dem Augenblick Dauer verleihen. Er allein darf Den Guten lohnen, Den Bösen strafen, Heilen und retten, Alles Irrende, Schweifende Nützlich verbinden. Und wir verehren Die Unsterblichen, Als wären sie Menschen, Täten im Großen, Was der Beste im Kleinen Tut oder möchte. Der edle Mensch Sei hilfreich und gut! Unermüdet schaff er Das Nützliche, Rechte, Sei uns ein Vorbild Jener geahneten Wesen! Lesung Collage: Elisa Demonkí Musik: Ulrike Theusner
2 Minuten
Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön, Lief er schnell, es nah zu sehn, Sah’s mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden. Knabe sprach: Ich breche dich, Röslein auf der Heiden! Röslein sprach: Ich steche dich, Daß du ewig denkst an mich, Und ich will’s nicht leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden. Und der wilde Knabe brach ’s Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt es eben leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden. Collage: Elisa Demonkí Musik: Ulrike Theusner
6 Minuten
Tome V – Jean Valjean Chapitre XV : Gavroche dehors Zwischen dem Kugelfeuer draußen auf der Straße erblickte plötzlich Courfeyrac jemanden unten auf den Barrikaden. Gavroche saß unbekümmert zwischen den getöteten Nationalgardisten und plünderte ihre Patronentaschen. „Was machst du da?“ fragte Courfeyrac. Gavroche sah in frech an. „Citoyen, j’emplis mon panier.“ („Na ich fülle meinen Korb.“ ) „Siehst du nicht wie sie schiessen?“ „Eh bien, il pleut. Après ?“ („Nun, es regnet.“) erwiderte Gavroche. „Komm mir bloß rein!“ rief Courfeyrac. Gavroche kam näher „Tout à l’heure“ („Ja gleich in einer Stunde.“) und war mit einem Satz wieder auf der Straße. Überall lagen Tote. Vielleicht zwanzig. Für Garvroche bedeute dass, etwa zwanzig Patronentaschen für die Verteidigung der Barrikade einzusammeln. Wie dichter Nebel bedeckte der Kriegsqualm die enge Straße. Kämpfer und Kameraden wussten sich kaum zu unterscheiden. Diese günstige Verworrenheit vor den Barrikaden ließ unseren kleinen Garvroche ziemlich weit vorwagen. Fast ungesehen waren die nächstliegenden sieben oder acht Patronentaschen schnell in seinem Korb veschwunden. Flink bewegte er sich von einem Toten zum Nächsten und öffnete die Patronentaschen wie ein hungriger Affe Nüsse. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, blieben die Kameraden bei den Barrikaden ruhig und ermahnten ihn nicht zurückzukehren. Bei einem Leichnam fand er ein Pulverhorn „pour la soif“, („für den Durst,“) und liess es in seiner Tasche verschwinden. Doch im Eifer des Gefechts bemerkte er nicht, dass er bereits den Strassenteil erreicht hatte, auf dem der Rauch dünn war. Plötzlich sahen die Soldaten, wie etwas sich im Qualm bewegte. Und als Garvroche die nächste Patronentasche aufknüpfte, traf eine Kugel die Leiche. „Fichtre !“ rief er empört. „Voilà qu’on me tue mes morts.“ („Nun schiessen sie mir schon meine Toten tot!“) Eine zweite funkte neben ihm auf dem Pflaster auf. Die dritte warf seinen Korb um. Garvroche hielt inne und schaute in die Richtung aus der die Kugeln gekommen waren. Er richtete sich auf, die Haare im Wind, die Hände in den Hüften, der Blick fest auf die Nationalgardisten gerichtet. On est laid à Nanterre, C’est la faute à Voltaire, Et bête à Palaiseau, C’est la faute à Rousseau. Dann hob er seinen Korb auf, sammelte die herausgefallenen Patronen wieder ein und fuhr damit fort, die Taschen der toten Soldaten zu plündern. Eine vierte Kugel verfehlte ihn. Gavroche rief: Je ne suis pas notaire, C’est la faute à Voltaire, Je suis petit oiseau, C’est la faute à Rousseau. Eine fünfte Kugel. Joie est mon caractère, C’est la faute à Voltaire, Misère est mon trousseau, C’est la faute à Rousseau. Gefesselt sah man auf dieses gruselige Schauspiel. Jeden Schuss beantworte Gavroche mit einer Strophe. Es schien ihm Freude zu machen die Soldaten zu foppen. Er hüpfte zwischen den Kugeln hin und her und drehte eine lange Nase in Richtung der Schützen. Ein finsterer Spass lag in der Luft. Die Nationalgardisten fingen an zu lachen. Gavroche spielte verstecken mit dem Tod und sammelte weiter Patronen. Die Aufständischen auf der anderen Seite hielten ihren Atem an und sahen wie wie ein kleiner zarter Junge die Barrikade zum Zittern brachte. Die Kugel traf ihn. Das Kind taumelte. Gavroche fiel auf das Pflaster. Doch er war nur gefallen um sich noch einmal aufzurichten. Halb steh… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/37-victor-hugo-les-miserables-gavroche-dehors/)
1 Stunde 31 Minuten
Sagen des klassischen Altertums II. Buch. Die Argonautensage Iason gelangte nicht zu dem Thron von Iolkos, um dessentwillen er die gefahrvolle Fahrt bestanden, Medea ihrem Vater geraubt und an ihrem Bruder Absyrtos einen schändlichen Mord begangen hatte. Er mußte das Königreich dem Sohn des Pelias, Akastos, überlassen und sich mit seiner jungen Gemahlin nach Korinth flüchten. Hier lebte er zehn Jahre mit ihr, und sie gebar ihm zwei Söhne, Memeros und Pheros mit Namen. Während jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schönheit willen, sondern auch wegen ihres edlen Sinnes und ihrer übrigen Vorzüge von ihrem Gatten geliebt und geehrt. Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich vertilgte, wurde Iason von der Schönheit eines jungen Mädchens, der Tochter des Korintherkönigs Kreon, mit Namen Glauke, entzündet und betört. Ohne daß seine Gattin darum wußte, warb er um die Jungfrau, und erst nachdem der Vater eingewilligt und den Tag der Hochzeit bestimmt hatte, suchte er seine Gemahlin zu bewegen, daß sie freiwillig auf die Ehe verzichten sollte. Medea war entrüstet über diesen Antrag und rief zürnend die Götter an, als Zeugen seiner Schwüre. Iason achtete desen nicht und vermählte sich mit der Königstochter. Verzweifelnd irrte Medea im Palast ihres Gatten umher. »Wehe mir«, rief sie, »möchte die Flamme des Himmels auf meinem Haupt herniederzücken! Was soll ich länger leben? Möchte der Tod sich meiner erbarmen! O Vater, o Vaterstadt, die ich schimpflich verlassen habe! O Bruder, den ich gemordet und dessen Blut jetzt über mich kommt! Aber nicht an meinem Gatten Iason war es, mich zu strafen; für ihn habe ich gesündigt! Göttin der Gerechtigkeit, mögest du ihn und sein junges Weib verderben!« Noch jammerte sie so, als Kreon, Iasons neuer Schwiegervater, im Palast ihr begegnete. »Du finster Blickende, auf deinen Gemahl Ergrimmte«, redete er sie an, »nimm deine Söhne an der Hand und verlaße mein Land auf der Stelle; ich werde nicht nach Hause kehren, ehe ich dich über meine Grenzen gejagt.« Medea, ihren Zorn unterdrückend, sprach mit gefaßter Stimme: »Warum fürchtest du ein Übel von mir, Kreon? Was hast du mir Böses getan, was wärest du mir schuldig? Nur meinen Gatten hasse ich, der mir alles schuldig ist. Doch es ist geschehen; mögen sie als Gatten leben. Mich aber laßt in diesem Lande wohnen; denn obgleich ich tief gekränkt bin, so will ich doch schweigen und den Mächtigeren mich unterwerfen.« Aber Kreon sah ihr die Wut in den Augen an, er traute ihr nicht, obgleich sie seine Kniee umschlang und ihn bei dem Namen der eigenen, ihr so verhaßten Tochter Glauke beschwor. »Geh«, erwiderte er, »und befreie mich von Sorgen!« Da bat sie nur um einen einzigen Tag Aufschub, um einen Weg zur Flucht und ein Asyl für ihre Kinder wählen zu können. »Meine Seele ist nicht tyrannisch«, sprach nun der König; »schon viel törichte Nachgiebigkeit habe ich aus falscher Scheu geübt. Auch jetzt fühle ich, daß ich nicht weise handle; dennoch sei es dir gestattet, Weib.« Als Medea die gewünschte Frist erhalten hatte, bemächtigte sich ihrer der Wahnsinn, und sie schritt zur Vollführung einer Tat, die ihr wohl bisher dunkel im Geist vorgeschwebt, an deren Möglichkeit sie aber selbst nicht geglaubt hatte. Dennoch machte sie vorher einen letzten Versuch, ihren Gatten von seinem Unrecht und seinem Frevel zu überzeugen. Sie trat vor ihn und sprach zu ihm: »O du schlimmst… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/36-gustav-schwab-jasons-ende/)
8 Minuten
Daß Klugheit uns retten kann, will ich euch in einer kurzen Erzählung zeigen. Saladin, dessen Tapferkeit so groß war, daß sie ihn nicht nur aus einem unbedeutenden Manne zum Sultan von Babylon machte, sondern ihm auch zu zahlreichen Siegen über sarazenische und christliche Könige verhalf, hatte in verschiedenen Kriegen und infolge seiner Prunksucht seinen ganzen Schatz verschwendet; da er nun aber aus irgendeinem Anlaß eine große Summe Geldes brauchte und gar nicht wußte, wo er sie in der Eile hernehmen sollte, fiel ihm ein reicher Jude namens Melchisedek ein, ein Geldverleiher in Alessandrien, der ihm wohl helfen konnte, wenn er wollte; doch war der so geizig, daß er aus freien Stücken es wohl nicht tun würde, und Gewalt wollte er nicht gern anwenden. Da jedoch die Not ihn drängte, bemühte er sich, ein Mittel zu finden, um den Juden gefügig zu machen und kam auf den Einfall, ihn doch unter irgendeinem Vorwande zu zwingen. Er ließ ihn also zu sich rufen, begrüßte ihn sehr freundschaftlich, nötigte ihn zum Sitzen und sagte: „Guter Freund, ich habe von vielen Leuten gehört, daß du ein sehr kluger Mann bist und in göttlichen Dingen einen sehr großen Scharfsinn besitzt. Deshalb möchte ich gern von dir wissen, welche von den drei Religionen du für die wahre hältst; die jüdische, die sarazenische oder die christliche?“ Der Jude, der ein wirklich kluger Mann war, erriet sofort, daß Saladin nur darauf ausging, ihn in seinen Worten zu fangen, um irgendeinen Streit mit ihm heraufzubeschwören, und erkannte, daß er keine der drei Religionen mehr loben dürfte als die beiden anderen, damit Saladin seine Absicht nicht erreiche. Da er nun eine Antwort finden mußte, die ihm keine Schlinge legte, bot er seinen Scharfsinn auf und sagte: „Herr, Eure Frage ist trefflich, aber wenn ich Euch sagen soll, wie ich über diese Dinge denke, muß ich Euch eine Geschichte erzählen. Oftmals habe ich, wenn ich nicht irre, von einem vornehmen, reichen Manne gehört, der unter anderen Kleinodien in seinem Schatz auch einen sehr schönen und wertvollen Ring besaß, den er wegen seiner Kostbarkeit und Schönheit gern in Ehren halten und auf ewig im Besitze seiner Nachkommen wissen wollte; deshalb ordnete er an, daß derjenige unter seinen Söhnen, dem er diesen Ring hinterlassen würde, gleichzeitig auch sein Erbe und von den andern als der erste geehrt und geachtet werden sollte. Sein Sohn, dem dieser Ring zufiel, machte es bei seinem Tode ebenso, und so ging dieser Ring von Hand zu Hand, viele Generationen hindurch. Schließlich aber kam er in die Hand eines Mannes, der drei schöne, tugendhafte und gehorsame Söhne hatte, die er alle drei gleich liebte. Und jeder der Jünglinge bat, da er die Wirkungen des Ringes kannte und danach trachtete, den Vorrang zu bekommen, den Vater, der schon alt war, bei seinem Tode ihm den Ring zu hinterlassen. Der wackere Mann, der sie alle drei in gleichem Maße liebte und selber nicht wußte, wen er zu seinem Erben machen sollte, sann darauf, alle drei zufriedenzustellen, da er einem jeden den Ring versprochen hatte. Er ließ deshalb von einem geschickten Meister zwei andere Ringe machen, die dem ersten so ähnlich waren, daß der Besitzer des Ringes kaum den echten herausfinden konnte. Als er seinen Tod nahen fühlte, gab er jedem seiner Söhne heimlich einen Ring. Nachdem nun der Vater gestorben war, machten alle drei Anspruch auf das Erbe und den Vorrang und legten zum Zeichen ihrer Be… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/35-giovanni-boccaccio-die-urform-der-ringparabel/)
42 Sekunden
Die Selbstkritik hat viel für sich. Gesetzt den Fall, ich tadle mich: So hab ich erstens den Gewinn, Dass ich so hübsch bescheiden bin; Zum zweiten denken sich die Leut, Der Mann ist lauter Redlichkeit; Auch schnapp ich drittens diesen Bissen Vorweg den andern Kritiküssen; Und viertens hoff ich außerdem Auf Widerspruch, der mir genehm. So kommt es denn zuletzt heraus, Dass ich ein ganz famoses Haus. Sound: Elisa Demonkí
32 Sekunden
Früher, da ich unerfahren Und bescheidner war als heute, Hatten meine höchste Achtung Andre Leute. Später traf ich auf der Weide Außer mir noch mehr Kälber, Und nun schätz ich, sozusagen, Erst mich selber. Sound: Elisa Demonkí
35 Sekunden
Halt dein Rößlein nur im Zügel, kommst ja doch nicht allzuweit. Hinter jedem neuen Hügel dehnt sich die Unendlichkeit. Nenne niemand dumm und säumig, der das Nächste recht bedenkt. Ach, die Welt ist so geräumig, und der Kopf ist so beschränkt. Sound: Elisa Demonkí
2 Minuten
Jardin des Plantes, Paris Son regard du retour éternel des barreaux s’est tellement lassé qu’il ne saisit plus rien. Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Il ne lui semble voir que barreaux par milliers et derrière mille barreaux, plus de monde. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. La molle marche des pas flexibles et forts qui tourne dans le cercle le plus exigu paraît une danse de force autour d’un centre où dort dans la torpeur un immense vouloir. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Quelquefois seulement le rideau des pupilles sans bruit se lève. Alors une image y pénètre, court à travers le silence tendu des membres – Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf – . Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – et dans le cœur s’interrompt d’être. und hört im Herzen auf zu sein. französischer Sprecher: Jérémie Paul Klavier: Ulrike Theusner Traduction: Claude Vigée
3 Minuten
Es sitzt ein Vogel auf dem Leim, Er flattert sehr und kann nicht heim. Ein schwarzer Kater schleicht herzu, Die Krallen scharf, die Augen gluh. Am Baum hinauf und immer höher Kommt er dem armen Vogel näher. Der Vogel denkt: Weil das so ist Und weil mich doch der Kater frisst, So will ich keine Zeit verlieren, Will noch ein wenig quinquilieren Und lustig pfeifen wie zuvor. Der Vogel, scheint mir, hat Humor. Musik: Ulrike Theusner und Elisa Demonkí
41 Sekunden
Dû bist mîn, ich bin dîn: des solt dû gewis sîn; dû bist beslozzen in mînem herzen, verlorn ist daz slüzzelîn: dû muost och immer darinne sîn. Musik: Elisa Demonkí Ulrike Theusner
6 Minuten
Eröffnungs-Manifest Zürich, 14. Juli 1916 ].]]]..].]]]..]].].]]]..]].]]. Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, daß bisher niemand etwas davon wußte und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutet’s Steckenpferd. Im Deutschen heißt’s Addio, steigts mir den Rücken runter. Auf Wiedersehen ein andermal! Im Rumänischen: »Ja wahrhaftig, Sie haben recht, so ist’s. Jawohl, wirklich, machen wir.« Und so weiter. Ein internationales Wort. Nur ein Wort und das Wort als Bewegung. Sehr leicht zu verstehen. Es ist ganz furchtbar einfach. Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht, muß das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen. Dada Psychologie, Dada Deutschland samt Indigestionen und Nebelkrämpfen, Dada Literatur, Dada Bourgeoisie, und ihr, verehrteste Dichter, die ihr immer mit Worten, aber nie das Wort selber gedichtet habt, die ihr um den nackten Punkt herumdichtet. Dada Weltkrieg und kein Ende, Dada Revolution und kein Anfang, Dada ihr Freunde und Auchdichter, allerwerteste, Manufakturisten und Evangelisten Dada Tzara, Dada Huelsenbeck, Dada m’dada, Dada m’dada Dada mhm, dada dera dada Dada Hue, Dada Tza. ].]]]..]].]].]]]..]].]]..]].]. Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn. Bis zur Bewußtlosigkeit. Wie kann man alles Journalige, Aalige, alles Nette und Adrette, Bornierte, Vermoralisierte, Europäisierte*//.Enervierte,*//.abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou. Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt. Dada Herr Rubiner, Dada Herr Krokodi. Dada Herr Anastasius Lilienstein. ].]]]].]]].].]]]..]]..]]…]]. Das heißt auf Deutsch: Die Gastfreundschaft der Schweiz ist über alles zu schätzen. Und im Ästhetischen kommt es auf die Qualität an. ].]]]..].]]]..].]]]..]].]].]]. Ich lese Verse, die nichts weniger vorhaben als: auf die konventionelle Sprache zu verzichten, ad acta zu legen. Dada Johann Fuchsgang Goethe. Dada Stendhal. Dada Dalai Lama, Buddha, Bibel und Nietzsche. Dada m’dada. Dada mhm dada da. Auf die Verbindung kommt es an, und daß sie vorher ein bißchen unterbrochen wird. Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andre erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug, meinen eigenen Rhythmus und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen, die von mir selbst sind. Wenn diese Schwingung sieben Ellen lang ist, will ich füglich Worte dazu, die sieben Ellen lang sind. Die Worte des Herrn Schulze haben nur zweieinhalb Zentimeter. ].]]]..]].]]].]]]..]].]..]].]. Da kann man nun so recht sehen, wie die artikulierte Sprache entsteht. Ich lasse die Vokale kobolzen. Ich lasse die Laute ganz einfach fallen, etwa wie eine Katze miaut… Worte tauchen auf, Schultern von Worten, Beine, Arme, Hände von Worten. Au, oi, uh. Man soll nicht zu viel Worte aufkommen lassen. Ein Vers ist die Gelegenheit, allen Schmutz abzutun. Ich wollte die Sprache hier selber fallen lassen. Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt, wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben. Das Wort will ich haben, wo es aufhört und wo es anfängt. Dada ist das Herz der Worte. ].]]]].]]]..]].]]]..]].]…]]. Jede Sache hat ihr Wort, aber das Wort ist eine Sache für sich geworden. Warum soll ich es nicht finden? Warum kann der Baum nicht »Pluplusch«… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/28-hugo-ball-1-dada-abend/)
5 Minuten
An Sonia Liebknecht Breslau, Mitte Dezember 1917 … Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken …, die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen … die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie das Wort gilt „vae victis“*. … An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. – Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“, antwortete er mit bösen Lächeln und hieb noch kräftiger ein . .. Die Tiere zogen schließ an und kamen über den Berg, aber eins blutete … Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll … ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannten die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien saftigen grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden furchtbaren Menschen, und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt … Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. – *“vae victis!“ (dt. „Wehe den Besiegten!“) in Andenken an Rosa Luxemburg (geboren 1871 – hingerichtet 1919) „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden“ Klavier Lesung: Elisa Demonkí
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