Auf Buchfühlung Archiv
89 Episoden
1 Stunde 18 Minuten
Kritiken werden in der Regel von Männern verfasst. Das hat Konsequenzen für den Buchmarkt, für Autor*innen, Verlage, Buchpreise - kurz für den gesamten Literaturbetrieb. In unserer aktuellen Folge sprechen wir daher mit Veronika Schuchter, Gertraud Klemm, Mareike Fallwickl und Martin Fritz darüber, wie patriarchal geprägt der Buchmarkt und hier vor allem das Printfeuilleton nach wie vor ist. Seit 2017 erforscht die Germanistin Veronika Schuchter am Innsbrucker Zeitungsarchiv die Geschlechterverhältnisse im Literaturbetrieb. Ihr Fokus liegt dabei auf der Kritik im Printfeuilleton. Die Zahlen, die sie in ihrer empirischen Arbeit zu Tage fördert, sprechen Bände: 2018 beschäftigten sich 68 % der in überregionalen Feuilletons publizierten Kritiken mit Büchern von Männern. Nur rund 30 % aller Kritiker*innen sind weiblich und während sie Bücher von Frauen und Männern recht ausgewogen besprechen, während männliche Kritiker sich 2018 zu ganzen 76 % nur mit Texten von männlichen Autoren beschäftigten. Hier sind über zwei Drittel der Kritiker Männer, die zudem deutlich mehr Bücher von Männern als von Frauen besprechen – und zwar im Verhältnis 70 zu 30. Rund 30 Prozent aller Kritikerinnen sind weiblich – Sie wiederum besprechen Bücher von Männern und Frauen zu fast gleichen Teilen.
26 Minuten
Für manch eine*n klingt es wie ein Alptraum, was Thora, Maria und Sarah auf der Bühne des TAGtheaters beim 77. Tagebuchslam gemacht haben: Sie haben sich auf eine Bühne gestellt und vor versammelten Publikum aus ihren Tagebüchern vorgelesen. Auf der anderen Seite sind sie dabei in bester Gesellschaft, denn Virginia Woolfe, Franz Kafka und viele andere literarische Größen schrieben in ihre Tagebücher und lasen daraus zu Weilen auch vor (wie wir von Diana Köhle in der vergangenen Folge erfahren haben). Wir durften für die aktuelle Folge auf jeden Fall Mäuschen spielen und haben Thora, Maria und Sarah nicht nur bei ihren Tagebuchlesungen zugehört, sondern sie, mit ihrem Einverständnis, auch dabei aufgenommen. Heute gibt es bei uns also Ausschnitte aus drei Tagebüchern von drei Menschen zu hören, die unterschiedlicher wohl nicht sein könnten. Sarahs erster Tagbucheintrag stammt aus dem Jahr 2001. Emotionsgeladen und endgültig sind die Dinge, die Sarah ihrem Tagebuch erzählt. Thora schrieb am 7. Januar 1992 zum ersten Mal Tagebuch. Widerstrebend, aber doch neugierig griff Thora an einem regnerischen Tag zum ersten Mal nach dem kleinen grün-weiß gestreiften Büchlein, das ihr ihre Patentante schenkte. Maria wiederum ist acht Jahre alt als sie das erste Mal schreibt und an diesem ersten Eintrag hat sie uns auch teilhaben lassen. Viel Spaß bei der aktuellen Folge.
43 Minuten
Bereits im März hatten wir vor, uns mit Diana Köhle zu treffen, um mit ihr über den Tagebuchslam zu sprechen; doch dann kam was eben kam und erst im September war es dann wirklich soweit: Vergangenen Woche haben wir uns endlich mit Diana Köhle im Café Goldegg im vierten Wiener Gemeindebezirk getroffen, um mit ihr über Tagebücher zu sprechen. Seit 2004 veranstaltet Diana, eine gebürtige Tirolerin, ihre Poetry Slams, seit 2013 den Tagebuch Slam, bei dem Tagebuch Verfasserinnen und Verfasser vor Publikum aus ihren Tagebüchern vorlesen dürfen. Dass dies auf einer Bühne passiert, ist noch immer recht ungewöhnlich - denn bis heute sind Tagebücher ja eigentlich reine Privatsache - möchte man meinen. Diana hat es mit ihrem Format auf jeden Fall bis ins Fernsehen geschafft und tourt seit mehreren Jahren mit ihrem Tagebuch-Slam durch ganz Österreich. Teilnehmer*innen aller Altersklassen sucht sie daher auch in sämtlichen Bundesländern und damit ihr die Kandidatinne und Kandidaten nicht ausgehen, lautet ihr Credo: Es ist niemals zu spät zum Tagebuch schreiben!" In dem Sinne dürfen wir euch auf Dianas Webseite und ihre E Mail-Adresse aufmerksam machen. Bild @AnnaKonrath
51 Minuten
Wenige Tage nachdem die Nominierungen für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 bekannt gegeben wurden, waren wir bei der Autorin Helena Adler zu Gast. Ihr Roman Die Infantin trägt den Scheitel links hat nicht nur Chancen auf den Deutschen Buchpreis, sondern wird von der Kritik fast einhellig als eines der Bücher der Saison gefeiert. Im Gespräch hat sie uns unter anderem verraten, was sie und ihr Mann, Thomas E. Stadler, mit Christoph Schlingensief und Aino Laberenz, aber auch mit Frida Kahlo und Diego Rivera gemeinsam haben, wie sie an ihren Texten feilt und wer das Kind am Umschlag des Romans eigentlich ist. Helena Adler erzählte vom Aufwachsen am Land, von ihrer Hass-Liebe zu Salzburg und Städten generell, von Knight Rider, Baywatch und richtig schlechten Thrillern, kurzum: von der Geburt, dem Tod und allem dazwischen.
58 Minuten
Was George Soros mit der Karriere von Barbi Marković zu tun hat, wie sie vom grottenschlechten Au Pair-Mädchen zur Suhrkamp-Autorin wurde, wie man aus einem Tabletop einen Roman entwickelt, warum die Grenze zwischen Original und Übersetzung in ihren Werken kaum zu ziehen ist und weshalb sie sich beim Schreiben nix scheißt – das und mehr erfahrt ihr in der neuen Folge von Auf Buchfühlung. Foto: Copyright Apollonia T. Bitzan
34 Minuten
In dieser Folge gehen wir mit der Autorin Sophie Reyer „Auf Buchfühlung“ und freuen uns sehr, mit ihr über zwei ihrer in diesem Frühling erschienen Bücher sprechen zu dürfen. Sophie ist in Wien geboren und hat sich an der Universität für angewandte Kunst mit einer Arbeit über Performanz und Biomacht promoviert. Sie studierte aber auch Komposition sowie szenisches Schreiben und Drehbuch und Filmregie. Ihre Tätigkeit als Autorin umfasst ganz unterschiedliche Felder, von Film und Hörspiel über Lyrik und Prosa bis hin zu Theater und visueller Poesie. Daneben unterrichtet Sophie an der Pädagogischen Hochschule Hollabrunn, gibt Schreibworkshops und war Lehrgangsleiterin der Wiener Schreibpädagogik. Ihr historischer Kriminalroman „Das Stumme Tal“ basiert auf einer wahren Begebenheit, einem verheerenden Brand, der 1889 im Tiroler Zillertal wütete und einen Bergbauernhof in Stumm beinahe ganz zerstört hat. Die dreijährige Amelia ist die einzige Überlebende und Zeugin, die schließlich sogar vor Gericht aussagen muss, wo geklärt werden soll, ob ihre Familie nicht den Flammen, sondern einem grauenhaften Raubüberfall zum Opfer fiel. Sind die Täter tatsächlich die zwei jungen Männer, die vagabundierend durch das Tal zogen? Oder verbirgt sich hinter dem Verbrechen ein viel dunkleres Geheimnis? Der zweite Roman von Sophie Reyer, der vor Kurzem erschienen ist, trägt den Titel Zwei Königskinder und ist so ganz anders als Das stumme Tal. In diesem Coming-of-Age-Roman geht es um Käthe, zu Beginn der Handlung ist sie 13 Jahre alt, und ihre Freundin Johanna. Zwischen den beiden Mädchen, die sich im Chor kennenlernen, bahnt sich eine Liebesgeschichte an. Während Käthe sich immer mehr den Gefühlen für Johanna hingibt, steigert Johanna sich aber in einen religiösen Wahn hinein. Sind die Gefühlswirren der Pubertät ohnehin schon schwierig, werden sie zunehmend komplizierter, wenn sich nicht nur die Eltern gegen die sich anbahnende Liebe stellen, sondern Gott. Kein Wunder, dass es im Lauf der Handlung zu Verzweiflungstaten kommt und dass das Wasser zwischen den zwei Königskindern – ganz wie im Lied, das dem Titel zugrunde liegt und sich auch leitmotivisch durch das Buch zieht – zu tief war, als dass sie zueinanderkommen könnten.
36 Minuten
David Fuchs ist Absolvent der Leondinger Akademie für Literatur, hat 2016 den FM4 Wortlaut gewonnen und seitdem zahlreiche andere Preise. 2018 war er mit seinem Debütroman Bevor wir verschwinden auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Der Roman handelt vom angehenden Arzt Benjamin, der bei einem Praktikum auf der Krebsstation auf seine Jugendliebe Ambros trifft, der nun sein Patient ist. 2018 hat David Fuchs für eine Erzählung auch den Alois-Vogel-Literaturpreis gewonnen und für einen Gedichtzyklus den Feldkircher Lyrikpreis. Neben seiner Arbeit als Autor ist David Fuchs auch Arzt. Er hat in Wien Medizin studiert und arbeitet als Onkologe und Palliativmediziner am Kepler Universitätsklinikum in Linz. Der zweite Roman von David Fuchs, Leichte Böden, ist vor kurzem im Haymon Verlag erschienen. Eigentlich hat Dr. Daniel Kubicek, der Ich-Erzähler, sein Leben auf dem Land hinter sich gelassen. Als sein Sabbatical beginnt, kehrt er für einen Besuch bei seinen Verwandten und der Jugendfreundin Maria zurück: Onkel Alfred ist dement, Nachbar Heinz kann nach einer Krebserkrankung nur noch mit Hilfe seines Tablets kommunizieren. Der Alltag wird von der rüstigen, aber überforderten Tante Klara am Laufen gehalten. Daniel will den dreien helfen, will ihren Alltag erleichtern. „Damit bricht er“, so heißt es in der Verlagsvorschau, „in einen sensiblen Kosmos ein, in dem man sich daran gewöhnt hat klarzukommen – miteinander, mit den täglichen Herausforderungen, ganz ohne fremde Hilfe.“
52 Minuten
Wir freuen uns sehr, in der neuen Folge von Auf Buchfühlung mit der Autorin Elisabeth Klar über ihren dritten und aktuellen Roman, Himmelwärts, sprechen zu dürfen. Der Roman ist erst vor wenigen Wochen im Salzburger Verlag Residenz erschienen. Sylvia, die Protagonistin des Romans, ist eigentlich eine Füchsin und lebt seit mehreren Monaten in der Haut einer Menschenfrau in Wien. Sie lebt hier undercover und findet im Himmelwärts, einer Dragbar in der Nähe der Wienzeile, Anschluss zu den bunten Nachtvögeln der Stadt, unter anderem auch zu Jonathan, dem Weltverbesserer und Träumer, der es ihr besonders angetan hat; weil er so gut riecht und vermutlich auch gut schmeckt. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ist Sylvia unter anderem als Spendensammlerin für eine internationale NGO namens GlobalCare tätig. Hier arbeitet auch Jonathan und diese Arbeit ist es auch, die ihn schließlich für ein Jahr nach Brasilien führt, von wo er mit einem gebrochenen Herzen und einem scheinbaren Tumor am Rücken wieder zurückkehrt. Bald stellt sich aber heraus, dass es sich beim Tumor im Rücken jedoch um ein Gewächs ganz anderer Art handelt, und er eine Metamorphose durchlebt, die der von Sylvia sehr ähnlich ist. Elisabeth Klar studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Transkulturelle Kommunikation. Sie lebt in Wien und ist neben ihrer Arbeit als Autorin im Bereich der Softwareentwicklung tätig. Außerdem leitet sie Literaturworkshops für Kinder und Jugendliche und hegt ein starkes Interesse für Comics. 2013 war sie Finalistin beim FM4-Wettbewerb Wortlaut, ihr Debüt Wie im Wald erhielt den Förderpreis der Stadt Wien und stand auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises.
53 Minuten
Vor wenigen Wochen ist Power, Verena Güntners zweiter Roman erschienen, der für den Leipziger Buchpreis nominiert war. Die Protagonistin Kerze, ist 11 Jahre alt und macht sich, auf die Bitte einer Dorfbewohnerin namens Hitschke, auf die Suche nach deren verschwundenen Hund Power. Anfangs streift Kerze alleine durch den Wald und über die Straßen des Dorfes, doch als die Sommerferien beginnen, schließen sich ihr alle anderen Kinder der Ortschaft an. Was sich zu Beginn nach einer herkömmlichen Suche anhört, entpuppt sich schon bald als surreales Versteckspiel. Die Kinder verlassen nämlich eines Tages den Wald nicht mehr und leben fortan in einem von Kerze angeführten Rudel, immer noch auf der Suche nach Power. Die Eltern können diesen Wald nicht betreten und die ganze Wut der erwachsenen Dorfbewohner*innen entlädt sich an der scheinbar am Verschwinden der Kinder schuldigen Hitschke. Die Kritik hat den Roman sehr begeistert aufgenommen, von einem “schwarzromantischen Märchen aus den Abgründen unserer Gegenwart” ist in der Welt die Rede, aber auch der Erzählton wird häufig hervorgehoben und z. B. in der Frankfurter Rundschau als “schlicht, groß, zuweilen biblisch groß, aber nicht pathetisch” (Judith v. Sternburg) beschrieben. Man kann zur Charakterisierung des Buches wohl auch ein doppelt unterstrichenes “rätselhaft” hinzufügen - ein paar der Rätsel hoffen wir heute im Gespräch mit der Autorin zu lüften.
48 Minuten
Am 26.03.2020 hat in Österreich der Vorlesetag stattgefunden. Sämtliche geplanten Veranstaltungen fanden wenn sie durchgeführt wurden, virtuell statt. Wir haben diesen Tag zum Anlass genommen, um uns ein Genre anzusehen, das ganz besonders zum Vorlesen prädestiniert zu sein scheint: Das Märchen. Jeder kennt mindestens ein Märchen, jeder hat schon mal eines vorgelesen bekommen oder selber vorgelesen. Sie stehen stark in der Kritik, schaffen es aber dennoch, immer neu gedacht, neu interpretiert und rezipiert zu werden. Für unser Gespräch konnten wir den Märchen-Experten schlechthin gewinnen: Stefan Neuhaus. Stefan Neuhaus ist Germanist und nach Stationen u. a. in Oldenburg und Innsbruck, wo wir ihn kennenlernen durften, seit 2012 Professor an der Universität Koblenz-Landau. Er schreibt regelmäßig für Die Furche und für literaturkritik.de, hat zahlreiche wissenschaftliche Monografien geschrieben und herausgegeben, darunter eine Einführung in die Literaturwissenschaft, Arbeiten zur Literaturkritik und zur Literaturvermittlung, zu Theodor Fontane, Erich Kästner, Ernst Toller und - das sei nicht zuletzt erwähnt - zu Märchen.
54 Minuten
Im Zuge der Corona-Krise wird aktuell viel über Maßnahmen zur finanziellen Absicherung von Kulturschaffenden diskutiert. Im Internet entsteht auf verschiedensten Plattformen ein reger “virtueller Literaturbetrieb”, der zwar den Leserinnen und Lesern Unterhaltung bietet, den Autorinnen, den Veranstaltern, dem Buchhandel und Verlagswesen aber kaum Einnahmen bringt - es sei denn, die Initiativen führen zu Buchkäufen. Im Moment befinden sich viele der Betroffenen noch in Schockstarre, es ist zu früh, um ein Resümee zu ziehen. Klar ist nur, COVID-19 zeigt - neben so vielem anderen - auch die Fragilität des Systems, auch des literarischen Systems. Wir haben für diese Sonderfolge, die wir über Skype aufgenommen haben, mit Leuten gesprochen, die kürzlich bei uns im Podcast waren - Robert Prosser zum Beispiel - oder mit denen wir demnächst Gespräche geplant haben. Diana Köhle hätten wir am Sonntag im TAGtheater beim Tagebuchslam getroffen, Linda Müller vom Haymon Verlag zusammen mit dem Autor David Fuchs beim Innsbrucker Prosafestival. Wir haben uns kurzerhand entschlossen, mit ihnen sowie mit einem der Buchhändler unseres Vertrauens, Hansjörg Jehsenko von der Buchhandlung Mio im Sonnwendviertel, entsprechend der aktuellen Maßnahmen nicht “auf Tuchfühlung” sondern wirklich nur “auf Buchfühlung” zu gehen und ihre ersten Eindrücke und Erfahrungen zur Krise einzufangen, aber auch um mit ihnen über ihre Einbußen und die Folgen von Corona für den Literaturbetrieb zu sprechen.
1 Stunde 1 Minute
Am 5. Februar haben wir uns in Wien mit Robert Prosser getroffen, um mit ihm über seine beiden Romane Gemma Habibi und Phantome, seine Zeit als Slam Poet, Sprayer und Boxer, über Hip-Hop-Einflüsse und Heimito von Doderer, aber auch seine Haltung zu Peter Handke zu sprechen. Die Tiroler Gemeinde Alpbach im Bezirk Kufstein ist nicht nur Austragungsort des bekannten Forum Alpbach und letzte Ruhestätte des Physik-Nobelpreisträgers Erwin Schrödinger. 1983 wurde hier Robert Prosser geboren, der heute einer der erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller seiner Generation ist. In Innsbruck studierte er Komparatistik, taggte daneben nicht nur seine Graffitis, sondern fasste auch erstmals Fuß auf Lese- und Slam-Bühnen. 2007 gründete er zusammen mit Stefan Abermann, Martin Fritz und Martin Kozuh die Innsbrucker Lesebühne “Text ohne Reiter”. Er trat mit seinen Performances aber auch schon in Tel Aviv und China auf. Überhaupt ist Robert Prosser gern und viel unterwegs. Und das nicht nur zwischen Tirol und Wien - seinen beiden Lebensmittelpunkten, sondern er reiste auch schon in den armenischen Kaukasus, ins ehemalige Jugoslawien, nach Syrien und Westafrika, Indien, Venezuela und und und. Seine Eindrücke verarbeitet er in Romanen - aber davon werden wir noch hören. Robert Prosser ist aber nicht nur ein produktiver und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Autor, ihm liegt auch die Vermittlung von Literatur und die Vernetzung von Autorinnen und Autoren am Herzen. So war er z.B. einer der Mitbegründer des Projektes „Babelsprech“ zur Förderung junger Poesie, ist als Herausgeber tätig, z.B. einer Anthologie junger österreichischer Gegenwartslyrik (wo warn wir? ach ja 2019 im Limbus Verlag). Gemeinsam mit Josef Kirchner hat er im November 2019 die Programmleitung des Literaturfests Salzburg übernommen. Wie geht man mit den Erfahrungen von Krieg und Flucht um? Wie kann man die eigene Erinnerung bewahren und vor dem Missbrauch durch nationalistische Politik schützen? Wohin mit all der Energie und mit dem Frust, dass die EU als Versprechen von Glück und Zukunft so nahe ist, dieses Versprechen aber nie eingelöst wird? All diesen und weiteren Fragen geht der Robert Prosser mit seinem 2017 erschienen Roman Phantome nach. Er löst damit seinen Vorsatz ein, denn er wollte sich ein “Land erschreiben, seine Vergangenheit und Gegenwart”. Die Annäherung an das komplexe Thema der Jugoslawienkriege gelingt dem Autor über die Graffiti-Szene. Im ersten Teil, der spielt 2015, begleiten wir einen jungen Sprayer durch Wiener U-Bahn-Tunnel und auf Demonstrationen in Tuzla... Dieser Teil ist sprachlich stark vom Hip Hop geprägt, auch vom Szene-Vokabular des Sprayers, von der Energie, die in Auflehnung und Protest liegen. Durch seine Freundin Sara, der Tochter einer Bosniakin und eines Österreichers, kommt er erstmals mit Bosnien und seiner Geschichte und Gegenwart in Berührung. Die beiden reisen nach Tuzla, Srebrenica und Sarajevo und bald schon verschiebt sich das Hauptaugenmerk des Ich-Erzählers. Anstatt Spuren - in Form von Graffitis - hinterlassen zu wollen, macht er sich auf die Suche nach den Spuren von Saras Vergangenheit. Es ist ein erzählerische Kniff, uns über die Geschichte des Ich-Erzählers an das Thema heranzuführen - ein sehr geschickter. Der junge Sprayer ist voller Unkenntnis in Bezug auf die Jugoslawienkriege und verunsichert. Er weiß genauso wenig, wie die meisten von uns, wie die Dinge richtig einzuordnen sind. Hier holt uns der Autor ab und nähert sich der eigentlichen Geschichte. Von der erfahren wir im 2. Teil des Romans, er spielt 1992, in dem die Sprache hinter die Geschichte zurücktritt, es wird epischer, erzählender. Von Krieg und Vertreibung erzählt der Autor am Beispiel eines serbisch-bosnisches Paares, Anisa (das ist die Mutter von Sara) und Jovan, die durch den Krieg getrennt werden. In dieser Konstellation manifestieren sich all die großen Konflikte, durch ihre Geschichten erfahren wir von den Phantomen des Krieges, die man nicht loswerden kann. In einem kurzen dritten Teil hält Robert Prosser nochmal eine Überraschung für uns parat. Die Stimme des Erzählers ändert sich noch einmal und obwohl das zunächst irritierend erscheint, ist es schlüssig - und vielleicht auch eine kleine Hommage an einen Freund, von dem wir im Gespräch noch erfahren werden. “Ohne dass er es als moralische Attitüde vor sich hertragen müsste” schreibt Wiebke Porombka in der ZEIT, “ist dieser Roman [...] eine Schule der Empathie und der Demut vor den Versehrungen, die politische Konflikte in Biografien brennen.” Phantome war 2017 nicht zuletzt deshalb für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der Roman ist 2017 im Ullstein Verlag erschienen und inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich. Gemma Habibi ist Robert Prossers aktueller Roman, der im Juli 2019 im Verlag Ullstein fünf erschienen ist. Lorenz, der Protagonist des Romans, kehrt mit einer Idee für seine Anthropologie-Masterarbeit von einer Reise nach Syrien zurück, die ihn wiederum in einen Boxclub in Wien führt. Während Lorenz sich zu einem ernstzunehmenden Boxer entwickelt, Westafrika bereist und sich in die Fotografin Elena verliebt, wütet in Syrien ein Krieg, der die Gesellschaft in Aufruhr versetzt und zahlreiche Menschen in die Flucht treibt. Auch Lorenz syrischer Freund Zain ist nach Wien geflohen und träumt davon, als Boxer unsterblich zu werden. Mit den Worten “Kurdistan, Wien, Ghana: Drei Welten, drei Leben, drei Runden im Boxring. Ein dichter, intensiver Roman über Obsession und Freundschaft, Engagement und Aufbruch, geschrieben von einem der wortgewaltigsten Schriftsteller seiner Generation.” beschreibt der Verlag den Roman und uns stellten sich die Fragen, welchen Herausforderungen man sich als Autor ein Jahr nach der Nominierung für den Deutschen Buchpreis gegenüber sieht und wie es Robert Prosser gelingt. Wir danken Robert Prosser für das Gespräch und das Zur-Verfügung-Stellen der Audiomitschnitte seiner Performance von Gemma Habibi. An den Drums: Fabin Faltin. Neben Phantome und Gemma Habibi sind folgende Bücher von Robert Prosser im Buchhandel erhältlich: Strom. Ausufernde Prosa (2009), Feuerwerk. Prosa (2011), der Roman Geister und Tattoos (2013) - alle im Klever Verlag erschienen. Die erwähnte Reportage über den Libanon mit Fotos von Leonhard Pill erscheint im Herbst 2020 im Klever Verlag, ein Ausschnitt daraus ist Anfang Februar im Standard ALBUM erschienen. Den Link dazu findet Ihr in den Shownotes. Die nächste Ausgabe von “Auf Buchfühlung” gibt es am 28. März.
32 Minuten
Am 16. Jänner haben Irene Zanol und Victoria Strobl den zweiten Teil des Live.Hör.Spiels „Der Zeitdieb“ im BRUX / Freies Theater Innsbruck besucht. Am Morgen darauf hat Victoria dann Veronika Temml und Alexander Prantner, zwei Mitglieder des Live.Hör.Spiel-Ensembles, zu einem Gespräch getroffen. Dabei haben sie über so spannende Fragen wie „Was ist eigentlich ein Live.Hör.Spiel?“, „Wieso habt ihr euch dafür entschieden, Werke von Terry Prachett zu bearbeiten?“ und „Was zur Hölle haben Lord Rust und Herbert Kickl gemeinsam?“ unterhalten. Einen ausführlichen Bericht zum Live.Hör.Spiel findet ihr übrigens im LiLit – Literarisches Leben in Tirol :) Bei LiLit sind alle jene Leser*innen richtig, die sich für Literatur interessieren. Das Online-Magazin des Literaturhauses am Inn und des Forschungsinstituts Brenner-Archiv setzt sich mit dem literarischen Leben in Nord-, Ost- und Südtirol auseinander.
2 Minuten
Im Literaturpodcast Auf Buchfühlung geht es einmal im Monat um all das, was Literatur ist und all das, was Literatur kann. Wir sprechen mit Autorinnen und Autoren, besuchen literarische Veranstaltungen und berichten über Literaturpreise und -festivals, Buchmessen, literarische Cafés, Poetry Slams… eben über alles, was das literarische Leben in Österreich und auch darüber hinaus spannend macht.