Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die Todesursache Nummer eins; allein in Deutschland fordern sie jährlich 65.000 Herztote und 220.000 Herzinfarkte. Dr. Philipp Nölling (ehemaliger CEO von DPV Analytics) analysiert im Gespräch mit Uwe, wie das Start-up aus dem Hamburger Kardiologikum heraus gegründet wurde, um den veralteten, kabelgebundenen EKG-Markt der 80er-Jahre radikal zu disruptieren. Die Erfahre wie MedTech-Start-ups regulatorische Hürden überwinden, Millionen von Datenpunkten durch KI veredeln und ein skalierbares Geschäftsmodell im globalen Wachstumsmarkt Gesundheit etablieren.
Das Gespräch ist in zwei Halbzeiten gegliedert:
Halbzeit 1: Das Produkt (KI-Diagnostik & Plattform-Skalierung)
Purpose & Präventionsfokus: Ziel ist die Reduktion von Schlaganfällen und Herzerkrankungen. 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Vorhofflimmern – der Ursache für rund 35 Prozent aller Schlaganfälle. Während Deutschland in der Behandlung führend ist, setzt DPV Analytics auf frühzeitige, kontinuierliche Prävention.
Vom „Diagnostics as a Service“ zum Zielgruppen-Pivot: Die ursprüngliche Idee, Hardware mietfrei als Plug-and-Play-Service bereitzustellen, scheiterte zunächst an Fachärzten, die Geräte besitzen und selbst auswerten wollten. Der Durchbruch gelang über Allgemeinmediziner, die dadurch Überweisungen einsparen, sowie über den direkten B2C-Markt.
Blue Ocean „Cardio-Check“: Über eine Milliarde Smartwatches weltweit erfassen 30-Sekunden-EKGs, die Ärzte im Alltag nicht auswerten. DPV baute ein zweistufiges Modell: Ein 24-Stunden-Pre-Screening via PDF-Upload plus optionales Langzeit-EKG bei Risikofunden.
Proof of Concept durch Gamification: Um die Skalierbarkeit unter realer Massenlast zu beweisen, analysierte DPV auf dem Wacken Open Air („Wacken Go Science“) das lauteste EKG der Welt mit Carrera-Bahn-Belastungstests und „Drum Your Heartbeat“.
KI-Modell & Artefakt-Analyse: Ausgehend von 250.000 Datensätzen des Kardiologikums Hamburg analysiert die KI Langzeit-EKGs von bis zu 12 Tagen (über eine Million Herzschläge). Entscheidender Vorteil: Statt Messartefakte pauschal wegzuschneiden, analysieren Ärzte und KI jedes Signal, um selbst seltenste Arrhythmien lückenlos zu identifizieren.
End-to-End-Automatisierung: Neben dem KI-Kern wurden vor- und nachgelagerte Prozesse (automatisierter Versand, Live-Tracking, Abrechnung und einheitlicher Datenpool) vollständig automatisiert.
Halbzeit 2: Das Team (Kultur, Schnittstellen & Execution)
Leistungskultur & Partizipation: Schnelles Wachstum von 2,5 Mitarbeitern auf ein internationales Team von 30 Experten aus zehn Nationen. Klare Verantwortungsübergabe und institutionalisierte Kritikfähigkeit sichern das operative Tagesgeschäft parallel zur Software-Weiterentwicklung.
Cross-Funktionale Besetzung: Kombination aus ärztlicher Fachexpertise (über flexible Teilzeitmodelle), KI-Ingenieuren und Quereinsteigern aus der Gastronomie/Hotellerie für ein erstklassiges Kundenservice-Niveau im Operations-Bereich.
Old-School-Agilität & Präsenz: Nutzung von Timeboxing, Sprints und Kanban-Boards in Workshops, kombiniert mit festen Rhythmen (Monday Morning Kick-off, physischer Jour Fixe am Mittwoch) und direktem Face-to-Face-Scribbeln statt reiner Remote-Arbeit.
Symbiose mit dem Mittelstand: Die Partnerschaft mit dem Kardiologikum Hamburg (über 100.000 Patienten) als Vorbild: Etablierte Mittelständler müssen den Angriff wagen und in eigene Software-, Plattform- und Prozess-Ökosysteme investieren, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen.
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