Auf den Tag genau Archiv
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8 Minuten
In den wenigen Jahren ihres Bestehens hatte die junge Weimarer Republik schon zahlreiche blutige Anschläge auf sich und etliche ihrer Protagonisten erlebt. Aber kein Ereignis hatte sie so tief ins Mark erschüttert wie der Mord an Außenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922. Auch 24 Stunden später stand das politische Berlin noch immer unter Schockstarre. Während eine fieberhafte Suche nach den Tätern anlief, macht sich der Berliner Börsen-Courier vom 25. Juni seine Gedanken über das ursächliche Klima des Hasses und die dafür verantwortlichen Hintermänner, deren furchtbare Rechnung man in dem Attentat aufgegangen sehen mochte. Denn eine Figur, die in Rathenaus Fußstapfen treten und die großen Herausforderungen zu stemmen vermöge, vor der die unruhige Republik stand, sei weit und breit nicht in Sicht. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Am 23. Juni 1922 hatte der amtierende Außenminister der Weimarer Republik Walther Rathenau noch bis tief in die Nacht mit dem industriellen Hugo Stinnes und dem amerikanischen Botschafter Alanson Houghton über die Reparationsfrage diskutiert, am folgenden Vormittag wurde er von seinem Chauffeur in einem offenen Wagen von seinem Wohnsitz durch den Grunewald zum Auswärtigen Amt gefahren – trotz wiederholter Morddrohungen ohne Polizeieskorte. An einer Kreuzung wurde er von rechten Attentätern, Mitgliedern der geheimen „Organisation Consul“, die zuvor bereits für die Attentate auf Matthias Erzberger und Philipp Scheidemann verantwortlich war, von einem vorbeifahrenden Auto aus ermordet. Dieser politische Mord erschütterte die junge Republik zutiefst. Spätestens hier musste allen klar werden, dass auf Hass, Hetze, Propaganda und antisemitisch motivierte Beschimpfung auch tatsächlich brutale Gewalt, Mord- und Totschlag folgen. Am 24. Juni wurde noch nicht viel analysiert, die Zeitungen berichteten über den Hergang der Tat. Aus dem Berliner Tageblatt liest Frank Riede.
10 Minuten
Der Sommer ist da, in Berlin scheint endlich mal die Sonne, es wird heiß zwischen Häuserfassaden, geteerten Straßen und rissig gestalteten Kopfsteinpflasterbürgersteigen. Wohin also zur Abkühlung? Zum überlaufenen Wannsee? Nach Brandenburg? Die DAZ vom 23. Juni 1922 hat da einen Geheimtipp auf Lager: Das Freibad in der Zitadelle Spandau. In der sehr gut erhalten Festungsanlage aus der Renaissance, war 1922 tatsächlich eine Badeanlage der dort stationierten Militäreinheit, die diese aber für das Publikum öffnete. Der Autor, der über seinen Besuch dort berichtet hat nicht nur Augen für Architektur und Landschaft, sondern auch für die Badestelle für Damen auf der anderen Seite des Kanals, bei deren Betrachtung er eine leider zeittypisch etwas sexistische Haltung offenbart. Paula Leu liest für uns dieses Zeitdokument zu den Schwimmstellen in der Zitadelle.
6 Minuten
Die globale wirtschaftliche Verflechtung brachte die Notwendigkeit mit sich, die Zeit des Gegenübers am anderen Ende der Welt zu kennen. Hatten einzelne große Flächenstaaten wesentlich auf Betreiben der Eisenbahngesellschaften Zeitzonen auf ihrem Territorium durchgesetzt, so wurde das weltweite System der Zeitzonengrenzen auf der Internationalen Meridiankonferenz 1884 in Washington verankert. 1922 berichtet die Berliner Volkszeitung von der Erfindung einer Weltzeituhr, die die drängenden Fragen: Wieviel Uhr ist es in New York? Und wann öffnet die Börse in Sidney? schnell beantworten sollte. Frank Riede schaut für uns mit auf das Ziffernblatt.
8 Minuten
Das Thema Oberschlesien begleitet uns nahezu seit den Anfängen dieses Podcast. Dass die Grenzen in diesem ökonomisch so bedeutsamen Industriegebiet neu gezogen würden, stand bereits nach Weltkriegsende fest. Der Prozess der politischen Neuordnung gestaltete sich jedoch langwierig, die Kriterien, nach denen er vollzogen wurde, blieben undurchsichtig und anfechtbar – vor allem von deutscher Seite. Im Frühsommer 1922 war es dennoch soweit: Die alliierten Truppen hatten sich verabredungsgemäß aus den betroffenen Gebieten zurückzogen, der weiße polnische Adler wehte über Kattowitz und anderen vormals deutschen Städten der Region. Die Vossische Zeitung in der fernen deutschen Hauptstadt vernahm es, wie die gesamte hiesige Öffentlichkeit, mit unvermindertem Groll, bemühte sich am 21. Juni 1922 in ihrer Bewertung der Lage vor Ort aber zumindest ansatzweise um Differenzierung. Wie weit die ging, weiß Paula Leu.
10 Minuten
Was sagen die Briefmarken eines Landes über dessen Zustand aus? Diese pikante Frage stellt sich am 20. Juni 1922 in der Berliner Volks-Zeitung der Autor Karl Hans Strobl. Und gibt uns dabei nicht nur einige interessante Einblicke in die Postgeschichte verschiedener Länder, sondern auch in seine eigene politische Biographie. Aus dem mährischen Iglau stammend, engagierte sich Strobl bereits in jungen Jahren in der Deutschnationalen Bewegung und wurde später im österreichischen Ständestaat Mitglied der dort illegalen NSDAP. Den Anschluss Österreichs 1938 begrüßte er begeistert und wurde in seiner Folge Leiter der Reichsschrifttumskammer in Wien. Wenig verwunderlich also, dass er die kakanischen Marken mit dem Konterfei Kaiser Franz Josephs ebenso verachtete wie später jene der österreichischen Republik und auch für die Ikonographie der tschechoslowakischen oder jugoslawischen Postwertzeichen nur Spott übrig hat. Gnade vor seinem philatelistischen Auge findet – Überraschung! – vornehmlich Deutschland. Frank Riede hat für uns dennoch in Strobls Sammelalbum geblättert.
7 Minuten
Der 1. FC Nürnberg und der Hamburger SV waren in den 1920er Jahren die überragenden deutschen Fußballmannschaften. Zwischen 1920 und 1928 entfielen auf die beiden Clubs, unterbrochen nur einmal von der Spielvereinigung Fürth, sieben von acht nationale Meistertitel – und in diese Serie ist die Meisterschaft von 1922 noch gar nicht einberechnet. In jenem Jahr trafen der ‘Club‘ und der HSV erstmals in einem Endspiel direkt aufeinander, konnten aber keinen Sieger ermitteln. Im nachfolgenden Artikel aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 19. Juni 1922 geht es um das erste Finalspiel am Vortag in Berlin, das nach stolzen 189 Spielminuten beim Stand von 2:2 wegen Dunkelheit abgebrochen werden musste. Noch kurioser sollte das Wiederholungsspiel anderthalb Monate später in Leipzig ausgehen, das ebenfalls bei Gleichstand wegen zu vieler verletzter Spieler nicht zu Ende gespielt werden konnte. Der Deutsche Fußball-Bund listet für das Jahr 1922 deshalb bis heute keinen Meister, wohingegen kurioserweise in die Meisterschale die Namen gleich beider Mannschaften eingraviert sind. Im Deutschen Stadion, dem Vorgängerbau des heutigen Berliner Olympiastadions, war für uns die Sportreporterin von AufdenTaggenau, Paula Leu.
8 Minuten
Der 1897 geborene und unter zahlreichen Pseudonymen publizierende Journalist und Schriftsteller Artur Zickler war nach dem Ersten Weltkrieg für den Vorwärts tätig. Er galt aber als politisch unabhängiger Autor, der nicht immer nur rechts, sondern auch mal links aneckte. Auf dieses „Querulantentum“ spielt seine im Vorwärts am 18. Juni 1922 erschienene feuilletonistische Himmelfahrt per Paternoster an, die er unter dem Pseudonym Tobias Pemberlein veröffentlichte. Für schaut Frank Riede bei den Engels-Chören vorbei.
7 Minuten
Im Juni inszenierte die Berliner Morgenpost ein journalistisches Ereignis, als ihr Autor Egon Jacobsohn am 13. Juni zu Fuß aus den Redaktionsräumen losmarschierte und sich auf einen fünftägigen Marsch nach Leipzig begab – mit Zwischenstopp in Potsdam, Treuenbrietzen, Wittenberg und Bitterfeld. Wurde er auf der ersten Etappe noch von Schau- und Wanderlustigen des Weges begleitet, marschierte er bald alleine - lediglich seiner Beobachtung der Wälder, Wege und Landschaften, sowie seiner Kondition und seiner Schmerzen ausgeliefert. Den am Ende jeder Etappe verfassten Bericht brachte ein dort eintreffender motorisierter Kurier der Zeitung nach Berlin – eine Art Live-Ticker der Zeit. Heute, in der Ausgabe vom 17.6.22 spaziert Frank Riede auf der vorletzten Etappe, auf dem Weg nach Bitterfeld mit – aber nicht nur er….
9 Minuten
Wladimir Iljitsch Lenin stand an der Spitze der bolschewistischen Revolution in Russland, war Vorsitzender der Partei, Regierungschef der aus der Revolution hervorgegangenen Sowjetunion. Eine lebende Legende, die ein Attentat 1918 überlebte, aber spätestens ab dem Mai 1922 mit erheblichen und nicht mehr zu verbergenden gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Denn da erlitt er, einen Monat nachdem eine der Kugeln des Attentats operativ entfernt wurde, den ersten einer Reihe von Schlaganfällen. Er wurde abgeschirmt, Informationen zum Gesundheitszustand wurden nicht gegeben, so dass man im Ausland vom Schlimmsten ausging und mit einem baldigen Ableben rechnete – was immer auch mit einer Spekulation über seine Nachfolge verknüpft war. So etwa auch die Neue Zeit vom 16. Juni, aus der für uns Paul Leu liest. Wir wissen heute, dass er erst gut eineinhalb Jahre später verstarb, und dass Stalin sich als Nachfolger durchsetzte, wissen wir auch.
11 Minuten
Was Romeo und Julia für die englische, Dante und Beatrice für die italienische und Penelope und Odysseus für die griechische, das wohl sind Lotte und Werther für die deutsche Literatur: ihr berühmtestes Liebespaar. In seinem den ‘Leiden‘ des männlichen Protagonisten gewidmeten Briefroman verarbeitete der junge Johann Wolfgang Goethe bekanntlich nicht nur seine eigene platonisch gebliebene Liebe zu der bereits anderweitig verlobten Charlotte Buff, sondern auch den Suizid seines liebeskranken Freundes Karl Wilhelm Jerusalem, die sich beide im Jahr 1922 zum einhundertfünfzigsten Mal jährten. Die Stadt Wetzlar, Ort der biographischen wie der literarischen Handlung, ließ sich dieses Jubiläum genauso wenig entgehen wie die Berliner Morgenpost, die eigens anreiste und in ihrer Ausgabe vom 15. Juni von den ‘Originalschauplätzen‘ berichtete. Diesem Lokaltermin angeschlossen hat sich für uns Frank Riede.
5 Minuten
Manche irre Idee größenwahnsinniger US-Milliardäre stammt ihrem Ursprung nach gar nicht von diesen, sondern ist bisweilen viel älter. Über künstliche Inseln im Ozean etwa, entnehmen wir der B.Z. am Mittag vom 14. Juni 1922, wurde auch schon vor einhundert Jahren nachgedacht, und das durchaus ernsthaft. Anders als in aktuellen Plänen ging es bei dem damaligen Konzept indes nicht darum, offshore Steueroasen für Superreiche zu errichten und in diesen mit neuartigen, mutmaßlich ultralibertären Regierungsformen zu experimentieren. Vielmehr waren es seinerzeit Fragen des Weltverkehrs zu Wasser und in der Luft, die die Phantasie der Ingenieure in diese Richtung lenkte. Mit ihnen buchstäblich vor Anker geht für uns Paula Leu.
9 Minuten
Sie ist nicht tot zu kriegen: Wenn die Temperaturen steigen, die Blusen luftiger und die verbeulten Leinenhosen aus dem Schrank gekramt werden, um sich zu einem Gartenfest ausführen zu lassen, schlägt auch die Stunde der unvermeidlichen Bowle, der unschlagbaren Mischung aus Fruchtzucker und Alkohol, dem direktesten und zuverlässigsten Weg zum dicken Kopp schon zur Mittagszeit. Dass die heute zumeist dominierende simple Fruchtbowle diesbezüglich nicht das Ende aller sommerlichen bacchantischen Phantasie sein muss, lehrt indes unser heutiger Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 13. Juni 1922. Neben einigen interessanten Informationen zur Kulturgeschichte der Bowle wartet er mit einer Reihe origineller zeitgenössischer Rezepte auf, die nachgerade danach schreien, nachgemixt und nachgetrunken zu werden. Und die wie nebenbei belegen, dass die Übergänge zwischen Bowle und Cocktail nicht nur flüssig, sondern auch fließend sind. Frank Riede hat für uns gekostet.
5 Minuten
Ostpreußen galt während der gesamten Weimarer Jahre als Bastion der Republikfeinde, als Hochburg der Deutschnationalen. Kein Wunder, dass deren Galionsfiguren wie der putschende Generallandschaftsdirektor Kapp oder auch ‘Kriegsheld‘ Hindenburg sich gerne hier in den ‘fernen Osten‘ des Reiches zurückzogen, um von hier aus für ihren Feldzug gegen die junge deutsche Demokratie zu mobilisieren. An einem Sonntag im Juni 1922 war es anlässlich entsprechender monarchistischer Feierlichkeiten in Königsberg zu linken Gegenkundgebungen gekommen – die von der staatlichen Ordnungsmacht blutig aufgelöst wurden. Die Freiheit attestierte der Republik daraufhin Selbstverachtung und veranschaulicht in ihrem wütenden Bericht vom 12. Juni, dass die Gräben zwischen Unabhängigen und Sozialdemokraten noch immer sehr tief waren. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
1922, lange vor der digitalen Revolution, vor dem Wachstum des Dienstleistungssektors, hing das wirtschaftliche Wohlergehen Deutschlands, nach Meinung der Ökonomen, wesentlich von den verfügbaren Rohstoffen ab. Davon geht auch der Autor Dr. P. Stautz aus, der am 11. Juni für das Berliner Tageblatt über Deutschlands Bodenschätze schrieb, er verband diese Feststellung aber zugleich mit der Forderung, über die Bodenschätze an den Schulen und in den Museen aufzuklären. Museumspädagogik und Wissenschaftskommunikation waren gefordert. Frank Riede gräbt für uns den Artikel aus und vertont ihn.