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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
9 Minuten
Der Protest gegen und die Empörung über die Urteile der französischen Besatzungsjustiz fand in allen Zeitungen und auch in diesem Podcast seinen Widerhall. Immer wieder wurden im Ruhrgebiet und im Rheinland Menschen wegen tatsächlicher oder angeblicher Beteiligung an Sabotageakten zu Tode verurteilt und hingerichtet. Daher bat die Vossische Zeitung den Präsidenten des Reichsgerichts Dr. Walter Simons um eine Einordnung zur Rechtslage in den besetzten Gebieten. Seine Ausführungen druckte sie in ihrer Ausgabe vom 5.7.1923. Wie es bei diesem Staatsmann zu erwarten war, fallen sie sehr nüchtern und sachlich aus, unterstreichen aber gerade in ihrer Differenziertheit wo, aus der Sicht des internationalen Rechts, der eigentlich skandalöse Machtmissbrauch der Besatzungsbehörden genau zu finden ist. Für uns liest Frank Riede.
9 Minuten
Was tut man, wenn es einem im Sommer zwar nach Panoramaaussicht und frischer Bergluft gelüstet, man aber auch in der heißen Jahreszeit nicht auf die Annehmlichkeiten des großstädtischen Lebens verzichten möchte? Ganz einfach, man nimmt die Wiener Ringstraße, errichtet ihr Ebenbild mitten in den Alpen um einen schroffen Wasserfall herum und schließt diese Installation an die Bahn an. Herausgekommen bei diesem Experiment der Belle Époque ist der Kurort Bad Gastein im Salzburger Pongau, wo zu Lebzeiten nicht nur Kaiser Wilhelm I. und sein Reichskanzler Bismarck nebst vielen anderen Reichen und Schönen gerne urlaubten, sondern auch ein Autor namens Mehls, der seine Reise zumindest wohl teilweise durch einen Bericht finanzierte, der davon im Berliner Lokal-Anzeiger vom 4. Juli 1923 erschien. Die meisten Deutschen, erfahren wir dort, konnten sich Österreich seinerzeit nämlich nicht mehr leisten. Näheres weiß Paula Rosa Leu.
9 Minuten
Im Unterschied zu anderen Staaten, die aufgrund ihrer Rohstoffaufkommen jüngst zu Reichtum gekommen sind, hat man in Norwegen davon abgesehen, markige Skylines in den Himmel zu bauen oder sich in große europäische Fußballclubs einzukaufen. Stattdessen setzte man hier auf Nachhaltigkeit, hat mit seinen Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft den größten Staatsfonds der Welt geschaffen – und in die Kultur investiert. Eines der prominentesten Zeugnisse dieser Politik ist das architektonisch hochgelobte 2008 neueröffnete Osloer Opernhaus, das, man höre und staune, im Grunde das erste seiner Art ist, das in Norwegen errichtet wurde. Den Norske Opera war zuvor in angemieteten Räumen des alten Volkstheatergebäudes untergebracht gewesen, vor 1960 hatte es gleich gar keinen festen Opernbetrieb gegeben. Die großen Stücke des Repertoires waren bis dahin höchstens im Rahmen von Gastspielen in Oslo, bis 1924 Christiania, zu erleben gewesen, und ein solches gab im Frühsommer 1923 unter recht unorthodoxen Bedingungen zum Beispiel die Berliner Staatsoper. Mit von der Partie war auch der Berliner Lokal-Anzeiger, dessen Reisebericht vom 3. Juli für uns Frank Riede liest.
9 Minuten
Erst vor wenigen Wochen, genauer: am 21. Mai 1923, hatte Fritz Mauthner seinen ersten Auftritt in diesem Podcast. Es war zugleich die letzte Gelegenheit für einen Text von ihm, da er kurze Zeit später verstarb. Die enorme Bedeutung, die dieser Sprachphilosoph, Schriftsteller und Journalist im späten Kaiserreich und in der frühen Weimarer Republik im öffentlichen Bewusstsein einnahm, lässt sich auch an der Anzahl der Nachrufe ablesen. In nahezu jeder der Zeitungen, die wir durchforsten, fanden wir einen kürzeren oder längeren Nekrolog. Aus der Fülle, der allerding über Wochen hinweg, auftauchenden Würdigungen bringt heute Paula Rosa Leu den Text der BZ am Mittag vom 2. Juli zu Gehör. Verfasst hat ihn der Schriftsteller und Satiriker Alexander Moszkowski.
11 Minuten
Für die Vossische Zeitung schrieb im Sommer 1923 der uns mittlerweile, dank dieses Podcasts, wohlbekannte Autor Erdmann Graeser eine Serie von Artikeln, in denen er religiöse Gemeinschaften in Berlin besuchte, an deren Ritualen teilnahm und sich mit Gemeindemitgliedern unterhielt. Dabei reflektiert er auch die Vorurteile, die diesen kleineren religiöseren Gruppierungen entgegengebracht wurden. Den Auftakt dieser Reihe machten die Mormonen-Gemeinden, die sich selbst als die „Heiligen der Letzten Tage“ bezeichnen. Frank Riede hat sich für uns unter die Gläubigen gemischt.
8 Minuten
Zumindest mit dem Blick ins Ausland empfand sich die deutsche Frauenbewegung 1923 als sehr erfolgreich, hatte „frau“ doch schon viele Rechte für sich erkämpft. Im heutigen Artikel aus der Auslandsbeilage der Vossischen Zeitung vom 30. Juni verdeutlicht Dr. Margarete Meseritz, die 1913 in Nürnberg in Jura promoviert wurde und Mitbegründerin des Deutschen Juristinnenverbandes war, was für ein Weg noch zu gehen ist und was die weiteren Schritte sein könnten. Sie thematisert aber auch wie die Frauen sich politisch wirksamer organisieren sollten. Paula Rosa Leu liest.
7 Minuten
Kurier, Bote, Post – die Namen vieler Presseorgane künden bis auf den heutigen Tag von der Abstammung der Zeitung von einer älteren Form der papierenen Sendung, der des Briefes. Abgesehen von der Rubrik der Leserbriefe sind solche, in der Zeitung abgedruckt, jedoch die Ausnahme. Eine solche indes findet sich im Vorwärts vom 29. Juni 1923, in dessen Morgenausgabe sich Leopold Jessner, Intendant des Staatlichen Schauspielhauses zu Berlin, direkt an den „sehr geehrten“ Kritiker Ernst Degner wendet und wegen einer Rezension zur Inszenierung von Hölderlins „Empedokles“ an seinem Haus wegen vorgeblicher sachlicher Unrichtigkeiten beschwert. Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten: Degner formulierte einen Antwortbrief und sparte sich bei dessen Versendung bereits in der Abendausgabe desselben Tages gleich gänzlich den Weg zum Postkasten. Als lesender Kurier fungiert für uns Frank Riede.
12 Minuten
„Bruno Alfred Döblin“, heißt es lapidar und in dieser Reihenfolge in seinem Wikipedia-Eintrag, „war ein deutscher Psychiater und Schriftsteller“. In der Tat praktizierte Döblin, auch als er längst ein erfolgreicher Romancier war, weiter als Internist und Nervenarzt in eigener Praxis im Arbeiterstadtteil Friedrichshain – und war deshalb gleich in mehrfacher Weise kompetent, sich zu Fragen der Psychoanalyse zu äußern. Am 28. Juni 1923 tat er das in der Vossischen Zeitung und warb dort für einen differenzierten Umgang mit ihren Möglichkeiten. Als medizinische Therapieform sieht er ihre Potentiale noch lange nicht ausgeschöpft und wundert sich ein wenig, wie reduziert sie dort noch immer zur Anwendung kommt. Sektenartige Zirkel zumeist von Geisteswissenschaftlern, die die Psychoanalyse zur Welterklärungsformel erhöhen, sind Döblin hingegen ziemlich suspekt. Es liest Frank Riede.
12 Minuten
Der Leberreim ist ein auf das 16. Jahrhundert zurückgehendes Scherzgedicht, welches oftmals improvisiert wurde und die Funktion eines Trinkspruchs erfüllte. Der Name leitet sich von den Anfangsworten ab, da diese Vierzeiler immer mit „Die Leber ist…“ beginnen. Im Berliner Börsen-Courier vom 27. Juni 1923 stoßen wir auf zwei Varianten des Leberreims in einem Text der großen expressionistischen Literatin Else Lasker-Schüler. Dementsprechend fällt ihr Bericht von ihrem Aufenthalt im pommerschen Ostseebad Kolberg alles andere als nüchtern aus. Durch diesen mal lyrischen, mal realistischen, mal berichtenden, mal schwelgenden Text mit Leberreimen führt uns Paula Rosa Leu.
10 Minuten
Bei unserem Blick in die Welt vor hundert Jahren stellen sich manchmal ganz zwangsläufig Parallelen mit aktuellen Ereignissen her. Da der Präsident der USA alle vier Jahre gewählt wird, finden wir, während sich 2023 das Republikanische Kandidatenfeld rund um Trump formiert für die Wahl nächstes Jahr, in der Weimarer Presse Spekulationen über mögliche Bewerber für die Wahl 1924. Ein Name, der dort gehandelt wurde, und der nicht eine kalendarische, sondern eine gesellschaftspolitische Kontinuität belegt, war der reichste Unternehmer der USA Henry Ford. Für den Berliner Börsen-Courier berichtete am 26. Juni 1923 Virgil Jordan aus den Staaten über die großen Chancen, die ein Kandidat Ford hätte, besäße er doch die finanziellen Mittel, um eine Wahlkampfapparat aufzubauen und sich Meinung zu kaufen. Fran Riede liest.
5 Minuten
Im Juni 1923 fand im ostpreußischen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, eine landwirtschaftliche Messe statt. Die alleine hätte es wohl nicht zum Leitartikel auf der Titelseite der Vossischen Zeitung vom 25. Juni 1923 gebracht, wenn nicht der amtierende Reichskanzler Cuno dort eine Ansprache gehalten hätte, mit der er die neuesten währungspolitischen Maßnahmen zur Stützung der Mark rechtfertigte. Nicht, dass wir ein tieferes Verständnis von der Einschränkung des Devisenfreiverkehrs und der internationalen Arbitrage hätten, zeitlos ist aber an der Rede, die wörtlich wiedergegeben wird, wie der Wirtschaftsexperte Cuno Maßnahmen begründet, die unter „normalen“ Bedingungen, ohne extreme Inflation und Ruhrbesetzung, eigentlich als Lenkungsmechanismen undenkbar wären. Paula Rosa Leu kennt den genauen Wortlaut.
4 Minuten
Ein Jahr ist es her, dass wir hier im Podcast über Tage nur ein einziges Thema kannten: die Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau am 24. Juni 1922 und die anschließende wochenlange, letztlich zumindest teilweise erfolgreiche Fahndung nach seinen Mördern. Dass dieses Attentat einen schweren Schlag gegen die junge Republik darstellte, dessen waren sich bereits damals alle Kommentatoren bewusst und dieses Bewusstsein durchzieht auch die zahlreichen Artikel zum ersten Jahrestag zwölf Monate später. Neben ‘klassischer‘ Todestagsprosa nebst daraus abgeleiteten aktualisierten politischen Analysen finden sich in gleich mehreren Zeitungen interessanterweise auch lyrische Hymnen, die Rathenaus politische Leistung post mortem in Versen preisen. Eine solche erschien unter anderem in der Berliner Volks-Zeitung vom 24. Juni 1923 aus der Feder des heute kaum noch bekannten Autors Henning Duderstadt. Rezitiert wird sie für uns von Frank Riede.
6 Minuten
Dass Theater im Bereich des Ausstattungswesens mit Modelabels kooperieren und dabei die kostenlose Zur-Verfügung-Stellung von hochwertigen Textilien für die Einkleidung der Schauspieler mit einer dankenden Erwähnung der Hersteller im Programmheft vergüten, ist heutzutage verbreiteter Usus. In den 1920er Jahren steckte eine solche „Anbiederung“ von Kulturbetrieben an die profitgetriebene kapitalistische Konsumwelt in Deutschland dagegen offensichtlich noch in den Kinderschuhen. Höchst irritiert von dieser Praxis zeigt sich jedenfalls eine Autorin der Berliner Börsen-Zeitung nach dem Besuch einer Inszenierung von Leo Tolstois „Der lebende Leichnam“ in einem Berliner Theater und versucht die Kleidungsstücke daraufhin polemisch-streng im Sinne der Figurenpsychologie zu semantisieren. Ihre entsprechende Glosse vom 23. Juni 1923 liest für uns Paula Rosa Leu.
5 Minuten
Bis heute ist eine vieldiskutierte Frage innerhalb der Geschichtswissenschaft, wie sich die frühe NSDAP vor dem Putsch 1923 finanzierte. Sie hatte zweifelsfrei hohe Ausgaben für ihre Propaganda- und Werbeaktionen, allerdings auch Einnahmen durch die Eintrittskarten zu ihren Veranstaltungen. Aber: Inwieweit erhielt sie Gelder von der Industrie, eventuell sogar aus dem Ausland, etwa vom bekennenden Antisemiten Henry Ford? Nach jahrzehntelanger Forschung und Kontroversen, gilt als gesichert, dass die Großindustrie die NSDAP in ihren ersten Jahren nicht wesentlich finanziert hat, was sie nicht von ihrem Anteil am Scheitern der Weimarer Republik exculpiert. Aber in unserer heutigen Folge hören wir die Vermutungen der Zeitgenossen aus dem Vorwärts vom 22. Juni 1923, die sogar vor Gericht verhandelt wurden und die Frank Riede für uns liest.
7 Minuten
Einen Podcast aus einhundertjährigen Zeitungsartikeln zu bestreiten, bedeutet tagtäglich in eine untergegangene Welt zu blicken. Keine Autorin, deren Texte wir lesen, ist heute noch am Leben, und auch kein Mensch, von dem diese Texte handeln. Nicht einmal die britische Queen hat bis zum hundertsten Jahrestag ihrer Geburt durchgehalten, von der wir 2026 möglicherweise eine Nachricht versenden können. Damit jedoch nicht genug: Selbst die Tageszeitungen, die wir sichten, gibt es als solche heute nicht mehr – mit einer Ausnahme: Die Berliner Morgenpost wurde 1945 zwar wie alle bestehenden deutschen Zeitungen vom Alliierten Kontrollrat verboten, 1952 jedoch von Rudolf Ullstein, einem Sohn des Verlagsahnherrn Leopold Ullstein, nach Rückkehr aus seinem britischen Exil neugegründet. In diesem Herbst feiert sie somit bereits ihr 125jähriges Jubiläum, was wir zum Anlass nehmen, sie sich selbst zu ihrem 25jährigen gratulieren zu lassen. Der Artikel vom 21. Juni 1923 kam zwar eingestandenermaßen ein paar Monate zu früh, enthält aber ein schönes und gewiss nicht unaktuelles Plädoyer für die Pressefreiheit. Happy Birthday to me sagt Paula Rosa Leu.
Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren