Auf den Tag genau Archiv
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Und schon wieder wurden in Berlin die Zeitungen bestreikt. Anders als beim Generalstreik gegen den Kapp-Putsch im März 1920 ging es jetzt, im Oktober, freilich um genuin Arbeitsrechtliches, und betroffen waren auch nur einige große, ‘bürgerliche‘ Verlagshäuser wie etwa Ullstein, Scherl und Mosse. Die linke Parteipresse – Vorwärts, Freiheit, Rote Fahne – war vom Ausstand hingegen nicht erfasst, und auch die meisten Vorstadtzeitungen konnten ganz regulär weiter erscheinen. So u.a. die Neuköllnische Zeitung, die am 7. Oktober 1920 worüber berichtete? Über den Zeitungsstreik natürlich. Es liest Frank Riede.
11 Minuten
Amanullah Khan war von 1919 bis 1926 Emir, dann König von Afghanistan. Nach seinem Sturz 1929 floh er über Indien und Italien in die Schweiz, wo er 1960 in Zürich verstarb. Amanullah brachte Afghanistan innenpolitisch auf den Weg einer sozialen und politischen Modernisierung nach türkischem Vorbild und stärkte seine Rolle als wichtiger Vertreter der islamischen Welt nicht zuletzt durch eine geschickt englische und russische Interessen gegeneinander ausspielende Außenpolitik. In seinem Bericht vom 6.10.1920 beschreibt der Weltreisende und Autor Bernhard Waurick dieses neue Afghanistan als einen wertvollen Stein auf dem Schachbrett der großen Politik. Gelesen von Frank Riede.
5 Minuten
Das Münchener Oktoberfest ist das größte Volksfest der Welt. Seit 1810 findet es jährlich statt und ist in diesen 210 Jahren bislang 25 Mal ausgefallen. Zuletzt dieses Jahr aufgrund der Corona-Pandemie. Nicht so im Jahre 1920. Nach dem Ersten Weltkrieg entschied man sich für im Umfang kleinere Veranstaltungen, die „Herbstfeste“ tituliert wurden. Natürlich wurde dieses reduzierte Volksfest 1920 mit dem Glanz und der Üppigkeit der Vorkriegszeit verglichen. So geht der Artikel vom 5. Oktober aus der Berliner Morgenpost recht hart mit dem kleinen Oktoberfest ins Gericht. Paula Leu liest.
4 Minuten
Das marokkanische Tanger war aufgrund seiner exponierten strategischen Lage an der Straße von Gibraltar von jeher ein Zankapfel unter den Kolonialmächten. Auch als sich Frankreich und Spanien Marokko 1912 de facto aufgeteilt hatten, blieb sein Status ungeklärt. Was dazu führte, dass die alten Konflikte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs umgehend wieder aufpoppten und es am 4. Oktober 1920 auch in die Deutsche Allgemeine Zeitung schafften. Diese konnte sich dabei – ganz getreu ihrem alten Ruf als „Bismarcks Hauspostille“ – deutlich anti-französische Spitzen nicht verkneifen. Es liest Paula Leu.
6 Minuten
Böhmen liegt nur bei Shakespeare am Meer und Berlin bekanntlich überhaupt nicht. Dennoch wurde vor einhundert Jahren ein Großteil der hauptstädtischen Versorgung auf dem Schiffsweg abgewickelt, weshalb die Frage eines leistungsfähigen Binnenhafens für die Berliner Infrastruktur seinerzeit für ähnlich bedeutsam erachtet wurde wie heute die eines leistungsfähigen Flughafens. Auch der Vorwärts vom 3. Oktober 1920 beteiligte sich an dieser Diskussion und setzte seine Hoffnung dabei nicht nur in die Fertigstellung des neuen, großzügig konzipierten Westhafens in Moabit, sondern vor allem, gut sozialdemokratisch, in eine Kommunalisierung des Hafenwesens. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Zu den umstrittensten territorialen Resultaten des Ersten Weltkriegs zählte die neugezogene Brennergrenze zwischen Österreich und Italien. Dass nicht nur das ganz überwiegend italienischsprachige Trentino, sondern auch das ganz überwiegend deutschsprachige Südtirol künftig von Rom aus regiert werden sollte, entsprach zwar Kriegsabsprachen zwischen Italien und den Ententemächten, aber keineswegs den demographischen Verhältnissen. Entsprechend laut und langanhaltend fiel der Groll nördlich des Brenners aus. Auch der Berliner Börsen-Courier erklärt die Italianisierung Südtirols in seinem Kommentar vom 2. Oktober 1920 für unrechtmäßig, bemüht sich aber erkennbar um einen ausgewogenen Bericht über die Situation vor Ort. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Die vor exakt einhundert Jahren vollzogene administrative Fusion Berlins mit zahlreichen angrenzenden und de facto mit ihm längst zusammengewachsenen Gemeinden zu Groß-Berlins gilt heute als so vernünftiger wie unvermeidlicher Schritt der Stadtgeschichte. Weithin vergessen ist dabei, dass dieser Prozess damals eine äußerst schwere, politisch höchst umstrittene Geburt darstellte. Während das alte, innerstädtische Berlin seinerzeit als rote Hochburg mit klaren Mehrheiten für die beiden sozialdemokratischen Parteien firmierte, waren viele seiner Vorstädte, vor allem im reichen Westen, eher bürgerlich bis national geprägt. Wie heftig dort die Ablehnung gegen die so empfundene Zwangsvereinigung ausfiel, ist anschaulich einem Beitrag der in Charlottenburg und Wilmersdorf ansässigen Zeitung Der Berliner Westen vom Beitrittstag, dem 1. Oktober 1920, zu entnehmen, der bezeichnenderweise „an alle Muß-Berliner“ adressiert ist. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Der Telegraph steht wie kaum eine andere Technologie für Fortschritt und Fortschrittsbegeisterung der Jahre um 1900. Die Möglichkeit, mit den entferntesten Winkeln dieser Erde quasi in Echtzeit zu kommunizieren, übte eine auch ein wenig unheimliche Faszination aus. Dass die havelländische Gemeinde Nauen als Meilenstein in der funktechnischen Entwicklung bezeichnet werden darf, hängt mit der dort 1906 in Betrieb genommenen „Großfunkanlage für drahtlose Telegraphie“ zusammen. Am 29. September 1920 wurde das von Hermann Muthesius gestaltete neue Sendegebäude feierlich durch Reichspräsident Ebert eingeweiht. Der Bericht im Vorwärts einen Tag später zeigt in seiner euphorischen Beschreibung, wie sehr hier Technik und Natur, Zukunftsdenken und Ästhetik ineinander spielen. Gelesen von Frank Riede.
7 Minuten
Seit ihrer Gründung, bezeichnenderweise im Jahr 1870, begriff sich die Deutsche Zentrumspartei als Sprachrohr der katholischen Minorität in einem preußisch-protestantisch dominierten Reich. Dieses Selbstverständnis als Minderheitenvertretung erklärt vielleicht auch das Wohlwollen, mit der ihre Parteizeitung Germania 50 Jahre später in der Ausgabe vom 29. September 1920 auf eine andere, sehr viel kleinere, ethnische Minderheit im Lande blickt: die Wenden. Auch diese, uns heute eher als Sorben bekannt, hatten während der Verhandlungen von Versailles vorsichtig auf Möglichkeiten stärkerer Selbstbestimmung geschielt und sahen sich in der Folge vermehrt Verdacht und Verfolgung ausgesetzt. Obwohl nur zu kleinem Anteil von katholischem Bekenntnis, sympathisiert die Germania mit einigen wendischen Forderungen. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
‘Kunst und Gemüse‘ lautete vor einigen Jahren einmal der Titel einer Theaterarbeit von Christoph Schlingensief, ‘Kunst und Käse‘ vor noch viel längerer Zeit, genauer: am 28. September 1920, der einer Glosse im Berliner Tageblatt. Um Theater ging es auch ihr bzw. um die ausgemachte neue Angewohnheit des Berliner Publikums, dort während der Aufführung seine Stullen oder sonstige mitgebrachte Wegzehrung so geräusch- wie geruchsintensiv zu verspeisen. Wie diese hauptstädtische Unsitte zu unterbinden sei? Der Autor hätte dazu einen simplen, aber vermutlich sehr wirkungsvollen Vorschlag. Es liest Frank Riede.
20 Minuten
In unseren monatlich gesendeten 3 1/2 Fragen an… sprechen wir heute mit dem Musikwissenschaftler, Jazzforscher und Direktor des Jazzinstitut Darmstadt Wolfram Knauer über den Jazz in Deutschland und seine Anfänge in den Jahren der Weimarer Republik. Knauer ist einer der renommiertesten Jazzforscher des Landes und spätestens seit seinem 2019 erschienen Opus „Play yourself, man! Die Geschichte des Jazz in Deutschland“ der Experte auf diesem Gebiet.
4 Minuten
Die sogenannte Jugendweihe war eine wichtige DDR-Tradition. Als staatssozialistische Großveranstaltung wurde hier Jahr für Jahr der Übergang von tausenden Jugendlichen ins Erwachsenenalter gefeiert. Ein säkularer Gegenentwurf zu den kirchlichen Festen von Konfirmation und Firmung. Doch ist die Jugendweihe tatsächlich weit älter. 1852 vom deutschen Theologen Eduard Baltzer das erste Mal so benannt, hatte sie in der Weimarer Republik eine regelrechte Blütezeit. Insbesondere die Arbeiterparteien SPD und KPD organisierten jedes Frühjahr entsprechende Festlichkeiten. Von den Groß-Berliner Veranstaltungen im Jahre 1920 berichtet in einer kurzen Notiz der Vorwärts am 27.9. Gelesen von Paula Leu.
3 Minuten
Wer im September 1920 in Berlin ein Ballett sehen wollte, der konnte in den Zirkus Busch gehen, wo der Zirkus Sarrasani gastierte. Offenbar gehörten damals neben dressierten Tieren, Akrobaten und Clowns auch Musik- und Tanznummern zum festen Bestandteil der Aufführungen. Darüber hinaus enthielt das Programm auch noch Elemente der kolonialistischen und rassistischen „Völkerschauen“ der Zeit, da auch, wie damals völlig selbstverständlich und unhinterfragt gesagt wurde, „Sudanneger“ auftraten. Der in Dresden ansässige Zirkus Stosch-Sarrasani geht auf Hans Stosch zurück, der als Dressur-Clown unter dem Namen „Giovanni Sarrasani“ in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Er gründete einen eigenen Minizirkus in Dresden mit Hunden, Affen, einem Bären und einem Schwein. 1920 war der Zirkus Sarrasani, der einen festen Zirkusbau in der Dresdner Neustadt hatte, zu einer beachtlichen Größe herangewachsen, wovon die kurze Nachricht anlässlich der Eröffnung der Saison im Zirkus Busch der Berliner Volkszeitung vom 26 September 1920 zeugt. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Artikel des österreichische Reiseschriftstellers und Journalisten Arnold Höllriegel haben Sie in unserem Podcast bereits zu Gehör bekommen. Diesmal beweist er in einem Feuilleton des Berliner Tageblatts vom 25. September 1920, dass sich auch Enttäuschung, Wut und Langeweile in einen unterhaltsamen Zeitungstext übersetzen lassen. Die Eindrücke seines Aufenthalts im frühherbstlichen Tiroler Ötztal, das offensichtlich durchgängig verregnet war, nutzt er, um den „Wettersport“ als neuen Trend des Bergurlaubs zu feiern. Paula Leu feiert mit.
8 Minuten
Die Stellung des französischen Präsidenten war in der Dritten Republik, also zwischen 1870 und 1940, nicht ganz so stark wie heute in der Fünften Republik. Dennoch war ein Wechsel in diesem Amt auch schon vor einhundert Jahren, kurz nach der Ratifizierung von Versailles, selbstverständlich auch in Deutschland von großem Interesse. Alexandre Millerand hieß der neue Mann, der nach nur wenigen Monaten den gesundheitlich angeschlagenen Paul Deschanel beerbte, und mit diesem Namen verbanden sich rechtsrheinisch nicht allzu viele Hoffnungen. Galt Millerand doch im Umgang mit dem im Weltkrieg besiegten Nachbarn als Hardliner, dem man überdies – gemäß einem weitverbreiteten rassistischen Narrativ – vor allem die Stationierung afrikanischer Besatzungssoldaten in Deutschland vorwarf. So auch das Berliner Tageblatt vom 24. September 1920, aus ihm liest, trotzdem, Frank Riede.