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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
6 Minuten
So tiefgreifend die politischen Umbrüche des Revolutionsjahres 1918 im Großen waren, gab es im Kleinen, auf der kommunalen Ebene, doch auch einige Kontinuitäten. Der parteilose Jurist Adolf Wermuth war bereits zu Kaisers Zeiten 1912 zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt worden und übte dieses Amt auch nach dessen Abdankung, in republikanischer Zeit weiter aus. Das wichtigste Projekt Wermuths in jenen Jahren war dabei das Gesetz zur Begründung Groß-Berlins, das zum 1. Oktober 1920 in Kraft treten sollte - und angesichts der dadurch erheblich veränderten städtischen Demographie natürlich eine Neuwahl des Oberbürgermeisters verlangte. Sowohl die Fusion, als auch Wermuths Wiederwahl sicherten dabei die in Berlin dominierenden linken Parteien, sein angestammtes bürgerliches Lager hingegen wandte sich von ihm ab. Auch die bürgerliche Berliner Morgenpost macht in ihrem Bericht aus dem Stadtparlament vom 23. September keinen Hehl aus ihrer Sicht der Dinge. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Rund 20 Millionen Tote forderte der 1. Weltkrieg. Dazu kamen noch mehr als 21 Millionen Verletzte weltweit. Neben der ärztlichen Versorgung war die gesellschaftliche Herausforderung hier v.a. die der Reintegration der körperlich, aber auch psychisch teilweise schwer gezeichneten jungen Männer. Auch weil die Rückkehrer wie die Zurückgebliebenen mit dieser Situation häufig nur schwer zurecht kamen, wurden die überfüllten Lazarette nicht selten zu einer Art Verwahranstalt, ja Vorhölle für die Verdammten des Krieges. So jedenfalls der Autor eines Berichts in der Freiheit vom 22.9.1920. Deutschland müsse seiner Verantwortung den hunderttausenden Kriegskrüppeln gegenüber endlich gerecht werden! Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Ende des 19. Jahrhunderts kam ein neues Finanzierungsmodell von Zeitungen auf. Vorreiter dieses nur über Anzeigen finanzierten neuen Zeitungstyps war der Berliner Lokal Anzeiger, dessen erste Ausgabe 1883 herauskam. Der Berliner Scherl-Verlag konnte schon wenige Jahre später den Anzeiger bis auf eine geringe Ausliefergebühr zwei Mal täglich kostenlos anbieten. 1916 übernahm der nationalkonservative Hugenberg-Konzern den Scherl-Verlag und damit auch den Berliner Lokal Anzeiger. Die politische Ausrichtung des Konzerns lässt sich freilich in dem heutigen Artikel nicht unbedingt ablesen. In der Tradition der Reiseberichte, genauer Bahnreiseberichte von Auslandskorrespondenten, die schon öfters in diesem Podcast erklungen sind, schrieb Arthur von Knorr, Marineattaché in Tokio, seine Eindrücke von der Fahrt mit einem Nachtzug von Tokio nach Kyoto für die Ausgabe vom 21. September 1920 auf. Für uns liest Frank Riede.
5 Minuten
Ein Riss geht durch die Gesellschaft, die Fronten sind verhärtet, die Lager unversöhnlich. In Zeiten eines neuen, auf alle Fragen nur eine Antwort habenden Nationalismus sind uns die in solcher Formulierung gefassten sozialen Spannungen sehr gut vertraut. Mit Blick auf 1920 lässt sich ganz ähnlich von einer Spaltung der Gesellschaft sprechen. Ohne Internet und social media aber waren es Veranstaltungen wie die Wahl des Oberstadtschulrats, in deren Rahmen die verfeindeten Parteien ganz handfest aufeinander trafen. Am 20.9. berichtet die Vossische Zeitung von entsprechenden Verwicklungen für oder wider die Ernennung eines gewissen Dr. Kurt Löwenstein, Kandidat der Linken. Gelesen von Paula Leu.
5 Minuten
War Berlin in den 1920er Jahren auch ohne Zweifel die deutsche Theatermetropole und als solche dessen wichtigstes Laboratorium, so kamen viele ästhetische Impulse doch auch aus der Provinz. Eine besonders interessante Rolle kam dabei dem Landestheater Darmstadt zu. Nicht nur im Bereich des Musiktheaters, sondern auch das dortige ‘Sprechtheater‘ bewies unter der Ägide seines jungen Intendanten Gustav Hartung reichlich Mut zum Experiment, wie hier eine Rezension des Berliner Börsen-Couriers vom 19. September 1920 belegt. Wohl war man mittlerweile landauf, landab an expressionistische Schauspiele gewöhnt. Dass man auch einen Klassiker wie Schillers Jungfrau von Orléans expressionistisch inszenieren konnte, war hingegen noch eine ziemlich neue Erfahrung und selbst der Hauptstadtpresse einen ausführlichen Bericht wert. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Als Kiel nach der Eroberung Schleswig-Holsteins durch Preußen und Österreich im Deutsch-Dänischen Krieg des Jahres 1864 rasch zu einer Großstadt heranwuchs, ging diese Entwicklung Hand in Hand mit der Rolle des Kieler Hafens und der dortigen Werften als bedeutender Marinestandort. Mit der Reichsgründung 1871 war Kiel Reichskriegshafen und in seinen Werften wurden Kriegsschiffe und U-Boote gebaut und Über- und Unterseewaffen entwickelt. Damit war nach dem Ersten Weltkrieg schlagartig Schluss und die Stadt Kiel bemühte sich darum, auf dem Marinegelände die nichtmilitärische Schifffahrtsindustrie aus-, bzw. aufzubauen. Von diesem Unterfangen berichtet Alfred Kopp für das Berliner Tageblatt vom 18. September 1920. Für uns liest Paula Leu.
4 Minuten
Explosion im Zentrum von Manhattan! Diese Nachricht klingt heute anders als vor hundert Jahren. Und doch verwüstete im September 1920 eine Wagenladung Sprengstoff Teile der New Yorker Wall Street auf eine Weise, welche den Zeitgenossen ähnlich apokalyptisch vorgekommen sein muss wie Augenzeugen die Angriffe auf das World Trade Center gut 80 Jahre später. 30 Tote und über 300 Verletzte forderte das Attentat letztendlich. Das FBI vermutete italienische Anarchisten als Drahtzieher der terroristischen Attacke. Endgültig bestätigen ließ sich dieser Verdacht nie. Die Vossische Zeitung berichtet am 17.9., für uns liest Frank Riede.
8 Minuten
Nachdem die Podcast-Folge am vergangenen Freitag den turbulenten Ereignissen in Fiume alias Rijeka gewidmet war, wandert unser heutiger Blick ein paar Kilometer westwärts über den Karst nach Triest, wo sich die politische Lage zwei Jahre nach Kriegsende gleichfalls noch bemerkenswert chaotisch darstellte. Vormals Österreich-Ungarns wichtigster Hafen und dank dieser Funktion dort so etwas wie die dritte Stadt im Reiche, lieferten sich jetzt auf seinen Straßen und Plätzen Rechte und Linke, Italiener und Slowenen erbitterte Kämpfe – und ließen Triest, selbst für den Fall eines baldigen Anschlusses an Italien, einer ökonomisch unsicheren Zukunft entgegenblicken. Der Journalist und später berühmte Reiseschriftsteller Richard Katz sah dies in seinem Bericht für die Vossische Zeitung vom 16. September 1920 präzise voraus. Es liest Paula Leu.

Das Lautarchiv

10 Minuten
Über Jahrtausende sammeln Bibliotheken Texte, sei es in Form von Schriftrollen, Tontafeln, Papyri oder Druckerzeugnissen.... Um 1900 ermöglichen die technischen Erfindungen der Tonaufzeichnung das Festhalten von Tönen, Sprache und Geräuschen – die ersten Lautarchive sind geboren. Von Anfang an hat die Sammlungstätigkeit einen entweder stark ethnologischen oder sprachwissenschaftlichen Fokus, bzw. bewahrte die Stimmen großer Persönlichkeiten. Von der Gründung einer der bedeutendsten Sammlungen dieser Tonplatten und -zylinder, dem Berliner Lautarchiv an der Staatsbibliothek, berichtet voller Begeisterung im Berliner Tageblatt vom 15. September 1920 Dr. Hermann Schönhof. Heutzutage ist das Lautarchiv dem Helmholzzentrum für Kulturtechnik angegliedert. Wir haben für diese Podcastfolge die Stimme von Frank Riede aufgezeichnet.
8 Minuten
Julie Elias war eine feste Größe des Kulturlebens der Weimarer Republik, die heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Sie verband, fest davon überzeugt, dass diese eng miteinander verknüpft sind, den modischen Geschmackssinn mit dem kulinarischen Geschmackssinn. Als Modejournalistin veröffentlichte sie unzählige Artikel und als, wie man heute sagen würde, Food-Journalistin zahlreiche Kochbücher, wobei besonders ihre Auseinandersetzung mit der jüdischen Küche Bekanntheit erlangte. Vor den Nazis floh sie nach Norwegen, wo sie im Untergrund lebend, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges verstarb. Ihr Sohn wurde zwei Jahre zuvor verhaftet und in Auschwitz ermordet. Paula Leu liest Julie Elias’ Modeglosse aus dem Berliner Tageblatt vom 14. September 1920, in der sie sich mit der Wiederkehr der Taille und dem Japonismus beschäftigt.
10 Minuten
Rudolf Mosse gehört zweifelsfrei zu den prägenden Verlegergestalten der Berliner Stadtgeschichte. Ursprünglich aus Grätz bei Posen stammend, baute er seit den 1860er Jahren in der Hauptstadt des baldigen Kaiserreiches ein Zeitungsimperium auf, das vor allem das aufgeklärte Berliner Bürgertum adressierte. Flaggschiff war das 1872 gegründete Berliner Tageblatt, das sich spätestens ab 1906 unter der Ägide seines berühmten Chefredakteurs Theodor Wolff, einem Vetter Mosses, zum Inbegriff der liberalen Großstadtzeitung entwickelte. Als Mosse am 8. September 1920 starb, war Wolff es auch, der in Weißensee auf dem Jüdischen Friedhof die Grabrede hielt. Aus ihr, abgedruckt am 13. September – natürlich – im Berliner Tageblatt, liest Frank Riede.
4 Minuten
Wer träumt nicht von einer Maschine, mit der sich Geld in unbegrenzten Mengen drucken ließe?! Wer würde nicht gern tausend Mark Investition unkompliziert und schnell verdoppeln? Letzteres versprach vor hundert Jahren ein gewisser Robert Philipp in Hannover. Als Ingenieur und Erfinder hatte er einen komplexen Apparat entworfen, mit dessen Hilfe er Geldscheine verdoppeln zu können vorgab. Die Polizei grätschte dazwischen und Philipp entwarf seine seltsamen Maschinen fortan hinter schwedischen Gardinen. Paula Leu liest den Bericht der Berliner Morgenpost vom 12.9.1920.
10 Minuten
Gabriele D’Annunzio gehört nicht nur zu den wichtigsten Autoren des italienischen Fin de siècle, sondern ist gleichermaßen auch zu den berühmtesten politischen Hasardeuren des frühen 20. Jahrhunderts zu zählen. Nachdem sich die groß-italienischen ‘Irredentisten‘ bei der Verteilung der Kriegsbeute nach 1918 zu kurz gekommen und namentlich um erhoffte Gebietszugewinne im adriatischen Raum betrogen wähnten, machte er sich im September 1919 mit einem Trupp Freischärler kurzerhand selbst auf den Weg und besetzte im Handstreich das auch vom frisch gegründeten jugoslawischen Staat beanspruchte Rijeka alias Fiume. Ein Jahr später hatte diese Okkupation immer noch Bestand. Während man sich in Washington, London und Paris nicht einig war, wie diesem Staatsstreich zu begegnen sei, und man sich in Rom und Belgrad zunehmend um diplomatische Wege aus der Krise bemühte, schritt D’Annunzio darin fort, Fakten zu schaffen und erklärte Fiume in einer nächsten Volte unter großem Pomp zum Freistaat. In ganz Europa sah man halb konsterniert, halb bewundernd diesem Schauspiel zu, so auch am 11. September 1920 das Berliner Tageblatt. Aus ihm liest Frank Riede.
9 Minuten
1895, das Jahr, in dem Gustave Le Bons Buch Psychologie der Massen erschien, das eine neue Sparte der Psychologie mitbegründete, die sich mit dem Verhalten von Menschen in Menschenansammlungen beschäftigt, war auch das Jahr der ersten öffentlichen Aufführung des Kinematographen der Gebrüder Lumiere. Le Bon hatte sich natürlich noch nicht mit der Kinematographie beschäftigt, zumal nur wenige ahnten, wie erfolgreich das Kino ein Viertel Jahrhundert später sein würde. Kurt Tucholsky war jedenfalls 1920 klar, wie wirkmächtig das Kino die Zuschauermenge beeinflussen kann, und er plädiert in der Freiheit vom 10 September 1920 für ein politisches Kino, wobei er die größte Hürde auf dem Weg dahin sofort benennt: die Filmzensur - Tucholsky publiziert unter Ignaz Wrobel, Paula Leu liest.
4 Minuten
Auch während der harten Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges gab es – ganz wörtlich zu nehmende – Inseln der Fülle und des Überflusses. Eine antisemitisch-monarchistische Klientel hatte es sich auf der Nordseeinsel Borkum eingerichtet und Mittel und Wege gefunden, die Beschränkungen der Notwirtschaft zu umgehen. Der Vorwärts vom 9.9.1920 klagt diese Entwicklung mit scharfem Zynismus an und fordert implizit die Vertreibung der Hakenkreuzler aus ihrem auf Betrug und Verbrechen aufgebauten „Paradies der Arier“. Es liest Frank Riede.
Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren