Anmeldung Registrierung
Auto Hell Dunkel
Erweiterte Suche

Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
10 Minuten
Die Rhetorik, die Kunst der Rede hat als Disziplin eine lange Tradition, die weit in die Antike zurückreicht. Wie kann man mittels einer Rede das Gegenüber von einer Sache überzeugen oder zu einer Handlung bewegen? Diese Frage beantwortet die Rhetorik und gibt Anleitungen zum Erfolg. Natürlich gab es Bereiche und Zeitphasen im Laufe der Jahrtausende, in denen die Rhetorik weniger Ansehen genoss und etwa als reine inhaltsferne und substanzlose Mechanik betrachtet wurde. Zu einem neuen Höhepunkt jedenfalls wollte ihr, so erfahren wir aus dem 8Uhr-Abendblatt vom 4. August 1923, ein moderner Rhetor verhelfen, der in Berlin eine Redner-Akademie eröffnete und für jeden Beruf, jeden Kontext Schulungen anbot. Der Autor des Zeitunsartikels, der mit dem Pseudonym „Glossator“ zeichnete, hat sich dort für uns umgesehen und einen rhetorisch ausgefeilten Text verfasst, den Frank Riede für uns vorträgt.
11 Minuten
Der Präsident ist tot, es lebe der Präsident! – Gleich dreimal in den letzten einhundert Jahren ertönte dieser Ruf in den USA, weil ein Vize für seinen im Amt verstorbenen Chef ins Weiße Haus aufrückte. Zuletzt der Fall war dies 1963, als Lyndon B. Johnson für den ermordeten John F. Kennedy in die Bresche sprang, zuvor hatte Harry S. Truman 1945 für den verstorbenen Franklin D. Roosevelt übernommen, und am 2. August 1923 folgte Calvin Coolidge auf Warren G. Harding, der auf der Rückreise von einem Besuch des Alaska-Territoriums in San Francisco einem Herzinfarkt oder Schlaganfall erlegen war. Als mächtigster Mann der Welt war der USA-Präsident seinerzeit, anders als dann nach 1945, noch nicht unbedingt gesetzt. Sein plötzliches Ableben war aber natürlich dennoch eine Weltnachricht, die es als solche auch in Deutschland auf die Titelseiten der Zeitungen schaffte und dort die eigenen Themen und Sorgen zumindest kurzzeitig verdrängte – wenngleich diese sich, wie gleich zu hören, durch die Hintertür gerne auch in die Nachrufe auf Harding wieder einschlichen. Den aus dem 8-Uhr-Abendblatt vom 3. August, nebst einem Porträt seines Nachfolger Coolidge, liest Frank Riede.
4 Minuten
Ach ja, die Briten und ihr Humor – was haben wir dem nicht alles zu verdanken! Sir John Falstaff und Monty Python’s Flying Circus. Prinz George mit seinen Fratzen und Boris Johnson mit seinen Faxen. Und auch ein veritables Staatsbegräbnis für Holzwürmer, von dem uns dankenswerterweise das Berliner Tageblatt vom 2. August 1923 in Kenntnis setzt. Dieses fand, wie im Vereinigten Königreich zu erwarten, natürlich nicht irgendwo statt, sondern in den heiligen Mauern von Westminster Hall, wo die Verstorbenen, genauer gesagt: die Gerichteten auch zuvor schon gelebt hatten. Aus dem royalen London berichtet für uns Paula Rosa Seelmann-Eggebert.
7 Minuten
Wie kann man den August standesgemäßer einläuten als mit einem Reisebrief vom Lido aus Venedig? Das dachte sich auch schon vor einhundert Jahren die B.Z. am Mittag und druckte in ihrer Ausgabe vom 1.8. 1923 einen solchen ihres Mitarbeiters Adolf Weißmann als Trost an alle Daheimgebliebenen ab. Wobei – wenn man so hört, was Frank Riede uns gleich verliest, wird man vom Reisefieber wahrscheinlich erst so richtig erfasst. Bei uns Nachgeborenen ist es zudem das Zeitreisefieber, denn bei allem beschriebenen Trubel auf dem Strand und auf der Piazza vermittelt der Bericht vom Venedig der Vor-Overtourism-Zeit einen doch vergleichsweise eher noch beschaulichen Eindruck.
9 Minuten
Die Nachricht elektrisierte vor einigen Wochen die europäische Öffentlichkeit: In Nordschweden ist man in großen Mengen auf sogenannte seltene Erden gestoßen, deren Fund die Hoffnung auf baldige Unabhängigkeit von chinesischen Beständen bei dieser industriell wertvollen Ressource weckt. Dass die Gegend um Kiruna ein wichtiges Rohstofflager birgt, ist indes alles andere als eine neue Entdeckung. Bereits seit Jahrhunderten fördert man dort in Riesenumfang Eisenerze und versorgte damit phasenweise die halbe Welt. Mit der Zusicherung, Deutschland damit exklusiv zu beliefern, vermochten die Schweden während des Zweiten Weltkriegs sogar einem Einmarsch der Wehrmacht vorzubeugen. Von dieser düsteren Zeit weiß der Reisebericht aus dem Berliner Tageblatt vom 31. Juli 1923 naturgemäß noch nichts, als es zu seiner „Erzfahrt“ über die Ostsee nach Luleå kurz vor dem Polarkreis aufbricht. Durch die Schären ins Reich der Mitternachtssonne mitgereist ist für uns Paula Rosa Leu.
5 Minuten
Paul Langevin war ein französischer Physiker, der neben der Erfindung der Langevin-Gleichung und einer Affäre mit der verwitweten Marie Curie vor allem durch sein Hervortreten als Pazifist von sich Reden machte. Als in Berlin der Aktionsausschuss „Nie wieder Krieg“ zum 9. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs zu einer Friedenskundgebung aufrief, reiste er an, zusammen mit seinem Freund Albert Einstein. Sollte ausgerechnet ein Franzose, Vertreter der Nation, die Teile Deutschlands besetzt hielt, auf der Demo sprechen? Der Polizeipräsident kam zum Schluss, dass Langevin nicht sprechen sollte. Was dann passierte berichtete der Vorwärts am 30. Juli 1923, und für uns Frank Riede.
5 Minuten
Oops, we did it again. Schon zum wiederholten Male haben wir einen Text von Gabriele Tergit aus den Untiefen der Archive gezogen, der in den einschlägigen Sammelbänden ihrer journalistischen Arbeiten noch nicht enthalten, also weithin unbekannt ist. Bei ihrem „Printator“ aus dem Berliner Tageblatt vom 29. Juli 1923 handelt es sich um eine echte Miniatur, nur wenige Zeilen stark, und er widmet sich dem gleichnamigen Patent eines Notizlöschblocks, auch Zaubertafel oder Wunderblock genannt, bei dem ein Schreibgriffel das Deckblatt auf eine darunter liegende Wachstafel drückt – und sich das Geschriebene anschließend durch einen mechanischen Vorgang, der die Folie wieder von der Wachsschicht abhebt, umgehend wie von Zauberhand wieder löschen lässt. Wie viele Texte Gabriele Tergit auf Printator geschrieben und später wieder zum Verschwinden gebracht hat, wissen wir nicht. Alles was sie auf geduldiges Papier gebracht hat, versprochen, werden wir jedoch finden und Euch exklusiv hier bei Auf den Tag genau präsentieren – wie heute den „Printator“ durch Paula Rosa Leu.
6 Minuten
Stürme brechen in der Regel nicht plötzlich über das Land herein, sondern kündigen sich durch Vorboten an. Das gilt nicht nur in der Meteorologie, sondern auch für politische Räume – das jedenfalls insinuiert ein Text aus der Berliner Volks-Zeitung vom 28. Juli 1923, der die weiter rasant voranschreitende Geldentwertung und die daraus resultierenden schweren sozialen Verwerfungen als Wetterleuchten noch größeren politischen Ungemachs interpretiert. Wie wir heute wissen, lag er mit dieser Prognose nicht so verkehrt: Der hier heftig attackierte Reichskanzler Cuno war wenige Tage später bereits Geschichte, und auch sonst sollten die folgenden Monate ja noch jede Menge politische Dramatik liefern. Als Prophet unruhiger Zeiten betätigt sich für uns Frank Riede.
7 Minuten
ausgeprägt - oftmals war es die Person, die an der Kamera kurbelte, die zugleich die Schauspieler anwies. Je länger und komplexer die Filme wurden, je mehr Gewerke, wie Szenografie, Kostüm, Beleuchtung an ihnen beteiligt waren, umso mehr bedurfte es einer Position am Set, die das alles zusammenführte. Was macht aber eigentlich einen guten Filmregisseur, eine gute Filmregisseurin aus? Fritz Lang, der bereits 1923 als ein Großer seiner Zunft galt, beantwortete diese Frage für das 12-Uhr-Blatt vom 27. Juli. Frank Riede liest.
8 Minuten
Wie den Hörer:innen dieses Podcasts nicht entgangen sein dürfte, plagte die Weimarer Republik im Juli 1923 eine fortschreitende Geldentwertung, die zu enormen sozialen Verwerfungen führte – und die eigentliche exponentielle Hyperinflation stand noch bevor! Es war deutlich, dass Deutschland auf eine Katastrophe zu schlitterte, weshalb es nicht überrascht, dass der Berliner Börsen-Courier am 26. 7. den ganz großen historischen Vergleich bemühte: den Untergang des Römischen Reiches. Waren dort die Edelmetalle nur Neige gegangen, so fehlte es dem Deutschen Reich an Geld, an Papiergeld. Paula Rosa Leu führt uns ein in die Probleme der Geldherstellung und -distribution.
7 Minuten
Der Vertrag von Lausanne aus dem Juli 1923 war kaum weniger als eine vollständige Revision des Friedensvertrags, den man drei Jahre zuvor im Pariser Vorort Sèvres abgeschlossen hatte. Großer Gewinner war die in Gründung begriffene Türkische Republik, die fast alle der im Griechisch-Türkischen Krieg eroberten Gebiete ihrem Staatsgebiet hinzufügen durfte. Weder kam es zu der vorgesehenen Bildung eines armenischen Staates, noch war von den griechischen Ansprüchen auf Teile Kleinasiens und Ostthraziens etwas übrig geblieben. Außerdem verabredeten die an der Konferenz beteiligten Mächte einen folgenschweren Bevölkerungsaustausch, in dessen Rahmen weit über eine Million Griechen und etliche Hunderttausend Türken ihre teils jahrhundertelange Heimat aufgeben und in ihr „Mutterland“ übersiedeln mussten. Von diesen Inhalten erzählt der Bericht der Berliner Morgenpost vom 25. Juli wenig; dafür beschreibt er sehr ausführlich das Abschlusszeremoniell, welches trotz allen Zinnobers durchaus erahnen ließ, dass hier einige Vertragspartner eher mit dem Messer zwischen den Zähnen unterschrieben. Es liest Paula Rosa Leu.
8 Minuten
Über das Leben oder auch nur die Herkunft Walthers von der Vogelweide, des bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikers des Mittelalters, ist bis heute erstaunlich wenig Gesichertes bekannt. Lange Zeit ging man fest davon aus, dass er aus dem Tirolerischen stammte, was wohl auch der Grund dafür gewesen sein dürfte, dass man im Sommer 1923 auf der zu Lebzeiten Walthers erstmals urkundlich erwähnten Festung Geroldseck in Kufstein am grünen Inn sommerliches Freilufttheater zu seinen Ehren veranstaltete. Ein wenig ist man hier geneigt, Parallelen zum Setting des Jedermann auf dem nahen Salzburger Domplatz zu ziehen. Nicht nur der Untertitel „Ein vaterländisches Burgenspiel“, sondern auch einige Begriffe aus der Besprechung des Berliner Lokal-Anzeigers vom 24. Juli legen indes nahe, dass die Ausrichtung dieser Burgfestspiele, verglichen mit dem sehr österreichischen Charakter der Salzburger Festspiele, eher in die deutschnationale Richtung gegangen sein könnte. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Dass ästhetische Vorlieben historischem Wandel unterworfen sind, ist eine Binse. Jacopo Tintoretto, der große venezianische Meister des Manierismus wurde lange Zeit an den Maßstäben der vorangegangenen Renaissance gemessen und sein Schaffen entsprechend kritisch beurteilt. Folgt man Curt Glaser und dessen Ausführungen im Berliner Börsen-Courier vom 23. Juli 1923, so setzte eine Neubewertung seiner Person und seines Werkes erst im 20. Jahrhundert ein. Drei frisch erschienene Monographien taugen Glaser zur Untermauerung dieser These. Alle drei streift sein Text aber nur am Rande, um stattdessen seinem eigenen Blick auf Tintoretto weit größeren Raum zu geben. Das ist dennoch höchst interessant, denn Glaser war ein ausgewiesener Kenner und auch bedeutender Sammler der Kunst von der Renaissance bis zur Gegenwart. Große Teile dieser Sammlung musste Glaser in die Auktion geben, als er sich 1933 zunächst ins schweizerische, dann ins italienische und schließlich ins amerikanische Exil begab, wo er 1943 verstarb. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Der Hunger nach bewegten Bildern von großen Ereignissen, Katastrophen oder herausragenden Leistungen nahm vor hundert Jahren ordentlich Fahrt auf. Was später in Formaten wie der Tagesschau und anderen Nachrichtensendungen kanalisiert wurde, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert die kurzen Nachrichten-Schauen, die in den Kinos vor dem Hauptfilm gezeigt wurden. Natürlich erreichten die Bilder die Kinos erst Tage oder gar Wochen nachdem sie aufgenommen worden waren, und dennoch galten sie als brandheiße News. Die Berliner Börsen-Zeitung gab in ihrer Ausgabe vom 22. Juli 1923 einen Einblick hinter die Kulissen dieser aufkommenden Nachrichtenindustrie, schildert den großen Aufwand der betrieben wurde, um die Kameraleute möglichst schnell zum Ereignis und das Material möglichst schnell wieder zur Produktionsfirma zu bringen. Was es bedeutete „Neues vom Tage“ zu bebildern, als es noch keine Bevölkerung von Handy-Hobbyfilmern gab, die bei jedem Ereignis Bilder produzierten, erzählt uns Paula Rosa Leu.
5 Minuten
In der Alten Nationalgalerie wird ein Gemälde von Carl Spitzweg gestohlen und wir finden am Folgetag in vielen Tageszeitungen keinen Bericht darüber, und da, wo wir fündig werden, handelt es sich um eine kurze, völlig unaufgeregte Meldung auf Seite 5 darüber, dass das Bild bestimmt bald wieder vom Dieb selbst zurückgebracht wird. Heutzutage völlig unvorstellbar. So ähnlich aber vor genau 100 Jahren passiert. Damals hieß die heutige „Alte Nationalgalerie“ noch „Nationalgalerie“. Ein Dieb stahl ein Gemälde von Spitzweg und es war vielen Zeitungen keine Notiz wert. Lediglich im Berliner Lokal-Anzeiger vom 21. Juli fanden wir folgenden sehr entspannten Artikel, den Frank Riede für uns liest.
Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren