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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
14 Minuten
Welches Schulkind jubelt nicht, wenn im Unterricht Lehrfilme geschaut werden? Es hat dies auch Edgar Beyfuß zu verdanken, der in den 1920er Jahren die Kulturfilmabteilung der UFA leitete und den Einsatz von Film im Schulunterricht forderte und förderte. Der 1893 geborene Dokumentar- und Naturfilmer stand auch der Trickfilm-Avantgarde nahe, was ihn nicht davon abhielt mit seiner eigenen Produktionsfirma zu Beginn des Nationalsozialismus auch Filme zu produzieren, die für die Ziele des Hitler-Regierung eingesetzt wurden – etwa zur Propagation des Volkswagens. Er verstarb 1936. Neben der pädagogischen Funktion von Filmen interessierte sich Beyfuß für den Einsatz der Filmtechnik für die wissenschaftliche Forschung. Davon zeugt der heutige Artikel aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 25. September 1924, in dem Beyfuß als zweiten Teil einer Reihe zur „Wunderwelt des Films“ von den Möglichkeiten des filmischen Zeitraffers schreibt. Liegt darin nicht ein enormes Potential für die Botanik? Frank Riede klärt uns darüber auf, was Zeitraffer zu einer Zeit bedeutete, als man noch nicht endlos auf Digitalkameras drehen konnte.
8 Minuten
Max Pallenberg war nicht nur der Ehemann der wohl berühmtesten Revue- und Operettendarstellerin der 1920er Jahre, Fritzi Massary. Auch selbst wirkte er äußerst erfolgreich als Schauspieler und Sänger – und konnte aus seinem reichen Theaterleben nicht nur, aber vor allem bei Max Reinhardt so einiges erzählen. Das tat er unter anderem in der 1924 neugegründeten satirischen Zeitschrift Das Stachelschwein aus Frankfurt, die offensichtlich auch im Norden der Republik gelesen wurde; jedenfalls befand man Pallenbergs launige Gründeleien über allerlei Theater auf und neben der Bühne für wert, im Hamburgischen Correspondenten am 24. September nachgedruckt zu werden. Sie schließen – kleiner Spoiler – mit einem überraschend banalen, gleichsam biorhythmischen Bekenntnis, was ihn, Pallenberg, eigentlich zum Theater geführt hat – welches man ganz ähnlich Jahrzehnte später öfters übrigens auch von Frank Castorf gehört hat. Es liest unser Theatermann und Frühaufsteher Frank Riede.
8 Minuten
Sir Arthur Conan Doyle hatte es als Schriftsteller mit seinen Kriminalromanen rund um Sherlock Holmes und Dr. Watson zu Weltruhm gebracht – Figuren, die auch heute noch zugkräftig an Kino- und Streamingkassen wirken. Er selbst ließ Sherlock gegen den erklärten Willen der Fans sterben, um sich, seiner Meinung nach, wichtigeren und besseren literarischen Werken zuzuwenden, die aber den Erfolg von Sherlock nicht erreichten. Und so kam es dann mit der „Hund von Baskerville“ zur Wiederbelebung der Schriftenreihe. Bekannt war der öffentliche Intellektuelle auch durch seine Beschäftigung mit Spiritismus und übernatürlichen Phänomenen. So sammelte er Fotographien, auf denen vermeintliche Feen und Geister festgehalten waren. Im Hamburgischen Correspondenten vom 23. September 1924 steht aber die Autobiographie von Conan Doyle „Memories and Adventures“ im Zentrum, die in dem Jahr erschienen war. Eine Anekdote aus den Erinnerungen über den, heute als Kriegsverbrecher betrachteten britischen Befehlshaber in diversen Kolonialkriegen Herbert Kitchener, die seinen Rassismus und seine Brutalität zeigt, wird in dieser Rezension wiedergegeben. Rosa Leu bringt uns das Leben des Mannes näher, der Sherlock Holmes erfand, aus einer Zeit, in der über schlimmste Kolonialverbrechen ganz selbstverständlich gewitzelt wurde.
9 Minuten
Auf den Seiten des Statistischen Bundesamtes lässt sich unter anderem ein Überblick über die Selbstmordrate in Deutschland finden. Im Jahr 2022 nahmen sich im Durchschnitt 28 Personen täglich das Leben. Wir erfahren dort auch, dass dies einen erheblichen Rückgang im Verhältnis zum Jahre 1980 darstellt, als es ca. 50 Personen pro Tag waren. Vor einhundert Jahren haben die Altonaer Neuesten Nachrichten vom 22. September 1924 eine „Chronik der Lebensmüden“ abgedruckt. Bei solchen traurigen Zahlen stellt sich immer die Frage, was die Faktoren für einen Anstieg oder Rückgang sein könnten. Dass es in einem Krisenjahr, wie es 1923 zweifelsfrei war, zu einem Hochschnellen der Selbstmordrate gekommen ist, klingt plausibel. Ob die Zahlen diese Annahme bestätigen weiß Frank Riede.
10 Minuten
Sehen und gesehen werden – das geht in Hamburg bekanntlich vielerorts, aber nirgendwo ist es so schön wie rund um die Alster. Heute wie vor einhundert Jahren. Die verschwitzten Joggerinnen und Jogger mit ihren Pulsuhren gab es damals noch nicht; neben den Schiffen auf dem Wasser sind es eher die Spaziergänger, die die Szenerie dominieren, welche das Hamburger Fremdenblatt in seinem Artikel vom 21. September 1924 entwirft. Die Hauptrolle in den Beobachtungen spielt indes die Natur bzw. der Wechsel der Jahreszeiten, der sich vor einhundert Jahren möglicherweise bereits ein paar Wochen früher abzeichnete. Rosa Leu ist für uns spazieren gegangen.
7 Minuten
Im Berlin der 1920er Jahre brummten die Operettenbühnen und Revuepaläste. Große Sängerinnen und Sänger, Akrobatinnen und Kabarettisten zogen das Publikum Abend für Abend zu Tausenden in ihren Bann. Die wahrscheinlich größte Attraktion zwischen Admiralspalast und Metropoltheater stellten seinerzeit jedoch die Tanzgruppen dar, und unter diesen galten die Tiller Girls fraglos als die berühmtesten. Benannt nach ihren englischen Gründern John und Lawrence Tiller, bestachen deren Formationen durch höchste Präzision und Synchronizität, was sie in den Augen vieler Feuilletonisten zum perfekten künstlerischen Abbild des Maschinenzeitalters machte. Der für den Hamburgischen Correspondenten vom 20. September 1924 aus der Hauptstadt berichtende Autor Peter Sachse hatte bei den Choreographien der Tiller Girls freilich noch andere Assoziationen, die ihn das Phänomen durchweg kritisch betrachten ließen. Welche, erfahren wir von Frank Riede.
8 Minuten
Die Sommerurlaubszeit ist schon eine Weile vorbei, in der wir uns durch überfüllte Bahnhöfe geschoben haben, um im Idealfall rechtzeitig mit dem Zug davon zu rauschen. 1924 hob, wie man anhand unseres Podcasts zeigen kann, der Luftverkehr ab, und die PKWs verbreiteten sich auch in Windeseile. Der Anteil der Bahn am Gesamtverkehr war aber nach wie vor ungleich höher, als wir uns das heute vorstellen können. Der Hamburgische Correspondent schildert in seiner Ausgabe vom 19. September einen Aufenthalt auf dem Hamburger Hauptbahnhof und macht sich Gedanken darüber, was sich verbessern ließe. Rosa Leu präsentiert uns diese Ideen für einen funktionaleren und entspannteren Bahnhof.
8 Minuten
Da sage noch einer, Hamburg habe erst mit der Elbphilharmonie zu einem anspruchsvollen klassischen Konzertkalender gefunden. Fjodor Schaljapin galt zu Lebzeiten als größter Sängerstar der Opernwelt, Bruno Walter Anfang der 1920er Jahre als einer wichtigsten aufstrebenden Dirigenten weit und breit, und Ossip Gabrilowitsch war nicht nur der Schwiegersohn von Mark Twain, sondern auch ein gefeierter Pianist. Sie alle gastierten im September 1924 binnen weniger Tage in Hamburger Raum bzw. landeten zumindest in einer Konzertumschau in den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 18. des Monates, die zwar nicht immer akribisch Ort und Orchester listet, aber durchaus von Sachkunde und Enthusiasmus gekennzeichnet ist. Frank Riede stürzt sich mit uns ins hanseatische Musikleben.
8 Minuten
Der Verlust seiner Kolonien wurde in Deutschland auch sechs Jahre nach dem Ersten Weltkrieg noch intensiv betrauert. Die wirtschaftlichen Konsequenzen waren das eine; noch schwerer wog, zumal in nationalen Kreisen, aber wohl der Verlust an Reputation, der sich damit verband. Vom Völkerbund hatte man das Zeugnis, nicht mehr zu den „fortgeschrittenen Nationen“ zu gehören, denen die alten deutschen Kolonien eben mit dieser Begründung als Mandate anvertraut worden waren, sogar schriftlich. Mit weniger echter Empörung, als vielmehr vor allem Genugtuung registrierte man hierzulande entsprechend alle Nachrichten, die die neuen Herren in ein schlechtes Licht rückten. Solche kamen 1924 unter anderem aus dem vormals deutschen „Schutzgebiet“ Neuguinea, wo sich die neuen, australischen Herrscher offenbar auch nicht humaner verhielten. Inwieweit die Ortsnamen, die der Artikel aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 17. September nennt, korrekt wiedergegeben sind, ließ sich nicht in allen Fällen ermitteln. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Die Arbeit an Auf den Tag genau ist voller überraschender Funde im Zeitungsarchiv. Mal sind es Aspekte der Artikel, die uns so unerreichbar fremd vorkommen, mal reiben wir uns die Augen und sind uns sicher, dass die Texte, sprachlich leicht aktualisiert, auch heute in der Zeitung stehen könnten. Aber eine sich immer wieder bestätigende überraschende Erkenntnis unserer Lektüren besteht darin, wie oft und wie breit in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, Jahrzehnte vor dem Bericht des Club of Rome, über die Endlichkeit der Ressourcen und der fossilen Energieträger nachgedacht wurde. Oft sind es dann Zeitungstexte über erneuerbare Energiequellen, und auch im Hamburgischen Correspondenten vom 16. September 1924 werden Wasserkraft, Wind- und Sonnenenergie erwähnt, es geht aber primär um die Endlichkeit des Eisens. Wie soll sich die Gesellschaft entwickeln, wenn die Vorräte an Eisenerz erschöpft sind? Was könnte an die Stelle treten? Rosa Leu geht diesen Fragen nach.
10 Minuten
Wir betrachten ganz selbstverständlich die Zeit der Weimarer Republik als Zwischenkriegszeit und müssen dagegen ankämpfen, sie zu sehr nur von dieser Warte aus zu betrachten – etwa mit diesem Podcast. Zugleich saß die drastische Erfahrung des 1. Weltkriegs sehr tief und das Schreckensszenario eines 2. Weltkrieges lag im Bereich des Möglichen, was die Weimarer Republik zu einer Zwischenkriegsphase machen würde. Im Hamburger Echo vom 15. September 1924 fasst das Blatt eine Publikation des Generals Freiherr von Schoenaich zusammen, der seit 1922 Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft war und pazifistische Positionen vertrat. „Vom vorigen zum nächsten Krieg“ sollte mit einer Schilderung dessen, wie grausam der nächste Krieg werden könnte, einen solchen Krieg verhindern. Frank Riede liest.
9 Minuten
Der römische Schriftsteller Titus Livius, ein Zeitgenosse Julius Cäsars und des Augustus ist vor allem bekannt für seine „Ab urbe condita“, die Geschichte Roms, die in 142 Bänden die 700 Jahre, seit der mythischen Gründung der Stadt, schildert. Eine Bekanntheit, die auch ganz regelmäßig die Schüler*innen im Lateinunterricht zu spüren bekamen – seltener vielleicht heute noch bekommen. Der Schriftsteller und Journalist Ferdinand Grauthoff, geboren 1871 in Lübeck, war nicht nur ein Zeitgenosse von Thomas Mann, sondern auch sein Mitschüler. Bekannt wurde er für das 1905 veröffentlichte Buch „1906 und der Zusammenburch der Alten Welt“, in dem er einen künftigen Weltkrieg schildert, der in letzter Konsequenz zum Bedeutungsverlust Europas führt. Im Hamburger Fremdenblatt vom 14. 9. 1924 schreibt er eine Erinnerung an seine Schulzeit und die Bedeutung, die die vielen Bücher des Livius für den Werdegang der Mitschüler spielten – oder nicht spielten. Thomas Mann kommt dabei allerdings nicht vor. Den Einfluss des Livius auf dessen Werk muss also noch erforscht werden. Auf die Lübecker Schulbank von vor 135 Jahren setzt sich mit uns Rosa Leu.
12 Minuten
Arnold Schönberg gilt als Begründer der Zweiten Wiener Schule und als einer der Väter der „Neuen Musik“. Dass er auf eine solche historische Bedeutung zusteuerte, war bereits zu Lebzeiten absehbar, weshalb auch die gehobene Hamburger Presse seinen 50. Geburtstag am 13. September 1924 zum Anlass ausführlicher Würdigungen nahm. Der österreichische Musikwissenschaftler Carl Johann Perl gratulierte im Hamburger Anzeiger, ließ den Werdegang des Jubilars Revue passieren – nicht ohne die zahlreichen Widerstände und Anfeindungen, denen Schönberg sich bis dahin ausgesetzt sah, zumindest anzudeuten – und plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen persönlicher Gespräche. An Arnold Schönbergs heutigen 150. Geburtstag erinnert für uns Fran Riede.
9 Minuten
Vor einer Woche sprachen wir in unserem ersten Akademiegespräch mit dem Wissenschaftshistoriker Cornelius Borck auch über die Rolle, die Magnus Hirschfeld und sein Institut für Sexualwissenschaft gespielt hat. (Falls sie die Folge noch nicht gehört haben – unbedingt nachhören.) Dass in der Breite eine langsame Enttabuisierung stattgefunden hat, bezeugt unser heutiger Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 12. September 1924, der die erste Sexualberatungsstelle Deutschlands in Hamburg besucht. So fortschrittlich solche Einrichtungen gewesen sein mögen, ist es aus heutiger Sicht irritierend, was alles unter der Bezeichnung „Perversion“ beschrieben wird. Auch die Text positive Rekurrenz auf Prinzipien der Eugenik mag heute überraschen, da uns bewusst ist, was für Verbrechen im Namen der Eugenik geschehen sind. Rosa Leu liest.
8 Minuten
Die skandinavischen Länder galten lange als sozialdemokratische Musterstaaten und sind bis heute bekannt für ihr Wohlfahrtsstaatmodell sowie ihre ambitionierte, egalitäre Bildungspolitik. Die Wurzeln dessen reichen tatsächlich zurück bis in die 1920er Jahre; seit 1920 amtierte in Schweden erstmals eine sozialdemokratische Regierung, seit 1924 auch in Dänemark. Erste Bildungsministerin in diesem Kabinett von Thorvald Stauning war die Publizistin Nina Bang, deren Pläne im Bereich der Schulpolitik man auch in Deutschland mit Interesse verfolgte. Dass man die Voraussetzungen für eine ehrgeizige Reformen gerade in diesem Feld damals eher widrig waren, die Schulaufsicht in weiten Teilen Dänemarks gar noch bei den Kirchen lag, erfahren wir in einem Artikel des Hamburger Echo vom 11. September 1924, der dafür eine journalistische Form wählt, welche heute zwar sehr beliebt ist, seinerzeit aber noch eher ungebräuchlich war: das Interview. Sowohl die Fragen, als auch die Antworten liest für uns Rosa Leu.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren