Auf den Tag genau Archiv
2057 Episoden
8 Minuten
Das Jahr 24 war, vor einhundert Jahren, eines des Aufschwungs. Davon profitierten nicht nur die Gewerbetreibenden, sondern auch so mancher Journalist, der – statt wie noch vor Jahresfrist über lange Schlangen vor leeren Lebensmittelgeschäften berichten zu müssen – sich plötzlich von Häppchen zu Häppchen durch Messehallen verkosten durfte. Bei Hagenbeck hatte im Oktober 1924 die Internationale Genuss- und Nahrungsmittelausstellung, kurz: Iguna, ihre Pforten geöffnet, und die Altonaer Neuesten Nachrichten ließen es sich nicht nehmen, dort für ihre Ausgabe vom 10.10. vor allem die einheimischen, d.h. tatsächlich in Altona und den umliegenden holsteinischen Bezirken verarbeiteten Produkte zu probieren und ihre überregionale, wenn nicht sogar internationale Konkurrenzfähigkeit zu prüfen. Wie es gemundet hat, weiß Frank Riede.
7 Minuten
Nicht nur in Deutschland taumelte im Herbst 1924 die Regierung; auch in Großbritannien stand Premierminister Ramsay MacDonald mit seinem Kabinett vor dem Aus. Der erste Labour-Premier in der Geschichte des Vereinigten Königreiches hatte Pläne verfolgt, die international weithin isolierte kommunistische Sowjetunion diplomatisch anzuerkennen, woraufhin ihm die seine Minderheitenregierung bislang tolerierenden Liberalen von der Stange gingen. Allzu großer Sympathien für den Bolschewismus hielt ihn indes zumindest das Hamburger Fremdenblatt für unverdächtig und verortet die Gründe für MacDonalds Sturz in seinem Kommentar vom 9. Oktober eher in internen Rivalitäten bei den Liberalen. Kurzfristig lohnen sollte sich die Aktion übrigens für beide Parteien nicht. Als Sieger aus den vorgezogenen Unterhauswahlen ein paar Wochen später gingen die Tories hervor; schon 1929 sollte MacDonald jedoch erneut ein Minderheitenkabinett mit Unterstützung der Liberalen ins Amt bringen. Das Wort hat Rosa Leu.
9 Minuten
Wir haben keine Statistik geführt, aber in der Berliner Zeit von Auf den Tag genau hat es vermutlich kaum ein Autor so häufig in den Podcast geschafft wie der geschätzte Kolumnist des Berliner Tageblattes Victor Auburtin. Wie schön, dass wir einander nun in Hamburg wiederbegegnet sind – wobei sich Auburtin im Herbst 1924 freilich weder an der Spree, noch an der Elbe herumtrieb, sondern eine ausgedehnte Spanienreise unternahm, von der er offensichtlich sowohl Berliner, als auch Hamburger Zeitungen ausgiebig mit Erlebnisberichten versorgte. Für den Hamburger Anzeiger vom 8. Oktober übermittelte er Eindrücke aus dem mondänen baskischen Seebad San Sebastián, wo man, wie wir dem Artikel entnehmen, auch damals schon ausgezeichnet essen, allerdings auch viel Zeit im Casino verbringen konnte. Ob sich das Glücksspiel für Auburtin gelohnt hat und worin sich in seinen Augen die vornehmen Spanier von den vornehmen Mitteleuropäern der Zeit unterschieden, erfahren wir von Frank Riede.
13 Minuten
„Von Friedrichshafen nach Seddin“ – Nein, der so betitelte Artikel aus dem Wandsbeker Boten vom 7. Oktober 1924 handelt von keiner Reise quer durch die Republik. Friedrichshafen am Bodensee steht hier vielmehr stellvertretend für die boomende Luftfahrt via Zeppelin, die zuvor tagelang die Gazetten des Landes beschäftigt hatte und von der man sich nun, in diesem Text, wieder zurück auf das immer noch dominierende Verkehrsmittel der Zeit, die Eisenbahn, fokussierte. Deren Zukunft war im Herbst 24 im kleinen, südlich von Berlin gelegenen märkischen Ort Seddin zu besichtigen, dessen Rangierbahnhof den Schauplatz einer großen Internationalen Eisenbahntechnischen Ausstellung bildete. Vermutlich nicht nur beim Autor aus dem fernen Wandsbek weckten die dort zahlreich präsentierten Schienenfahrzeuge Lust und Hoffnung auf ein neues, moderneres Eisenbahnzeitalter in Deutschland. Für uns umgesehen hat sich in Seddin Frank Riede.
9 Minuten
Insgesamt 21 Jahre, von 1922 bis 1943, herrschte Benito Mussolini diktatorisch über Italien. Dabei befand er sich bereits zwei Jahre nach seinem sogenannten „Marsch auf Rom“ in argen politischen Schwierigkeiten. Die Ermordung des sozialistischen Generalsekretärs Giacomo Matteotti durch faschistische Milizionäre hatte einflussreiche Konservative und Liberale kurzzeitig auf Distanz zu dem von ihnen eingegangenen Bündnis mit Mussolini gehen lassen, dessen Regierungsbilanz etwa in Fragen der Außen- und Wirtschaftspolitik zudem ausgesprochen dürftig ausfiel. Das Hamburger Fremdenblatt vom 6. Oktober 1924 zeichnet vor diesem Hintergrund das Bild eines erheblich geschwächten Regimes. Dass die „Matteotti-Krise“ schlussendlich einen Wendepunkt in die ganz andere Richtung, nämlich den Beginn einer weiteren Brutalisierung der faschistischen Diktatur mit einer noch konsequenteren Unterdrückung auch der bürgerlichen Opposition, der Pressefreiheit sowie einer zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft markieren sollte – davon konnte der Artikel noch nichts wissen. Es liest Rosa Leu.
9 Minuten
Wenn das Erstarken der politischen Ränder die Parteien der politischen Mitte zu lagerübergreifenden Koalitionen der großen Kompromisse nötigt, schwächt dies besagte politische Mitte erfahrungsgemäß häufig noch weiter und mündet schlimmstenfalls in einem Teufelskreis zunehmender demokratischer Instabilität. Nein, wir reden hier nicht über das Jahr 2024, sondern über das Jahr 1924, in dem die Reichstagswahl vom Mai keine klaren Mehrheiten hervorgebracht hatte. Die Regierungskoalition aus Zentrum, DVP und DDP unter Kanzler Wilhelm Marx benötigte wahlweise entweder die Unterstützung der geschwächten Sozialdemokraten oder der erstarkten Deutschnationalen, vermochte sich aber dauerhaft auf keine der beiden Optionen zu einigen. Der DVP-nahe Hamburgische Correspondent tendierte eindeutig zu einer Öffnung nach rechts und plädierte deshalb in seiner Ausgabe vom 5. Oktober als letztem Ausweg für Neuwahlen – nicht ahnen könnend, dass aus diesen im Dezember dann just die SPD als große Gewinnerin hervorgehen sollte. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Ob die Library of Congress in Washington heute besonders beeindruckend ist, können wir nicht aus eigener Anschauung sagen, vermuten es aber, zumal sie heute nach der Britisch Library als die zweitgrößte Bibliothek der Welt gilt, in der über 38 Millionen Bücher und 70 Millionen Handschriften aufbewahrt und zugänglich gemacht werden. Vor 100 Jahren hat sie zumindest innerhalb des Zeitungsfeuilletons für Aufsehen gesorgt, da wir bereits auf mehrere hymnische Erfahrungsberichte gestoßen sind. Gegründet im Jahre 1800, unmittelbar nachdem der Regierungssitz von Philadelphia nach Washington D.C. verlegt worden war, wurden ihr Räumlichkeiten auf dem Kapitol zur Verfügung gestellt. 1897 wurde das heute als Thomas Jefferson Building bezeichnete Hauptgebäude eingeweiht. Nicht nur seine Architektur, aber auch die Geschwindigkeit bei der Bereitstellung der Bücher ringen einem Prof. Dr. A. im Hamburger Fremdenblatt vom 4 Oktober große Bewunderung ab. Rosa Leu reicht sie an uns weiter.
12 Minuten
Dass die Zeitungen die Entwicklungen der Radiotechnik genau im Blick hatten, ist in diesem Podcast bereits mehrfach deutlich geworden. Der Hamburgische Correspondent vom 3. Oktober 1924 stellt in seiner Radio-Umschau gleich mehrere Innovationen vor und belegt dabei welch große Rolle dabei die große Community der Radio-Amateure spielt. Aber auch die Konkurrenz des gemütlichen Hörens von Aufführungen vor dem Empfänger daheim für die Konzert- und Schauspielsäle werden thematisiert. Frank Riede hat diesen Artikel für unser On-demand-Digital-Radio eingelesen.
10 Minuten
Wer kennt sie nicht?! Gewinnspiele, bei denen die Lösung de facto vorgegeben ist, es nur einen einzigen Buchstaben zu ergänzen gilt, um in die Lostrommel für unzählige, hochwertige Preise zu gelangen. Wer dieses Prinzip erfunden hat, konnten wir nicht recherchieren, fest steht aber, dass es sich bereits vor 100 Jahren als „Preisrätsel-Epidemie“ ausbreitete, wie der Hamburgische Correspondent vom 2. Oktober 1924 feststellt. Unter der Rubrik „Eine Stunde im Gerichtssaal“ berichtet er gleich von mehreren dubiosen Preisrätseln, deren Organisatoren es bis auf die Anklagebank geschafft hatten. Frank Riede beleuchtet für uns die verschiedenen Motivationen dahinter, gibt aber auch Einblick in andere Fälle, die an dem Tag vor der 11. Strafabteilung des Hamburger Amtsgerichts verhandelt wurden.
4 Minuten
Wird die Künstliche Intelligenz unzählige Arbeitsplätze überflüssig machen? Wird diese Technologie neue Stellen generieren? Über wen walzt die Entwicklung erbarmungslos hinweg? All diese Fragen werden aktuell diskutiert. Es mangelt natürlich nicht an Beispielen in der Geschichte für kleinere und größere Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt. Dass diese mitunter tragische Auswirkungen auf Einzelschicksale hatte, zeigt unser heutiger Artikel aus den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 1. Oktober 1924, in dem es nicht nur um den Tod der Droschke als Fortbewegungsmittel geht, sondern auch um den Tod der Kutscher. Rosa Leu liest.
10 Minuten
Auch schon Anfang des 20. Jahrhunderts war Sylt so etwas wie des Hamburgers und der Hamburgerin Lieblingsinsel. Der Weg dorthin war damals freilich noch beschwerlich, denn es handelte sich dabei zumindest zeitweise um einen Seeweg, wobei der Raddampfer vom Festlandhafen Hoyerschleuse zum Inselhafen Munkmarsch sagenhafte sechs Stunden benötigte. So gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg Pläne, zur deutlichen Verkürzung der Reise und zur Anbindung Sylts an das Festland einen Bahndamm zu errichten, die vehement beschleunigt wurden, nachdem in Folge des Weltkriegs der Hafen Hoyerschleuse und der Umsteigebahnhof Tondern dänisch geworden waren. Elf Kilometer Brücke galt es nun in das Wattenmeer zu setzen – vom Stand dieses gewaltigen technischen Vorhabens unterrichtete seine Leserinnen und Leser am 30. September 1924 der Wandsbeker Bote. Und uns Rosa Leu.
11 Minuten
Auf den Namen Robert Breuers stößt man heutzutage nur mehr selten; dabei zählte er zu den prägenden Figuren der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik. Von Hause aus Journalist, gehörte Breuer zu den engsten Vertrauten von Reichspräsident Friedrich Ebert und wechselte 1919 als stellvertretender Pressechef zu diesem in die Reichskanzlei. Später wirkte er unter anderem als Direktor des Verlages für Sozialwissenschaft sowie als Abteilungsleiter in der Reichszentrale für Heimatdienst, der Vorläuferin der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung. Über die Tschechoslowakei floh Breuer 1933 nach Frankreich und von dort später weiter nach Marokko. Da er kein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten erhielt, strandete er schließlich auf der Karibik-Insel Martinique, wo er 1943 verarmt und entkräftet an den Folgen einer Malariaerkrankung verstarb. Dem Feind von rechts widmete er schon am 29. September 1924 einen Text im Hamburger Echo, mit dem für uns Frank Riede an Robert Breuer erinnert.
7 Minuten
Auch gut 24 Stunden nach den blutigen politischen Auseinandersetzungen in Altona, von denen wir gestern berichteten, war der Hergang der Ereignisse polizeilich noch immer nicht aufgeklärt. Der eher konservativ ausgerichtete Hamburgische Correspondent unternahm auf Basis des bislang Bekannten einige Spekulationen, die ein deutlich anderes Bild zeichnen als der Kommentar im Hamburger Echo vom Vortag. Mehr als über den damaligen Stand der Ermittlungen verrät der Text denn wahrscheinlich auch über die politische Stimmung in Deutschland zwischen den beiden Reichstagswahlen des Jahres 1924 – und darüber wie schwer sich die gemäßigte Rechte tat, sich zwischen den pro-republikanischen Parteien des Mitte-Links-Spektrums und den völkischen Republikgegnern zu positionieren. Es liest Rosa Leu.
7 Minuten
Ein Toter, mehrere Schwerverletzte – das war die Schreckensbilanz einer blutigen Auseinandersetzung, zu der es am 26. September 1924 zwischen Aktivisten des rechtsextremen Stahlhelmbundes und Mitgliedern des republikanischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in Altona gekommen war. Die Umstände dieser Konfrontation lagen am Folgetag noch im Dunkeln. Dass die Hintergründe für derartige immer häufiger zu verzeichnende gewalttätige Eskalationen in der planmäßigen Vergiftung des politischen Klimas von daran interessierter antidemokratischer, völkischer Seite kamen, stand zumindest für das Hamburger Echo außer Frage. Dessen Kommentar wider die Hassprediger von rechts vom 27. September liest Frank Riede.
9 Minuten
Der Zeppelin beherrschte auch Ende September 1924 weiterhin beinahe täglich die Schlagzeilen. Der geplante Flug über den Ozean wurde durch mehrere Testflüge vorbereitet, unter anderem, durch einen Rundflug über Deutschland. Im Hamburger Echo vom 26. September erfahren wir, was sich zutrug, als das Luftschiff über Hamburg kreiste bevor es dann nach Dänemark und Südschweden ihren Flug fortsetzte. Nicht nur strömten die Menschen auf die Straßen, es wurden auch Reden geschwungen, die an die Besatzung des Zeppelins übermittelt wurden. Von dem Großereignis „Zeppelin über der Stadt“ weiß Rosa Leu zu berichten.