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Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
11 Minuten
Die prekäre Nähe zur imperialen Großmacht Russland prägt die Situation Georgiens seit Jahrhunderten. Die sich den Wirren der Februar- und der Oktoberrevolution verdankende Unabhängigkeit einer Demokratischen Republik Georgien war nur von kurzer, nicht einmalxdreijähriger Dauer. Bereits im Februar 1921 hatte die Rote Armee die ehemalige Provinz am Schwarzen Meer wieder annektiert, womit der Widerstand der Georgier jedoch keineswegs gebrochen war. Im Sommer 1924 kam es zu einem wochenlangen Aufstand gegen die sowjetische Besatzung, die der als Statthalter installierte Georgier Josef Stalin jedoch blutig niederschlagen sollte. Das Hamburger Echo hat in seinem Bericht vom 10. September bereits eine Ahnung von dieser Entwicklung und schließt mit einer noch allgemeineren, denkwürdigen Prognose: „ Die Stunde der Befreiung Georgiens wird schlagen, wenn die Demokratie in Rußland siegen wird. Bis dahin aber wird das verzweifelte georgische Volk im Kampfe noch viele Opfer bringen müssen.“ Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Dass im Jahre 1924 eine „Marsepidemie“ herrschte, wie sie die Harburger Anzeigen und Nachrichten bezeichneten, hatten wir bereits an dieser Stelle erwähnt. Dadurch dass der Mars der Erde so nahekam, wir lang nicht mehr, überschlugen sich die Entdeckungen und Spekulationen rund um den Nachbarplaneten. So überrascht es auch nicht weiter, dass ebenjene Harburger Zeitung auch von dem Fieber infiziert war und die vermischten Nachrichten im „Kleinen Feuilleton“ in ihrer Ausgabe vom 9. September mit neuesten Erkenntnissen zur Temperatur der Mars eröffnet. Es folgen aber auch technische, sowie archäologische Sensationen, Historisches und eine hustende Pflanze. Rosa Leu führt uns durch diesen Kurznachrichtenparkour.
9 Minuten
Dass die Aufmerksamkeit der Tagespresse im September 1924 auf die Tagung des Völkerbundes in Genf gerichtet war, haben wir erst vor vier Tagen in diesem Podcast gehört. Die dortigen Bemühungen der verschiedenen Regierungen um eine Friedensordnung, die künftige Kriege verhindern könnte, überschatteten auch damals schon die nur wenige Kilometer entfernt stattfindende Sitzung des Völkerparlaments in Bern, einer Organisation, die heute nur den Wenigsten bekannt ist. Unter dem Namen Interparlamentarische Union versammelten sich damals allerdings schon zum 22. Mal Parlamentarier*innen aus aller Welt, um sich gemeinsam zu überstaatlichen Schiedsgerichtsverfahren und Friedenswahrung zu besprechen. 1889 hatten der Franzose Frederic Passy und der Brite William Rendal Cramer diese Union ins Leben gerufen, die auch heute noch Bestand hat und Parlamentarier*innen aus 180 Ländern zusammenführt. 1924 vertrat der Sozialdemokrat und Reichstagspräsident Paul Löbe das Deutsche Parlament in Bern und berichtete im Hamburger Echo vom 8. September von der freundschaftlich kollegialen und konstruktiven Atmosphäre des Völkerparlaments. Frank Riede verleiht ihm seine Stimme.
6 Minuten
Im Filmklassiker „Ninotschka“ aus dem Jahre 1939 von Ernst Lubitsch spielt Greta Garbo eine sowjetische Sonderbeauftragte, eine unterkühlte Technokratin, die nach und nach dem funkelnden Warenhausauslagen der Pariser Kaufhäuser erliegt und damit dem undiskreten Charme der Bourgeoisie und des Kapitalismus. Man könnte verallgemeinern, dass der durch Konsum erreichte Status alle älteren Standesunterschiede ersetzt. Genau diese Gefahr sah bereits 15 Jahre zuvor das sozialdemokratische Hamburger Echo vom 7. September 1924, wenn es über die Arbeiter*innen schrieb, die sich vor den Schaufenstern der Kaufhäuser drängten. Der Artikel appelliert, wie wir heute wissen langfristig vergeblich, an die Arbeiter*innen, dem Standesstolz entsprechend, die unnützen Luxusgegenstände abzulehnen. Rosa Leu regt sich für uns über Schuhe mit hohen Absätzen und Pyjamas auf.
8 Minuten
„Die allgemeine Anleinpflicht für Hunde gilt in ganz Hamburg. Für gefährliche Hunde gilt eine uneingeschränkte Maulkorb- und Leinenpflicht.“ So die aktuelle Lage in der Hansestadt. Offensichtlich galt zeitweilig vor 100 Jahren sogar eine Hundesperre, die zum Unmut bei den Hundebesitzer*innen führte. Auf eine Kritik der Verordnungen rund um Leinenzwang und Maulkorbpflicht sind wir schon mehrfach in den Tageszeitungen gestoßen. Besonders kreativ prangert die Unfreiheit der Vierbeiner in Bergedorf eine unbekannte Autor*in in der Bergedorfer Zeitung vom 6. September 1924 an. Während alle Augen auf die Tagung des Völkerbundes in Genf gerichtet sind, oder auf die Sitzung des Völkerparlaments in Bern, um das es bei uns in zwei Tagen gehen wird, kommt es auf dem Marktplatz der Nachbarsgemeinde Sande, die im Gegensatz zu Bergedorf zu Preußen und nicht zu Hamburg gehört, zu einer nächtlichen Zusammenkunft eines Betroffenen-Parlaments, um die Lage der Hündinnen und Hunde zu diskutieren. Rosa Leu war als Lokalreporterin dabei.
24 Minuten
Für diese Folge sprachen wir mit dem renommierten Wissenschaftshistoriker Professor Dr. Cornelius Borck. Mit einem Forschungsschwerpunkt in Medizingeschichte hat er u.a. in London, Bielefeld, Berlin und Montreal gearbeitet, bevor er die Leitung des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Universität zu Lübeck übernahm. Ein zentrales Interesse von Professor Borck ist die Verflechtung von Wissenschaft mit gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen. In unserem Gespräch erörtern wir mit ihm, wie Wissenschaft von gesellschaftlichen Entwicklungen und Krisen beeinflusst wird und welche Rolle Wissenschaftler:innen in der öffentlichen Debatte in der Vergangenheit und Gegenwart einnehmen.
11 Minuten
„Jeder in Hamburg Geborene müsste verpflichtet sein, wenigstens einmal in seinem Leben hinzugehen, um dort mit übereinander geschlagenen Armen seine tiefe Verbeugung zu machen vor der heiligen Quelle, der die Republik ihren schönsten Schmuck zu danken hat.“ – Das schrieb der norddeutsche Dichter Detlev von Liliencron einst über ... die Alster. Der Hamburgische Correspondent vom 5. September 1924 möchte da vielleicht nicht widersprechen, hält einen anderen Ort der Hansestadt jedoch für noch weit identitätsstiftender: den Hafen. Hierher führt der Autor mit dem Kürzel „Dr. Sch.“ die ‘Fremden‘. Und obwohl wir mit Auf den Tag genau nun schon seit fünf Wochen in Hamburg ansässig sind und uns auch schon heimisch fühlen, folgen wir dieser Einladung gerne und leihen Dr. Sch. die Stimme von Frank Riede.
9 Minuten
Aus den Versailler Friedensverhandlungen war die Gründung des Völkerbundes hervorgegangen, dessen vornehmliches Ziel darin bestand, einen Krieg, wie man ihn gerade erlebt hatte, zu verhindern. Es sollte eine Schiedsgerichtsbarkeit geben, um zwischenstaatliche Konflikte zu lösen, und gegenseitige Verpflichtungen zur Abrüstung. Besonders in Deutschland war mancherorts die Skepsis gegenüber dem Gebilde groß und es wurde vermutet, dass hinter dem Pathos der Oberfläche eine knallharte und deutschlandfeindliche Interessenspolitik der Franzosen und Engländer dominierte. Als aber im Spätsommer 1924 der Völkerbund in Genf unter Beteiligung von deutschen Diplomaten tagte, regte sich zumindest im Hamburger Fremdenblatt vom 4. September die leise Hoffnung, dass es Frankreich und England doch ernst meinen könnten mit den Zielen des Bundes und dass mit einer Beteiligung oder gar einem Beitritt von Deutschland wirklich ein europäischer Frieden zu schaffen wäre. Für uns erinnert Rosa Leu an die enttäuschten Hoffnungen der Zwischenkriegszeit.
13 Minuten
Seit dem 29. Oktober 1923 amtierte Mustafa Kemal, den wir heute vor allem unter seinem Ehrennamen Atatürk kennen, als erster Präsident der Türkei, und spätestens seit diesem Tag war die Umwandlung des alten Osmanischen Reiches zu einem modernen türkischen Nationalstaat unter seiner Federführung in vollem Gange. Einer der wichtigsten alten Zöpfe, die es dafür abzuschneiden galt, war die Einrichtung des Kalifats, und von diesem Vorhaben handelt ein Artikel des deutschen Orientalisten Hellmut Ritter im Hamburgischen Correspondenten vom 3. September 1924. Ritter war seinerzeit Professor an der eben gegründeten Universität Hamburg. Nachdem er 1925 wegen § 175 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden war, wirkte er seit 1926 zunächst für die Deutsche Morgenländische Gesellschaft in Istanbul, seit 1935 auch als Professor an der dortigen Universität; bis er, erklärter Gegner des NS-Regimes, 1949 nach Deutschland zurückkehrte und eine Professur in Frankfurt am Main annahm. An die Wurzeln des türkischen Laizismus folgt ihm für uns Frank Riede.
8 Minuten
Verglichen mit anderen Kommunen und Regionen in Deutschland verfügt die Freie und Hansestadt Hamburg über eine relativ lange und reiche Geschichte demokratischer Traditionen, die bis in bürgerlich-hanseatische Selbstverwaltungsformen des Mittelalters zurückreichen. Eine Bürgerschaft wählten männliche und steuerzahlende Hamburger seit 1859, das Klassenwahlrecht wurde indes auch hier erst mit Beginn der Weimarer Republik überwunden. Nach 1919 und 1921 kam es am 26. Oktober 1924 schon zum dritten Mal zu freien und geheimen Bürgerschaftswahlen, die in einem Artikel des Hamburger Fremdenblattes vom 2. September bereits ihren Schatten vorauswerfen. Thema hierin ist zum einen ein geplanter Schulterschluss der bürgerlichen Parteien gegen die SPD. Zum anderen geht es um Pläne verschiedener Gewerbeverbände, eventuell mit eigenen Sonderlisten an den Wahlen teilzunehmen. Die Details kennt Frank Riede.
8 Minuten
Dortmund gegen Schalke, Gladbach gegen Köln, St. Pauli gegen den HSV – Lokalrivalitäten wurden und werden im Fußball von jeher eifrig gepflegt. Dass die Spieler konkurrierender Nachbarn deswegen in der Nationalmannschaft nicht gemeinsam auflaufen wollten, kam indes selbst in Zeiten, da die Bindung an den Heimatverein noch stärker als heute ausgeprägt war, eher selten vor. So geschehen jedoch am 31. August 1924, als die Kicker der fränkischen Spitzenclubs aus Nürnberg und Fürth einander boykottierten und der DFB vornehmlich mit Hamburgern und Berlinern, darunter sechs Debütanten, gegen Schweden antreten musste. Es kam, wie es kommen musste: Man unterlag daheim im Deutschen Stadion zu Berlin mit 1:4. Der Reporter des Hamburger Anzeigers zeigte sich in seinem Spielbericht am 1. September bedient – vielleicht aus lokalpatriotischen Gründen weniger von den Hamburger Vertretern um HSV-Star Tull Harder als von den Akteuren von Hertha BSC oder Tennis Borussia. Die Sportredakteurin von Auf den Tag genau heißt Rosa Leu.
10 Minuten
Der Bubikopf – er war, je nach gesellschaftlicher Gruppe, vor einhundert Jahren vielleicht ein wenig das, was heute die Gendersprache ist: Akt der Emanzipation, Untergang des Abendlandes, heißumkämpftes Terrain im Kulturkampf. Auch der sich hinter dem etwas prätentiösen Pseudonym I.C.H. verbergende, mutmaßlich männliche Autor vermag sich im Hamburger Fremdenblatt vom 31. August 1924 nicht von einigen klischeehaften Vorbehalten und mitunter derben Sexismen zu lösen, versucht die Sache aber insgesamt zumindest mit Ironie zu betrachten. Warum ausgerechnet der moderne Kurzhaarschnitt dem liebevollen Kuss in den Nacken im Weg stand und weshalb der Bubikopf angeblich nicht zum feuchten Hamburger Klima passte, erfahren wir von Rosa Leu – oder auch nicht.
11 Minuten
Die Faszination der Zeitungslandschaft für das Radio, die nach der „Geburtsstunde des deutschen Rundfunks“ am 29. Oktober 1923 Fahrt aufnahm, lässt sich sehr gut allein dadurch dokumentieren, dass zahlreiche Tageszeitungen eigene Rubriken für das Radioprogramm und Entwicklungen auf dem Gebiet einrichteten. Wie sehr den Redakteur*innen dabei bewusst war, dass das Radio den Zeitungen den Rang als das zentrales Informationsmedium ablaufen würde, ist nicht ganz klar zu fassen. Sehr deutlich positioniert sich Karl Lerbs im Hamburger Echo vom 30. August 1924, wo er den Rundfunk zur achten Großmacht proklamiert. Der Bremer Schriftsteller, Drehbuchautor und Übersetzer überträgt damit den Einfluss, der sich in Bezug auf die freie Presse in der Formulierung „Die Vierte Gewalt“ ausdrückte, auf das Radio, indem er es neben die sieben Großmächte der Zwischenkriegszeit (Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien, USA, Frankreich und die Sowjetunion) stellte. Lerbs schrieb hier in einer sozialdemokratischen Zeitung und kann auch sonst zu der Zeit als eher politisch liberal bezeichnet werden. Er arrangierte sich allerdings später mit dem NS-Regime, für das er etwa beim Pressedienst der NSDAP arbeitete. Seine Überlegungen zum Rundfunk liest für uns Frank Riede.
8 Minuten
Kafka, Schönberg, Caspar David Friedrich, Kant, Puccini, Marco Polo – dass 2024 auch Johann Wolfgang von Goethe mit seinem 275. einen zumindest halbrunden Geburtstag feiert, geht angesichts der vielen sonstigen Jubilare fast ein wenig unter. Vielleicht weil einige der Jahrestage vor einhundert Jahren noch nicht begangen wurden, war das 1924 ein klein wenig anders. Zumindest am 28. August selbst und zumindest in Weimar rüstete man durchaus zu gewissen Feierlichkeiten, über die uns das Hamburger Echo vom Folgetag, dem 29. August, ausführlich unterrichtet. Vieles klingt nach einem fröhlichen, volkstümlichen Fest – „Zufrieden jauchzet groß und klein“ –, nur ein paar chauvinistische Töne trüben die gute Stimmung. Rosa Leu hat sich für uns in Weimars „buntes Gewimmel“ gestürzt.
10 Minuten
Die Reichstagswahlen vom Mai 1924 hatten die politischen Ränder gestärkt. Um satte 10,5 auf 12,6 Prozent hatte auf der Linken die KPD zugelegt, um 4,5 auf 19,5 Prozent die DNVP auf der Rechten; mit 6,6 Prozent war die NSFP, eine völkische Sammlungsbewegung mit Überschneidung zur NSDAP, erstmals in den Reichstag eingezogen. Folge war ein sehr viel rauerer Umgangston im Parlament – in dem, wie wir dem Hamburger Fremdenblatt vom 28. August entnehmen, auch schon einmal buchstäblich die Fäuste flogen. Wer gegen wen, ist dem Artikel nicht wirklich zu entnehmen. Dafür eine bemerkenswerte Einigkeit der politischen Ränder in ihrer Ablehnung der Beschlüsse des eben ausgehandelten Londoner Abkommens zur Regelung der deutschen Reparationszahlungen. Dass diese tatsächlich mitursächlich werden sollte für Neuwahlen bereits im Dezember 1924, aus denen dann die politische Mitte gestärkt hervorging, ist eine andere Geschichte. Es liest unser Parlamentskorrespondent Frank Riede.
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Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren