Auf den Tag genau Archiv
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8 Minuten
Am 22. April 1925, vier Tage vor dem zweiten Wahlgang zum Reichspräsidenten, standen natürlich alle Leitartikel im Zeichen der Frage Marx oder Hindenburg – erst recht in einer sozialdemokratischen Zeitung wie dem Lübecker Volksboten. Und doch weitet der Kommentar „Europas Schicksalsstunde“ noch einmal den Blick und diskutiert die bevorstehende Abstimmung in Deutschland in Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen in Frankreich, wo sich der um einen Ausgleich mit Deutschland bemühte linke Premierminister Èdouard Herriot soeben genötigt gesehen hatte, wegen der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise von seinem Amt zurückzutreten. Die Mahnung, der Weg zu Frieden und Wohlstand in Europa führe nur über eine funktionierende Achse Paris – Berlin und müsse sich, so die tatsächlich bereits hier vorkommende Formulierung, „Vereinigte Staaten von Europa“ zum Ziel nehmen, klingt bedrückend aktuell. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
„Es ist alles schon mal dagewesen“ – dieses alte, dem jüdischen Gelehrten Rabbi Akiba zugeschriebene Bonmot kommt einem bei unserem heutigen Artikel über die Damenmode des Jahres 1925 nicht nur in den Sinn. Er findet sich dort auch geschrieben, denn auch schon die Damenmode des Jahres 1925 wurde seinerzeit, zumindest von der anonym bleibenden Autorin der Altonaer Neuesten Nachrichten vom 21. April, als Wiedergängerin älterer Mode erkannt, weshalb jene die aufgeheizten Debatten über den Bubikopf und die aufgekommene Unisex-Kleidung versucht etwas zu entdramatisieren. Auf die Vorherrschaft eher maskuliner Linien folge mit Sicherheit wieder eine femininere Welle, beruhigt der Text auch alle in ihrer geschlechtlichen Identität verunsicherten Männer, weil das allgemeinste Gesetz der Mode nun einmal der Wandel ist. Es liest Rosa Leu.
7 Minuten
Das Lamento über die Überalterung des Publikums klassischer Konzerte ist wahrscheinlich so alt wie diese bürgerliche musikalische Darbietungsform selbst. Auch schon vor einhundert Jahren sorgte man sich jedenfalls um den kulturaffinen Nachwuchs und in den USA, erfahren wir im Pinneberger Tageblatt vom 20. April 1925, sogar noch ein paar Jahrzehnte länger. Deshalb war man dort auf die Idee verfallen, eigene Kinderkonzerte anzubieten und auf diese Weise ein junges Publikum für die klassische Musik heranzuziehen. Wie sich dieses Genre dort entwickelt hatte, wie also ein solches Kinderkonzert aussehen konnte und wie sich derartige Veranstaltungsreihen, zumindest in Amerika, finanzieren ließen, hat für uns Frank Riede in Erfahrung gebracht.
10 Minuten
Erst vor wenigen Wochen hat sich mit dem Pinneberger Tageblatt eine Zeitung hier im Podcast neu vorgestellt, jetzt zieht mit dem Oldesloer Landboten ein weiteres südholsteinisches Blatt nach, dessen Einzugsgebiet sich indes, wie auch das des Pinneberger Tageblattes, bis in heute hamburgisch eingemeindete Gemeinden erstreckte. Thematisch freilich schweift der Blick hier deutlich weiter in die Ferne, als man vom Oldesloer Kirchturm schauen konnte: In der bulgarischen Hauptstadt Sofia war einer der bis heute blutigsten Anschläge der europäischen Geschichte auf die Kathedrale Sweta Nedelja verübt worden. Die genaue Zahl der Opfer konnte man nie ermitteln. Entgegen den noch sehr widersprüchlichen Spekulationen vom 19. April 1925 kam wohl kein Regierungsmitglied bei dem Attentat ums Leben. Bestätigt haben sich hingegen die Vermutungen, die Drahtzieher in Moskau zu verorten, wo man damals mit Terror zahlreiche Staaten in Ost-Mitteleuropa zu destabilisieren trachtete. Es liest Rosa Leu.
10 Minuten
Zu den meistbeachteten Reformschulprojekten der Weimarer Zeit zählte die Hamburger Lichtwarkschule, benannt nach Alfred Lichtwark, Begründer der Kunsterziehungsbewegung und erster Direktor der Hamburger Kunsthalle. Bereits 1914 gegründet, fristete sie die ersten zehn Jahre ihres Bestehens ein eher kümmerlich ausgestattetes Dasein in einem Provisorium in Winterhude. Umso stolzer geriet endlich der 1925 eröffnete Neubau nach Plänen Fritz Schumachers südlich des Stadtparks, den der Hamburger Anzeiger am 18. April denn auch ausgiebig feierte. Dass der Schulbetrieb hier nur etwas mehr als ein Jahrzehnt aufrechterhalten wurde, war damals selbstverständlich nicht abzusehen. 1937 beendeten die Nazis das bei ihnen von Anfang an verhasste reformpädagogische Experiment und fusionierten die vormalige Lichtwarkschule mit dem nahegelegenen Heinrich-Hertz-Realgymnasium. Immerhin überlebte das Gebäude (inklusive der im Text erwähnten Orgel von Hans Henny Jahn) trotz einiger Beschädigungen den Krieg und beherbergte später prominent gewordene Schüler wie Ralf Dahrendorf, Wolf Biermann oder Klaus-Michael Kühne. Es liest Frank Riede.
7 Minuten
Man könnte die Ansicht vertreten, dass sich das wahre Wesen einer Zeit in ihren vermischten kleinen Nachrichten äußert - nicht der große Leitartikel, sondern die Faits Divers bildeten das echte Leben ab. Ob dem wirklich so ist, wollen wir gar nicht beurteilen, sichern uns aber für den Fall, dass es stimmt, dadurch ab, dass wir hin und wieder diese kleine Form in unserer Auswahl bedienen. In der heutigen Folge tun wir es zusammen mit den Altonaer Neuesten Nachrichten vom 17. April 1925. Der Autor, der gestern von den Ausstellung der Totenmasken an Berliner Universität berichtet hatte, wir erinnern uns an sein Kürzel „UE“, brachte wohl auch „Kleine Berliner Lebensbilder“ aus der Hauptstadt mit. In ihnen geht es um Justizwahnsinn, geheime Alkoholherstellung und einen Bubikopf. Präsentiert werden sie für uns von Rosa Leu.
9 Minuten
Die Anfertigung von Totenmasken ist eine uralte Kulturtechnik. Zu den bekanntesten Beispielen aus der Frühgeschichte zählt die goldene Maske des Tutenchamun. Nachdem diese Tradition in der Renaissance wieder auflebte, erkannte man den Totenmasken im 19. Jahrhundert einen künstlerischen und musealen Wert zu. In diesem Zuge entstand die Sammlung an der Berliner Universität, die heute noch Bestandteil der Sammlungen der Humboldt-Universität ist. Am 16. April 1925 war ein Autor der Altonaer Neuesten Nachrichten, der mit dem Kürzel UE signiert, nach Berlin gereist, um sich eine Ausstellung an eben dieser Universität anzusehen und über sie zu berichten. Wessen Abbild er zwischen den Totenmasken von Schiller, Voltaire und Robespierre dort noch begegnete, weiß Frank Riede.
7 Minuten
Die Repräsentationsaufgaben britischer Monarchen und ihrer Thronfolger sind enorm und waren das auch schon vor einhundert Jahren. Das Empire, über das sie, nun ja, herrschten, war seinerzeit bekanntlich noch bedeutend größer und es zu bereisen, gestaltete sich erheblich beschwerlicher. Um diese Pflichten dem Prince of Wales, bei dem es sich um den späteren Kurzzeitregenten Edward VIII. handeln muss, dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten, hatte man den weltkriegserprobten Schlachtkreuzer Repulse mit allerlei mondänen Extras versehen. Der Berichterstatter des Hamburger Anzeigers ist in seinem Artikel vom 15. April 1925 dennoch voll des Bedauerns für den als Lebemann geltenden Prinzen im Angesicht einer ihm bevorstehenden Weltreise. Und er sollte in seiner Einschätzung Edwards tatsächlich recht behalten: Nach nur wenigen Monaten im „Amt“ verzichtete dieser 1936 auf die Krone, heiratete eine Bürgerliche und zog sich in sein geliebtes Paris zurück, von dem auch hier schon die Rede ist. Es liest Rosa Leu.
12 Minuten
Zum Ende des 19. Jahrhundert wurden verschiedene Reformbewegungen, die auf die veränderten Arbeitsverhältnisse der Industrialisierung und die Veränderungen der Lebensumstände in wachsenden Großstädten regierten, unter dem Begriff Lebensreform zusammengefasst. Ein Strang der Reformen war ein neues Körperbild, ein Streben, die durch die industrielle Entwicklungen von der Natur entfremdeten Menschen zu einem gesunden und mit der Natur sich im Einklang befindenden Zustand zurück zu führen. Von diesen Vorstellungen führt allerdings auch eine direkte Linie zu den Anschauungen der Nationalsozialisten, die diese Körperertüchtigung rassistisch aufluden und mit einer Wehrertüchtigung kombinierten. Ein Beispiel, an dem man das zeigen kann, ist der Kulturfilm der UFA „Wege zur Kraft und Schönheit“ aus dem Jahre 1925, den das Pinneberger Tageblatt vom 14. April rezensiert. Der hier zelebrierte Körperkult findet sich in manchen Passagen nahezu unverändert im propagandistischen Film „Olympia“ von Leni Riefenstahl aus dem Jahre 1938 wieder. Da erscheint es beinahe als folgerichtig, dass die 1925 noch nicht prominente Tänzerin Leni Riefenstahl in „Wege zur Kraft und Schönheit“ in einer Szene einen Auftritt als Statistin hat. Es liest Frank Riede.
9 Minuten
Die Kompassnadel deutscher Frühjahrsurlauber zeigt traditionell nicht unbedingt in den skandinavischen Norden. Eben dorthin verschlägt es jedoch den Hamburger Anzeiger in seiner Osterausgabe des Jahres 1925, in dem die „Auferstehung des Herren“ am 12./13. April begangen wurde. Um genau zu sein war es das norwegische Gudbrandsdal, das der Autor Hermann Rößler besucht und in dem er sich offensichtlich sehr wohl gefühlt hatte. Nordische Sonne, Luft und Schnee preist er genauso wie norwegische Gemütlichkeit und Gastfreundschaft im Quartier, nächtliches Gebäck nebst Tee am Ofen inklusive. Dass Nationalheros Peer Gynt in dieser Gegend heimisch war, erwähnt der Artikel erstaunlicherweise nicht; dass im sieben Jahrzehnte später zu olympischen Ehren gelangten Lillehammer schon damals ausgiebig Wintersport betrieben wurde, malt der Text dagegen in den hellsten und leuchtendsten Farben aus. Wer noch keine Urlaubspläne für die dieses Jahr etwas später liegenden Ostertage hat, lasse sich also von Rosa Leu inspirieren. Die Anreise per Bahn gestaltet sich einer kurzen Internetrecherche zufolge heute allerdings deutlich umständlicher als vor einhundert Jahren ...
13 Minuten
Ja, wann wird die Welt untergehen? Diese Frage stellen sich die Menschen wohl seit Urzeiten und beantworten sie immer wieder aufs Neue – sei es mit terminlich vagen religiösen Endzeitbetrachtungen, sei es mit ganz konkreten Daten, an denen es vorbei sein sollte. Das Pinneberger Tageblatt nutzte die letzte Ausgabe vor Ostern 1925, um einen Gang durch verschiedene vergangene und aktuelle Endzeitvoraussagen zu präsentieren, der mit einem naturwissenschaftlichen Blick auf diese Thematik endet. Bei all diesen befürchteten oder auch ersehnten „Enden“ der Welt ist ein Faktor noch nicht präsent, der die Prognostik durcheinanderwirbeln sollte. Dass der Mensch selbst für den Untergang der Welt sorgen könnte, kam damals noch niemandem in den Sinn. Für uns liest heute, am 12. April, Rosa Leu.
12 Minuten
Beim Samstag vor Ostern handelt es sich streng genommen um den Karsamstag und damit um den letzten Tag der Karwoche. Der Hamburger Anzeiger nutzte selbigen, nämlich den 11. April im Jahr 1925 jedoch bereits, um sich auf der Titelseite vorausschauend „Ostergedanken“ zu machen – wissend darum, dass an den Folge-, den eigentlichen Ostertagen keine neuen Ausgaben erscheinen würden. Ostergedanken, das klingt nach einem gewichtigen Leitartikel, und diese große Erwartung soll der mit dem Kürzel „ho“ zeichnende Autor auch nicht enttäuschen. Tatsächlich geht es um die fundamentalen Fragen der Weltpolitik, des gedeihlichen Zusammenlebens der Völker auf diesem Planeten und, ja, ganz ohne Metaphysik, auch um die Auferstehung des einzelnen Menschen in einem größeren Ganzen. Frank Riede liest diesen flammenden Appell wider den Hass, an dem vieles wieder bedrückend dringlich und aktuell klingt.
13 Minuten
Die Katze war aus dem Sack: Statt des im ersten Wahlgang führenden Ex-Ministers und Duisburger Oberbürgermeisters Karl Jarres schickte die Rechte im zweiten Durchgang den Weltkriegs-Veteran Paul von Hindenburg ins Rennen um das Reichspräsidentenamt. Wie reagierte das republikanische Lager? Es präsentierte sich sichtlich überrascht von dieser Volte – und trotzig optimistisch, dass das deutsche Wahlvolk dem reaktionären Schwenk eine Absage erteilen würde. So ganz sicher war man sich dessen zumindest in sozialdemokratischen Kreisen aber offensichtlich nicht, weshalb sich das Hamburger Echo in seiner Ausgabe vom 10. April ausgiebig im europäischen Ausland rückversicherte, dass die dortige Öffentlichkeit diese Kandidatur ziemlich durchweg negativ beurteilte. Frank Riede liest für uns die Presseschau, die dabei herauskam und die eindeutig solche Wähler als Zielgruppe adressierte, die mit einem Votum für den kommunistischen Bewerber Ernst Thälmann liebäugelten.
13 Minuten
Dass es angesichts der wirtschaftlichen Probleme in den ersten Jahren der Weimarer Republik eine Auswanderungsbewegung gab, die insbesondere nach Nord- und Südamerika zielte, ist in diesem Podcast schon angeklungen. Natürlich gab es, wen will es überraschen, auch „Unternehmer“, die den Leidensdruck der Auswanderer missbrauchten. Und manchmal war es auch ein Staat, der dies tat. In den Jahren der kriegerischen Aktivitäten Spaniens in Marokko, lockte die spanische Fremdenlegion unzählige junge Männer in ihren Dienst, unter Vortäuschung von zivilen Arbeitsplätzen in Spanien. Waren diese Migranten, unter ihnen zahlreiche Hamburger, erst einmal in Spanien, wurden sie gewaltsam nach Marokko gebracht und zum Dienst in der Fremdenlegion gezwungen. Der Hamburger Anzeiger vom 9. April 1925 druckte den Bericht eines Opfers dieser Betrugsmasche, nämlich Otto Häntschel, ab. Der menschenverachtende Drill, die Bestrafungen und die exzessiv brutalen Kampfhandlungen in Marokko, die er schildert, machen diesen Text sehr erschütternd und können verstörend wirken. Rosa Leu hat sich für uns durch diese Hölle auf Erden gewagt, der Otto Häntschel nur wie durch ein Wunder entrinnen konnte.
8 Minuten
Wahlen in benachbarten Ländern, das war auch schon vor einhundert Jahren gelegentlich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Während sich bei der Reichspräsidentenwahl in Deutschland bereits im ersten Wahlgang vom 29. März 1925 ein Rechtsdruck abzeichnete, drehte sich die politische Stimmung in Belgien wenige Tage später bei den dortigen Parlamentswahlen eher in die entgegengesetzte Richtung: Die Belgische Arbeiterpartei konnte für beide Kammern um die 40 Prozent der Stimmen auf sich vereinen und löste die Katholische Partei damit als stärkste Kraft im Lande ab. Ob das für eine Regierungsbeteiligung reichen würde – zunächst tat es das nicht –, war am 8. April noch nicht absehbar. Das sozialdemokratische Hamburger Echo freute sich in einem Artikel von diesem Tag dennoch schon einmal über das Ergebnis, eruierte mögliche positive Konsequenzen für Europa und verband diese Analyse mit harten innenpolitischen Attacken auf den deutschen Außenminister Stresemann. Für uns lesend nachvollzogen wird all das von Frank Riede.