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Auf den Tag genau Archiv

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6 Minuten
Eugen Steinach war ein österreichischer Physiologe und Pionier der Sexualforschung. Während die Medizin etwa seiner Erfindung erster funktionierender Hormonpräparate sicherlich viel verdankt, war die von ihm entwickelte Methode der Verjüngung durch Hodentransplantation sehr umstritten. 1920, selbst 59 Jahre alt, machte er seine Forschungen dazu publik, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seinen Verjüngungserfolgen. Wie alle Berliner Tageszeitungen schreibt auch die Berliner Volks-Zeitung am 11. Juli über die Aussicht auf einen medizinisch-wissenschaftlichen Jungbrunnen, der freilich nur Männern zur Verfügung stehen soll - eine Tatsache, die nicht thematisert wird und in keinster Weise die Begeisterung des Autors trübt. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
John Maynard Keynes gilt als einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Dass er mehr war als nur brillianter Wissenschaftler, zeigt allerdings auch schon sein erstes großes Buch, über „Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles“. Mit erstaunlicher Klarsicht prophezeite er hier die fatalen politischen Konsequenzen, welche der insbesondere durch zu hohe Reparationsauflagen erzwungene Niedergang Deutschlands als Motor der europäischen Wirtschaft mit sich bringen sollte. Obwohl er als Mitglied der britischen Delegation selbst in Versailles war, konnte Keynes’ die Verhandlungen nicht in seinem Sinne beeinflussen. Erst nach Ende des 2. Weltkrieges fielen seine Vorschläge auf fruchtbareren politischen Boden. Dass die Berliner Volkszeitung die deutsche Übersetzung seines Buches bereits am 10.7. 1920 äußerst positiv besprach, ist allerdings auch nicht wirklich überraschend… Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: das Bauhaus war in Weimar alles andere als unumstritten. Tatsächlich hatte Walter Gropius von Anfang an gegen die antireformerischen, konservativen Kräfte nicht zuletzt der alten Kunsthochschule anzukämpfen. 1920 gab es zudem auch in Weimar einen politischen Rechtsruck, was die Genehmigung der für den Ausbau der erst 1919 gegründeten Schule notwenigen finanziellen Mittel noch schwieriger machte. Die Vossische Zeitung vom 9.7.1920 berichtet vom „Entscheidungskampf in Weimar“ in dessen Verlauf Gropius selbst seine Sache vor den Abgeordneten des Landtags vertreten konnte. Mit Erfolg. Zumindest blieb das Bauhaus der Stadt erhalten. Bis es 1925 dann doch noch nach Dessau umsiedeln sollte… Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Max Klinger, stellte jüngst die Süddeutsche Zeitung anlässlich des einhundertsten Todestages des Malers fest, „ist immer noch zu entdecken“, weil er im Grunde bis heute nicht der doppelten Verfemung entkam, der er zu Lebzeiten ausgesetzt war: Zunächst im prüden Kaiserreich wegen seiner revolutionär-überbordenden Freizügigkeit angefeindet, wurde er später, nach dem Aufkommen der künstlerischen Avantgarde-Bewegungen, so die SZ, nun als „kitschiger Reaktionär” verschmäht. Belege für Letzteres finden sich in der Tat schon in seinen Nachrufen. So hob die kommunistische Parteizeitung ‘Rote Fahne‘ in ihrer Würdigung vom 8. Juli 1920 zwar das malerische Talent und die Universalität seiner Ausdrucksmittel hervor. Gleichzeitig ließ sie jedoch keinen Zweifel daran, dass Klinger in einem bürgerlichen Künstlertum des 19. Jahrhunderts steckengeblieben und die Zeit bereits vor seinem Tode über ihn hinweggegangen sei. Eine streitbare Einschätzung – hier gelesen von Frank Riede.
4 Minuten
Bis wohin und auf welchen Wegen dürfen Journalistinnen und Journalisten in die Machtzentren der Politik Zutritt haben? Eine Frage, die auch in der Frühphase der Weimarer Republik ausgehandelt wurde. 1920 war es der Presse lediglich erlaubt, den „Hintereingang“ zum Reichstagsgebäude zu nutzen – mit einem durch das Journalistinnenaufgebot stark beanspruchten eigenen Aufzug. Am 6. Juni kam es zu einem Brand im Reichstag, der zum Glück halbwegs glimpflich verlief, die Zugangsregelungen für die Presse aber erneut auf die Tagesordnung hob. Ob sie in der Folgezeit ermächtigt worden ist, den Haupteingang zu nutzen, ist uns nicht bekannt. Paula Leu liest den Bericht über das Feuerdrama aus dem Berliner Tageblatt vom 7. Juli.
7 Minuten
Der aus Triest gebürtige expressionistische Dichter Theodor Däubler war zu Lebzeiten nicht nur ein angesehener Lyriker und Romancier, sondern hatte auch als umtriebiger Reiseschriftsteller einen Namen. Sein Reisebricht für die Vossische Zeitung vom 6. Juli 1920 führte ihn kurioserweise freilich nicht in entlegene Weltgegenden, sondern an seinen damaligen Wohnort Genf, das soeben zum Sitz des neugegründeten Völkerbundes erhoben worden war. Diese jüngst gewonnene politische Bedeutung der Stadt handelt Däubler indes eher am Rande ab. Sein wesentliches Interesse gilt den Stimmungen und Farben der Genfer Wasserlandschaft, aus denen er ein reizvolles feuilletonistisches Städteporträt entwickelt. Hier gelesen von Frank Riede.
3 Minuten
Bruno Taut ist besonders durch seine ‚Hufeisensiedlung’ in Britz oder die Anlage ‚Onkel Toms Hütte’ in Zehlendorf als eminenter Vertreter des sogenannten ‚Neuen Bauens’ in Berlin bekannt. Ein Architekturvisionär, dessen Gebäude ihre Funktionalität und Ästhetik verbindende Modernität bis heute gewahrt haben. Am 5. Juli 1920 bespricht Taut für die ‚Freiheit’ das Buch „Aufbau-Architektur“ von Walter Müller-Wulckow und lobt dessen scharfe Kritik an den architektonischen Verirrungen des zurückliegenden Jahrhunderts. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Als Schöpfer der Feuerwerksmusik, der Wassermusik und berühmter Oratorien wie des Messias, galt Georg Friedrich Händel auch schon vor einhundert Jahren als einer der großen Meister deutscher Tonkunst. Völlig in Vergessenheit geraten war seinerzeit paradoxerweise hingegen, wofür er zu Lebzeiten in erster Linie gefeiert worden war: seine über 40 Opern. Dass einige Musiker und Wissenschaftler um den Kunsthistoriker Oskar Hagen 1920 in Göttingen eine Wiederaufführung seiner Rodelinda auf die Beine stellten, hatte vor diesem Hintergrund den Charakter einer echten Pioniertat, deren musikhistorische Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Die Ausgrabung der Rodelinda läutete nicht nur eine bis heute fortdauernde sogenannte Händel-Renaissance in der Oper ein. Als erstes Festival für Alte Musik überhaupt markierten die damit begründeten Göttinger Händel-Festspiele tatsächlich ein Schlüsseldatum der gesamten gleichnamigen Bewegung. Die Vossische Zeitung hatte also den richtigen Riecher, als sie damals einen Berichterstatter in die niedersächsische Theaterprovinz entsandte, dessen Rezension vom 4. Juli das Potential der Barockoper für die Musikbühne des 20. Jahrhunderts bemerkenswert klar erkennt. Für uns liest Frank Riede.
6 Minuten
Von Biologen nach der Mondgöttin im alten Griechenland ‚Selene’ genannt, ist die Königin der Nacht vor allem unter Hobby-Botanikern eine mythische Blume. Die meiste Zeit des Jahres zeigt sich das Kakteengewächs eher schlicht. Die außergewöhnliche Pracht ihrer Blüte aber macht sie zu einer Sensation, die den Botanische Garten Berlin früher regelmäßig zu einer extra Ankündigung veranlasste. An die alten Zeiten, als noch Scharen von Liebhabern in die Potsdamer Straße pilgerten, um das Ereignis zu bewundern, erinnert sich der Kolumnist der Berliner Volkszeitung, Karl Fischer, wehmütig in seinem Beitrag vom 3.7.1920. Mittlerweile - der botanischen Garten wurde zwischenzeitlich aus der Stadtmitte ins ferne Dahlem verlegt - werbe der eigentlich mit ganz anderen Attraktionen aufwartende Lunapark mit der Blume. Die Königin der Nacht als Teil einer seichten Vergnügungsschau im Grunewald. Skandal! Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Der sogenannte Genter Altar des Jan van Eyck zählt zu den Prunkstücken der altniederländischen Malerei und zu den bekanntesten Polyptichen der Kunstgeschichte überhaupt. Dabei war er über lange Zeit seiner Existenz paradoxerweise gar nicht als Einheit zu besichtigen. Erstmals bereits im Bildersturm der Calvinisten und später neuerlich auch von den Habsburgern demontiert, wurde der Mittelteil mit der berühmten Szene der Anbetung des Lammes von napoleonischen Truppen schließlich nach Paris verschleppt, derweil die Seitentafeln in den Handel und von dort in den Besitz des preußischen Königs wanderten. Eine plötzliche Möglichkeit, den berühmten Flügelaltar mit all seinen Einzelteilen wieder an seinem Genter Ursprungsort in der Kathedrale Sint Bavo zusammenzuführen, ergab sich nach dem Ersten Weltkrieg. Das vom Deutschen Reich unschuldig überfallene Belgien verhandelte die ‘Rückgabe‘ der Tafeln in den Versailler Friedensvertrag hinein, und tatsächlich verschwanden diese wenig später aus ihrem Kabinett im Kaiser-Friedrich-Museum. Die Vossische Zeitung vom 2. Juli 1920 zeigte sich über den vermeintlichen, die Haager Kriegsrechtkonvention von 1904 tatsächlich verletzenden ‘Kunstraub‘ empört. Es liest Frank Riede.
5 Minuten
Der Zoologische Garten von Berlin kämpfte 1920 gegen defizitäre Finanzen und einen aufgrund des Krieges verringerten Tierbestand. Wie sich die Direktion in dieser schwierigen Wiederaufbauphase schlug, davon gibt uns der Bericht aus der Generalversammlung der Aktionäre in der Vossischen Zeitung vom 1. Juli einen Einblick. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Im November 1918 war zwar in ganz Europa der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Statt Frieden brachte er in Teilen des Kontinents jedoch weitere, bisweilen kaum weniger blutige Nachfolgekonflikte, deren Langzeitschäden mitunter bis heute zu besichtigen sind. Weitgehend vergessen ist indes eine Auseinandersetzung hoch im Norden Europas, die im Sommer 1920 die erstaunlich breite Aufmerksamkeit der Berliner Presse genoss: Die so nebelverhangenen wie dünnbesiedelten Aalandinseln hatten vor dem Weltkrieg gemeinsam mit Finnland zum russischen Zarenreich gehört, waren mit Finnland in Folge der Revolutionswirren des Jahres 1917 unabhängig geworden und wurden aufgrund ihrer überwiegend schwedischsprachigen Bevölkerung zugleich von Schweden beansprucht. Dass mit Hilfe des Völkerbundes bereits 1921 eine langfristig sehr erfolgreiche Autonomielösung auf den Weg gebracht werden sollte, konnte die Deutsche Allgemeine Zeitung noch nicht ahnen, als sie am 30. Juni durchaus besorgt über eine drohende Eskalation berichtete. Gelesen von Frank Riede.
8 Minuten
Im Jahre 1912 entstanden im Süden des Tempelhofer Feldes Filmateliers, die sich nach dem Ersten Weltkrieg immer weiter ausdehnten. Die Stummfilm-Klassiker „Golem, oder wie er in die Welt kam“ von Paul Wegener und Carl Boes sowie „Anna Boleyn“ von Ernst Lubitsch wurden 1920 hier in ihren überbordenden Kulissen gedreht. Vom Treiben auf dem Gelände und den Sets dieser Filme berichtet am 29. Juni für das Berliner Tageblatt Fritz Engel. Neben seinen Eindrücken reflektiert er auch allgemeiner das Filmschaffen zwischen Massenware und Kunstanspruch. Es liest Paula Leu.
19 Minuten
In der heutigen Folge unseres monatlichen Interviewformats ‚3 1/2 Fragen an…’ sprechen wir mit Gunter Gebauer, von 1995 bis 2012 Professor für Philosoph an der Freien Universität Berlin. Selbst ehemaliger Leistungssportler, mischt sich Gebauer immer wieder kritisch in die öffentlichen Diskussionen zu Fragen des Sports und der Sportpolitik ein. Gerade von ihm erschienen ist ein kleiner Reclam-Band über die Olympischen Spiele der Neuzeit, in dem er die Faszination dieses Ereignisses und seiner Geschichte mit klaren Worten zur immer stärkeren kommerziellen Ausrichtung der Spiele verbindet.
5 Minuten
Nach zähen Verhandlungen und letztlich geglückter Bildung einer Minderheitsregierung hielt der neue Reichskanzler Constantin Fehrenbach am 28.6.1920 schließlich seine Antrittsrede im Deutschen Reichstag. Als eloquenter und erfahrener Politiker bekannt und durchaus über Parteigrenzen hinaus geschätzt, wird die Führung dieses von der Duldung der Sozialdemokratie abhängigen Kabinetts auch führ ihn ein Balanceakt. Das jedenfalls wird schon an dieser ersten programmatischen Rede vor den Abgeordneten deutlich. Parteipolitisches Taktieren im Anschluss eingeschlossen. Es liest Frank Riede.
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