Anmeldung Registrierung
Auto Hell Dunkel
Erweiterte Suche

Auf den Tag genau Archiv

2057 Episoden
4 Minuten
Die Mansarde, jene Dachgeschoßwohnung mit Blick über die Dächer der Stadt, benannt nach der Pariser Architektenfamilie Mansart des 17. Jahrhunderts, galt in der Weimarer Republik eher als Inbegriff der Armut. Darauf verweist die Benennung Mansardenkaffee für billigen Kaffee-Ersatz oder Mansardenschneiderin für schwarz arbeitende Flickschusterinnen. Doch die Mansarde hatte auch glühende Verfechter. Zu ihnen zählte der begnadete Feuilletonist Alfred Polgar, der am 26. Juli im Berliner Tageblatt von seinem Leben in seiner Wiener Mansarde schreibt. Es liest Paula Leu.
9 Minuten
Heute übergeben wir das Wort mal wieder an Kurt Tucholsky, der unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel immer wieder – auch in unserem Podcast – bissig das Deutsche Bürgertum kritisierte. Doch diesmal nutzt Tucholsky, also Wrobel seine Plattform, um Hans Hyan Gehör zu verschaffen. Hyan, ein Drehbuchautor, Schriftsteller, Gerichtsreporter und Kabarettist, Begründer des Berliner Kabaretts „Zur silbernen Punschterrine“, hatte zwischen unzähligen Detektivromanen 1920 eine Streitschrift über den Strafvollzug in Deutschland verfasst. In dem Buch prangert er nicht nur die Zustände in den Gefängnissen, sondern auch im Justizapparat an. Die Beamten im Justizapparat, überwiegend noch aus der Kaiserzeit im Amt, schienen die Prinzipien der Republik und der Demokratie noch nicht verinnerlicht zu haben. Die ganze Weimarer Zeit hindurch werden Tucholsky und zahlreiche Mitstreiter die Justiz für ihre unverhältnismäßigen Strafen und ihre Blindheit auf dem rechten Auge, aus heutiger Sicht definitiv zu recht, geißeln. Diese Buchrezension aus der Freiheit vom 25. Juli liest Frank Riede.

Die Rote Armee

6 Minuten
Wie wenig man in den ersten Jahren in Europa von der aufstrebenden Sowjetmacht im Osten wusste, lässt sich trefflich an dem Umstand ablesen, dass fast alle Informationen, die im Sommer 1920 kursierten, auf dieselbe eine Quelle zurückgingen, d.h. einer einzigen Reise britischer Sozialisten in das postrevolutionäre Russland entstammten. Nachdem in diesem Podcast bereits Ethel Snowden und Bertrand Russell mit ihren Reiseeindrücke zu Gehör gekommen sind, schließt sich heute ein Artikel aus dem Vorwärts vom 24. Juli an, welcher sich seinerseits auf den Bericht des die Delegation begleitenden Journalisten Walter Meakins von den Daily News stützt. Meakins wesentliches Interesse gilt darin der jungen Roten Armee, deren Schlagkraft sowohl im Bürgerkrieg, als nun auch in den Kämpfen mit Piłsudskis polnischen Truppen auf die westlichen Beobachter erheblichen Eindruck machte. Es liest Paula Leu.
5 Minuten
Die ungarische Räterepublik war, wie so viele andere revolutionäre Projekte der Jahre 1918/19, äußerst kurzlebig. Im Juli 1920 herrschte in Budapest längst wieder die ‘Reaktion‘ mit Reichsverweser Horthy an der Spitze, während sich der Kopf der Räteregierung Bela Kun nach Österreich geflüchtet hatte, um sich nun von dort, im Austausch gegen noch in Russland befindliche österreichische Kriegsgefangene, auf den Weg in die ihm Asyl versprechende Sowjetunion zu machen. Zu diplomatischen Verwicklungen kam es in Deutschland, wo man ihn bei der Durchreise in Swinemünde festsetzte, nach ein paar Tagen aber unter Protest der ungarischen Regierung doch ausreisen ließ. Kun erreichte das gelobte Land des Sowjetkommunismus und entfaltete von hier in der Folge eine umtriebige politische Tätigkeit in ganz Europa – bevor sein Schicksal eine tragische Wendung nahm und er 1938, wie so viele andere Moskauer Exilanten, ein Opfer des großen stalinistischen Terrors wurde. Aus dem Bericht des Berliner Tageblatts vom 23. Juli 1920 über die zwischenzeitliche Internierung Kuns in Deutschland liest Paula Leu.
7 Minuten
Die Nordseeinsel Wangerooge ist heutzutage vor allem als Reiseziel beliebt. Aber auch schon vor hundert Jahren lebte die östlichste der sieben bewohnten ostfriesischen Inseln in hohem Maße vom Tourismus. Hatte das Eiland, von Zivilbevölkerung geräumt, während des Krieges noch als Militärstützpunkt gegen die Engländer gedient, so berichtet der Vorwärts am 22. Juli 1920 von einem bereits wieder auf Hochtouren laufenden Pensions- und Gaststättenbetrieb. Die Nachfrage der gut zahlenden Besucher sorgte für einen eigenen, hochpreisigen Wirtschaftskreislauf und dafür, dass es auf diesem isolierten Fleckchen Erde alles im Überfluss und bester Qualität zu kaufen gab. Leidtragende waren die Einheimischen, die nicht vom Tourismus lebten, aber mit enormen Lebenshaltungskosten zu kämpfen hatten. Gelesen von Frank Riede.
8 Minuten
Am 21. Juli 1920 wirft die Berliner Börsen-Zeitung einen Blick in die süddeutsche Metropole München. In einem „Sommerbrief“ schildert Richard Rieß, wo die Münchener Bevölkerung sich in der heißen Urlaubszeit Natur, Abkühlung und Entspannung gönnt. Denn es ist eine besondere Situation: Der Tourismus setzt wieder ein, an manchen Stellen erholt sich die wirtschaftliche Lage, und zugleich hat sich die Atmosphäre vielerorts gewandelt – Teuerung und Bürokratie sorgen für eine ganz besondere Sommerfrische 1920. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Dass man im Alemannischen auch ruhiger zu feiern versteht als während der alljährlichen Fastnacht, mag überraschen. Bei der 800-Jahr-Feier Freiburgs scheint es allerdings tatsächlich recht beschaulich zugegangen zu sein. Zwar wurde mit einer ganzen Reihe an Veranstaltungen der Stadtgründung durch Conrad von Zähringen im Jahr 1120 gedacht, von einem überbordenden Volksfest aber sei nichts zu spüren gewesen, so zumindest der Sonderberichterstatter der Vossischen Zeitung am 20. Juli. Gelesen von Frank Riede.
8 Minuten
Nicht aus Gründen des ökologischen Bewusstseins oder der Tierethik suchte man 1920 nach Ersatz für Fleisch. Es gab schlicht nicht genug und das, was auf dem Markt war, war zu teuer. Für adäquaten Ersatz sollten die Fischbestände der Meere sorgen. Doch wie war der Zustand der deutschen Hochseefischerei? Wie war sie durch den Weltkrieg gekommen und konnte der Bedarf an Fisch für das Deutsche Reich überhaupt gedeckt werden? Diesen Fragen widmet sich Paul Dehn in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 19. Juli 1920. Paula Leu liest.
4 Minuten
Auch im Sommer 1920, gut anderthalb Jahre nach den letzten Kampfhandlungen, waren viele Fragen der europäischen Nachweltkriegsordnung weiterhin ungeklärt. Die Summe der im Versailler Vertrag festgeschriebenen Reparationen, die Deutschland an die Siegermächte – teils in Goldmark, teils in Kohle – entrichten sollte, hatte man bis dato etwa immer noch nicht festgelegt und zur Erörterung dieser Thematik im Juli eine Nachfolgekonferenz im belgischen Kurort Spaa anberaumt. Inwiefern es der deutschen Delegation hier gelungen war, die weithin als wirtschaftlich erdrückend empfundene Last auf ein realistisches zu Maß zu senken, wurde dabei in der Heimat sehr unterschiedlich bewertet. Während der Industriemagnat Hugo Stinnes den Konferenzort wutschnaubend verließ, beurteilte das Berliner Tageblatt den Ausgang der Verhandlungen in seinem Fazit vom 18. Juli etwas freundlicher. Es liest Frank Riede.
6 Minuten
Am 1. Juli 1920 eröffnete die Erste Internationale Dada-Messe in den Räumlichkeiten des Kunsthändlers Dr. Otto Burchard am Berliner Lützow-Ufer. Mit rund 180 Werken von 31 Künstlerinnen und Künstlern gilt diese Ausstellung als größte öffentliche Aktion der Dadaisten in Deutschland. Der Kunstkritiker Max Osborn setzt sich in seiner Ausstellungs-Kritik mit der Bewegung allgemein auseinander, sowie mit einzelnen Kunstwerken. Sein Fazit ist klar: Aus dem übertriebenen Ulk der Dadaisten ragt nur ein großer Künstler hervor, der Künstler Grosz. Es liest Frank Riede.
10 Minuten
Dass die sogenannte Globalisierung keine Erfindung des frühen 21. Jahrhunderts, sondern der Begriff in mancherlei Hinsicht durchaus auch schon auf die Welt vor einhundert Jahren anwendbar ist, lässt sich unter anderem auch am damaligen Berliner Zeitungswesen studieren. Obwohl von ihrer Leser-Reichweite noch eher lokal orientiert, hatten ambitionierte Großstadtzeitungen ihren Radius der Berichterstattung seinerzeit längst weit über die Stadtmauern hinaus ausgedehnt und Korrespondentenberichte aus fernen Weltgegenden als Distinktionsmerkmal für sich entdeckt. So ließ es sich etwa die angesehene Vossische Zeitung nicht nehmen, die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen am anderen Ende der Welt in Chile am 16. Juli 1920 in einem ausführlichen Vorbericht zu würdigen. Dieser beschränkt sich dabei keineswegs einfach auf die Wiedergabe von Wahlprogrammen oder -prognosen, sondern wartet mit einer politisch und ökonomisch tiefschürfenden Hintergrundanalyse nebst eingehenden landeskundlichen Darstellungen auf, die den hohen Anspruch des Blattes auf journalistische Exklusivität eindrücklich untermauern. Es liest Paula Leu.
8 Minuten
Von den Eindrücken der englischen Sozialistin Ethel Snowden, die sie sich während der Visite einer Labour-Delegation in Sowjet-Russland machen konnte, haben wir bereits am 27. Juni gehört. Aber auch Bertrand Russell, Cambridge-Philosoph und enfant terrible der britischen Intellektuellenszene, hatte als Gast an der Reise teilgenommen. Seine Eindrücke und kritischen Analysen veröffentlichte er in Form eines Reiseberichts in der englischen Zeitschrift „Nation“, aus dem die Vossische Zeitung am 15. Juli Teile auf Deutsch abdruckt. Es liest Frank Riede.
3 Minuten
Von einer Villa bei Hannover zum Präsidentenamt. Seit dem Bundespräsidenten a.D. Christan Wulff ist dieser Weg bekannt. Doch auch schon Generalfeldmarschall Hindenburg lebte in einer Villa in der niedersächsischen Metropole, bevor er zum Reichspräsidenten gewählt wurde. 1920 überraschte er nächtens einen Einbrecher, der sich seiner Festsetzung mit mehreren Revolverschüssen zu entziehen suchte. So stand der Held von Tannenberg in seinem Arbeitszimmer in Hannover dem Tod näher als jemals zuvor während des Krieges. Der Vorwärts berichtet mit einer knappen Notiz unter der Rubrik “Aus aller Welt”. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Angesichts der Greuel des 1. Weltkrieges legte US-Präsident Woodrow Wilson 1918 ein 14-Punkte-Programm vor, in dem er auch die Schaffung einer zwischenstaatlichen Organisation zum Schutz des Weltfriedens anregte. Mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages unterzeichneten die beteiligten Nationen schließlich auch die Satzung des Völkerbundes. Ironischerweise waren gerade die USA, deren Senat die Ratifizierung des Vertrages ablehnte, kein Teil der neuen Organisation. Aber auch in Deutschland gab es Vorbehalte und Anfeindungen. Im Auftrag der ‚Deutschen Liga für den Völkerbund’ hatte der Freiburger Historiker Veit Valentin daher eine ‚Geschichte des Völkerbundgedankens in Deutschland’ verfasst, welche der Journalist und bekennende Pazifist Carl von Ossietzky am 13.7.1920 in der Berliner Volkszeitung besprach. Ossietzky lobt den Autor nicht zuletzt für seinen leichtfüßigen, fesselnden Stil, gönnt sich aber auch eine Spitze gegen Oswald Spengler, von dessen konfusen Philosophemen über den „Untergang des Abendlandes“ sich Valentins vorurteilslose Geschichtsschreibung wohltuend absetze. Gelesen von Frank Riede.
5 Minuten
Der Erste Weltkrieg hatte die Landkarte Europas weitreichend verändert. Die meisten Grenzen wurden dabei, wie ehedem, am Reißbrett und nach Art des politischen Kuhhandels neu vermessen. Volksabstimmungen waren, sehr zum Verdruss vor allem der Kriegsverlierer Österreich, Ungarn und Deutschland, nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Entsprechend groß fiel hier die Erleichterung – und die Genugtuung! – über die Ergebnisse der Plebiszite aus, welche im Juli 1920 in Teilen Ost- und Westpreußens abgehalten wurden. Die Tatsache, dass sich in den Abstimmungsgebieten weit über 90 Prozent der örtlichen Bevölkerung (und damit offenbar sogar etliche Angehörige der polnischen Minderheit) für den Verbleib beim ‘Reich‘ und gegen einen Anschluss an die wiedererstandene polnische Republik entschieden hatten, führte zu nationalen Aufwallungen selbst in dezidiert republikanischen Medien wie der Vossischen Zeitung. „Deutscher Sieg im Osten“ titelte selbige leicht patriotisch berauscht am 12. Juli – hier ganz nüchtern gelesen von Frank Riede.
Auf den Tag genau

Auf den Tag genau

Der Podcast mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Welt vor hundert Jahren