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Auf den Tag genau Archiv

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4 Minuten
Über die junge Sowjetunion wusste man anno 1920, gut zweieinhalb Jahre nach ihrer Geburt in der Oktoberrevolution, auf dem restlichen Kontinent ausgesprochen wenig. Zum einen war man hier wohl viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich ein Bild von den dortigen Zuständen zu machen. Zum anderen mangelte es aber auch schlicht an glaubwürdigen, ideologisch unvoreingenommenen Augenzeugen, die mit belastbaren Informationen aus Moskau oder gar aus anderen Landesteilen aufwarten konnten. Entsprechend groß war das Interesse an den – sehr kritischen – Reiseeindrücken, die die englische Sozialistin Ethel Snowden von der sechswöchigen Visite einer Labour-Delegation ins Reich des Bolschewismus mitbrachte und die sie bei ihrem Zwischenstopp in Berlin mit der Vossischen Zeitung teilte. Aus deren Ausgabe vom 27. Juni liest Paula Leu.
7 Minuten
Am 25. Juni 1920 waren die Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung überwunden. Das neue Kabinett unter dem Reichskanzler Constantin Fehrenbach beruhte auf einer Koalition der Zentrumspartei, die den Kanzler stellte, der DDP und der DVP. Es war eine Minderheitsregierung, die auf die Duldung durch Oppositionsparteien, vor allem der SPD, angewiesen war. Am 26. Juni wird im Vorwärts eine Einschätzung der politischen Lage gegeben und ein Blick in die Zukunft geworfen. Was bremst die Durchsetzung der politischen Interessen der Arbeiterschaft? Welche Rolle soll die SPD in der Opposition spielen? Zugleich wird aber auch vor den Plänen des rechten Lagers gewarnt, das unter dem Vorwand des Kampfes gegen die linke Revolution, die Republik in eine Diktatur zu vewandlen trachte - etwa nach dem damals aktuellen Vorbild der Horthy-Regierung in Ungarn. Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Nicht nur für die Romantiker war der Harz um 1800 eine Sehnsuchtslandschaft. Auch Berliner des frühen 20. Jahrhunderts flohen gerne ein paar Tage aus der Hektik der deutschen Kapitale in das sagenumwobene Mittelgebirge. In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg mit ihren materiellen Nöten blieben solche Exkursionen allerdings selten. So findet sich der Verfasser des kleinen Feuilletons aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 25.6.1920 auch eher unverhofft und überraschend auf seiner Harzreise. 30 Stunden hat er, um von Bad Harzburg aus fahrend, wandernd, mit der Schmalspurbahn den Brocken, diesen mythischen höchsten Berg des Nordens zu besteigen, den Blick ins Umland aufzusaugen, die herbe Felsenlandschaft bei Thale und den Hexentanzplatz zu bewundern. Dann geht es zurück in die Betonwüste der Großstadt. Es liest Frank Riede.
4 Minuten
1920 hatten die Kommunisten noch kaum praktische Regierungserfahrung. An vielen Orten kämpfte das revolutionäre Proletariat noch um die Herrschaft. So wurde innerhalb der Kommunisten über Vieles diskutiert, wie etwa den Umgang mit dem bürgerlichen Kunst- und Kulturerbe. Sollte man radikal alles vernichten und abstoßen, oder Teile des Erbes integrieren? Am 24. Juni 1920 plädiert die kommunistische Parteizeitung, die Rote Fahne für einen Kulturwerte bewahrenden Weg. Würde das Proletariat zu radikal zerstörerisch wirken, so würde es sich letztlich paradoxerweise wie die Bourgeoisie verhalten. Es liest Paula Leu.
11 Minuten
1920 lief der Kurbetrieb im traditionsreichen Karlsbad wieder an – trotz Weltkrieg und Zerfall Österreich-Ungarns. Die Gelegenheit für den Schauspieler und Librettisten Gustav Kadelburg in einem Brief aus Karlsbad, abgedruckt im Berliner Tageblatt vom 23. Juni, über die Anreise aus Berlin und die Situation vor Ort zu berichten. Alles eitel Sonnenschein, alles bestens! – oder doch nicht? Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Der Urlaub ist für uns moderne Menschen nicht zuletzt Flucht aus der Hektik des Alltags. Nur weg hier, in die Berge, ans Meer, auf eine Insel. In der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 22.6.1920 sieht Iven Kruse gerade diesen Fluchtreflex als Hauptgrund dafür, dass nur der kleinste Teil der Menschen wirklich erholt aus ihren zwei, drei Wochen Ferien im Jahr zurückkehren. Sollten wir statt nur darüber nachzudenken, wohin uns unsere nächste Reise führen könnte, nicht lieber überlegen, wer oder was wir in der kurzen uns vergönnten Freizeit sein wollen? Der Urlaub als die Chance, sich auf Zeit neu zu erfinden. Das könnte der Schlüssel zu wahrer Ferienerholung sein! Gelesen von Paula Leu.
5 Minuten
Schon wieder eine Wahl. Gut zwei Wochen nach dem Reichstag wird in Berlin über die Zusammensetzung des Stadtparlaments und der Bezirksversammlungen abgestimmt. Kein Wunder, dass die Beteiligung etwas zu wünschen übrig lässt. Die Berliner sind wahlmüde. Während im Parlament ‘Berlin’ letztlich die beiden sozialdemokratischen Parteien die Nase vorne haben, ist das Bild in den Bezirken heterogener. Es liest Frank Riede.

Marija Leiko

8 Minuten
Der 1887 in Riga geborenen, also lettischen Film- und Theaterschauspielerin Marija Leiko widmet die Berliner Börsen-Zeitung am 20. Juni 1920 ein Portrait. Sehr eindrücklich schildert der Autor Fritz Olimsky die Differenz zwischen Leinwandpräsenz und Alltag der damals viel beschäftigten Stummfilm-Diva. Bevor nun Frank Riede für uns den Artikel zum Klingen bringt, müssen wir noch auf das Drama der Marija Leiko nach 1920 hinweisen. Hatte sie die Flucht vor der Verfolgung durch das Zarenregime erst nach Mitteleuropa gebracht, so flüchtete sie 1933 vor dem NS-Regime wieder zurück nach Riga. 1938 fiel sie bei einem Aufenthalt in Moskau schließlich einer der politischen Säuberungswellen zum Opfer. Sie wurde erschossen unter dem Vorwand, sie sei Mitglied einer konterrevolutionären lettischen faschistischen Organisation.
5 Minuten
Eine Regierungsbildung ist selten einfach, aber nach den Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920 stellte sie sich besonders kompliziert dar. Der deutsche Souverän hatte der sogenannten Weimarer Koalition, bestehend aus SPD, DDP und Zentrum, die parlamentarische Mehrheit entzogen, ohne auf der rechten oder linken Seite des Spektrums einen klaren Regierungsauftrag zu erteilen. Blieb als Lösung nur ein Minderheitenkabinett, dessen Findung sich, wie die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 19. Juni berichtet, freilich auch schwierig gestaltete: Die Partei des designierten neuen Kanzlers Fehrenbach – das Zentrum – und die bislang durchaus verfassungsskeptische Deutsche Volkspartei Gustav Stresemanns hatten sich im Grundsatz geeinigt. Die linksliberalen deutschen Demokraten waren hingegen noch nicht überzeugt, die Sozialdemokraten, auf deren Duldung das Bündnis angewiesen war, ohnehin nicht. Es liest Paula Leu.
11 Minuten
Kein anderer Rohstoff prägt unsere Zeit so sehr wie das Erdöl. Erdöl ist der Schmierstoff der Weltwirtschaft, um den zahllose Kriege geführt wurden und werden und den durch alternative, weniger klimaschädliche Energieträger zu ersetzen der Menschheit trotz aller Anstrengungen bislang nicht wirklich gelingen will. Im Grunde seit der Antike bekannt, begann der große Erdöl-Boom dabei interessanterweise doch erst zu einem bereits fortgeschrittenen Zeitpunkt der Industrialisierung. Noch vor einhundert Jahren hatte der Wettlauf ums Öl gerade erst begonnen. Von ihm berichtet am 18. Juni 1920 in der Vossischen Zeitung Vizeadmiral a.D. Carl Hollweg – und sieht dabei spätestens nach dem Ersten Weltkrieg eindeutig die Briten in der pole position. Ihren Gebietserwerbungen am Persischen Golf sei Dank. Hollwegs einzige Hoffnung für Deutschland, in ausreichender Menge an das begehrte ‘schwarze Gold‘ zu gelangen, um konkurrenzfähig zu bleiben? Ist verfahrenstechnischer Art ... Es liest Frank Riede.
8 Minuten
Auch vor hundert Jahren wurde der Einfluss des Menschen auf die Verringerung der Artenvielfalt im Tierreich deutlich benannt. Gerade deshalb übermittelt der Artikel der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 17. Juni 1920 über die Säugetier-Fauna Deutschlands den Naturfreunden die gute Nachricht von der Vermehrung der Biber entlang deutscher Flüsse. Am Beispiel der Bisamratte wird hingegen erörtert wie sich importierte und ausgesetzte „fremde“ Tiere rasch zu einer verheerenden Überpopulation vermehren können. Bei aller Liebe für die Biber findet allerdings auch dieser sachliche Artikel einen spitz politischen Ausklang. Die Säugetierarten in den Gebietsverlusten nach dem Ersten Weltkrieg liegen dem Autor wohl nicht allein aus zoologischem Interesse am Herzen. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
1919/20 flammte noch ein letztes Mal die Spanische Grippe auf. Als eines der letzten prominenten Opfer, verstarb am 14. Juni 1920 in München im Alter von 56 Jahren Max Weber. Der Soziologe, Nationalökonom und Jurist lehrte uns, dass der Idealtypus nicht in der Realität existiert, aber aus einer rationalen Übersteigerung vorgefundener Elemente konstruiert wird. Das hat seine Richtigkeit, und doch ist er selbst dem Idealtypus eines großen universal interessierten und forschenden Gelehrten schon sehr nahe gekommen. Wenn Sie sich für Herrschafts- und Religionssoziologie, für das Verhältnis von Protestantischer Ethik und Kapitalismus, Antike Wirtschaftsgeschichte, die tiefliegenden Probleme der amerikanischen Politik oder die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis interessieren, greifen Sie zu Webers gesammelten Werken. Heute hören Sie den Nachruf des Berliner Tageblatts vom 16. Juni, gelesen von Frank Riede.
9 Minuten
Berlin hält sich ja gerne für das Zentrum der Welt; nicht zuletzt für das kulturelle. Aber auch weiter im Westen gibt es eine in dieser Hinsicht rege Szene mit durchaus langer Tradition. Darauf macht in der Vossischen Zeitung vom 15.6. 1920 Dr. Rudolf Frank anhand der von der Darmstädter Sezession in der südhessischen Stadt organisierten Ausstellung „Deutscher Expressionismus“ aufmerksam. Es liest Paula Leu.
7 Minuten
Nicht allein in Deutschland gestaltete sich nach der Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 die Regierungsbildung schwierig. Auch andere europäische Länder steckten anderthalb Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges und den sich damit vielerorts verbindenden politischen Umwälzungen tief in Kabinettskrisen. In Rom, in Wien, in Warschau – überall hatten komplizierte parlamentarische Mehrheitsverhältnisse die traditionellen Lager übergreifende Bündnisse nötig gemacht, deren notorische Instabilität die Regierenden in ihrer Handlungsfähigkeit lähmte. Ungeklärte Territorialfragen trugen ihr übriges zur Schwächung der jungen Demokratien bei und ließen die Berliner Volks-Zeitung vom 14. Juni eine neuerlich gefährliche ‘Krisenwelle‘ auf den gesamten Kontinent zurollen sehen. Es liest Frank Riede.

Der Kioskmann

6 Minuten
Der Trafikant als Seismograph historischer Entwicklungen ist uns spätestens seit Robert Seethalers gleichnamigem Roman von 2012 bekannt. In einem kurzen Text der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 13.6.1920 wird der Kioskmann allerdings noch radikaler als Existenzberechtigung des Menschen überhaupt beschrieben. „Seinetwegen sind und vergehen wir.“ Es liest Frank Riede.
Auf den Tag genau

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