Etwa jede dritte erwachsene Person in Deutschland hat
Bluthochdruck, viele wissen nichts davon, denn er verursacht lange
keine Beschwerden. Smartwatches werten inzwischen die Daten ihres
optischen Sensors aus und warnen bei Hinweisen auf Bluthochdruck.
Was taugen diese Warnungen – und wer soll künftig den Blutdruck
messen? Darüber spricht EinBlick-Redakteur Christoph Nitz mit Prof.
Christina Magnussen. Sie ist Professorin und stellvertretende
Direktorin der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf UKE. Auf der Jahrestagung der Deutschen
Gesellschaft für Kardiologie DGK im April 2026 hat sie eingeordnet,
was Smartwatches bei der Früherkennung von Bluthochdruck leisten.
Die Themen der Folge: – Gesunde Jahre durch Blutdruckkontrolle:
Eine bessere Blutdruckkontrolle in der Lebensmitte bringt laut
Magnussens Studie im New England Journal of Medicine rechnerisch
2,4 Jahre ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung bei Frauen und 1,2 bei
Männern. Die Werte beruhen auf Bevölkerungsdaten und zeigen, dass
sich ein besserer Blutdruck auch in der Lebensmitte noch erheblich
lohnt. – Frauen in Studien: In klinischen Herz-Kreislauf-Studien
sind Frauen unterrepräsentiert. Weil die daraus abgeleiteten
Therapieempfehlungen für beide Geschlechter gelten, muss sich das
ändern. – Was die Warnung der Uhr leistet: Als Screening-Instrument
kann die Smartwatch Menschen finden, bei denen eine konventionelle
Messung sinnvoll ist. Ein Hinweis der Uhr ist aber keine Diagnose,
und ein fehlender Hinweis schließt Bluthochdruck nicht aus.
Standard bleibt die validierte Messung mit der Oberarmmanschette. –
Was neue Geräte nachweisen müssen: Jede neue Technologie braucht
Validierungsstudien gegen die Oberarmmessung, und zwar unter
Alltagsbedingungen. »Auch eine CE-Zertifizierung eines Devices
reicht da nicht aus.« – Blutdruckmessen im Finanzamt?
Hausarztpraxen fehlen Zeit und Personal, um alle Gesunden zum
Messen zu empfangen. Magnussen sieht das Screening nicht primär als
ärztliche Aufgabe und nennt Apotheken, vielleicht sogar
Drogeriemärkte oder Behörden wie das Finanzamt. Alle Menschen ab 30
einmal im Jahr zum Blutdruckmessen in die Praxis zu schicken, hält
sie für utopisch. – Nach der Diagnose: Ist ein Wert über 140 zu 90
bestätigt, auch in der 24-Stunden-Messung, steht zuerst eine
Änderung des Lebensstils an, mit mediterraner, ballaststoffreicher
Ernährung und ausreichend Bewegung. Bei Werten um 170 bis 180
beginnt die Behandlung mit Medikamenten je nach
Herz-Kreislauf-Risiko früher, etwa bei chronischer Nierenschwäche
oder nach einem Herzinfarkt. – Kein Wundermittel: Wer nur
Medikamente nimmt und sonst nichts ändert, senkt sein Risiko nach
Magnussens Worten nicht relevant. Nach einem Herzinfarkt oder
Schlaganfall empfiehlt sie moderates Ausdauertraining mit Pulsuhr;
Kraftsport und Ausdauertraining sollten sich die Waage halten. –
Prävention über das Herz hinaus: Dieselben Risikofaktoren erhöhen
auch das Risiko für Demenz, das Rauchen etwa für Lungenkrebs. Aus
dem EU Safe Hearts Plan, den die EU-Kommission im Dezember 2025
vorgestellt hat, sollen nationale Herz-Kreislauf-Pläne folgen – die
DGK arbeitet daran. Christina Magnussen: »Wir wissen, wie man den
Blutdruck misst, und wir wissen, wie man den Blutdruck behandelt.
Aber offenbar schaffen wir es trotzdem nicht.« Von
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann wünscht sich Magnussen
ein systematisches, niederschwelliges Blutdruckscreening ab dem
jungen Erwachsenenalter, risikoadaptiert etwa bei Vorbelastung in
der Familie. Würde Bluthochdruck weltweit beseitigt, ließe sich
nach ihren Worten jede dritte Herz-Kreislauf-Erkrankung vermeiden.
Das habe die Studie des Global Cardiovascular Risk Consortium GCVRC
gezeigt, die 2023 im New England Journal of Medicine erschien.
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