80 Prozent der Patientinnen und Patienten nach einem Herzinfarkt
oder Schlaganfall erreichen ihren LDL-Zielwert von unter 55
Milligramm pro Deziliter nicht. Dabei sind Herzerkrankungen die
Todesursache Nummer 1. Bei Krebs gibt es Vorsorge, Diagnose,
begleitete Therapie, Nachsorge und Register. Warum fehlt das beim
Herzen – und wo muss Prävention ansetzen? Darüber spricht
EinBlick-Redakteur Christoph Nitz mit Prof. Ksenija Stach. Sie
leitet seit Juli 2025 das Department für Endokrinologie und
Diabetologie am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam und ist
Professorin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie der
HMU Health and Medical University Potsdam. Zuvor leitete sie die
Lipidambulanz der Universitätsmedizin Mannheim. Beim Kongress für
Gesundheitsnetzwerker sprach sie im März 2026 über Investitionen in
die Herzgesundheit. Die Themen der Folge: – Warum LDL zählt:
LDL-Cholesterin ist der am besten beeinflussbare Risikofaktor, denn
ohne LDL-Cholesterin entsteht kein Plaque. Der erste Schritt ist,
die Werte zu messen. Doch den Check-up 35 nehmen nach Stachs
Angaben nur 30 Prozent der Bevölkerung wahr, weil die Information
zu wenige Menschen erreicht. – Register wie bei Krebs: Hierzulande
gibt es Kampagnen wie ›Auf Ziel‹ der Deutschen Gesellschaft für
Lipidologie DGFL, aber nach ihren Worten keine Register. In
Schweden werden alle Patientinnen und Patienten nach einem
Herzinfarkt erfasst. Die Kliniken stehen mit ihren Ergebnissen beim
LDL-Zielwert in der Zeitung. Die Besten werden ausgezeichnet, und
der Letztplatzierte muss bei ihnen lernen. – Netzwerk in Potsdam:
Ein niedergelassener Kollege, der auch bei Kindern das Cholesterin
misst, hat dort ein Kompetenznetzwerk aufgebaut. Wer das bezahlt?
»Na, niemand.« – Wearables und die »Cholesterinlüge«: Schritte,
Herzfrequenz, EKG und Blutdruck haben viele per Wearable im Blick.
Das Gesundheitsbewusstsein wächst, aber nicht in allen sozialen
Schichten. Cholesterin hat an Ansehen verloren, auch durch
Fernsehsendungen, die die Warnungen davor als Humbug abtun. Mehr
Aufmerksamkeit bekommt Lipoprotein(a). – Sparen bei der
Früherkennung? »Genau das ist das, was wir nicht tun dürfen«, sagt
Stach. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz empfindet sie als
Rückschritt – kein gutes Signal, denn frühzeitige Prävention spare
später Milliarden Euro. – Kinderscreening ab 6 Jahren: In den
Gesprächen zum Gesundes-Herz-Gesetz war man mit der Politik nach
ihren Worten schon weit. Ein solches Screening findet genetisch
bedingte Fettstoffwechselstörungen früh und schützt zugleich das
Kind und einen Elternteil. – Prävention ab der Kita: Kinder sollen
früh lernen, was ein gesunder Lebensstil ist und welche Werte
wichtig sind. In den Niederlanden entsteht so
Gesundheitsbewusstsein von klein auf. Und der 60-jährige
Hochrisikopatient? »Nein, um Gottes willen, da ist noch gar nichts
verloren.« LDL-Senkung, Blutdruckeinstellung, Lebensstil und Reha
helfen auch nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. – Was die
elektronische Patientenakte ePA leisten könnte: Befunde sind dort
abrufbar. Es fehlen eine Abfrage zur Familienanamnese, die bei
Risiko zum Check-up 35 einlädt, und die Messwerte aus Apotheken
samt Hinweis, sich ärztlich abklären zu lassen. Die Schnittstellen
funktionieren noch nicht gut. Ksenija Stach: »Wir müssen an einem
Strang ziehen, Fakten auf den Tisch legen und nicht irgendwelche
Märchen.« Stachs Vorschlag an Gesundheitsminister Carsten
Linnemann: ein Kinderscreening ab 6 Jahren und Aufklärung über
Risikofaktoren in Kitas, Schulen und Studiengängen. Ihr Rat an alle
Hörerinnen und Hörer: die eigenen Werte kennen – Blutdruck,
Langzeitblutzucker, LDL-Cholesterin und Lipoprotein(a). Wer sie
nicht kennt, lässt sie bei nächster Gelegenheit in der
Hausarztpraxis messen.
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