Ich sitze auf einem Supermarktparkplatz und sehe, wie ein junger
Mann ganz entspannt auf einem Behindertenparkplatz parkt, in den
Laden geht und mit einer Dose Cola wieder rauskommt.
Und ich? Sitze im Auto und bin auf 180.
So sehr, dass ich kurz darüber nachdenke, wie ich ihm einen
reinwürgen könnte. Nicht meine glorreichste Stunde.
Die Wut hatte einen Grund. Auf einem Behindertenparkplatz zu
parken, wenn man da nicht hingehört, ist rücksichtslos.
Aber die Größe meiner Wut? Die hatte mit diesem Parkplatz nur
noch bedingt zu tun.
In dieser Folge geht es darum, wofür Wut eigentlich da ist, warum
so viele von uns früh gelernt haben, sie wegzudrücken – und woran
du merken kannst, ob deine Wut gerade wirklich zu diesem Moment
gehört oder ob da noch etwas Älteres mit an Bord ist.
Ich erzähle dir von „frischer“ und „alter“ Wut, von meinem
persönlichen Detektorwort „Ach komm“ und davon, warum
ausgerechnet dieser junge Mann mit seiner Cola zu meinem
allerersten Arschengel wurde.
Denn irgendwann habe ich mich gefragt:
Was genau tut dieser Mensch eigentlich, das mich so auf die Palme
bringt?
Die Antwort war ziemlich eindeutig:
„Der nimmt sich einfach, was ihm nicht zusteht.“
Und genau da wurde es interessant.
Denn ich hatte mir bis dahin oft nicht einmal genommen, was mir
sehr wohl zustand.
Wut ist nicht Schreien. Wut ist nicht Türenknallen. Und Wut ist
nicht Gewalt.
Wut ist erst einmal eine Information.
Und manchmal lohnt es sich, ihr zuzuhören.
Vier Fragen für den nächsten Moment, in dem es in dir
hochkocht:
Was ist mir hier gerade wichtig? Was wird
verletzt?
Mein Raum? Respekt? Meine Zeit? Eine Grenze? Ein Wert?
Passt die Größe meiner Wut zu dem, was gerade
passiert?
Oder ist sie deutlich größer, bleibt länger oder dreht sich immer
wieder im Kreis?
Was genau tut dieser Mensch, das mich so auf die Palme
bringt?
Und vielleicht auch: Was nimmt er sich gerade raus, das ich mir
selbst nicht erlaube?
Was will meine Wut, was ich tue?
Braucht es ein klares Nein? Einen Satz, den ich schon viel zu
lange runterschlucke? Will ich gehen? Oder mir endlich etwas
nehmen, das mir zusteht?
Du musst diese Fragen übrigens nicht beantworten, während du
innerlich noch kochst. Manchmal geht das erst später.
Die Wut läuft dir nicht weg. Und die Antwort auch nicht.
Denn deine Wut ist kein Charakterfehler.
Sie ist eine Botschaft.
Manchmal eine über den Moment. Manchmal eine über dich.
Meine Wut darf inzwischen mit an den Tisch.
Sie darf nur nicht allein entscheiden.
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