Heute ist Sonntag, also der Tag des Herrn. Aber warum schreiben
wir das manchmal in Großbuchstaben und manchmal nicht? Was steckt
eigentlich hinter dem „el“ in Michael oder dem „Theo“ in Theodor?
Wenn man beginnt, an der Oberfläche der Sprache zu kratzen,
offenbart sich schnell eine faszinierende Reise durch die
Sprachgeschichte, die Theologie und die Wurzeln unserer eigenen
Vornamen. Es ist eine Spurensuche, die direkt in den alten Orient
führt und zeigt, wie viel tiefer die Worte verankert sind, die
wir täglich ganz selbstverständlich aussprechen.
Wer eine Bibel aufschlägt, stolpert früher oder später über eine
sprachliche Besonderheit: Das Wort „Herr“ begegnet uns mal in
ganz normaler Schreibweise und mal durchgehend in Großbuchstaben
als „HERR“. Das ist keineswegs eine wahllose Laune der Druckerei
oder eine bloße Hervorhebung zur Verstärkung. Es ist ein
Übersetzungskunstgriff, der eine jahrtausendealte Tradition
respektiert.
Im hebräischen Urtext des Alten Testaments steht an den Stellen,
die mit Großbuchstaben gedruckt werden, der eigentliche Eigenname
Gottes. Er besteht aus vier Konsonanten: JHWH, im Fachjargon auch
als Tetragramm bekannt. Da im alten Israel aus tiefem Respekt und
Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Namens davor zurückgeschreckt
wurde, diesen laut auszusprechen, ersetzte man ihn beim Vorlesen
durch das hebräische Wort Adonai, was schlicht „mein Herr“
bedeutet.
Die Übersetzer standen später vor dem Problem, im Text deutlich
zu machen, wann es sich um den echten Eigennamen Gottes handelt
und wann um einen allgemeinen Hoheitstitel. Wenn du also das Wort
„HERR“ in Großbuchstaben liest, signalisiert dir das: Hier steht
im Hebräischen der eigentliche Gottesname, der
höchstwahrscheinlich als „Jahwe“ ausgesprochen wurde und
übersetzt so viel wie „Ich bin da“ oder „Ich werde sein, der ich
sein werde“ bedeutet.
Doch die Sprache der Bibel beschränkt sich keineswegs nur auf den
Eigennamen JHWH. Gott begegnet den Menschen in den alten
Schriften unter erstaunlich vielen Facetten und Bezeichnungen.
Eine der ältesten und grundlegendsten überhaupt lautet
schlicht El. Dieses altsemitische Wort steht für „Gott“,
„Gottheit“ oder ganz allgemein für eine göttliche „Macht und
Stärke“.
In der antiken Welt war El oft der Oberbegriff für das
Göttliche schlechtin. Und genau an dieser Stelle schlägt die
Sprachgeschichte eine faszinierende Brücke direkt in unsere
Gegenwart: Viele Vornamen, die wir heute völlig
selbstverständlich im Alltag rufen, schreiben oder im Pass stehen
haben, tragen dieses feine Wortelement in sich. Es handelt sich
dabei um sogenannte theophore Namen – Namensgebungen,
die Gottes Namen oder seine Eigenschaften als ewiges Versprechen,
Dankeschön oder Bekenntnis in sich tragen.
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