Impressionen aus der Hauptstadt eines großen Landes, das
Nachbar und nicht Feind sein will
Ein Kommentar von Tilo Gräser.
Aus den Boxen der Cafés dringt Pop- und Rockmusik, meist
englischsprachig, während die Menschen draußen und drinnen Kaffee
trinken oder etwas essen, miteinander reden, sich verabreden. Ein
Kaffee kostet in der Regel ab 2,50 Euro aufwärts. Manche wirken
ganz entspannt, manche sehr beschäftigt, Studenten diskutieren
über Gelerntes oder ganz Privates. In den U-Bahnen sind die
meisten mit ihren Smartphones beschäftigt. Die Zeitungskioske
haben alles Mögliche im Angebot, vor allem Souvenirs und
Spielzeug, aber auch Zeitungen und Magazine. Die Stadt, in der
ich bin, wirkt so europäisch wie Berlin, Paris oder irgendwo in
Italien.
Doch es gibt eine Reihe deutlicher Unterschiede: Auf den Straßen
fahren vor allem asiatische Automodelle neben wenigen aus Europa,
die Informationen auf den Schildern sind in kyrillisch und die
Menschen sprechen fast alle russisch miteinander. Und die Stadt
ist sauber, keine Graffiti verschandeln die Fassaden der Häuser
und kein Müll liegt an den Rändern der Straßen und Wege.
Insgesamt ist es eine Stadt, die wie andere europäische Städte
wirkt – und eben doch anders: Moskau.
Zum dritten Mal bin ich hier, wieder um Gespräche zu führen und
Freunde zu treffen. Die Reise mache ich erneut mit meiner
Kollegin Éva Péli. Mit dem Zug ging es erst nach Gdansk, dann mit
dem Bus nach Kaliningrad. Dort haben wir einiges erledigt, bevor
es dann mit dem Flugzeug nach Moskau ging. Dabei habe ich das
erste Mal erlebt, was ich bisher nur von anderen hörte: Unser
Flug mit Aeroflot war überbucht und für uns gab es nur noch einen
der reservierten Plätze.
So kamen wir dann getrennt, aber mit Business Class und den damit
verbundenen Annehmlichkeiten in die russische Hauptstadt. Die
Flüge selbst verliefen ohne jegliche Probleme. Natürlich ging mir
die Drohung aus Kiew gegen die zivile Luftfahrt in Russland durch
den Kopf. Aber es schien an dem Tag keine direkte Gefahr zu
bestehen, wie auch der rege Flugverkehr zeigte. Moskau empfing
uns so, wie wir es kannten: quirlig, lebendig, hektisch – und
dieses Mal mit Sonnenschein.
Alltag trotz Gefahren
Es gibt keine direkt sichtbaren Spuren des Krieges in der
Ukraine, bis auf einen erkennbar höheren Sicherheitsaufwand an
allen öffentlichen Orten. Um den Roten Platz und Gebäuden wie dem
des Parlaments, der Staatsduma, oder dem Föderationsrat, gibt es
Patrouillen der Sicherheitskräfte, auch mit Maschinenpistolen.
Beim Moskauer Herbst-Fahrrad-Festival auf den ehemaligen
Lenin-Bergen, heute Sperlingsberge, am Sonntag gab es ebenfalls
zahlreiche Absperrungen und waren Angehörige der Nationalgrade,
der Rosgwardija, im Sicherungseinsatz. Abends sind im
Stadtzentrum Aktivitäten zur möglichen Drohnenabwehr zu sehen.
Aber das Ganze geschieht ohne Stress und Nervosität. Die
Uniformierten sind freundlich und die Menschen nehmen die
Situation mit Gelassenheit.
Es gibt eine andere indirekte Spur des Krieges: Das Internet
funktioniert nicht so einfach für jene wie uns, die entweder auf
westlichen Seiten recherchieren oder Nachrichten über die
gängigen Plattformen wie WhatsApp oder Telegram austauschen
müssen. Das erschwert die Arbeit etwas, aber bisher gab es immer
eine Problemlösung. Für das Telefonieren mit Freunden im Land
sind wir inzwischen mit einer russischen SIM-Karte ausgestattet.
Für das weit verbreitete digitale Bezahlen können wir eine
MIR-Bankkarte benutzen.
...https://apolut.net/offene-turen-und-herzen-von-tilo-graser/
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