Gibt es eigentlich noch Geschichten, die uns packen, ohne dass
wir uns an eine strahlende Identifikationsfigur klammern können?
Nach dem Ausflug in die Welt von „Slow Horses – Ein Fall für
Jackson Lamb“ steht diesmal wieder eine Serie auf dem Programm,
die völlig ohne moralischen Kompass auskommt, und zwar „MobLand –
Familie bis aufs Blut“ von Paramount+. Das Faszinierende daran
ist, dass hier von der meisterhaft inszenierten ersten Minute an
auf die klassischen Gesetze des Heldenepos gepfiffen wird.
Es gibt diese Serien, die eine fast schon unangenehme, aber
völlig unwiderstehliche Sogwirkung entfalten. MobLand gehört
genau in diese Kategorie. Der Reiz liegt nämlich keineswegs
darin, mit einem aufrechten Protagonisten mitzufiebern und ihm
auf seinem Weg zur Gerechtigkeit den Rücken zu stärken. Es gibt
hier schlichtweg keinen Helden. Stattdessen blicken wir direkt in
einen Abgrund, in dem das Böse schlechthin regiert. Es geht um
die Mafia, ihre eiskalten Machenschaften und ein gefahrvolles
Geflecht aus Macht, Gier und Brutalität.
Wenn die schützende Hand der Guten fehlt, stellt sich beim
Zuschauen eine ganz eigene Dynamik ein. Man beobachtet das
Geschehen wie gebannt, gefangen in einem Strudel aus Verrat und
schleichender Paranoia. Jeder Charakter steckt tief im Sumpf,
jede Entscheidung zieht nur noch schlimmere Verstrickungen nach
sich, und genau dieses kompromisslose Spiel mit den dunkelsten
Seiten des menschlichen Miteinanders sorgt dafür, dass man den
Blick einfach nicht vom Bildschirm wenden kann.
Wer nun allerdings eine Zusammenfassung der ersten Staffel
erwartet, liegt falsch. Ich werde hier bewusst kein einziges Wort
zur eigentlichen Handlung verraten. Die Wendungen und die
Erkenntnisse, die diese ersten Folgen im Laufe der Zeit mit sich
bringen, machen einen schlichtweg sprachlos. Jedes Detail selbst
zu entdecken, gehört genau zu der Erfahrung, die diese Serie so
außergewöhnlich macht.
Statt über die Story möchte ich aber unbedingt über die
schauspielerischen Leistungen sprechen. Was Tom Hardy, Pierce
Brosnan und Helen Mirren hier abliefern, ist ein unheimlich
dichtes und intensives Spiel. Das Zusammenspiel dieses Trios
entwickelt eine Kraft, die jeden Raum auflädt und der man sich
schlicht nicht entziehen kann.
MobLand beweist eindrucksvoll, dass ein packendes Drama nicht
immer Sympathieträger braucht. Manchmal reicht der ungeschönte,
eiskalte Blick auf die Abgründe der Kriminalität, um eine ganz
eigene, düstere Faszination zu entwickeln.
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