Ein kleines Bergdorf in der Toskana. Ein Priester. Und eine
Schule, die es eigentlich nicht geben durfte. Diese Folge zeigt,
warum Lorenzo Milani bis heute als wichtige Figur für Bildung und
gesellschaftlichen Wandel gilt. Eine Geschichte über Bildung, Mut
und Widerstand.
Barbiana in der Toskana
Wo der strafversetzte katholische Priester Lorenzo Milani
unsterblich wurde
Anmoderation
Das Dorf Barbiana liegt weit oben in den Bergen in der Toskana in
Italien, knapp 40 Kilometer nordöstlich von Florenz.
Wahrscheinlich wäre es heute so gut wie unbekannt, wenn es nicht
die „Schule von Barbiana“ gegeben hätte. Und den, der diese
Schule sozusagen erfunden hat: der katholische Priester Lorenzo
Milani. Weil er sich in den 1950er Jahren auf seiner ersten
Stelle als Lehrer betätigt hatte, wurde er von der Kirche
„strafversetzt“, so muss man es sagen. Wegen seiner Erfolge als
Lehrer in Barbiana kommen heute der italienische Staatspräsident
und sogar der Papst hierher, um ihn zu ehren.
Beitrag
Die Straße von Vicchio im Tal in das Bergdorf Barbiana zieht
sich, es geht über viele Kurven steil nach oben, und auf dem
letzten Kilometer ist sie so schmal, dass sich zwei Autos hier
nicht begegnen sollten. Schon gar nicht im Winter, dann liegt
hier nämlich Schnee.
Atmo Kirchenglocke
Oben angekommen endet die Straße vor der kleinen Kirche von
Barbiana. Direkt daneben steht das alte Pfarrhaus, ein klein
wenig abseits gibt es einen winzigen Friedhof. Die wenigen Häuser
des Dorfes sind ein stückweit bergab im Wald versteckt. Barbiana
liegt etwa 40 Kilometer von Florenz entfernt im äußersten
Nordosten der Toskana. Viele Menschen kommen nicht hierher, wenn,
dann vielleicht ein paar Bergwanderer. Oder Verehrer von Don
Lorenzo Milani, der hier vor fast 80 Jahren katholischer
Dorfpfarrer war und die „Schule von Barbiana“ gegründet
hat.
Kirchengesang
Lorenzo Milani hatte 1955 die Stelle des Pfarrers in Barbiana
übernommen. Sein Vorgänger war gestorben. Und auf die freie
Stelle war er sozusagen strafversetzt worden. Er hatte nämlich
vorher als Kaplan etwas getan, das nach Meinung seines Bischofs
nicht zu den Aufgaben eines katholischen Seelsorgers gehöre Er
hatte einfachen Arbeitern Lesen und Schreiben beigebracht. Weil
sie nie eine Schule besucht und so keine Aussicht auf ein
besseres Leben hatten, davon war er überzeugt. Das roch der
katholischen Kirche damals zu sehr nach Kommunismus. Also
beschloss sein Bischof, ihn ins Nirgendwo zu schicken, damit
niemand je wieder von ihm hören würde. So erzählt es Fiorella
Tagliaferri, nachdem sie uns begrüßt hat. Sie war eine der ersten
Schülerinnen der Schule von Barbiana und ist in diesem Nirgendwo
aufgewachsen, als Tochter von Kleinbauern, denen alles fehlte,
wie sie sagt.
1 O-Ton Fiorella Tagliaferri
Proprio mancanza di cibo, mancanza di vestiti, mancanza
di luce, acqua, strada. Nulla. C'era nulla, nulla, nulla. A quei
tempi non c'era nulla, c'era proprio la povertà.
Voice-over
Da war einfach Mangel an Nahrung, Mangel an Kleidung,
Mangel an Licht, Wasser, Straße. Nichts. Da war nichts, nichts,
nichts. In dieser Zeit gab es hier nichts, es gab nur
Armut.
Statt in die Schule zu gehen, mussten die Kinder die meiste Zeit
auf den winzigen Bauernhöfen ihrer Eltern arbeiten. Obwohl es
eine Grundschule im Ort gab, erzählt Gianpoalo Bonini, ebenfalls
Barbiana-Schüler. Er hat nach der Schule seine Mitschülerin
Fiorella geheiratet, über 60 Jahre ist das her.
2 O-Ton Gianpaolo Bonini/ Fiorella
Tagliaferri
Lassù c'era poco scuola, perché c'era sempre la neve. Non
arrivavano mai gli insegnanti.
Voice-over
Da oben gab es wenig Schulunterricht, weil da immer
Schnee lag. Und dann kamen die Lehrer nicht.
O-Ton Fiorella Tagliaferri
I nostri genitori non ci potevano insegnare quello che
non sapevano nemmeno loro, erano poveri, analfabeti o semi
analfabeti. Pertanto non ci potevano insegnare nell'uso della
parola, né alzare la testa, né sentirsi uguale agli altri. Ci
sent, ci facevano sentire inferiore.
Voice-over
Und unsere Eltern konnten uns auch nichts beibringen.
Weil sie noch weniger wussten. Sie waren Analphabeten oder
Halbanalphabeten. Deshalb konnten sie uns nicht lehren, wie man
spricht, wie man den Kopf hebt, wie man sich anderen gleich
fühlt. Sie gaben uns das Gefühl, minderwertig zu
sein.
Anders als seine Vorgesetzen sich das gedacht hatten, macht Don
Milani sein Pfarrhaus sofort zur Schule für die Dorfkinder. Hier
stehen immer noch die Tische und Bänke, drumherum Regale mit
Schulbüchern. Zu den ersten, die kamen, gehörten Fiorella und
Gianpaolo. Unterricht gab es an sieben Tagen in der Woche, von
morgens bis abends. Sogar an Weihnachten. Das Besondere an dieser
Schule war: Es gab keine Lernfächer wie Schreiben oder Rechnen,
erklärt Gianpaolo. Don Milani erklärte seinen Schülerinnen und
Schülern vielmehr die Welt: wie eine Sonnenfinsternis
funktioniert. Oder die Unterschiede zwischen Männern und Frauen.
Oder er brachte ihnen Schwimmen bei. In den Hügel neben dem
Pfarrhaus hat Don Milani mit den Kindern zusammen ein
Schwimmbecken gebaut, etwa fünf Meter lang und sehr schmal, kein
Swimmingpool.
3 O-Ton Gianpaolo Bonini
Una volta un ragazzo dice: Quella luce che si vede,
(...) è stata emessa un milione di anni fa. …e ci facevano
un corso perché quello che volevamo sapere sul cielo, sulla
costellazione, sul l'universo.
Voice-over
Einmal sagte ein Junge: „Das Licht, das dieser Stern
ausstrahlt, ist eine Million Jahre alt. In Barbiana gab es kein
Licht, darum konnte man die Sterne gut sehen. Ich habe zu Don
Milani gesagt: Priore, das nicht möglich, oder? Er bat ein paar
Experten von der Universität Florenz zu uns, und sie erklärten
uns alles, was wir wissen wollten, über den Himmel, die
Sternbilder und das über das Universum.
Mit einer kleinen Gruppe hat er auch einmal die große Welt da
unten im Tal besucht, eine Oper in der Mailänder Scala. Einen
Jungen wollten die Ordner erst nicht hereinlassen, weil er keine
Jacke trug. Don Milani musste erklären: Er besitzt keine
Jacke.
Außerdem ging es Don Lorenzo Milani darum, den Kindern das
beizubringen, was ihnen dabei nützlich sein konnte, um ihren
Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn beispielsweise ein Klempner in
den Ort kam, gab ihm Don Milani ein paar Jungs mit: Zeige ihnen,
was dein Beruf ist, erinnert sich Gianpoalo. Im Pfarrhaus zeigt
er uns die Werkstatt, die Don Milani hier eingerichtet hatte. In
der brachte er vor allem den Jungen bei, was man mit
verschiedenen Handwerken herstellen kann.
4 O-Ton Gianpaolo Bonini
Tutti i tavoli e tutte le panche che ci sono nell'Aula
sono state fatte tutti dai ragazzi.
Su ci sono delle sedie saldate dai ragazzi. Fanno schifo,
veramente brutte, però loro hanno imparato a saldare facendo un
qualcosa. Sarà brutto, però la seconda volta che ne farai
un'altra sarà migliore.
Voice-over
Alle Tische und alle Bänke im Klassenzimmer sind von den
Jungs gemacht. Und da oben stehen Stühle, die von den Jungen
geschweißt wurden, vier oder fünf Stück. Sie sind hässlich,
wirklich hässlich, aber sie haben gelernt, wie man schweißt. Beim
zweiten Mal, wenn man es macht, wird es besser
sein.
Am wichtigsten war Don Lorenzo Milani die Sprache.
5 O-Ton Gianpaolo Bonini
Inizialmente questi ragazzi non facevano nemmeno una
domanda perché avevano paura di sbagliare la parola. Ogni parola
che non imparerete oggi sarà un calcio in culo nella vostra vita
di domani.
Voice-over
Anfangs haben diese Jungs nicht einmal eine Frage
gestellt, weil sie Angst hatten, dass sie nicht die richtigen
Worte dafür kennen. Und da hat er ihnen gesagt: Wenn ihr nicht
mehr Wörter lernt, kommt ihr nicht weit. Jedes Wort, das ihr
heute nicht lernt, wird morgen in eurem Leben ein Tritt in euren
Hintern sein.
Besonders gewöhnungsbedürftig für die Eltern in Barbiana war,
dass er auch die Mädchen aus dem Dorf unterrichtete, erzählt
Fiorella.
Fiorella 74
6 O-Ton Fiorella Tagliaferri
Vi dicevano: Voi dovete imparare a cucinare, pulire,
crescere e cercare un marito che ti mantenga. … Se poi voi
deciderete di sposarvi, lo dovete fare per vostra scelta,
no?
Voice-over
Sie haben uns gesagt: Ihr müsst lernen zu kochen, zu
putzen, Gemüse anzubauen und euch einen Ehemann zu suchen, der
für euch sorgt. Dann kam Don Milani und sagte: Nein, ihr dürft
nicht auf eure Eltern hören. Auch Eltern machen Fehler. Ihr müsst
kluge, kultivierte, intelligente Mädchen werden, die in der Lage
sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wenn ihr dann
heiratet, dann müsst ihr das wirklich wollen.
Dabei war anfangs keineswegs klar, dass das Dorf die Schule Don
Milanis überhaupt annehmen würde. Sein Vorgänger hatte nämlich
nicht das beste Verhältnis zu den Dorfbewohnern gehabt, erinnert
sich Agostino Burberi. Auch er war einer der ersten Schüler der
Schule von Barbiana. Und Messdiener beim alten Pfarrer.
7 O-Ton Agostino Burberi
Tieni conto poi che quel vecchio io facevo il
chierichetto, il parroco di prima. Per quello sono il primo
ragazzo che lui incontrerà. … per dirti il distacco che c'era tra
il parroco e il popolo.
Voice-over
Hier im Ort waren die meisten Kommunisten, 99 Prozent
Kommunisten. Es gab nur zwei Familien, meine auch, die dem
Pfarrer nahestanden. Verstehst du? Damit will ich dir sagen,
welche Kluft damals zwischen dem Priester und dem Volk
bestand.
Dass Don Lorenzo Milani diese Kluft überwinden konnte, lag daran,
wie er auf die Menschen zuging. Nämlich so, erinnert sich
Fiorella.
Fiorella 74
8 O-Ton Fiorella Tagliaferri
Questo prete quando è venuto ci ha colto con un sorriso e
ci ha detto, la mia casa è la vostra casa. Tutto condiviso tutto
e ci ha amato tantissimo
Voice-over
Dieser Priester, als er kam, hat uns mit einem Lächeln
empfangen und uns gesagt: Mein Zuhause ist dein Zuhause. Er hat
alles mit uns geteilt. Und er hat uns so sehr
geliebt.
Um diese Liebe geht es viel, wenn man mit den Ehemaligen spricht.
Auch auf drei Fotos in der Ausstellung, die heute im alten
Pfarrhaus zu besichtigen ist. Auf dem ersten ist ein Junge zu
sehen, der in die Kamera strahlt. Das ist Marcellino. Auf dem
zweiten sitzt dieser Marcellino auf dem Schoß von Don Milani, der
seine Arme um ihn gelegt hat. Und auf dem dritten liegt Don
Milani in einem Liegestuhl, weil es ihm wohl wegen seiner
fortschreitenden Krankheit nicht gut geht, umarmt von Marcellino.
Agostino erzählt.
9 O-Ton Agostino Burberi
Lì in una casa, lei è arrivata questa famiglia che si
chiamava pantaleone, che lui era marito e moglie, due ubriaconi.
(…) L'ultimo era marcellino marcellino, aveva otto anni e non
parlava.
Voice-over
In ein Haus in Barbiana war die diese Familie gezogen,
Pantaleone, das waren Mann und Frau, zwei, die immer betrunken
waren, auch wenn Kinder unterwegs waren. Sie hatten acht Kinder.
Das letzte war Marcellino. Und bis zu seinem achten Lebensjahr
hatte er kein Wort gesprochen.
Don Milani sei sich sicher gewesen, sagt Agostino, ihn eines
Tages zum Sprechen zu bringen. Über Marcellinos erstes Wort
werden verschiedene Geschichten in Barbiana erzählt. Gianpaolos
geht so. Eines Tages sei Don Milani wie so oft, als es die Straße
noch nicht gab, zu Fuß den langen Weg ins Tal gegangen, in
Soutane und Bergschuhen, und habe für sich und auch für die
Kinder Lebensmittel eingekauft. Als er mit zwei schweren Taschen
zurückgekommen sei, habe Marcellino auf ihn gewartet und ihn am
Ärmel gezupft. Don Milani habe absichtlich nicht reagiert.
Marcellino habe nochmal gezupft. Und nochmal. Dann habe er
schließlich auf eine der Taschen gezeigt und zu Don Milani
gesagt: Ba-na-na. Als Gianpaolo das erzählt, dreht er sich weg,
weil ihm die Tränen kommen. Sein ehemaliger Mitschüler Agostino
kann das erklären.
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10 O-Ton Agostino Burberi
E come è riuscito? Con un grande amore, lui amava, ci
amava la follia, erano i suoi figli. Va bene, aveva tutti i
difetti che hanno i genitori. I loro figli sono i più belli, più
bravi e i più buoni.
Voice-over
Und wie hat er das geschafft? Mit einer großen Liebe, er
liebte uns wie verrückt, wir waren seine Kinder. Na gut, er
machte auch den Fehler, den alle Eltern machen. Ihre Kinder sind
die schönsten und die liebsten und die besten.
Die fortschreitende Krankheit war Leukämie. 1967, zwölf Jahre
nach seiner Ankunft in Barbiana, stirbt Don Lorenzo Milani, im
Alter von 44 Jahren. Kurz danach wird die Schule geschlossen. Der
seinerzeit strafversetzte Priester ist heute weithin bekannt für
seine „Schule von Barbiana“. Im Frühjahr 2024, zur Feier seines
100. Geburtstags, ist der italienische Staatspräsident Sergio
Matarella ihm zu Ehren auf den Berg gekommen. Und schon ein paar
Jahre vor ihm war Papst Franziskus hier an seinem Grab. Die Rede,
die er dort gehalten hat, hat das italienische Fernsehen
aufgezeichnet. Als sein Bischof ihn hierher geschickt hatte, sagt
Papa Francesco, habe Don Milani das nicht als Strafe, sondern als
Aufgabe verstanden.
O-Ton Papst Franziskus
Ridare ai poveri la parola, perché senza la parola non
c’è dignità e quindi neanche libertà e giustizia: questo insegna
don Milani
Voice-over
Den Armen das Wort wiedergeben, denn ohne
das
Wort gibt es keine Würde und folglich auch keine Freiheit
und Gerechtigkeit: das lehrt Don Milani.
Begraben wurde Don Milani auf dem winzigen Friedhof hier oben,
wie er es sich vor seinem Tod gewünscht hatte, bekleidet mit
seinem Talar und mit seinen Bergschuhen, erzählt Gianpaolo noch.
Als wir das Grab besuchen, stellen wir fest, dass es das letzte
auf dem Friedhof ist. Nach seinem Tod sind die letzten
Dorfbewohner weggezogen, auf der Suche nach einem besseren Leben.
Ihre Häuser sind heute Feriendomizile und stehen die meiste Zeit
des Jahres leer. Im Unterschied zu Kirche und Pfarrhaus: Hier
erhält die Stiftung Don Lorenzo Milani, die seine insgesamt 26
Schülerinnen und Schüler gegründet haben, die Erinnerung an ihn
wach.
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